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Neue jüdische Presse · 1913-06-27 · Heft 25 (27.6.1913) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 25 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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(Seite 10. Nr. 25. lehre zu bezeichnen pflegt —, war tu .religiösen Dingen durchaus schwankend! und haltlos. Ganz offen bekennt er, in dieser Hinsicht niemals zu irgend welcher Klarheit gekonrmen zu sein; aber er verwahrt sich gegen den Atheismus. Zn einem bald imch seinem Tode durch viele Blätter veröffentlichten Brief erteilt Br denen, die ihn für einen Atheisten erklärten, eins bündige Absage: „Selbst zurzeit meiner größten Schwankungen war ich nie ein Atheist in dem Sinne, daß ich das Dasein eines Gottes geleugnet hätte." Ein andermal spricht er feilte Ansicht bestimmt dahin aus, daß das Weltall nicht das „Resultat des Zufalls", ja, „daß die Frage, ob ein Schöpfer und Regierer des Weltalls existiert, von dvn größtctt Geißern, welche jemals gelebt, bejahend beantwortet worden ift". Dabei muß hervorgehobcn werden, daß Darwin nie das mit Spott und Hohn überschüttet hat, tvas Millionen feiner Mitmen-! scheu heilig war und ist. Die Gottesleugnung kamt also in keinem Falle sich mit Recht auf ihn berufen. Anders verhält es sich freilich bei Haeckel, dem Mitbegründer und Ausgestaller der Deszendenztheorie und Vertreter einer Naturphilosophie, die er Monismus nennt. Fm Jahre 1899 hat Haeckel, seine Lorbeeren auf dem Gebiete der Zoologie für gering achtend, eilt Buch veröfsenllicht Mit dem vielversprechenden Titel: „Di« Welträtsel. Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie", in welchem er nicht nur gegen die traditionelle und die herrschende philosophische Richtung, sondern auch gegen den Gottesglauben eine feindselige Haltung einnimmt. Haeckel fand hei der urteilslosen Menge begeisterte Anhänger, dagegen eine entschiedene Zurückweisung von Seite maßgebender Philosophen, Naturforscher und Theologen. Die idealistische Richtung unter den Philosophen verurteilte einstimmig die naturwissenschaftliche Anmaßung und warf dem Jenaer Professor eine unerlaubte Ignoranz in Sachen der Geschichte der Philosophie und btt Religion vor und einen erstaunlichen Mangel an gutem Willen, solche Dinge vorurteilslos und gerecht zu beurteilen. Es mag hier nur das Urteil des Berliner Philosophen Prof. Friedrich P a u l s e n angeführt werden, der in den „Preußischen Jahrbüchern" Wer Haeckels „Wellrätsel" die Worte geschrieben: „Man weiß wirllich nicht, worüber man mehr staunen soll, über den Mangel an Kenntnissen oder über deit fröhlichen Leichtsinn, mit dem er von Dingen redet, von denen er nur von der Ferne gehört hat. . . Ich habe mit brennender-Scham dieses Buch gelesen, Mit Scham über den allgemeinen Stund der Bildung und der philosophischen Bildung unseres Volkes. Daß ein solches Buch tnöglich war, daß es geschrieben, gedruckt, gekauft, gelesen, bewundert, geglaubt werden konnte, bei dem Volk«, das einen Kant, einen Goethe, einen Schopenhauer besitzt, das ist. schmerzlich. Der „Monismus" Haeckels »vird! hon allen fachwissenschastlichen Beurteilcrn als krasser Materialismus verurteilt und er selbst rückhaltlos des grobett Irrtums, des sträflichen Unkenntnis und wissenschaftlicher Leichtfertigkeit geziehen. Einen solchen Mann kann man also nicht tnit gutem Geschmack als Zeugen für die Glaubensfeindlichkeit der Naturforscher anführeit. Wie denken mut in der Tat die Naturforscher über den Gottesglauben? Ist das banale Gerede! eines.Testes der modernett Publizistik vom selbstvcrständlichen Atheismus und Materialismus der aus der Höhe unseres Zeitalters stehenden Forscher wirklich berechtigt? Ist die atheistische und materialistische Weltanschauung, einiger Naturforscher und ihrer gelehrigen, zumeist nicht wissenschaftlich geschulten Anhänger wirllich ein treuer Ausdruck dessen, was weit und breit in Naturforscherkreisen gedacht und geglaubt wird? — Fragen wir jene Aiänner, die die Wissenschaft durch ihre großen Entdeckungen wirllich bereicherten, und nicht die Dilettanten, jene Keinen Geister, die sich in jenes Gebieb verlaufen haben, oder gar die leichtsinnigen Schreiber, die ohne Fachkennttiisse und Urteilsfähigkeit die Naturforschung iM allgemeinen zur Feindin des Gottesglaubens stempeln. Will man dem großen Irrtum, als ob die Naturwissenschaft eine Feindin des Gottesglaubens sei, wissenschaftlich entgegentretcn, so kann das auf zwei Wegen geschehen. frankfurter Zsraetztisches DyMenAatt. Der erste Weg ist der: Man prüft di e Leistungsfähigkeit der Naturwissenschaft zur Lösung solcher Fragen überh a u Pt und zeigt, daß die Mittel und Methoden der Natnrwissei^chaft, nämlich Berechnung, Beobachtung und Experiment, gar nicht atisreichen, um Fragen, piie .die nach dem Dasein Gottes, nach der Existenz, Geistigkeit und Unsterblichkeit der Menschenseele, nach dem Vorhandenseins eines Jenseits zu lösen. Man zeigt, wie sich die Naturwissettschaft einer Uebcrschreitnng ihrer Kouipetenzsphäre schuldig mache, wenn sie sich an solche Probleme wagt; daß sie unbefugte Uebergrifse in das Gebiet der Philosophie, speziell der Metaphysik, wo sie iticht zuständig ist, sich erlaube. Diese Art, das große Vorurteil aufzNdecke», ist zwar cllvas abstrakt und subtil, aber durchaus schlagend und zwingend. Der zweite Weg ist konkreter nn anschaulicher. Man weist nämlich nach, daß zahlreiche und gerade die hervorragendsten Naturforscher keineswegs religionsseindlich waren, sondern sich zum Glauben a n G o t t b e k a n n t haben. Dann ist augenscheinlich bewiesen, daß Gottesglaube und Naturwissenschaft sich nicht ansschließctt. Dieser Nachweis .ist allerdings oft sehr schwer, da das religiöse Glaubensbekenntnis mancher Naturforscher gar nicht oder nur unvollständig bekannt ist. Nicht selten wird cs auch absichtlich verschwiegen. Trotz dieser Schwierigkeit ist der letztere! Beweis in neuerer Zeit wiederholt mit Gluck versucht wordeit. Nur drei Namen aus jüngster Zeit seien hier genannt. Bor tvenigen Jahren erschieit die Schrift: „Die Religion der Naturforscher" von Dr. Phil. E. Denn er t. Dennert ist ein Mann, der, wie Br selbst .sagt, durch die Klippen des Modernen Denkens und der nwdernen Naturwissenschaft hindurchjsegelte, ein Naturforscher, der sein Leben in den Dienst der Verteidigung des Gottesgläubens gestellt hat, und der gerade mit diesem Ziel im Auge die Erscheinungen der Zeit und die moderne Natnrforschung aufmerksam verfolgt. Er ist die Seele des „Keplerbundes" zur Förderung des Naturerkennens, eines Bundes, der entstanden ist aus dem Widerwillen gegen den Mißbrauch und die Uebergriffe der Vertreter uitd Anhänger des Monismus, des sogenannten Monistenbundes. Dennert gibt in seiner Studie über die Religion der Naturforscher einen kurzen Abriß der Geschichte d,Br Naturwissenschaften vom grauen Altertum bis auf die Gegenwart und ftagt jeweilen die hervorragendsten Forscher, was sie vom Glauben und von der Religion halten. Dabei kam er zu einem ganz überraschenden Ergebnis. Von den 300 Naturforschern und Aerzten, die er überhaupt in Betracht gezogen, waren 38 hinsichttich ihres religiösen Standpunktes ihm. unbekannt geblieben, von den übrigen 262 aber verhielten sich nur 20 als schroff ablehnend gegenüber aller Religion, demnach also wurde die größte Mehrheit als „Theisten, das heißt Gottcsgläubige im wetteren Sinne" erwiesen. Dennert wlll mit seiner Auseinandersetzung nicht etwa eineat Beweis für eine bestimmte Religion führen. Er will lediglich einen Beweis gegen den Gottesglauben als nichtig erweisen, indem er zeigt, daß' ein« Uebereinstinttnung der Naturforscher bezüglich der Leugnung Gottes, wie es die Popularisierer des Materialismus wollen, nicht besteht. Und damit ist die landläufige Phrase, die exalle Naturforschnng mache den Gottesglauben unmöglich und, nötige znin Atheismus, abgetan. Personalien u. Meine Mitteilungen. Berlin. Dr. Eugen Joseph, Assistent Lei Geheimrat Bier, erhielt das Prädikat Professor. Berlin. Jubiläumsstistung. Aus Anlaß des Regierungsjubiläuiiis des Kaisers errichtete die „Adaß Iisroel" - Gemeinde ein Kaiser Wilhelm II.Jnbilänmsstistnng zur Errichtung einer Allgemeinschnlc mit einem Grundkapital von Jk 20 000. Berlin Kommerzienrat Ovenstein erhielt den Charakter als Geheimer Kommerzienrat und Victor Wolfs, Inhaber der Firma H. Wolfs, den Charakter als K o m m e r z i e n r a t. Berlin. Die Landrichter Dr. H ir s ch, Dr. K ö ni g s - berger-Berlin und Koppel-Köln sind zu .Laudgerichtsrätcn ernannt und den Geh. Jnstizrätcn Amtsgerichtsräten Max Ci tro n-Halrnsee und Dr. Ries-Berlin ist der Kronen ordcn 3. Klasse verliehen worden. Greifswald. Dr. Franz Cohn, Oberarzt an der Universitäts-Frauenklinik, erhielt de» Titel Professur. Breslau. D r. Ernst Schwerin, Inhaber der Mech. Hanf- und Werggarnspinnerei I. Schwerin und Söhne und Schwiegersohn Geheimrats Chrlich-Frankfiirt, erhielt den Titel K v m m e r z i c n r a t. Leipzig. In Dürrenberg ist in der Nähe des alten Gradierwerkes das aus der Alfons Jacobson und Rosa Pvrges-Stiftuiig vom Israelit. Wohltntigkeitsoerein errichtete Kind c r h c i m seiner Bestimmung übergeben tvordc». Düsseldorf. Aus Anlaß des RegierungSjubilSums des Kaisers hat die ans dem Berniüchtnis des 1806 zu Düsseldorf verstorbenen Bankiers Daniel Fleck hervorgegangene Stiftung „I s r a c l i t i s ch c s K r a n k e n - n n d A t t e r shcim (Daniel Flecksche Stiftnng) zu Düsseldorf", zwecks Errichtung eines Erholungsheimes das Hans Rosenn n auf dem P a st o r a ts b er g bei Werden a. d. Ruhr e r worb e ». Deuilitz (Galiz.). Hier ist ein 8jähriger jüd. Waisenknabe gestohlen, in ei» Klo st er gebrach t und getauft worden. Die Jndenheit ist sehr erregt. (L.j Posen. Die Leopold Goldenring'schen Erben übergaben der Stadt 15,000 Jk für die Errichtung eines Kiinstbrniincns. Königsberg. Moritz Louis Ginzverg, Repräsentanteii-Vorsitzender der „Maß Jisrvel" - Geiiicinde, ist verschieden. Wien. Hier verschieden Kaiser!. Rat Eduard Glaser, Direktor der Kufiierschen Aktiengesellschaft, und Medi'zinalrat Dr. Emil Pins. Wien. Julius Herz, Vizegouverneur der Bodenkrcditanstalt, ist im 63. Lebensjahre und Professor Dr. M a x K a s s o w i tz, der bekannte Kinderarzt und Philosoph, im 71. Lebensjahre verschieden. Paris. D-r berühinte Physiker Professor Gabriel Lippmann ist von der Universität Genf znm Ehrendoktor promoviert worben. Paris. Die Alliance Jsraelite Universelle hat für die Opfer der von einer furchtbaren Brandk a t a st r o p h e im Jndenvicrtcl zu P r e ß b » r g heimgesnchten Inden einen Betrag von 3000 Fr cs. angewiesen. Amsterdam. Staatsminister A s s er- Haag u. Alfred Fried-Wien sind — anläßlich der bevorstehenden Eröfsnnng des Friedeuspalastes — zu Ehrendoktoren der Universität Leiden promoviert worden. Kaiserlicher Rat Otto Bondy. Prag, 22. &uut. Einer der edelsten Menschen, ein Mann, dessen Wohltätigkeit beispiellos war, ist dahingegangen. Ein Wohltäter, lvie wohl die österreichische Jndenheit keinen zweiten besitzt. Ein Reicher, der weit über seine Beryältnisse nicht etwa lebte, sonder» gab, dessen einzige Freude es war, Not und Elend zu lindern. In Prag bedeutete sein Nanie ein Programm, er' war der Inbegriff edelster Menschenliebe. Einem alten Prager jüdischen Patriziergcschlecht entstammend, wendete er sich im Gegensätze zu den meisten wohlhabenden Inden gleich seinein Vater der böhmischen Partei zu, die ihm alle Zeiten ihre Dankbarkeit erwies. Dessenungeachtet förderte er Wohltätigkeitsvereine aller Nationen und Konfessionen, gab er den Bittstellern ohne Rücksicht ans ihren Glauben. Seine Wohltätigkeit war so bekannt, daß sich seit Jahren schon täglich um die Mittagsstunde vor seinem Kontor Hunderte von Bedürftigen anfstelltcn, die er alltäglich ausnahmslos ditrch seine Gabe in den Stand setzte, sich Speise zu kaufen. Er, der öem Bäterglauben treu geblieben, er hat durch sein Leben den göttlichen Namen geheiligt, ist mckadcsch haschein gewesen.' Die Trauer um ihn ist eine außerordentliche; seine Witwe und seine beiden Söhne, sein Bruder, der gleich ihm hochgesinnte kaiserliche Rat Leon Bondy, empfangen ans alle» Kreisen der Bevölkerung die Kundgebungen schwerster, aufrichtigster Trauer. S. H. L. Aus de» Vereinen. Berlin. Dem soeben erschienenen V. Rechenschaftsberichte des „B ereins Israelit. Erzieh n ngS - a n st a l t für geistig zurückgebliebene Kinder „Wilhelm-Auguste .Victoria-Stiftung" in Beelitz" entnehmen wir, daß die Frequenz der Anstalt nach wie vor eine sehr starke ist. Zur Zeit ist das Institut niit 32 Knaben und 13 Mädchen bis ans den letzten Platz besetzt. Seit seinem Bestehen wurde es von 52 Knaben und 33 Mädchen, zusammen also voir 85 Zöglingen ans allen Teilen Deutschlands frequentiert. Der Unterricht wird in aussteigenden Klassen mit je 14 bis 15 Kindern erteilt. Mit den pädagogischen Leistungen ist der zuständige Ortsschulinspektor außerordentlich zufrieden. Die religiöse Unterweisung und die ärztliche Aufsicht unterstehen den Kuratoriumsmitgliedern Rabbiner Dr. Schreiber-Potsdam und Dr. med. Ncnvratzki -Nikolassee. Der Ausbildung im Handsertigkeitsunterricht für Knaben und der handwerklichen Unterweisung wird die gebührende Sorgfalt gewidmet. Bon größeren Zuwendungen sind zu erwähnen: die Oskar und Betty Tietz-Stiftung in Höhe von 5000 Jk. die von Geheimrat Boas begründete Stiftung von 500 Jk für Bekleidungszwecke und die Zuwendung des Herrn Jakob Mandelbanm (Manoli) in Höhe von 5000 Jk zur Verwendung für einen Erweiterungsbau. Die Errichtung eines solchen ist eine Notwendigkeit geworden, selbst für den Fall, daß die Frequenz nicht erhöht werden soll, nm für die älteren Zöglinge Werkstätten zu schaffen, denn wenn auch bei den meisten Schützlingen eine Selbständigkeit im wirtschaftlichen Erwerb nicht erreichbar ist, so können sie doch zu einer niitzlichen und einigermaßen einbring-

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