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Neue jüdische Presse · 1913-06-20 · Heft 24 (20.6.1913) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 24 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24. Frankfurter JsraeWsches Famitzenblatt. Seite 3 Rebbe die Aufbietung seines Einflusses zu Gunsten der Regierungspartei zugesagt hat. — Das schlechte Beispiel Deutschlands hat in Prag einen „Akadem. Verein deutscher Mediziner" gezeitigt. Am! 11. Juni fand die Gründungsversammlung statt, und der Hauptredner auf dieser führte aus, daß die Prager Universität nicht eine Zufluchtsstätte für Leute, „die an anderen Universitäten nicht ausgenommen werden", worden dürfe, sowie ferner, daß der neuo Verein „deutsche Gesinnung" bei seinen Mitgliedern voraussetze. Hierauf gab der Jüdischnationale Gustav .Aschermann folgende Erklärung ab: „Die Herren vom vorbereitenden Komitee besitzen eine bewundernswerte Inkonsequenz. Sie, die uns in den akadeinischen Sexualverein gelockt haben mit der Versicherung, daß ja auch wir „deutsche Studenten" seien, verwehrön uns heute den Eintritt in den Medizinerverein, weil wir nicht unter die „deutschen Studenten" gehören. Nicht, minder interessant ist die Inkonsequenz unserer akademischen Lehrer. Wenn wir bei der Inskription auf dem Nationale die jüdische Nationalität bekennen, dann wird trotz aller Proteste und Memoranden unsererseits dieses unser Bekenntnis durch einen dicken roten Strich aus der Welt geschafft und wir dem Bestände der deutschen Studäitenschaft zugerechnet. Wenn aber jetzt ein Verein gegründet wird, der seinen Mitgliedern gewisse Vorteile wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Natur zu gewähren verspricht, dann lassen es dieselben Herren Professoren, die uns im ersten.Falle gegen unseren Willen zu Deutschen stempeln, ruhig geschehen, daß uns das Recht der Mitgliedschaft abgesprochen wird. Wenn Herr Prasse Meint, unsere Universität darf nicht eine Zufluchtsstätte sein, so erkläre ich hier, unsere Universität soll eine Znfluchtsstätto sein. Aber nach Ihrer Meinung dürfen solche Löute nicht ausgenommen werden, die anderswo nicht Unterkommen. Ich frage, wer kommt anderswo nicht unter? Jedes Volk, auch das kleinste, hat seine Universität und bietet seiner Jugend die .Möglichkeit einer wissenschaftlichen Ausbildung. Nur der Jude, und hier besonders der gehetzte und geknechtete russische Jude, soll von der Quelle der Wissenschaft zurückgedrängt werden, obwohl gerade er so sehr nach ihr lechzt. Das ist nicht fortschrittlich, das ist nicht deutsch! Meine Herren, Sie wollen uns nicht, ivirdrängen uns Ihnen nicht auf!" — Rabbiner Dr. Ottokar Kraus, ein Führer der tschechisch-jüdischen Assinnlanten, hat gelegentlich einer Beerdigung eine Rede gehalten, in der er nach dem „Cas" sagte: „Die Verblichene hat ihre vornehme Ge-; sinnung ihren Kindern bewahrt, ob-wohl sich jedes einen eigenen Lebensweg suchte und sich auch in der Familie Religions-Unterschiede einstellten. So war die Familie Taussig ein idealer kleiner Föderativstaat, in deM jedem Mitglied volle Selbständigkeit und Möglichkeit freier Entwicklung vergönnt war. Sie war die ideale H errscherin eines idealen Reiches, sie hatte Verständnis für alle ihre Kinder,, für alle ihre Enkel, trotzdem zwischen ihnen Stammes- und vor allem Religionsunters.chiede waren. Vor allem betone ich! diese Religionsunterschiede in der -Familie, welche die Verstorbene so glücklich zu überwinden verstand, denn dadurch hat sie einen Edelstein und eine Ruhmesstärke bewiesen, die sicherlich Bewunderung verdienen. Wenn aber derartiges einer unserer heutigen Mutter gelinge, müßten wir uns nicht weiter darüber aufhalten, aber wir müssen bedenken, daß die Verblichene in den strengen jüdischen Traditionen der Schule von Goltsch-Jenikau aufgezogen war, und sich von da zu einem solchen religiösen Liberalismus im besten Sinne emporgearbeitet hat. Wir Müssen uns mit Ehrfurcht neigen vor ihrem Grab, das uns für ewige Zeiten ein Zeichen sein kann, daß tzie Religion nicht dazu da ist, die. Menschen zu entzweien und zu verfeinden, sondern sie zu verbinden in Liebe und gegenseitiger Hilfe." Dieser LobeshyMnus auf die Taufe ist Ltwas so Unglaubliches, daß sich jedes weitere Wort erübrigt. — - Nicht überall empfinden die Juden eine ihnen erteilte Ohrfeige auch wirklich Das-darf uns weiter nicht wundernehmen, denn die Gesellschaftskreise, die so unempfindlich sind, wo. jüdisches Bewußtsein in Frage kommt, sind die Oberen Zehntausend", die in ihrem ständigen Bestreben, sich zu assimilieren, gleich die Lehre der Religion, der sie zustenern, antizipieren, und so, wenn sie einen Backenstreich empfangen, noch die andere Backe Hinhalten. Nur so ist es erklärlich, wenn Juden in großer Zahl sich bereit finden lassen, Veranstaltungen, an denen auch antisemitische Vereine partizipieren, zu unterstützen, wie beispielsweise den deutschen Blumentag in Prag, an dessen Gelingen eine Reihe deutscher Frauen und Jungfrauen jüd. Glaubens Mitarbeiten, trotzdem ein TÄ dös Reinertrages ausgesprochen antisemitischen Vereinen zufällt. Wie sagte doch der alte Hausierer, den bittere Not zwang, seine Ware in Gasthäusern feilzuhalten, in denen auch 'Antisemiten verkehrten, als ihm einer dieser edlen Recken ins Gesicht spie: „Puh, es regnet!" Die Kolliner Ritnalmordaffäre hat noch immer nicht ihr Ende erreicht; der k. k. Landesschulrat hat die vonr Kolliner Bezirksschulrat geforderte Enthebung oder strafweise Versetzung des Ritualmordhelden Hrachoosky nicht bewilligt; wohl ist während der Untersuchung genug belastendes Material gegen den Katecheten zusaiNMöngetragen worden, wohl ist er in moralischer Beziehung als ein Mann charakterisiert worden, dein der Jugendunterricht nicht anvertraut iverden sollte, wohl hat der Kolliner Dechant ihn als eine Schmach seines Standes bezeichnet, — aber das alles kann die hohen klerikalen Kreise nicht abhalten, ihn als ihren würdigen Genossen zu betrachten und ihren mächtigen Einfluß zu seinen Gunsten geltend zu Machen. Es sind dieselben Kreise, die es immer wieder zu verhindern wissen, daß der Justizmord an Hilsner gut gemacht werde, die auch jetzt wiedör die Revision des Hilsnerprozesses vereitelt haben. Spectator. Zur Beilis-Affaire. Petersburg, im Juni. Wie zu erwarten war, hat die Kiewer Gerichtskammer in ihrer Sitzung vom 6. Juni die Anklageschrift gegen Beilis genehmigt und den Beschluß gefaßt, diesen wegen Beteiligung an der Ermordung Justschinskys vor das Geschworenengericht zu stellen. Sowohl der Vorsitzende K a m e n z o w als auch der Berichterstatter R Y s h o w haben ihre abweichende Ansicht zu Protokoll gegeben und in alisführlich motivierten Eingaben, die den offiziellen Materialien beigefügt wurden, den Standpunkt vertreten, daß Beilis. gegen den nicht einmal irgendwelche indirekte Jirdizien vorliegen, sofort freigelassen werde. Die anderen Mitglieder des Gerichtshofes widersetzten sich jedoch diesem Antrag, weil es „unbequem" gewesen wäre, den ganzen Prozeß jetzt zu liquidieren und somit einzugestehen, daß man den Angeklagten zwei Jahre lang unschuldig im Gefängnis hat schmachten lassen. Um also nicht zugeben zu müssen, daß man einen unschuldigen Menschen zwei Jahre lang im Gefängnis schmachten ließ, hält man es für richtig, ihn noch ein paar Monate gefangen zu halten! Denn die Gerichtsverhandlung soll ja erst im Herbst stattfinden. Die Stützen der staatserhaltenden Parteien ruhen inzwischen nicht. Am 11. Juni hielten in Petersburg in den Redaktionsräumen der „Semschtschina" und in der Wohnung des antisemitischen Dumaabgeordneten Samislowskh Vertreter der rechtsstehenden Organisationen, der Nationalisten und des rechten Oktobristenflügels unter Beteiligung von Beamten des Justizministeriums Beratungen über die Beilis - Affäre ab. Der berüchtigte S ch m a k o w referierte über die genehmigte Anklageschrift, und die Versammlung faßte den Beschluß, dahin zu wirken, daß die Verhandlung gegen Beilis ohne Hinzuziehung von Geschworenen stattfinde, daß strengstens verboten werbe, an den Gutachten der Sachverständigen Kritik zu üben und Fragen zu behandeln, die mit dem Prozeß im Zusammenhänge stehen. Ferner sollen die Berichte über die Gerichtsverhandlung vom Vorsitzenden geprüft werden und erst nach dessen Genehmigung veröffentlicht werden dürfen. Als Verteidiger des Angeklagten werden außer dem bekannten jüdischen Advokaten Grusenberg die Petersburger christlichen Ildvokatcn K a r a b - tschewski und Zarudüi fungieren. Die Mutter des ermordeten Knaben hat den Dumaabgeordneten Samislowsky und die berüchtigten Judenfresser Schmakow aus Moskau und Bulatzel aus Petersburg als ihre Rechtsbeistände nominiert. I Perlliränze fl ■ sparte neue Muster, französische Bindeart. ■ I IMaturpräp. ELränsse I ■ in grösster Auswahl. fl I Wolsehendorfi «fc Meissner I | 38 Töngesgasse 38. | Reue Gesetze. Konstantinopel, 14. Juni. Eins der bedeutendsten Hindernisse, denen das Land im allgemeinen und so auch die jüdische Kolonisation in Palästina auf dem Wege ihrer Entwickelung begegnen, ist ohne Zweifel der „Uschur", Zehnt des Bodenertrags. Diese Steuer, die an Unternehmer verpachtet wird, ist der Verwüster der Fellachenfelder und auch ein Schreckensengel für den jüdischen Kolonisten. Der Pächter bestimmt den „Uschur" laut seinem Willen, und es wird manchmal der Ertrag so hoch geschätzt, daß der Bauer fast seine ganze Mühe in fremde Hände' übergehen sieht und er es vorzieht, seine Felder unbearbeitet zu lassen und als Taglöhner Arbeit zu suchen. Es ist also nicht zu verwundern, daß so vieles Land im Reiche brach liegt. Die Bauern sind so meistens Sklaven der Gutsbesitzer, der Esfendis und Beys geworden. Den jüdischen Kolonisten ist es besser gegangen, denn man lebte doch unter der Herrschaft Abdul- Hamids, wo der „Bakschisch" die höchste Rolle spielte. Doch auch sie hatten genug auszustehen. Wie häufig wurden sie daran gehindert, ihr Getreide von den Feldern abzuholen, da sie den zu hoch geschätzten „Uschur"' nicht zahlen wollten. Die konstitutionelle Regierung bestrebte sich, den Zustand des Bauern zu verbessern, wurde aber dank innerer und äußerer politischer Hindernisse in ihrem Reformenwerk immer wieder gestört, sodaß die Lage des Bauern bis auf heute noch sehr traurig ist. Nun aber scheint es, daß die Lage endlich sich ändern wird. 'Das neue Gesetz über die Provinzen tritt schon in Kraft, und es ist besonders das neue Gesetz über den „Uschur" zu begrüßen. Laut dem neuen Gesetz wird der Zehnt in folgenderweise abgenommen werden: Jeder Bauer wird jährlich 12 Prozent seiner gesamten Einnahmen zahlen. Somit wird der Sauet seines Ertrages sicher sein! Noch ein neues Gesetz, welches den Nichtmuselmännern manche Unannehmlichkeiten ersparen wird, ist hier hervorzuheben: Laut den Gesetzen des Landes konnten die Nichtmuselmänuer den islamischen Glauben im Alter von 15 Jahren annehmen. Das Gesetz gab sogar nicht bestimmt an, ob der Nebertretende volle 15 Jahre haben muß, oder ob es genügt, wenn man nur in das 15. Jahr eintritt. Nicht wenig sind die Fälle, wo jüdische junge Mädchen von ihrem Elternhause durch Muselmänner weggelockt wurden oder selbst das Haus verließen und zum Islam übertraten. Dem Gesetze gemäß sollte das Mädchen für 24 Stunden oder 3 Tage im Hause des lokalen Rabbiners weilen, der die Verirrte auf den richtigen Wegg zurückzuführen sich bemühen konnte; meist aber geschah es, daß man diese Verordnung nicht beobachtete. Jetzt hat die Regierung beschlossen, daß diejenigen, die zum Islam übertreten wollen, volle zwanzig Jahre alt sein müssen. Es ist als» zu hoffen, daß dank diesem neuen Gesetze, die Bekehrungsfälle sich bei uns vermindern werden. Kan toro witz. stldr. Restaurant and Calf Inh.: Anton Pfeiffei* I» Frledherger tdstr. 420. Tel.418? 1 empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gürten, Terrasse» Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. =-' Für Sommerfeste vorzüglich geeignet. - Bericht Dr. Faitiowitsch's über seine dritte Abesfinienreise. In seiner letzten Nummer brachte das „Franks. Jsr. Familienblatt" einen kurzen Bericht über Dr. Faitiowitsch's dritte Reise nach Abessinien. Dieser Tage hat nun Oberrabbiner Dr. G. H. Margulies, Präsident des Pro-Falaschas-Komitees, einen ausführlichen Brief von Dr. Faitlowitsch erhalten. Dem liebenswürdigen Entgegenkommen des Herrn Dr. Margulies verdanke ich es, wenn ich den interessanten Brief hür wiedergeben kann. Der Brief lautet: G o n d a r, 13. April 1913. Seit 3 Tagen bin ich in; Goudar. Aus Dobarel, woher ich Ihnen meinen letzten j Brief sandte, bis zu dieser Stadt wurde ich von den ' > Falaschas begleitet, unter denen ich mich während der! zwei vergangenen Wochen aushielt und deren Gemeinden! ich während der Reise besuchte ... > Wie ich Ihnen in meinem letzten Brief berichtete,! habe ich diesmal eine ^fehr unangenehme Reise gehabt, > bin aber, Gott sei Dank,' gesund und heil angekommen. „i Außer dem Verluste eines Maultieres, ist meine Karawane ~j in gutem Zustande. j Nächsten Dienstag oder Mittwoch werde ich von hier abreisen, um Ghetie zu erreichen, der vorigen Donnerstag zu seinen Eltern gefahren ist. Da werde ich den Sabbat verbringen, und am darausfolgenden. . Tage werde ich mich nach Amba-Gualit begebeßr. um der Feierlichkeit des Pesach - Opfers, die am Abend desselben Tages stattfindet, beizuwohnen. Nach ihrem Kalender sind uns die Falaschas in diesem Monat ein Tag voraus, so daß Erew-Pesach bei ihnen auf den nächsten Sonntag, 20. Avril, fällt. In jener Genieinde werde ich auch die ersten zwei Pesach- Tage ■ verbringen, und während der Ehol - Hamoed - Tage beabsichtige ich, einige Falascha-Dörfer von Dembea zu besuchen. Sofort nach Pesach werde ich deir Ras Walda-Ghiorghis, Vize-König der jenseits des Tekazze liegenden Provinzen, der jetzt in Debra- F u b o r, drei bis vier Tage von Goudar, wohnt, besuchen, Nicht vor Ende Mai werde ich meine Rückreise antreten. Indem jch einen von dem zurückgelegten verschiedenen Weg nehme, werde ich mich gegen Osten wenden, um die östlichen von den Falaschas bewohnten Bezirke besuchen zu können. Gegen Anfang Augnst hoffe

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