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Neue jüdische Presse · 1913-07-04 · Heft 26 (4.7.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 26 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nach Jerusalem. Noch müde von den starken Eindrücken des letzten Tages, erhob ich mich früh vom Lager. Es ließ mich nicht lange ruhen: der Gedanke, daß es heute nach Jerusalem geht, gab mir keine Ruhe. Ich muß gestehen: Bisher war der Begriff Jerusalem aus meinem Gedankenkreise völlig geschwunden; die mächtigen Eindrücke des neuün Palästina ließen die Erinnerung an das alte kaum aufkommen. Nun, da mich nur noch ein halber Tag von Jerusalem trennte, ergriff mich die zauberhafte Kraft, die die alte Geschichte unseres Volkes auf jeden ausübt, der mit ihr ausgewachsen ist, Mit aller Macht. Wer wie ich das Glück gehabt hat, in seiner frühesten Jugend die Luft des .von der modernen Kultur twch unberührten jüdischen Ghettos Rußlands zu atmen, wer einmal — und sei es auch nur kurze Zeit — in der mit Traditionen von Jahrhunderten geschwängerten Atmosphäre des Cheders gelebt hat, wer je den unvergleichlichen Zauber einer Sabbatabendstimmung im Beth-hamidrasch eines jüdischen Städtchens im Ansiedlungsrayon in sich eingesogen hat, der erst vermag zu empfinden, was Jerusalem und' das historische Erez-Jsrael durch alle Jahrhunderte des Goluth hindurch dem jüdischen Volke bedeutet hat, nur der ist fähig, Jerusalem zu erleben. Man nruß einmal als Kind mit klopfendem Herzen den Sagen gelauscht haben, die ergraute, gelehrte jüdische Baalebatim im Beth-hamidrasch über Jerusalem zu erzählen wissen, man muß einmal jene von namenloser Tragik erfüllten jüdischen Legenden über den Fall Jerusalems und die Zerstörung des Teuchels in sich erlebt haben, um mit jenen Gefühlen Jerusalem betreten zu können, die den Aufenthalt in ihm zu einem unvergeßlichen Erlebnis gestalten. _ Wer aber nie in dieser Welt der jüdischen Historie gelebt hat, wer die jüdische Geschichte in Grätz nachgelesen hat oder wem sie in einer modernen Realschule vom Oberlehrer eingedrillt worden ist, dem wird Jerusalem ewig verschlossen bleiben; und nichts in dieser herrlichen Stadt wird in ihm lebhaftere Sensationen Hervorrufen, als — der Schmutz ihrer Gassen. Ich habe dies bei meinem Aufenthalt in Jerusalem auf Schritt und Tritt wahrnehmen können. Ich kam mit einer größeren Gesellschaft junger westeuropäischer Zionisten hin. Keine Station ihrör Reise hat ihnen weniger gegeben als Jerusalem, und nachdem sie vier Tage dort gewesen waren, war es ihr lebhaftester Wunsch, so rasch wie möglich aus dieser Stadt herauszukommen. Nicht jeder, der das Baseler Programm anerkennt und sich nationaler Jude nennt, ist eben fähig, die Weihe Jerusalems zu empfinden. Niemals habe ich die furchtbaren Wunden, die uns die Assimilation geschlagen hat, bitterer empfunden als in jenen Tagen, da ich begeisterte junge Juden Mit absoluter Verständnislosigkeit für die Größe ihrer geschichtlichen Traditionen an den heiligsten historischen Stätten ihres Volkes sich — langweilen sah. Auf mich begann Jerusalem bereits zu wirken, als ich noch gute 10 Stunden von ihm entfernt war.-Es war ein seltsames Gemenge heißester Sehnsucht und doch wieder instinktiver Scheu, das mich bewegte, als ich Rechoboth verließ, um über Hulda und Sedjed nach Jerusalem zu fahren. Sehnsucht nach den historischen Erinnerungen dieser Stadt und 'Scheu vor ihren gegenwärtigen Zuständen. Und dieses Zwittergefühl, diese Gefühlsverbindung aus Freude und Schmerz, aus Stolz und Scham hat mich während meines ganzen Aufenthaltes in Jerusalem nicht verlassen. Diese Stadt erhebt Dich durch den Glanz ihrer Vergangenheit und schlägt Dich nieder durch die Grausamkeit ihrer Gegenwart. Du erbebst vor Stolz, wenn Du bedenkst, was es war, und versinkst vor Schani, wenn .Du siehst, was es ist. * Trotzdem meine Uhr erst die sechste Morgenstunde zeigte, herrschte bereits eine erstickende Hitze, als ich meinen Esel bestieg und der Araber, der urich führte, ihm durch einen ■ undefinierbaren Laut das Zeichen zum Abnkarsch gab. Es war ein ChaMsintag. Von der Wüste jenseits des Jordans wehte ein heißer Ostwind herüber, der die Atmosphäre mit erdrückender, atembeklemmender Hitze lud. Zuweilen, wenn ein Windhauch Mein Gesicht streifte, hatte ich das Gefühl, das ich einmal empfand, als ich mich zu nahe über eine brennende LaMpe beugte. Vor diesem Chamsinwinde gibt es kein Entrinnen; doch soll er — wie die Aerzte behaupten — der Gesundheit sehr züträglich sein, indem er viele schädliche Bazillen tötet. Der Weg führte durch eine hügelige Landschaft, das Hügelland der judäischen Berge. Die für den ungewohnten Fremdling unerträgliche Hitze machte mir einen vollen Genuß der zuweilen sehr schönen Landschaft unmöglich. Wie oft empfand ich auf dem 'Wege die Sehnsucht nach einem dichten, schattigen Walde. Doch ringsum eine baumlose Ebene, auf die die Sonnenstrahlen prall 'herabfielen, und trotz aller Schutzmittel der landesüblichen Kopftracht verspürte ich bald einen stechenden Kopfschmerz. Nach zwei Stunden gelangten wir nach Abu- Schuscha, einem großen arabischen Dorfe. Dieses Schuscha ist das alte G e s e r, das Pharao seinem Schwiegersöhne Salomo als Hochzeitsgabe schenkte. Neben dem Dorfe ist ein beträchtlicher Hügel, den Baron Rothschild gekauft hat, um dort eine eigene Musterfarm anlegen zu lassen. Auf dem Hügel fanden wir eine regelrechte Burg, ein Ueberbleibsel aus alter Zeit. Zugleich bot sich uns ein herrlicher Rundblick auf schier alle jüdischen Kolonien. Wir rasteten unter den alten, mächtigen Bäumen, die uns vollkommen Schatten boten, dann ging's weiter. Wir kamen an Mächtigen Gräbern vorbei, die die Araber die Höhlen der Hasmonäer nennen. Historisch festgestellt ist, daß hier die Hasmonäer gekämpft und ihre Heldentaten verrichtet haben. Der Zauber der Vergangenheit stieg wieder vor mir auf. Wer weiß, ob nicht in dieser mächtigen Höhle, vor, der ich stehe, Juda Makkabi und. seine Heldenscharen dem Feinde aufgelauert haben; wer weiß, ob dieser Hügel, auf dem jetzt unsere Esel grasen, nicht mit jüdischem Held'enblute gedüngt ist. Doch bevor ich noch in die traurig-gehöb'ene Stimmung, die solche historische Reminiszenzen hervorzurufen pflegen, verfallen kann, rüttelt mich schon mein Araber mit ungeduldiger Gebärde auf: Der Weg ist weit, und er muß noch heute zurück, und so scheide ich von den Gräbern und reite weiter. Der Pfad ist steinig und schmal. Noch weile ich im Geiste im alten Geser, da erhebe ich die Augen, und vor nur auf dem Hügel sehe ich stolz ein weites Gebäude auftagen: Hulda, die stattliche Nationalfondsfarni. Ein typisches Palästinabild. Eine halbe Stunde hinter mir auf jenem Hügel die große, historische Stätte mit ihren Trümmern, eine halbe Stunde vor mir auf dem nächsten Hügel eine eben erworbene, neue Position des jungen Neupalästinas mit seinen erst gekalkten Gebäuden. Und ich, im Tale zwischen beiden, der typische Goluthjude. Halb Vergangenheit, halb Gegenwart, halb wehmütiges Gedenken, halb zukunstsfteudiges Hoffen. Halb Tränen, halb Lachen, der Goluthjude mit der Doppelseele in seiner Brust. Plötzlich: ein schallendes „Hedad" reißt mich erschrocken aus diesen Gedanken heraus: uns entgegen reiten einige Arbeiter der Farm, prachtvolle Gestalten. Wie gemeißelt sitzen sie auf ihren stolzen Rossen, die sie übermütig durch das Feld tummeln, über Gestrüpp und Felsen jagen sie dahin, schwenken die breitkrempigen Hüte und senden uns ein donnerndes „Schalam" als Begrüßung entgegen. Unwillkürlich schweift Mein Geist von diesen jungen, sonnengebräunten Reitern zu den Makkabäergräbern Gesers zurück. Aber die Wehmut ist nun geschwunden. Junge Makkabäer! Was jener Trümmerhügel in der Vergangenheit war, wird dieser neue, jungftäüliche Hügel in der Zukunft sein. Jene Gräber sind nicht mehr nur Zeugen des Gewesenen; schon sind sie zu Keimzellen des Zukünftigen geworden, aus - denen neues Leben blüht; solche Ruinen dürfen mich nicht mehr mit Wehutut erfüllen. Bald sind wir auf dem Hügel angelangt und reiten in die stattliche Farm hinein. Rings um die Gebäude bepflanztes Land, der größte Teil mit jungen Oelbäumen bepflanzt, der zukünftige Hsrzlwald. Es ist ein wahres Vergnügen, auf die stattliche Schar dieser jungen Arbeiter zu sehen. Biele von ihnen haben höhere Bildung erhalten, haben die Universität verlassen, um einfache Arbeiter zu werden und sind glücklich und zufrieden. Stehen in der Glut der Mittagssonne im Felde, pflügen ihren Acker und singen dabei fröhliche, hebräische Lieder. Es trifft sich gut, daß dieses Hulda meine letzte Station vor Jerusalem ist; es ist, als sollte ich den ganzen abgrundtiefen Gegensatz zwischen dem alten Judentum des Ghettos und dem neuen 'der.Kolonien in seiner ganzen Größe empfinden. Ich habe einige Stunden später, als ich durch die engen, schmutzerfüllten Gassen ging, die zur Klagemauer führen und die bleichen, kranken Jeschibahbachurim mit ihren gekräuselten Peohs ■ sah, denen die Tragik aus allen Poren quillt, unwillkürlich dabei an Hulda mit seinen gesunden, glücklichen Arbeitern zurückdenken müssen. Bis das ftohe Glück dieser Arbeiter in diese Gassen Jerusalems einziehen wird, wieviel Jahrzehnte mögen iwch darob vergehen, wieviel Tränen unterdes noch fließen, wieviel Opfer der Not und der Leiden unterdes noch fallen! _ _ Als ob ich von einer ganzen Welt schiede, um in eine anderewildfremde einzutreten, nehme ich von den Arbeitern Huldas Abschied. Noch ein letztes Tummeln auf den Rossen, noch ein letztes Hüteschwenken, und schon ist mir Hulda beinahe aus dem Sinn geschwunden, verdrängt von den mächtigen Schatten, die Jerusalem vorauswirst. In Sedjed besteige ich den Zug, der mich in drei Stunden nach Jerusalem bringen soll. Die Gegend ist von einer wilden, romantischen Schönheit. Kahle; hohe Hügelzüge, dazwischen wflde Schluchten, steile

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