Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«tttt 2. lange diese Rischoner Jemeniten schon im Lande weilten; drei Jahre,war die Antwort, und wiederum konnte ich darob erstaunen, welche Zauberkräfte diesem Lande innewohnen und welche mcnschenwandelnde Wirkung es auszuüben vermag. Ich erkundigte mich nach ihren Lebensverhältnissen, und sie erklärten Meist, daß sie durchaus zufrieden seien. Die Erlösung aus einem Martyrium namenloser Leiden, der Aufenthalt in der freien, gesunden Lust Palästinas, ihr Glücksgefühl, in Erez-Jsrael, dem sie mit ergreifender Liebe anhängen, zu wohnen, — welch' Wunder, daß sie sich glücklich fühlen! Immerhin hatten sie doch über so manches zu Nagen. Manche beschwerten sich über die geringen Löhne, die zum Unterhalt ihrer Familien nicht ausreichten. Wie ich feststellen konnte, waren ihre Klagen meist, berechtigt. Alle aber be- -fanden sie sich in hefüger Erregung über ein — wie sie es nannten — ihnen zugefügtes Unrecht, das sie zugleich als Herabsetzung empfanden. Es handelt sich um folgendes: In der Nähe von- Rischon gründet das Odessaer Komitee der Chowewei-Zion eine Arbeiterkolonie „Nachlath-Jehnda" zur Erinnerung an den großen Verfasser der „Autoemanzipgtion", Pinsker. Es werden etwa 25 Arbeiter angesiedelt, von denen jeder 10 Dunam Boden erhält. Außerdem sollen 30 Iemenitcnfamilien dort ansässig gemacht werden, die noch keine Häuser in Rischon haben. Von diesen, soll jede nur 2 Dunam Land erhalten. Darob waren die Jemeniten sehr empört. Vor allem: Warum gibt man den Aschkenasim 10 und ihnen nur 2 Dunam? Und ferner: Es gibt in Rischvn '45 JeMenitensamilien, die keine Häuschen haben, es forderten die 30 mit Boden Bedachten, daß.Man auch den übrigen einen Teil gebe; andernfalls weigerten sie sich, die ihnen angebotenen Plätze zu atzeptiören. Dieser ganze Zwischenfall war mir sehr interessant; er zeigte mir, wie empfindlich diese Jemeniten sind, und wie schwer sie jede Zurücksetzung gegenüber ihren aschkenasischen Brüdern verletzt. Es war mir dies schon eine Aeußerung des für die Zukunft entstehenden, schwierigen Problems des Zusammenlebens und der Vermischung dieser zwei Judentypen. Denn bei allem brüderlichen Entgegenkommen, mit dem den Jemeniten heute von den Kolonisten und Arbeüern — besonders von diesen — begegnet wird, ist von einem wahreir Zusammenleben noch keine Rede. Sie wohnen fast überall in einer besonderen Ansiedelung abseits von der Kolonie und leben ausschließlich unter sich. Daß sich das im Laufe der Zeit ändern muß und wird, ist. Iar. Daß diese Aenderung aber nicht so ohne weiteres, nicht so glatt vor sich gehen wird, dafür hat mir der Fall in Rischon einen drastischen Beweis gegeben. Nach diesem etwas anstrengenden Vormittag wollten wir den Nachmittag der Ruhe und dem Vergnügen widmen. Wir besuchten zunächst den öffentlichen Park, einen wunderschönen Garten mit heimlichen Palmalleen, den der Baron hat pflanzen lassen. Ms wir aus dem Garten auf die Hauptstraße hinaustraten, war fast die ganze Kolonie versammelt. Unter allgemeiner Zustimmung wurde beschlossen, auf die Dünen zu gehen. Diese Dünen beginnen unmittelbar bei der Kolonie und erstrecken sich zwei Stunden lang bis zum Meere. Bald waren wir oben. Es bot sich hier ein prachtvolles Bild! Von der einen Seite das schöne Panorama der Kolonie, umgeben von einem breiten Kranz von Gärten und Weinbergen, und von der anderen Seite die .weite Mache der Dünenhügel und dahinter das große, majestätische Meer. Der Sand dieser Dünen ist sehr rein und weich; und' so entwickelte sich bald ein Fröhliches Treiben. Man rollte die Hügel hinab oder wurde gewallsam hinuntergcrollt, die Kinder schlugen Purzelbäume, und rasch war auch ein Reiner Chor beisammen, der du fröhlichsten Lieder zum Besten gab. Es war für mich fast rührend, diese mutwillige Freude der Jugend zu beobachten. Bon welch glücklicher, natürlicher Seelenversassung zeugte sie doch! Und ich Mußte wieder an die jüdische Jugend' in Rußland denken, die teils in der verfehlten, alle Fugendlust ertötenden Erziehung des Cheders und der Jeschiwah, teils in der noch gefährlicheren ungesund' frühreifen Entwicklung ihres Intellektes durch Lellüre uitd Studium den Begriff mutwilliger, kindlicher Ausgelassenheit nicht kennt. So getollt und gelacht wie Frankfurter Israelitisches Familsenhlatt. die Rischoner an diesem Sabbät-Nachnnttag — auch die Erwachsenen nahmen teil an der allgemeinen Freude — haben wir schon nicht seit zweitausend Jahren. Und mir erschien diese sich drängende, neckende, hüpfende, lachende Schar als das Symbol unseres neuen Glücks im Lande der Väter. Mit Sonnenuntergang gingen wir schon zurück Denn es galt, sich vorzubereiten auf die große musikalische Veranstaltung, die nach Ab'endbrot stattfand. Als wir nach Abendbrot hinkamen, war das ganze geräumige Beth-haam schon überfüllt, und immer neue Scharen kamen. Diese Ueberfüllung machte naturgemäß eine musterhafte Ordnung und Ruhe unmöglich. Trotzdem verlief der Abend in bester Stimmung. Die Kapelle — gebildet aus jungen Kolonistensöhnen — spielte sehr schön, ein kleines hebräisches Lustspiel, das ausgeführt wurde, gelang vortrefflich, und als man gegen Mitternacht die Bänke wegräumte zum Tanz, da dachte noch niemand an Müdigkeit und Schlaf. Bald begannen die Tänze. Mit der Aenderung so vieler Lebensgewohnheiten haben sich hier auch die Tänze radikal gewandelt. Nicht der frivole Walzer, nicht der vieldeutige, sinnenreizende Two-step, keiner unserer europäischen Tänze, die fast alle einer erotischen, frivolen Note nicht entbehren und erst durch diese vollen Reiz erhalten, wird hier getanzt. An ihre Stelle sind Ronda und Hora getreten, Tänze von fröhlicher Natürlichkeit und naiver Einfachheit. Nicht Paar und Paar, sondern in Reihen, in Kreisen wird getanzt, und die Musik, die begleitet, hat auch nichts mehr von der prickelnden Kokette-, rie Wiener Walzermelodien. Melodisch; gesund' und natürlich erllingen ihre Weisen, und wenn nach und nach das Tempo rascher wird, die Tanzbewegungen wilder, stärker, ja zuweilen in Leidenschaftlichkeit übergehen, so ist doch diese Leidenschaftlichkeit eine reine, allein durch das Tanzen erreichte. Die Frau steht hier nicht im Mittelpunkt des Tanzes, wie oft sah ich die Hora nur von Männern getanzt, und der Tanz verliert dadurch nichts. Demgegenüber denke man sich die Karikatur eines „schönen" Two-step, von zwei Männern getanzt, und mau hat an. diesen zwei Beispielen den ganzen Unterschied palästinensischer und europäischer Tänze, zugleich den ganzen Unterschied zwischen der hiesigen natürlichen, naiven Fröhlichkeit und der unseren, meist von Frivolität durchsetzten Lustigkeit. Die Sonne war schon nahe am Aufgehen, als wir endlich das Beth-haam verließen, um uns zur Ruhe zu begeben. Auf der Reise, zumal aus der so beschwerlichen in Palästina, heißt es, die Kräfte schonen und sparen. Jeder Tag bringt Neues, und verlangt, soll er voll genossen werden, die ganze Aufnahmesähigkeft und Frische des Reiseirden. Außerdem Muß .man auf einer Reise durch Palästina stets schon früh auf den Beinen sein, da der frühe Morgen die angenehmste Zeit zum Wandern oder Resten ist. So gern ich noch in der frohen Gesellschaft der Rischoner Jugend verblieben wäre, die Vernunft gebot mir, mich zu trennen, unr meinem müden Körper einige Stunden der Ruhe zn gönnen, bevor ich den.neuen Marsch antrat nach — Rechoboth. Ans ve« Ereignissen des Tages. 8«m 25jöhr. Regierungs-Jubiläum Kaiser Wilhelms II. Ein nationales Fest iM vollsten Sinne des Wortes ist das eben begangene 25jährige Regierungsjubiläum unseres Kaisers. Wir sagen „nationales Fest", da doch als unumstößliche Tatsache von Frennd und auch .Feind anerkannt werden muß, daß in der Regjerungszeit WllhelMs II-. Deutschland an Ehre und Macht, an wirtschaftlicher Entfaltung zugeiroimnen hat, spdaß das Deutschland von heute ein von allen Staaten der Welt viel beneideter Staat ist; selbst der französische „Temps" gibt zu, daß Deutschland in der 25jährigen Regierungszell Kaiser Wllhelms west mehr an Entfaltung als die anderen Staaten in 300 Jahren gewonnen hat. Und diese günstige Entwicklung muß sehr stark stuf das'Konto Wilhelms II. gesetzt werden, der zur Vermehrung Deutschlands Wehrkraft zn Land und Wasser sowie zur Hebung seiner Industrie viel beigetragen hat. Rr. 24 Wohl wird mancher „unserer" Kosmopoliten dazu den Kopf schütteln, wie man Hymnustöne für einen nationalen Fürsten anschlagen kann, allein mir stehen auf dem nationalen Boden und betrachten das Nationale als K ul tu rfo rtschritt ersten Ranges. Gewiß muß 'der Chauvinismus, der zu lleberhebung, Selbstverherrlichung, Unduldsamkeit, Ungerechtigkeit, Menschenhaß und zu Unkultur führt, abgelehnt werden, doch ein gesunder Nationalismus kann unmöglich mit Chauvinismus identifiziert werden. Ein ge-, sunder Nationalismus ist. duldsam, menschenfreundlich, gerecht gegen sich und gegen andere, und' daher ist er auch sozial. - Auch die Bibel steht auf dem Boden eines g e s u n d e n s o z i a l e n Nationalismus, der wohl nicht kosmopolitisch, jedoch universell angehaucht ist und sein kann. Wilhelm II. als protestantischer Fürst hat großes Verständnis für das Soziale, und das soziale Wohl seiner Völker liegt ihm sehr nahe am Herzen, wenn er auch nicht immer kann wie er will. . .'Hierhin gehört auch die politische Ungleichheit und daher Ungerechtigkeit -in Preußen, was von großem Uebel für'"die normale Entwicklung des Reiches, insbesondere Preußens, ist, Wilhelm II. ist nicht nur eine stärke Persönlichkeit, sondern auch ein Mann von vielseitiger Begabung; er hat Sinn für Kunst und Wissenschaft, sowie für Handel und Industrie, er ist tief religiös und dabei mvdern, bei ihm haben sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem harmonischen Ganzen vereinigt. Gar viel Befürchtungen sind der Thronbesteigung Wilhelms. II. vorausgegangen, sowohl.hinsichtlich seiner Kriegslust wie auch seiner Feindschaft zu uns Inden, allein die.Praxis hat diese Gerüchte Lügen gestraft. In unruhigen Zeiten, unter. schwierigen Umständen hat in erster Linie er gewußt den-Frieden zu halten, weshalb er von aller Welt als Friedensfürst gefeiert wird. Auch uns Juden gegenüber nimmt er eine wohlwollende .Haltung ein, und sogar unseren besonderen nationalen Wünschen hat er Sinn und Verständnis entgegengebracht. Seine, wohlwollende Gesinnung gegenüber dem' Zionismus ist zur Genüge bekannt, und aller Welt dürste noch seine Begegnung m'it Herzt aus dem Boden Palästinas in Erinnerung sein! Wohl haben wir Juden in Preußen gar manche berechtigte Wünsche übrig, allein daran trägt das konservative adlige Regime am meisten Schuld; der Adel ist. es, der allein an der Staatskrippe sitzen will und von seinen althergebrachten Privilegien nichts an andere Stände und Nationalitäten abgeben will! Hoffen wir, daß es unserem Kaiser in seiner weiteren Regierungszcit vergönnt sein wird, unsere einstwellen noch geschmälerten Rechte uns voll und ganz werden zu lassen! Und so sei fernerhin Gott mit diesem .ausgezeichneten Herrscher, dem größten aller Fürsten der Gegenwart, zum Segen aller seiner Völker und zum Segen der nationalen menschlichen Kultur! Brief aus Oesterreich. " Der Bclzer Rebbe beim Statthalter von Galizien. — Schlechte Beispiele verderben gute Sitten. — Ein merkwürdiger Rabbiner. —Der deutsche Blumentag in Prag. —, Die Kolliner Ritual nordaffäre. Der neue Statthalter von Galizien b. Korytowski empfing den Beizer Rebbe in längerer Audienz, — Es handelte sich dem Beizer RebbB hauptsächlich darum, sich die Alleinherrschaft in deM galizischen Kaul.'el (Bezirk) der Chaluka (Palästina-Spenden) auch weiterhin zu sichern, da in letzter Zeit der Wiznitzer Kaullel in Galizien sammeln läßt. Ein Gegensatz Wischen deM Wiznitzer und dem Beizer Rebbe besteht auch darin, daß ersterer Anhänger und letzterer Gegner einer. Vereinigung der Wischen Gemeinden Oesterreichs ist. Auch in dieser Frage dürste der Beizer Rebbe für die Berücksichtigung seiner .Anschauungen gestochen haben. Selbstverständlich hat sich das Gespräch auch um die nächsten Landtagswahlen gedreht, und ebenso selbstverständlich ist. es, daß der Bolzer