Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sabbat i n R i s ch o n. — Lage der Kolonie. — Dentitcn. — Fröhliche Stunden. Ich benutzte den Sabbat Vormittag, um die innere Lage der Kolonie kennen zu lernen. Die Kolonisten waren frei, saßen im Hause oder gingen spazieren und hatten Zeit und Muße, mir auf meine Fragen Antwort zu geben. Ich sprach mit verschiedenen Kolonisten, dem Rosch-hawaad, dem Leiter der Weinkellereien, den Lehrern, und konnte nach all dem. Gehörten mir ein ungefähres Bild von den Zuständen innerhalb der Kolonie machen. Ob man dieselben gut oder schlecht nennen will, hängt ganz von dem Standpunkt des Beurteilenden ab. Betrachtet man Rischon-le-Zion als isolierte Kolonie an und für sich, in der eine größere Anzahl einzelner jüdischer Kolonisten sich durch Bebauung der Erde ihren Unterhalt erwerben wollen, so ist die Lage unzweifelhaft gut zu nennen. Die Kolonisten verdienen alle ihren Unterhalt, verdienen sogar größtenteils mehr; der Weinbau ist sehr gut und rationell organisiert, der.Verkauf des Weines nicht minder gut, und der 'Markt der Rischonweine wird größer von Jahr zu Jahr. Soll also der ganze Zweck einer jüdischen Kolonie in Palästina darin bestehen, ihren Bewohnern durch Bebauung des Bodens Lebensunterhalt zu geben, so kann ntan mit Rischon durchaus zufrieden sein. Sieht man dagegen in jeder jüdischen Kolonie mehr als dies, sieht man in ihr einen der Steine im großen Gebäude der zukünftigen jüdischen Kultur in Palästina, des künftigen jüdischen Gemeinwesens, dann gestaltet sich das Bild ungünstiger. Denn in diesem Falle kommt es nicht mehr allein darauf an, ob die Kolonisten ihr Brot verdienen, ob die Pflanzungen resultierten, hier tritt. vielmehr die andere Frage als entscheidend hinzu: Wie verdienen sie ihr Brot? Dank welcher Mittel, welcher Arbeitskräfte prosperieren die Pflanzungen? Und als ich Meinen Gewährsmann danach fragte, da verfinsterten sich seine Züge merkbar, und er gab mir zur Antwort: „Es arbeiten vielleicht 1000 arabische Arbeiter in der Kolonie, aber gewiß keine 100 jüdische." Da wußte ich denn, daß Rischon-le- Zion noch lange, lange nicht das ist, was es sein soll. Und wußte, daß ich in Zukunft nicht mehr beim Schlürfen eines köstlichen Karmelweines das erhebende Bewußtsein werde haben können: es ist jüdischer Wein, in dem Sinne, daß jüdischer Hände Arbeit ihn großgezogen hat. Juden gehört er wohl, Juden haben die Trauben gekeltert, Juden .besorgen seinen Absatz in der Welt, drinnen auf dem | $BehtBerge aber haben Araber ihn gepflanzt, gepflegt und meist auch geerntet. Ich habe diesem schmerzlichen Gefühl dem Rosch-hawaad gegenüber, mit dem ich lange und. eingehend über diese Frage mich unterhielt, kräftig Ausdruck gegeben; , er versuchte, in längeren Ausführungen Entschuldigungsgründe für diesen Zustand herbeizubringen, und naturgemäß die Kolonisten inöglichst zu rechtfertigen. Sehr vieles von dem, waser vorbrachte, war sehr treffend und richtig, und als er seine interessanten Darlegungen mit den Worten schloß: „Sie können nicht fordern, daß jeder einfache Kolonist ein Idealist sei und statt Araber für 2 Bischlik (gleich 1 Franc) pro Tag Juden beschäftigen soll, die 2 Franc fordern und für die Arbeit -nicht so tauglich sind", da mutzte ich im Innern zugeben, daß es tatsächlich nicht angeht, von jedem Kolonisten ein solches Opfer zu* fordern. Im Gegenteil, die Kolonisation in Palästina ruht erst seit der Zeit auf gesunden Füßen, da in ihr das egoistische, kaufmännische Prinzip durchgedrungen ist, das jeden Kolonisten dazu führt, vor allem auf sein Interesse bedacht zu sein und möglichst .viel für sich herausschlagen zu wollen. Solange die Kolonisten int Glauben lebten, tagtäglich für das jüdische Volk zu leiden und ihr ganzes Leben als Opfer fiir das Judentum ansahen, war die Kolonisation eine Zdokohsache und weiter nichts. Heute sind die meisten Kolonisten doch schon von dieser Ansicht entwöhnt und wissen, daß .sie vor allem auf sich selbst angewiesen sind. Und wo das noch nicht ist, suchen wir es durchzusetzen; da ist cs denn in der Tat unmöglich, von jedem Kolonisten zu fordern, nur jüd. Arbeiter zu beschäftigen, wenn dies wirklich so viel teurer zu stehen kommt, wie es mein Gewährsmann behauptete. Nun, ich habe seitdem alle übrigen jüd. Kolonien besucht, habe dort vielfach doch viel bessere Zustände in dieser Hinsicht gefunden, als in Rischon-le-Zion und habe so die lleberzeugung gewonnen, daß es doch nicht so schlimm bestellt ist, wie es mir in Rischon gesagt wurde; daß der jüd. Arbeiter auf der anderen Seite viele Vorzüge hat und die größere Ausgabe an Löhnen durch manches andere zunt Teil wieder ausgeglichen wird. Trotzdem bin ich bei der Ansicht geblieben, daß, so wie die Verhältnisse heute liegen, das Postulat der jüdischen Arbeit nicht unbedingt an jeden Kolonisten gestellt werden kann. .Was aber gefordert werden kann, ist dies wenigstens, daß die Kolonisten das Ungesunde und Gefahrvolle des heutigen Zustandes empfinden und sich bemühen, ihn zu bessern. Und dieses Sorgen um eine Besserung habe ich in Rischon nicht wahrnehmen können. Dies ist es, was auf mich den ungünstigsten Eindruck gewacht hat. Denn die Gleichgültigkeit gegenüber der Frage der jüdischen Arbeit, die man den meisten Kolonisten anmerkt — eine Anzahl rühmlicher Ausnahmen ist natürlich vorhanden —, zeugt von einew Tiefstand des nationalen Empfindens. Nicht, als ob der Rischoner nicht als nationaler Jude empfindet; diese Alltagserscheinung des Goluth ist in Palästina ein Monstrum, nach dew Wan mit Lichtern suchen muß — von gewissen sehr engen Kreisen abgesehen. Was ihm aber zum großen Teil mangelt, ist die Sorge um nationale Interessen, das Bestreben, mit beizntragen zur Erfüllung dringender nationaler Aufgaben. In dieser Hinsicht steht.Rischon hinter mancher anderen Kolonie zurück. Und das dies so ist, das verdankt es den Verwaltern des Barons. Nirgends haben diese so sehr ihr Wesen getrieben als in Rischon (und Sichron-Jakob). Es ergreift einen noch heute ein Zittern der Empörung, wenn man aus dem Munde mancher Kolonisten von den Willkürlichkeiten und Freveltaten dieser demoralisierten Sprösslinge Pariser Boulevardkultur hört. Und wenn noch heute der Rischoner eine besondere Vorliebe für Pariser Toiletten hat, wenn noch heute in so und so vielen einfachen Kolonistenhäusern in Rischon der Besucher mit Beftemden in einen regelrechten Salon geführt wird nrit einem Klavier darinnen, wenn noch heute das Wort Paris für manche Rischoner — allerdings nur sehr wenige — einen zauberischen Klang besitzt, dann hat an all dem fast ausschließlich die Verwaltung des Barons schuld. Es hat sich seit ihren Tagen — vor nunmehr 13 Jahren wurde ihr ein Ende gemacht durch die Uebernahme der Kolonien durch die Jca — viel gebessert: wenn früher die Jugend vorwiegend französisch sprach, so herrscht heute dafür das Hebräische vor; wenn der Rischoner früher fiir alle Sorgen und Muhen nur die eine Hilfe wußte: den Baron, so ist er heute zu einem nüchternen, auf sich selbst stehenden Mann geworden, aber alle Wirkungen haben natiirlich noch nicht beseitigt werden können. Jedenfalls aber — diese Wahrnehmung habe ich wieder machen können — die Tendenz zur Besserung ist da. Es ist noch viel zu tun, damit Rischon eine wahrhaft ganz jüdische Kolonie sein wird, in der nur jüdische Hände arbeiten werden, aber es geht vorwärts. Es ist trotz aller arabischen Arbeiter doch eine sehr schöne Leistung, wenn dör Weinbau, bei dem der Baron früher Millionen verloren hat, heute so glänzend prosperiert, dank der Energie und der Umsicht der Kolonisten. Und wenn man im ganzen Lande beginnen wird, mit Energie an die Lösung der Frage der jüd. Arbeit zu gehen, wird gewiß auch in Rischon der Zustand sich andern. Zu Pessnnismus und Verzweiflung ist keinerlei Grund vorhanden. „Wollen wir nicht jetzt von der Bourgeofie zunt Proletariat uns wenden?", ftagte mich nach einigen Besuchen bei Kolonisten mein liebenswürdiger Gastherr, der Leiter der Schule in Rischon. „Mit Vergnügen", war meine Antwort, und in der Tat hatte ich im Stillen ein Gefühl der Sehnsucht gehabt nach diesen „Proletariern". Schließlich war ich nicht nach PaläsÜne gefahren, um Plüschmöbel und importierte Klaviere zu sehen, jede von harter Feldarbeit gebräunte Arbeiterhand .dünkte mich mehr wert als alle diese „Kultur", und so achtete ich nicht der Mittagshitze, des sandigen Weges, als mir mein Führer vorschlug, zu den Jemeniten hinauszugehen. Die Jemeniten wohnen neben dör Kolonie in einer besonderen Niederlassung, dören Häuser der Nationalfonds erbaut hat. Wir kamen bald hin und fanden die gesamte Bevölkerung in schönster SabbatstimMung. Die Kinder Welten, undiLie (StH wachsenen lernten. Wir traten in das Häuschen des „Chachams", eines Greises mit einem Prachtvollen Charakterkopf, der mit Thorastudium beschäftigt war. Das Zimmer — die Häuschen bestehen aus einem Zimmer und Küche — war sehr sauber gehalten, und die sehr junge Hausftau machte gleichfalls den besten Eindruck. Mit dem Chacham selbst knüpften wir ein Gespräch an, das mir Gelegenheit gab, seine reiche Kenntnis in Thora und TalMud zu bewundern. Fast jeder Satz war nrit einem talmudischen Ausdruck durchsetzt, und sehr oft bediente er sich ganzer Verse oder Sprüche aus Thora und GeMarah. Ich habe im Laufe der Reise, während der ich öfters die Jemeniten aufsuchte, wahrnehmen können, daß sie alle das jüd. Schrifttum eifrig studieren und viele in ihm sehr beschlagen sind. Neben dem Talmud steht auch der „Sohar", das Meisterwerk der Kabbalah, bei ihnen in hohen Ehren. Auch äußerlich machen sie fast alle einen sehr guten Eindruck. Ich wunderte mich über ihr kräftiges, gesundes Aussehen, trotz der grausamen Not, unter der sie in Jemen zu leiden haben. Und allgemein wurde mir gesagt, daß sie bei ihrer Ankunft aus Jemen wahren Jammergestalten zu gleichen pflegten und erst im Laufe ihres Aufenthalts im Lande dieses kräftige Aussehen und diese gesunde Struktur gewannen. Ich ftagte, wie