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Neue jüdische Presse · 1913-06-27 · Heft 25 (27.6.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 25 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mlagk M Ht..25 Naturwiffenschast und Gottesglaube. (Aus einem Vortrags Von Bezirks-Rabbiner Dr. Benno Fischer in Palänka. Es ist heutzutage in gewissen Kreisen längst zur Mode geworden, die Naturivissenschaft gegen den Gottesglauben auszuspielen. Naturforschung und Gottesglauben, so sagt man, seien unvereinbare Gegensätze, die größten Vertreter der Naturwissenschaft seien stets ungläubige Menschen gewesen. Die Astronomie, so heißt es, hat Gott den Himmel genonnnen, und die Geologie hat ihm den Boden unter den Fußen wcggezogen. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft Macht einen Weltanfang undenkbar, schließt also die Schöpfung durch Gott aus. Die Entwicklungslehre (Darwinismus) läßt einen Gott als völlig überflüssig erscheinen; nichts ist geschaffen, alles hat sich nur entwickelt. „Es ist im Weltall kein Platz und keine Beschäftigung für einen Götti" Derlei Güdankengänge sind heute den weitesten Kreisen ge- 0 Kr die lugeatf. 0 Der kleine Rabbiner.*) (Schluß.) Früh iibt sich, was ein Meister werden will. Nach einer B'ris milöh, auf welcher die kleine Gesellschaft sehr beschenkt wurde — sie erhielten Kuchen, Aepfel, Nüsse, Trauben-usw. —, rief der kleine Rabbiner seine Gespielen zu einem Dankgottesdienste zusammen. Ihm war noch so ziemlich der Inhalt der Sabbathpredigt des Rabbiners im Gedächtnis. Er erzählte seinen Andächtigen, wie bescheiden Abraham gewesen sei, wie er das Schönste unb Beste weggegeben und nur Geringes für sich behalten habe. Die in seiner Predigt aufgeführten Lehren wirkten derart auf die Zuhörer, daß sie dieselben bald in die Tat umsetzten lind dem kleinen Rabbiner die schönsten Sachen, die sie auf der B'ris miloh erhalten hatten, übergaben. Reich beladen kam Manele nach Hause und berichtete freudestrahlend dem Rabbiner von seinem Erfolge. Auf Befragen des "Rabbiners, was er mit den Früchten, beginnen wolle, sagte er, daß sie für arme Kinder bestimmt seien. — Schleunigst mußte der kleine Wohltäter die Sachen wieder zurückbringen, indem der Rabbiner ihm erklärte, daß er es zwar gut gemeint habe, oaß man auch 'Almosen fiir Arme erbitten, aber nicht erpressen dürfe, wie er es' gemacht habe. Das - war ein Jubel ohne Maßen, als die Kinder, über deren Wangen schon indessen manches "Tränlein geflossen >var, ihr Naschwerk wieder erhielten. Zu dem Rabbiner kanien täglich viele, die ihn um Rat und Hilfe angingen. Manele war es gelvöhnlich, der sie zu empfangen und ins Zimmer des Rabbiners zu führen hatte. Einst erhielt er vom Rabbiner die Weisung, darauf zu achten, daß niemand die auf dem Tische liegenden wichtigen Schriftstücke besehe. Der Rabbiner konnte wegen einer Beerdigung die Sprechstunde nicht genau innehalien. In der Meinung, ihren Mann zu treffen, betrat die Frau des Rabbiners dessen Sprechzintmer. Sie trat an den Tisch und besah die darauf liegenden Schriftstücke. Der Kleine als .treuer Hüter des Gesetzes machte die Frau darauf aufmerksam, daß niemand die Schriftstücke lesen. dürfe, der Herr Rabbiner habe es streng verboten. Die scheinbar etwas erregte Frau erklärte, dem Gestrengen, daß sie zu dem „niemand" nicht gehöre. Doch der gewissenhafte treue Diener ließ sich auf nichts ein. Flugs nahm er die Schriftstücke vom Tisch und hielt sie fest unter dem Arm. Gerade wollte die Frau dem ihr frech erscheinenden Jungen die Schriftstücke entreißen, als der Rabbiner selbst kam und den Streit schlichtete. Auch in der Schule zeigte sich der kleine Rabbiner als ein Held in jeder Weise. Stets war er bestrebtsich die Zufriedenheit des Rabbiners und der Lehrer zu erwerben, was ihm auch in vollem Maß gelang. Seine vorzügliche geistige Veranlagung! erleichterte ihm das. Manche heitere Geschichte erzählt man aus der Schulzeit des kleinen Rabbiners. Alle hier zu vermerken ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ein *) Aus „Erlebtes. Erzählungen für die Jugend Und ihre Freunde von Lehrer Adolf Rothschild, Achim- Bremen". dis FmMfllrter IsmkMm lamiWtaffes. läufig, ja diese Anschauungen haben sich zu wahren Glaubensartikeln verdichtet. , Wohl erschöpft sich nun das Judentum, mit dem Glauben an Gott nicht, nicht einmal ntit dem Glauben an einen Gott, den es mit allen Monotheistischen Religionen gemein hat. Unter Jndentunr ist vielmehr das ganze, herrliche Gebäude der Thora-Religion zu verstehen. Aber der Grundpfeiler auch der Thora-Religion ist letzten Endes doch das „Schema-Jisroel", das Bekenntnis von der Existenz eines Gottes; wird dieser gestürzt, so fällt auch der gigantische Ban in sich zusanimen. Darum ist es auch für uns nicht überflüssig, auf die Bestrebungen ju achten, die unter der Flagge der Wissenschaft die Ueberzeugung vom Dasein Gottes vernichten sollen. Besonders die Naturforscher des 19. Jahrhunderts, die in der Tat die herrlichsten Erfolge errungen haben, stehen in dem üblen Rufe, Feinde des Gottesglaubens zu sein. So liest man hundertmal in Tagesblättern, Broschüren und populär wissenschaftlichen Werken. Allein diese Beganzcs Buch könnte man davon schreiben. Nur einige sollen hier folgen: Die Schulverhältnisse waren damals noch nicht so geregelt wie heute. — Unter anderem war es Sitte, daß im Winter jeder Schüler täglich ein Stück Holz zum Heizen mit zur Schule bringen niußte. Häufig kam es nun vor, daß der eine oder andere Schüler das Holz vergaß und deshalb vom Lehrer bestraft wurde. Ueber diese Pflichtvergessenheft konnte dec ohnehin leicht ansgeregte Lehrer besonders böse werden. Da trug cs sich zu, daß auch Manele einmal das Holz vergaß. Nie hatte er Strafe erhalten. Doch mm glaubte er, derselben nicht entgehen zu können. Gleich nach Eintritt in das Schulzimmer pflegte der Lehrer die Holzstücke zu zähle». Er zählte wieder und siche, es fehlte ein Stück. Leichenblaß wurde der kleine Rabbiner, als der gestrenge Herr Lehrer mit dem Stocke in der Hand drohend nach dem Pflichtvergessenen fragte. Er gebrauchte aber nicht, wie viele seiner Mitschüler zur Entschuldigung unwahre Ausflüchte, sondern suchte sich zu entlasten durch die Antwort: „Herr Lehrer, ich hab's vergessen, ich will auch heute keine Wärme haben, ich friere nicht." Diese Rechtfertigung gefiel dem Lehrer so gut, daß er von einer Bestrafung absah. Alljährlich fanden auch damals schon Schulprüfungen statt. Zn diesen wurden die Kinder von den Lehrern förmlich abgerichtet. Jeder Schüler mußte einige Fragen beantworten, die ihm vorher eingeprägt worden waren. Versah sich nun der Lehrer einmal, was nicht selten vorkam, indem er eine für den einen Schüler bestimmte Frage an einen anderen richtete, kamen die wunderlichsten Antworten, die unwillkürlich zum Lachen reizten, zutage. Einst richtete der Schulinspektor die Frage an die Kinder: „Wer ist nächst Gott der größte Wohltäter der Menschheit?" Ein Schüler antwortete: die Eltern, ein anderer: der Lehrer. Manele, welcher glaubte, daß die Antworten der Schüler nicht befriedigt hätten, hob den Finger. „Nun, wen meinst du?" ftagte neugierig der Inspektor. „Der Rabbiner." Auch dem Inspektor fiel schon während der ganzen Prüfung der gewitzte Geist Maneles auf. „Wenn der Rabbiner aber nicht da ist?" „Einer von uns beiden ist immer da," entgegnete Manele selbstbewußt und bestimmt. Am Schluß der Prüfung lobte der Inspektor in einer Ansprache den Fleiß der Kinder, sagte, daß sie die Prüfung glänzend bestanden hätten und der Lohn ihrer Arbeitssamkeit nicht ausbleiben würde. Noch eine Frage richtete er an die Klasse: „Wer von euch kann mir ein Sprichwort nennen, in welchem das, was ich euch eben gesagt habe, ausgedrückt wird?" Ein Schüler antwortete: - Ohne Fleiß kein Preis." „Wer fleißig ist, wird belohnt." Ein dritter: „Mit Fleiß und Kraft man vieles schasst" u. a. m. Wieder war es der kleine Rabbiner, der sich durch seine originelle Antwort auszeichnete; er sagte ganz trocken: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt." — Ans dieses Sprichwort brachten ihn die Worte des Inspektors: „Prüfung glänzend bestanden." Der Schnlinspektor hat bei dieser Antwort recht heimlich gelacht. Außerdem hat sie ihm Veranlassung zu ernstem. Nachdenken gegeben. Der Rabbiner ließ oft durch Manele rn der Stadt Geldsammlungen fiir die armen Leute vornehmen, was dieser vorzüglich verstand. Seine Redegabc kam ihm dabei sehr zustatten. Nicht selten wurde der kleine Rabbiner barsch abgewiesen; doch er kam immer wiehauptung ist grundfalsch. Nicht die berufenen Vertreter der Naturwissenschaften sind Schuld an diesem bösen Ruf, sondern Materialistische Dilettanten, jene „Spaziergänger an der Grenze der Gebiete der Naturforschung", wie der große Liebig sie so treffend bezeichnet, die es besser wissen wollen als ihre großen Lehrmeister. Gewiß, es gibt auch gottesleugnerische Naturforscher; wer wollte das bestreiten? Allein es ist eine grobe Entstellung der Wahrheit, den glaubensfeindlichen Standpunkt einiger Naturforscher als den Standpunkt der Naturforscher überhaupt hinzustellen. Besonders zwei ungläubige Naturforscher aus neuerer Zeit sind es, die beständig im Nonien aller gegen den Gottesglauben ausgespielt werden: Charles Darwin und Ernst Haeckel. Sehen wir, mit welchem Rechte. Darwin (gest. 1882), der zweifelsohne geniale Begründer des Systems einer einheitlichen Gesamtgenealogie aller Organismen der Borwelt und der Jetztwelt — das Man kurzerhand nach ihm als Darwinismus oder Darwinsche Deszedenzder. Einem reichen, aber besonders hartherzigen Mann, der ihm nie etwas gab, sagte er einst belehrend: „Der Talmud sagt: Wer dem Armen die Tür verschließt, öffnet sie dem Arzt." Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Geizige griff in seine Tasche und gab dem kleinen Sammler eine Summe. Hoch erfreut darüber eilte der kleine Rabbiner gleich nach Hause und berichtete seinen Pflegeeltern von seinen Erfolgen. Manele hatte auch etwas poetisches Talent. Seine Bitte fiir die 'Armenfaßte er in folgende poetische Form: Ich sammle fiir die armen Leut' Zu ihrer und zu Gottes Freud', Wer mir nichts gibt. Den Gott nicht liebt, Drum gebt mir schnell und vieles her; Jnr Namen Gottes dank' ich sehr. Einst kehrte der kleine Rabbiner mißmutig nach .Hause, seine Sammlung hatte nur eine fleine Summe ergeben. Seiner verdrießlichen Stimmung hierüber gab er in folgenden Reimen Ausdruck: Wir sind die Juden Und nennen uns die Guten. Doch mancher schließt die Türe ab, Wenn einer kommt an Bettelstab. Wer solches tut. Dem gcht's nicht gut. Einst wurde der kleine Rabbiner vermißt. — Man suchte in der ganzen Stadt, doch nirgends war ec zu finden. Der Rabbiner wurde sehr besorgt; die Angst der Pflegemutter stieg von Minute zu Minute. Man war der Verzweiflung nahe. Die Polizei wurde in Kenntnis gesetzt; doch auch deren Bemühungen blieben erfolglos. — Einer ftagte den andern: „Hast du den kleinen Rabbiner nicht gesehen?" So ging der Tag zur Neige. Die Dämmerung brach herein. 'Allgemein nahm man an, daß dem kleinen Rabbiner ein Unglück zugestoßen sei. Der Rabbiner ging betrübt am Abend zur Synagoge. — Was da? Dort fand er bereits betend seinen kleinen Pflegesohn. „Wo hast du den ganzen Tag gesteckt?"' ftagte der Rabbiner halb erbost und doppelt crfteut über das Wiedersehen seines Lieblings. „Warnnt kommst du nicht nach Hause, wie es einem artigen Kinde znkmnmt, versetzt' uns in solche Angst!" Treuherzig erklärte Manele: „Ich war den ganzen Tag hier. Nach dem Morgengottesdienstc las ich noch einige Augenblicke in einem alten, jüdisch-deutschen Buche, das ich unter dem Vorbeterpult fand. Der Synagogendiener schloß ab, ohne bemerkt zu haben, daß ich noch in der Synagoge war. Was sollte ich beginnen? Ich klopfte, rief und schrie; doch niemand hörte, konnte mich hören." So löste sich der Schrecken über den verloren geglaubten Sohn in Wohlgefallen auf. In wenigen Minuten verbreitete sich durch die ganze Stadt die Nachricht: ,sDer kleine Rabbiner ist wieder da!" — Als Manele Bar-Mizwoh wurde, trug er die ganze Sidra und die Hastarah wundervoll vor; auch hielt er eine sehr schöne Rede, die großen Beifall fano. — Ihr kleinen Leser möchtet nun gern wissen, was aus dent Ueincn Rabbiner geworden ist: Aus verschiedenen Gründen kann ich Euch das heute noch nicht verraten. Habt Geduld! Ein andermal sollt Jhr's hören.

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