Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 25 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2692819-2692844--07743-2702841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 25. nuf Grund der Untersuchüng doch, nicht so tadelnswert erscheine, als der akademische Senat anzenoiniiieii habe. Und so wird allnrählich der Mannesuült der Wiener akadenlischen BehördÄr vor den deutschnationalen Raufbolden zjusainlnenknicken und der waschechte Antisemitisinns, den sie kürzte Zeit verborgen hielten, wieder zum Vorschein kominen. Der dlntiscnntismus der akademischen Behördm zeigt sich nicht nur in Wien, int äußersten Osten Oesterreichs, im Buchenlande ist er nicht minder stark. Da wiederholt sich das Satyrspiel, das be-, reits einmal in Prag sich abgespielt: man wählt, da pran ihn nicht umgehen kann, einen Juden zum Rektor, nachdem man sich vorher versichert hat, das; der Jude die Wähl ablehnt. So wenigstens wird cs allgemein aufgefaßt, wenn der Rcchtslehder der Cernowitzer Universität Professor Dr. Petschek die auf ihn gefallene Wähl zunt Rektor ablehnt. Erbauliches hört imm auch wieder von den sogenannten Deutschliberalen. So hat sängst Dr. Groß, als eine geheim zu haltende Blamage! der deutschen Abgeordneten in den politischen Blättern besprochen wurde, seinenr Aerger in den bezeichnenden Worten Ausdruck verliehen: „Wer hat das wieder in diese Judenblätter gegeben." Es ist das derselbe Dr. Groß, der stets vor. den'Wählen seine Uirpärtcilichkeit int Judenpnnkto betont, der Obmann des deutschen Schulvereines, der so gern von dein Juden Geld nimmt. Der deutsche Schulverein tritt mit seinem Antisemitismus auch immer nnverschäniter hervor. Er war.jüngst Gegenstand einer Interpellation seitens der Freisinnigen int Wiener Geineinderat. Es wurde darauf hingcwiesen, daß der deutsche Schulverein als Erhalter vieler Schulen Lehrstellen ausschreibe und dabei die Beifügung eines Taufscheines fordere, was mit den Staatsgrundsätzen int Widerspruche stehe. Die Interpellanten beantragten darum, dent Schulverein die Subvention der.Stadt Wien zu entziehen. Daß dieses Verlangen bei der riesigen Majorität der Christlichsozialen nur ein Hohngelächter auslösen werde, war vorauszusehen. Es hat aber seinen Wert, indent innner weitere jüdische Kreise von der Tendenz des Schulvereins erfahren und ihnt jede Unterstützung versagen werden. Zu welch' eigentümlicheil Komplikationen der Antisemitismus oft führt, zeigt das Beispiel der Prager „Deutschen Sportbrüder". Diese hab'üir sich, iveil die deutscheit österreichischen Ftißballreichsvcrbäude interkonfessionell sind, (die Juden sind auch im Sport die tüchtigsten), von der Gementschaft losgesagt und suchen jetzt Anschluß an die tschechischen Verbände, mit denen sie gemeinsam Wettspiele absolvieren. Wer die nationalen Verhältnisse itt Oesterreich, speziell in Böhmen oder gar in Prag kennt, kann ermessen, welche schier unüberbrückbare Kluft zwischen den nrteutonischen Rassegermanen und den Tschecheit nberbrückt wurde und wie sehr der Antisemitismus diesen Rassedentschen im Blute sitzen muß. In Prag, der Gcburtsstadt der unzähligen Wohlfahrtsvcreine, die nach dem Prinzip „Einer für alle, alle für einen" auf denk Statut aufgcbaut sind, daß bei einem Unterstützungsfalle — cs sei nun das Ableben des Mitgliedes oddr die Verehelichung einer Tochter als solche normiert — alle Mitglieder an die zu unterstützende Witwe! oder an das auszuheiratende Mädchen einett Beitrag zahlen, hält die Krise int bedeutendsten dieser Wohlfahrtsvereine, im israelitischen Wohlfahrtsvereine „Fortuna", die ganze Oeffentlichkeit in Atem. Dieser Verein, der über 4000 Mitglieder zählt, hat bis jetzt jeder Tochter eines Mitgliedes bei der Verheiratung 6000 Mark ausgezahlt, die durch Umlage auf die. Vereinsmitglicder hereingcbracht wurdeit. Jetzt plötzlich komäit der Vorstand mit der Eröffnung, daß die versicherungstechnische Berechnung das weitere Anszahlen dieser Beträge unmöglich mache. Die Mitglieder, die zumeist den ärmeren Klassen und dent Mittelstände angehören, und denen der Betrag von 6000 Mark nicht so leicht anderweitig zu beschaffen möglich ist, sind in Heller Verztveiflung und iverfen der Leitung egoistische Motive und schlechte Verwaltung der Gelder vor, wobei sic hauptsächlich darauf verweisen, daß einzelne BorstandÄNitglieder hohe Fnnktionsgebühren beziehen. Es wird der Rücktritt des Vorstandes verlangt, her, dH der Vor-, Frankfurter Israelitisches FamiUenblatt. stand nicht gutwillig gehen ivill, wohl erzlvungen werden wird. Int Parlamente wurde jüngst von deutschen, tschechischen und polnischen Abgeordneten ein Antrag zur Besserstellung der gegen Stundeinremuneration angestelltcn Religionslehrer an Staatsmittelschulen eingebracht, der Hunderten von israelitischen Religionslehrern zugute kommen wird, da int Gegensätze zu den katholischen von den jüdischen .Religionslehrern kaum ein Dutzend in ganz Oesterreich als k. k. Professoren angestellt sind. Die jüdische Presse scheint die Bedeutung dieses Antrages zu verkennen, denn sie übergeht ihn stillschiveigend, die allgemeine Presse erkennt sie unt so besser und schweigt darüber, mit einziger Ausnahme der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung, die sich darüber lustig macht._Spectatvr. snIM, Ä ÄÄS I ll J11( IIJJ UI y f Friedhepgaf Ldstr. 42Q. Tel, 488’ I empfiehlt seine prachtvollen, schattigen 6ärten, Terrasse, Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. ■ -• —Ffir Sommerfeste vorzfiglich geeignet. — —:. Brief aus Koustantinopel. Ueberall wird von Reformen gesprochen, aber unsere jüdische Gemeinde verharrt noch immer in ihrer bisherigen Lethargie. Schon sind fast fünf Jahre vorüber, seitdem die Türkei mit der Konstitntioii beschenkt und jedem Elemente im Reiche freie Bewegung gegeben worden ist, — und doch hat man bei uns noch nichts für den Fortschritt der Gemeinde getan. Der Gemeinde mangelt es an vielen wichtigen Institutionen, besonders an guten Gemeiudeschuken und die bereits existierenden sind quantitativ wie qualitativ fast unbedeutend. Das einzige jüdische Hospital „Or-Hachajim" erhält sich nur mit großer Schwierigkeit und war schon viele Male der Schließung nahe. In den hiesigen Synagogen herrscht das „Dezcntralisationssystcm", so daß eine jede — zu ihrem großen Unglück — eine „Autonomie" für sich bildet. Die Güter der Gemeinde werden ohne Kontrolle verwaltet, und ist es sogar schwer, ihre Zahl und ihren Wert zu kennen. Die Gabella (Fleischstener) und Kizba (Gemeindcstcner), die Hauptqncllcn der Einkünfte der Gemeinde, nehmen in ihre» Beträgen ständig ab. Die Reichen haben kein zu großes Verlangen nach Koscher-Fteisch; haben sie doch eine „moderne europäische" Erziehung in den fremden wie auch tu unseren Schulen erhalten, Auch die letzten zwei Kriege habe» ihre schlimme Wirknng auf die Gabella gehabt, Andererseits wird die Kizba mit den größten Schwierigkeiten eiukassiert. Die meisten Schuldner berufen sich auf die Folgen des Krieges. Auch die Reichen haben es verstanden, sich der Kizba ganz oder teibveise zu entziehen, denn die hier fortwährend wiederholte „Solidarität der Inden" ist nur ein leeres Wort. So befindet sich ..die größte Gemeinde der Türkei iil der denkbarsten Unordnung und größten Rot. Daran sind ohne Zweifel die Wohlhabenden und die Leiter der Gemeinde schuld, da sie wirken können und leider nicht wollen. Wozu brauchen aber auch die Wohlhabenden Gemeindeschnlcn? Sind doch ja alle Kongrcganistenschnlen ihren Kindern — für sehr hohe Schnlgebühr natürlich — offen, — den Armen aber können die Straße», was nichts kostet, ganz gut als Erziehuiigsstätte dienen! Diese Lage wird noch lauge anhalteu, denn die jetzige Generation ist — mit Ausnahme weniger — zu sehr dem Materialismus und Judiffereutismus hingcgeben, als daß man ans eigene Initiative rechnen dürfte. Rur eine Macht von außen, eine wohltätige Gesellschaft kann, falls sie die Erziehung der neuen Generation ergreift — wie cs die „Allianz Israelit" vor 50 Jahren getan — diese traurige Lage ändern. Hier wäre eine größere Aufgabe zu erfüllen. Kantorowitz. Schneiderei Crössmann Kaisenatraaao lOa, Entrost»!. Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930. Englische Jackett-Kleider. Garantie fSr gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. — Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die vom Deutsch-Israelit. Gemeindebund einberufeiie ■ 0. Deutsch-Israelit. Verbandstag nahm bezügl. der jüdischen Volksschulen folgende Thesen des Professors Dr. Blaschke an: „1. Die vorhandenen und lebensfähigen jüdischen Volksschulen sind zu erhalten und zu fördern. Leite 3 2. Nene jüd. Volksschulen sind in kleineren Gemeinden ciuzurichten, wenn sic durch die am Orte bestehenden und bei der Einrichtung in Betracht kommenden Verhältnisse begründet und deshalb notwendig erscheinen. 3. Neue jüd. Volksschulen sollen in größeren Gemeinden nicht errichtet werden; vielmehr ist die Anstellung jüd. Lehrkräfte und die Einrichtung jüd. Religionsunterrichtes in der allgemeinen Volksschule mit allem Nachdruck zu betreiben. 4. Die Auflösung bestehender Simnltanschulen soll verhindert, die Schassung neuer erstrebt lverde»." Dagegen wurde der Antrag des Korreferenten, Rektor Ferner: „Der 6. Gemeiiideverbandstag erklärt sich im Prinzip für die paritätische Volksschule. Angesichts des klmstandes, daß in den meisten deutschen Bundesstaaten die Volksschulen eine» rein konfessionellen Charakter tragen, hält er iin Interesse der jüd. Erziehung unserer Jugend die Errichtung j ü d. Volks s ch u l e n neben den bestehenden protestantischen' und katholischen für wünschenswert" a b g e l e h n t. Berlin. Der Verband der Arbeitsnachweise der Großloge für Deutschland VIll U. O. B. B. und das Kartell der jüdischen Arbeitsnachweise (gegründet vom „Jüdischen Frauenbund") haben Verzeichnisse der ihnen angeschlossenen Arbeitsnachweise und Stellenvermittelungen zunächst an die Gemeinden, Logen und Vertranenspersonen des Frauenbundes gesandt mit der Bitte, diese Tabellen an geeigneten Stellen anfzuhängen, damit sic der breitesten Oeffentlichkeit — sowohl den Arbeitgeber» als auch den Arbeitnehmern — zugänglich sind. \ Diese Tabellen haben den Zweck, die Arbeitsuchenden auf die ihnen benachbarten, nächstgelegenen Arbeitsnachweise hinzuweisen und dadurch den Zustrom von Arbeitnehmern nach deil einzelnen großen Vcrkehrsplätzen abzühalten. Auch sollen dadurch Reisekosten und Spesen nach Möglichkeit vermieden werden. In Anbetracht der sozialen segensreichen Wirksamkeit, die die Humanitären unentgeltlichen 'Arbeitsnachweise als vorbeugendes Mittel der Armenpflege darstelle», ist gii hoffen, daß alle Menschenfreunde die Bestrebungen der genannten Organisationen dadurch unterstützen, daß sie diese Verzeichnisse weiten Interessentenkreisen bekanntgeben. Weitere Tabellen stehen auf Wnnsch zur Verfügung beim Verbände der Arbeitsnachweise der G r o ß t o q e für Deutschland VIII it. O. B. B. Berlin W. ,;2. Kleiststraße 12 und beim Kartell der jüdischen Arbeitsnachweise, Geschäftsstelle: Helene M c y e r, S t a r - gard i. P., Jvbststr. V1. Oesterreich-llugarA. Brüan. Max Hickl, Redakteur der hiesigen „Jüd. Volksstimme", erläßt einen Aufrnf znr Grnnduug einer j n d. Verlagsgesell'schast. In dem Ausruf heißt es: - „Während jedes Volk sein geistiges Eigentuin hütet und pflegt, während jede menschliche Organisation die Erzeugnisse ihres psychischen Schaffens allen ihren Mitgliedern zugänglich zu machen strebt, lasse» wir unser hehres jüdisches Schrifttuin, das viele Tausende von hervorragenden, erlesenen Werken umfaßt, vergilben und zugrunde gehen, lassen wir das Lebenswcrk unserer Größten unbarmherzig der Vergessenheit und Verschollenheit anheinifalle»." „Diesen Zuständen zu steuern, haben wir uns die Erhaltung u u d Verbreitung unseres jüdischen Schrifttums zur Aufgabe gesetzt. Unserer Heranwachsenden Jugend, welche von einer mächtigen religiösen Bewegung erfaßt ist, die sich mit allen Fiber» nach dem verlorenen religiösen Glück znrücksehnt, die den Glauben besitzt, der jedoch die Kunde fehlt, wir wollen ihr den Rückweg zum alten, ewigen Jndentnin ermöglichen und ebnen." „Es handelt sich hier keineswegs darum, die Liste der Berlagsgesellschafteu um eine zu vermehren oder die unübersehbaren Bücherkataloge zu bereichern, sondern es handelt sich um Sein oder Nichtsein, tim Pestand oder Unbestand Eures Judentums. Solange das Ghetto uns umfing, solange seine Mauern auch die Grenzen niiserer Gedankenwelt bedeuteten, waren wir vor Entfremdung und Assimilation geschützt. Heute, da »ns ein ganz und gar nnreligiöses, unjüdischcs Leben uiiibraust, kann uns nur ein eiserner Wille, ein starkes jüdisches Innenleben und Selbstbewußtsein, die Sättigung mit jüdischem Wissen dem Judentum erhalten. Wenn Ihr nicht wollt, daß die ehrwürdige Reihe der Ahnen, die vor Gott und im Judentum lebten, gerade bei Euch und durch Euch unterbrochen werde und sich in einer uiiiüdisd)c», thorasremden Jugend in das extreme Gegenteil ihrer Lebensbestimmung umkehrc; wenn Ihr nicht wollt, daß in fünfzig Jahren Eure Tempel als Pagoden der ausgestorbenen „Frommen" gezeigt lverde», daß Enre Gebetbücher. Eure Tefillin nnd Mesnsoth Euren Kinder» nichts mehr als pietätvolle Andenken bedeuten; wenn Ihr nicht wollt, daß Eure Kinder und Enkel gedankenlos das zerstören, was unser Volk in zwei Jahrtausende» mit seinem Leben aufgebaut, mit seinem Herzblut, mit seinen Träne» und Seufzern besiegelt und geheiligt hat; dann dürft Ihr nicht länger teilnahmslos mitansehen, wie unsere Jugend ihrem jüdischen Sein entwurzelt und um ihr Judentum betrogen wird, wie sie heranwächst, ohne von demselben eine Ahnung zu haben, ohne hebräisch lesen zu können. Dann zeigt dieser Jugend, was sie mit ihrer Religion verliert, was sie mit ihrem Judentum aufgiüt, und wenn sic cs dennoch verschmäht, werdet I h r wenigstens Enre Pflicht erfüllt haben."