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Neue jüdische Presse · 1913-06-27 · Heft 25 (27.6.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 25 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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einem. Einen Brunnen hatten wir nicht, und so tranken wir das. Wasser aus dein nahen Bache, schmutziges Schlanrmwasscr. Brot zu backen verstand keiner von uns. So entsandten wir euren voir uns nach Rischon, damit er dort diese Kunst erlerne. Wir richteten uns dann so ein, daß. zwei immer „zu Hause" blieben, um zu kochen, die anderen aber zur Arbeit gingen. Nach einiger Zeit erbauten wir eine notdürftige Hütte. Die Regierung erfuhr es, urrd da zum Bau eines Hauses eine besondere Erlaubnis nötig war, wir aber eine solche nicht besaßen, sandte sie Soldaten, die die noch nnfertige Hütte zerstörten. Was taten wir? Wir wußten, daß die" Regierung wohl den Bau eines Hanfes hemmen, uieurals aber ein bereits fertiges Gebäude niederrcißen dürfe. So utachten wir uns in der folgenden Nacht auf und daran und' errichteten eine neue Hütte. Diese ward nicht mehr zerstört." Vieles, vieles hat mir der alte, gewinnende Kämpe erzählt, das wiederzugeber: ich ein besonderes Büchlein schreiben müßte. UM wir alle lauschten seinen Worten mit wahrer Andacht und Rührung. Der Erzähler selbst ward von der Größe seiner Erinnerungen ergriffet:, urrd mit vor innerer Erregung bebender Stimme! schilderte er rms alle die Leiden und Entbehrungen dieser Helden. Es waren Atomente tiefster Ergriffenheit für uns. Manchmal dünkte es mich, als hörte ich Märchen ans grauer Vorzeit, aus den Kindheitstagen nnseres Volkes, urrd dann wieder blickte ich nnt mich, sah den Erzähler vor mir und wußte, daß dies alles ja nur jüngste Vergangenheit, ja schier Gegenwart ist. Und doch: Waren es nicht in der der Tat Märchen aus den Kindheitstagen unseres Volkes, aus den Tagen der neuen Kindheit des zu neuem Leben wiederertvachten Volkes? „Sehen Sie dort drüben das alte Jabneh liegen?" schloß rulser Erzähler seine Worte, indem er auf das vor uns liegende Araberdvrf hinwies. „Dieses Jabueh hatten wir stets vor unseren Augen. Und wenn die Not am größten war, wenn es nns an Brot und Wasser mangelte, wer::: ringsum das Geheul der Feinde töitte, wem: uns Verzweiflung «greifen wollte, dann schauten wir zu diesem' Jabneh hiirüber, und wir wußten: Der Gott, der damals Israel nicht mttergeheu ließ, wird uns auch jetzt beschützen. Und gegeittiber diesem alten, nun zerstö ten Zavneh we d n nur hier ein neues stolzes,, unzerstörbares Jabneh erbauen." Als er seine schlichten Worte beendet hatte, da herrschte für einige Minuten ein tiefes, ernstes Schweigen. Den Blick in die Ferne geschweift, über die weite, wette Landschaft hinschweifend, standen wir alle sinnend da. UM als wir uns dam: aus diesem Bersunkensein wiederfanden, und wir die Köpfe erhoben, da schauten wtt uns alle in die Augen, in der Mitte die Alten und nm sie wir Jungen. Und m:sere Blicke kündete:: alle dasselbe: tiefsten Zukunstsglauben und unumstößliche Siegeszuversicht. Wir reichten uns die Hände, und dieser Händedruck woltte aller Welt es künden: „Sie! haben nicht umsonst gelitten, diese Helden. Das neue Jabneh wird erbaut werden. Ihr Alten habt das FnMament gelegt, wir Jungen werden cs vollenden." Noch einige Stunden traute:: Beisammenseins verweilte ich in: Kreise dieser Atänner, ::M noch viel Neues u:ck> Großes erzählten sie mir. Es war mir von besoMerem Interesse, die heuttge Lage der Kolonie kennen zu lernen. „Unsere Lage", sagte mir der Rosch-hawaM, „ist 'recht befriedigeM. Wir haben gemischte Kultur (sowohl Pflanzungen als auch Getreide), keltern aus unseren Trauben selbst Alkohol, den wir dann nach Rischon zwecks Herstellung von Likör bringen. Das ewige Uebel, au dem die Kolonie leidet, ist die geringe Einwohnerzahl. So muß die kleine Zahl der Kolonisten selbst alle Geu:eindeausgaben bestretten. Mtt den: Alimente, da sich die Kolonie vergrößerte, würde unsere Lage vorzüglich werden." „Haben Sie jemals Unterstützung durch den Baron erhalten?" .„Wir nidjt", war die stolze Antwort; „einzig und allein den Brunnen hat m:s der Baron als Geschenk graben lassen; es war stets der Stolz der Bilukolonie gewesen, aus eigener Kraft trotz aller Nöte sich zu erhalten." Das ganze große Stolzbewußtsein des wahren Helden sprach a::s diesen Worten. MMarsuEr ^JsräeüttHes Wünliänblattl Nr. 25 Als ich in spater Stunde, da die Sonne sich! bereits denk Untergang neigte, von ih::e>: schied nnd nach Rechoboth zurückkehrte, dä lvar es nur zu Mute, als hätte ich von einer großen Stätte ruhntwürdigster Vergangenheit Abschied ge:w:::ine!::, wo ich mit den Helden unserer Geschichte Zwiesprache gepflegt. Ein ähnliches Gefühl habe ich später nur wieder empfunden, als ich von großen historischen Plätzen schied. Die Geschichte dar Biluim beginnt bereits von den Goldfäden der Legende uurwobcu zu werden. Wie glücklich', wie beneidenswert siM doch diese Männer, die noch zu ihren Lebzeiten das große Schauspiel der zu der Stätte ihrer Heldentaten pilgernde:: Enkel erleben dürfen! Aus de« Ereignisse» des Tages. I. Zum Beilis-Prozetz — ein Notschrei! Seit Jahr nnd Tag führt die Regierung des „edlen" Zaren einen förmlicher: Kreuzzug gegen uns Inden. Seit Jahr und Tag ist der ganze gc- :valtige Apparat des Zaren barbarischer Regierung fast ausschließlich auf die Knebelung der Juden gerichtet. Grauenhaft sind die entsetzlichen Verfolgungen, denen die Juden ununterbrochen ausgesetzt sind; mit Wollust, geradezu in sadistischer Art, betreiben die vertierten „Gesetzes"-Vollstrecker die unsäglichen Martern der Juden. Die Grausamkeiten übersteigen schier alle mittelalterlichen Kreuzzüge, alle gräßlichen Martern der spanischen Inquisition! lind geschehen etwa diese noch nie dagewesene:: Barbareien im Interesse der russischen Christen-, heit? Etwa in den: der griechischen Orthodoxie? Nein! Die christliche Bevölkerung — darunter auch viele Geistliche — protestiert fortgesetzt, die Industrie nnddieBanernschaft leiden enorm durch die Verfolgungen der Juden. Aber auch die geistige Entwicklung dieses großen, auch im Unglück großen Landes trägt den größten Schaden davon, denn Wissenschaft und Moral werden urit Füßen getreten! Nicht nur das: die gesanttä europäische Kultur, die menschliche Sittlichkeit wird von dem physisch und geistig verseuchten Lande bedroht! Dies alles geschieht feit Fahr und Tag, — und wo bleibt Europa? Wo bleiben die Gesellschaften der Menschenrechte? Warum schweigen sie zu den Maßnahmen des fanrosen „Jüstizministers" Szeglowitow, bei dem von ihm in der verbrecherischster: Weise erfundener: BeilisProzeß? Warum die Knlturvereine und all' die sonstigen humanitärer: Vereinigungen? Wo bleiben die flammenden Proteste der gesamten zivilisierten Welt?. Die russische Regierung beratet gegenwärtig über Maßnahmen zur Hebung des Wertes ihrer Papiere, — da sollten gerade jetzt überall Massenproteste einsetzen, die westeuropäische Judenheit in Verbindung mit edlen Christen sollte einer: Feldzug gegen diese verseuchte Regierung, die mit ihren verteufelter: Regierungsmaximen eine permanente Gefahr für'die Kultur und für die Sittlichkeit bildet, organisieren. Das organisierte Verbrecherturn au: grünen Tisch uruh erfahren, was die gesittete Welt von ihm hält! ■ Mögen die Regierungen Europas in ihrer Allweisheit der russischen Regierung den Hof rrrachen, mögen das offizielle Frankreich und. das offizielle Errgland Rußland nachlaufen, — die inoffizielle Welt kann und muß flammenden Protest gegen die verruchten Treibereien des russischer: organisierten Barbarentums cinlcgen. Sechs M i l l i o 11 e n Menschen dürfen nicht ohne weiteres preisgegeben werden! Mit dieser befreienden Tat tvürde auch gar vieles für die freiheitliche Christenheit Rußlands geschehen, die — wenn auch in weit kleinerem Maße — von der verbrecherischer: Bürokratie verfolgt wird. Es ist ein Notschrei, der Gehör finden muß!! 2. Eine Frage an die Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxe« Judentums. Wir bringen in: folgender: einer: Brief zun:' Abdruck, der: uns der Vorstand des „Makkab i" zu Pethach-Tikwah zugehen läßt. Es ist ein ungewöhnlicher Fall, daß sich ein paläslinensischer Vereir: veranlaßt sieht, sich an das jüdische Publikum Deutschlands zu-wenden, aber die Angelegenheit, die der: Verein dazu geführt hat, ist nicht minder ungewöhnlich und rechtfertigt dieses -Vorgehen vollkomNien. Der Brief hat folgender: Wortlaut: „Woller: Sie Ihre w- Zeitung die Verinittlcrin feilt lasse::, unt die deutsche Judenheit in: allgemeinen, die Frankfurter ganz! besonders von folgenden: Vorkommnis in Kennttns zu setzen: Die von der „Freien Vereinigung für das orthodoxe Judentum" in Pethach-Tikwah gegründete Mädchenschule errichtet gegenwärtig ein neues Schulgebäude. Die Kosten, etwa 40,000 Francs, iverder: von der „Freien Bereinigung" getragen. Die an beut Gebäude beschäftigten Arbeiter sind nur: größtenteils — Araber. Während int Lande viele jüdische Bauarbeiter beschäftigungslos därben, tvähreud eine größere Zahl Jerusalemer Arbeiter in den Zeitungen bekannt gegeben hat, daß sie, arbeitslos, mit ihrer: Familien an: Hnngertuche nagen, tvird dieses ftir eine orthodoxe Schule bestimmte Gebäude von Arabern erbaut, und die große Summe, die edelmütige deutsche Juden für den Bau gespendet haben, fließt in die! Taschen der — Fellachen. Alle unsere Vorstellungen beim' Letter des Schulwesens der Freien Vereinigung in Palästina, Herrn Dr. Auerbach, haben nichts gefruchtet, und tvir halten es daher für richtig,. den Sachverhalt zur Kenntnis des jüdischer: Publikums in Deutschland zu bringen, vor allen: zur Kennttns der Frankfurter Judenheit, da ja in Frankfurt der Sitz der Freien Vereinigung sich befindet. Wir wissen nicht, ob diese Veröffentlichung jetzt noch faktisch etwas tvird ändern können, jedenfalls mögen die Mitglieder der- Freien Vereinigung tvissetl, went die 40,000 Frs., die sie gegeben hab'ein, zugute kommen. Der Vorstand des Makkabi, Pethachi-Tikwah. I. A.: I. Grünfeld." Wir kennen hier nicht die Gründe, die Herrn Dr. Auerbach — tvir nehmen an, daß er die Veranttvortliche Instanz ist — dazu veranlaßt haben, an dein neuen Schulgebäude Araber zu beschäftigen. Trotzdent dürfen tvir cs aussprechen, daß diese Handlungsweise höchst befremdend ist und durch keinerlei Gründe entschuldigt rverd'en kann. Unsere Leser haben gerade in der letzten Zeit durch die Palästinabriefe nnseres Mitarbeiters Nachurr: Goldirtairr: Gelegenheit gehabt, die schicksalsschwere Bedeutung des Prinzips der jüdischen Arbeit in Palästina zu erkennen. Wenn es nun schon den einzelner: Kolonisten zur Last gelegt werden ntuß, daß sie arabische Arbeiter beschäftigen, so müß solches bei einer philantropischcn Institution als eitle schtvcre Verfehlung wider die heiligsten Interessen der jüdischen Koloniftttion in Palästina bezeichnet tverden. Wir glaMer: kannt, daß die Mitglieder der Freien Vereinigung die 40,000 Frs. gespendet haben, damit Araber sich durch sie bereichern. Wir hoffen, daß der schwere Fehler noch einigermaßen gutgemacht tverden kann und Ürwarten jedenfalls, daß von den zuständigen Stellen eine Aufklärung über die Angelegenheit erfolgt. Das jüdische Publikunt und tt: diesent Falle die Mitgliedschaft der Freien Vereinigung hat däs Recht zu tvissen, warum! ihr Geld in einer solchen aller: jüdischen Interessen entgegengesetzten Weise vertvaudt wird. Brief aus Oesterreich. Studcntenkrawatle i» Wie». — Akademischer Antisemitismus in Ccrnowip. — Der Antisemitismus des deutschen Schulvercines. — Teutsche Sportbrüder. — Krisis in einem Wohlfahrtsverein. — Ein Antrag zu Gunsten der israelit. Religionslchre. Die Studentenschaft der Wiener Universität kornNtt noch immer nicht zur Rlihe. Die Deutschnationalen rvoller: sich absolut nicht zufrieden geben und drohen Urit Skandalen, wenn der akademische Senat nicht die ohnehin schwache Erklärung gegen das Waidhoffener Prinzip znrüctzieht. Infolgedessen hat der Rektor Weichsslbäunt den ganzen Universitätsbetrieb gesperrt, Vorlesungen und Prüfungen sistiert und in aller Eile den Deutschnationalei: cntgegenzukoirtinei: gesucht, indem er sie mit der Erklärung beschtvichtigte, daß ihr Verhalter: y

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