Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 25 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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R e ch o b o t h - G e d e r a h. Müde von den Anstrengungen des letzten l'lbends lag ich noch in tiefem Schlafe, als ich plötzlich durch ein lautes Konzert zwitschernder Vogelstimmen geweckt wurde. Auf der großem Terrasse des Hauses hatten sich oben im Dachgüsimse unzählige Vögel eingeniftet, die! schon um 5 Uhr niorgens dem anbrechendcn Tage ihre« laute Reverenz erwiesen. Mein Versuch, wieder einzuschlafen, mißlang völlig. Als ob sie darin eine Beleidigung der gesamten Tierwelt erblickt hätten, beeilten sich die Fliegen, ihrem Brüdern von der Terrasse zu Hilfe zu eilen, und durch Summen, Kribbeln, Kitzeln schienen sie mir die Lektion erteilen zu wollen, daß in Palästina das Frühcmsstehcn ganz besondere Pflicht ist. Was also tun? Den Kampf gegen die Schreier ans dem Dache und die frechen Peiniger im Zimmer aufgunehmen, verspürte ich keine Lust; so sprang ich denn aus dem Bette, machte Toilette — sie ist im herrlichen Palästina ach so rasch gemacht —, betete und trat hinaus auf die Terrasse. Ringsum herrschte die andachtsvolle Ruhe des Frühmorgens, die Luft war kühl und rein, und über den Feldern und Weinbergen lag noch der leichte Tau der Nacht. Je länger ich im Lande verweilte, umsomehr habe ich diese Stunden des frühen Morgens lieben gelernt. Die Stunden zwischen 4 bis 7 in der Frühe und von .7 llhr an am Abend sind die schönsten in Palästina. Keine Hitze, kein Staub, sind diese Stunden die schönsten zum Arbeiten wie zum Genießen. Ich nmchte einen kleinen Spaziergang durch dis Weinberge, die alle wohlgepflegt und gut üntwickelt aussahen, nahm dairn rasch ein kleines Frühstück ein und verabschiedete mich von meinöni freundlicheil Gastgeber. Ich wollte noch in der Frühe nach Rcchoboth gelangen. Vorher besuchte ich noch die riesigen Weinkellereien mit ihren großartigen Einrichtungen, schlürfte dort ein Glas herrlichsten Rischonweines: dann sagte ich der schönen Kolonie Lebewohl, ein letztes Händedrücken, einletzter Gruß dem schönen Rischon-le-Zion, und schon hatte ich die Straßeil der Kolonie verlassen und war bereits im freien Feld. Vor nlir ein ähnliches Bild wie auf dein Wege iiach Rischon. Eine weite Ebene, am Horizont die langgestreckte Hügelkette der judäischen Berge. Die Sonne hatte noch nicht ihre Mittagsglnt erreicht, noch war es kühl und frisch, und es ging sich vortrefflich auf dem sandigen Boden. Das unbefriedigende Gefühl, auf arabischer Erde zu schreiten, quälte mich diesmal nicht so sehr als auf dem ersten Marsche, denn kaum verließ ich den Boden Rischons, da sah ich schon Waadi-Chanin und Neß-Ziona vor mir, die hübsche kleine Doppelkolonic, die zwischen Rischon und Rechoboth liegt. In dein schönen, kleinen Haine dieser Kolonie. machten wir Rast, wurden von den freudig herbeigceilten Kolonisten mit herrlichen Orangen bewirtet, und dann ging's weiter. Eine Stunde, nachdem wir Waadi-Chanin verlassen hatten, langten wir in Rechoboth an. Rechoboth bietet einen ganz anderen Anblick als Rischon. Rischon Macht den Eindruck einer kleinen. Stadt, nach bestimmtem System angelegte« Straßen, die Häuser dicht beisammen; Rechoboth gleicht viel mehr einer wahren Kolonie: die Häuser weit zerstreut, überall kleine Gärten, man merkt es dem äußeren Bilde an, wie' diese Kolonie langsam sich entwickelt hat und ständig im Wachsen begriffen ist. Ueberall konnte ich Neubauten wahrnehmen. lind was für das äußere Aussehen gilt, trifft auch für den ganzen Charakter dieser Kolonie zu. Unter allen Ansiedelungen des Landes ist sie eine der angenehmsten und sympathischsten. 1890 durch die Gesellschaft „Munncha wenachlah" gegründet, hat diese Kolonie niemals den demoralisierenden Einfluß der Verwaltung des Barons so empfunden wie Rischon und andere Kolonien. Auch in geistiger, nationaler Hinsicht tvar es stets eine der besten Kolonien gewesen, nnd ich fand dort viel mehr jüdische Arbeiter als in Rischon. Auch' Rechoboth beschäftigt sich hauptsächlich mit Pflanzungen, doch nicht ausschließlich mit Weinkultur; es hat auch viele Mandel-, Olivenpflanzungen und auch Bojaren. Ich verbrachte den Nachmittag in einer dieser großen Bojaren und hatte die Möglichkeit, die Einzelheiten der Orangokultur und die außerordentliche Arbeit und Sorgfalt, die sic erfordert, wahrzunehmen. Der Abend galt wieder denk fröhlichen Beisammensein mit der Jugend der Kolonie, das in ausgelassenster Stimmung bis Mitternacht währte. Als ich in der herrlichen Mondnacht nach meinem Hotel znrückkehrte, begegnete ich auf der Straße einem älteren Manne mit granweißeni Barte, bis an die Zähne bewaffnet und unablässig auf- und abgehend. Ich begriff, daß es ein „Schomer" ist, wunderte nlich jedoch über das Alter des Mannes und knüpfte mit ihm eine Unterhaltung an. Er erzählte mir, daß er bereits 28 Jahre in Palästina lebe, früher sehr vermögend gewesen sei, sein Geld aber in Kolonisationsarbeiten eingebüßt habe und nunmehr Schomer sei. Das tragische Schicksal, das ihn getroffen, hatte seinen Idealismus auch nickst im geringsten vermindert; er war noch ebenso hoffnungsfroh und enthusiastisch wie damals, da er als Jüngling ins Land kam. Er erzählte nrir von all beii Plänen, die ihn bewegten, klagte über das langsame Fortschreiten der Arbeit in Palästina, die ein viel schnelleres Tempo einnehmen müsse, schilderte mir manche seiner Abenteuer auf seinem nächtlichen Wachtposten, bei denen er bereits manche Wunde dävongetragen hat, und alle seine Worte waren von einem derartigen Feuer, von einer so unendlichen Liebe zum jüdischen Volke und zu Palästina, von einem solch tiefen Glauben an die herrliche Zukunft unseres Volkes getragen, daß ich, der ich der jüngstgeborenc Sohn dieses Helden sein könnte, mich schier schämte, von ihm an Schwärmerei und Enthusiasmus übcrtrosfcn zu werden. Solcher Gestalten habe ich. während meiner Reisen noch manche getroffen, und jedesmal, wenn ich einem dieser Helden begegnete, .schied ich von ihm mit hundertfach gestärkter Gewißheit, daß. wir unser Ziel erreichen werden. Ein Ideal, wofür solche Männer ihr Hab und Gut, ihre beste Kraft, ihr Leben hingeben, die Welt wäre nicht wert, daß sie existiert, wenn dieses Ideal in ihr nicht realisiert werden könnte. Der folgende Tag war für einen Ausflug nach Gederah bestimmt. In seltsani gehobener Stimmung machte ich Mich fertig. Gederah — das ist die heiligste aller Kolonien, die Stätte der Leiden und Heldentaten der Biluinr*), die größte Ruhmesstätte Neupalästinas. Da der Weg etwa drei Stunden dauerte, der Tag zudem heiß war, nahm ich einen Esel. Mit mir ging ein Araber als Führer. Ern hübscher, stolzer Kerl, sonnengebräunt, muskulös nnd von fröhlicher Laune. Wir wurden rasch Freunde und suchten, so gut es ging, eine Unterhaltung zu führen. Er sprach nur arabisch, wußte jedoch einige Brocken Hebräisch — später traf ich Araber, die fließend Hebräisch sprachen —, und so ließ sich meist eine Verständigung, wenn auch mit großer Mühe und Not, erzielen. Das erste, was er mir sagte, war die Bitte um ein reiches Bakschisch. Er hätte Geld jetzt ganz besonders nötig, sagte er mir, denn er wäre ini Begriff, eine zweite Frau zu kaufen. Mich interessierten diese Verhältnisse, und so erkundigte ich mich nach ihnen. Die Preise für eine Frau schwanken in seinem Dorfe zwischen 200 und 2000 Frs. „Was hast Du für Deine erste Frau bezahlt?" fragte ich ihn. Die habe er billig erhalten, war die Antwort. Durch Tausch. Er habe seine Schwester dem Bruder seiner Frau gegeben nnd dafür jenes Schwester erhalten. Jetzt aber möchte er eine zweite kaufen, doch fehlten ihm zum nötigen Gclde noch etwa 50 Frs. Darum: „Bakschisch, Chowodsohn, Bakschisch!" Ms ich eine zustimmende Gebärde machte, hüpfte er vor Freude und gab mir zum Danke den ganzen Weg über keine Ruhe mit seinem Geplauder. Mein Weg führte an Jabneh vorbei, dem« alten, berühmten Sitze des Synhedrions, heute ein elendes Araberdorf. Ich passierte noch manches andere und konnte die Wohnart dieser Fellachen beobachten. Die Häuser sind elende Lehmlöcher, in denen Menschen und Vieh zusammengepfercht liegen. Der Schmutz, der da herrscht, ist erschreckend. Kein Wunder dann, daß die meisten Kinder, denen ich begegnete, augenkrank waren. Die Kinder sterben bei den Arabern wie die Fliegen, und wären nicht die Vielweiberei und die außerordentlich Zroße Geburtenziffer, so wäre von ihnen schon längst keine Spur mehr vorhanden. Am besten scheint es in diesen Dörfern den Hunden zu gehen, die unbelästigt nnd wohlgenährt — dem Araber ist es verboten, Hunde zu töten — jeden Reisenden mit ohrenbetäubendem Gebell empfangen, aber bei der geringsten Drohung .feige die Flucht ergreifen, ungewohnt, daß jemand den Stock wider sie erhebe. Nach einem zweistündigen Ritte kam ich in Gederah an. Eine kleine, freundliche Kolonie,, die in ihrem Aussehen nichts Besonderes bietet. Ich ließ mich sofort zu einigen von den noch lebenden Biluinr sichren und bat diese, uns nach dem Platze zu sichren, wo diese in den ersten Jahren gewohnt haben. Bereitwilligst geleiteten sie uns dähiu — der Platz liegt hinter der Kolonie — nick» zeigten uns eine größere Fläche tiefliegenden Bodens, in der Mitte eine große Grube. „Dies war unsere Wohnstätte in den ersten Jahren", sagte mir einer her Biluinr, der jetzige Roschhawaad. „Als wir, die erste Gruppe, im Jahre 1889 herkamen", fuhr er, nreine Bitte nach weiteren Nachrichten aus den Augen lesend, sort, „besaßen wir nicht die Mittel, unr ein Haus zu bauen. Wir gruben also eine Grube, bedeckten sie mit Holz und hausten da beisammen. Es war uns Wohn- und Schlafzimmer, Salon und' Küche in *) Die Biluim sind die Charkoroer Studenten, die 1882 die Universität verließen und als Pioniere nach Palästina gingen. Infolge der furchtbaren Leiden und Entbehrungen, die sie durchzumachen hatten, lebt heute nur noch ein Rest von ihnen. D. Redakt. '