Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 23 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. frankfurter JfraeWsches famiÜenblatt. Weite 3 in: jenen unwegsamen Gegenden möglich ist. Am 27. März erhielt Oberrabbiner Dr. Märgulies - Florenz» der Präsident des Pro Falaschas - Komitees, aus D o b a r ek ein Schreiben von Dr. Faitlovich, das wie folgt lautet: „Ich benutze die Anwesenheit eines Kuriers nach Adua, um Ihnen mitzuteilen, daß ich bereits vor zwei Wochen Adua verlassen habe und auf dem Wege nach Amhara bin. Auf der Reise habe ich einige Falaschas-Gemeinden in der Provinz Tigre besucht. Ich kann Ihnen die Freude, welche 'jene unglücklichen Glaubensgenossen über meinen Besuch empfanden, jetzt nicht schildern, da der Kurier die größte Eile hat. Letzten Sonntag verließen-wir Tigre. Um hierher zu gelangen, hatten wir 3 Tagereisen durch die Wüste zu marschieren, wobei wir schrecklich viel gelitten haben. Gott sei Dank, aber haben wir nun den Marsch gut überstanden. Morgen bin ich wiederum unter den Falaschas in der Gemeinde M a s q u e l i ch o, wo ich den Sabbat verleben werde. Bon dort aus werde ich eine Fälaschas-Gemeinbe nach der anderen besuchen, bis ich schließlich nach Mondar komme. Bon Goudar folgt ein ausführlicher Bericht." EflflfMlhllNI 8tMf-HßS,aurant und Cal* rPtlPliniirn Anton pFoiGG«!» 1 U J tu Uli 111 y 9 Frisdtiergef Ldstr. 420. Tel, 418’ I empfiehlt seihe prachtvollen, schattigen Gärten, Terrasse, Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. Fär Sommerfeste vorzüglich geeignet. —■■■■ — <$Vu# aller WeU. Deutsches Reich. Berlin. Der Deutsch-Israelit. Gemeindebund veranstaltet hier am 22. Juni seinen VI. Berbandstag. Die Tagesordnung lautet: 1. Normalvertrag für die Gemeindebeamten, '2. Schiedsgerichte für Streitigkeiten zwischen Gemeinden und ihren Angestellten, 3. Die öffentlichen jüdischen Volksschulen, 4. Einführung einer amtlichen Inspektion für Religionsschulen. Breslau. UniverfitätSprofeffor Dr. Arthur Sachs schreibt im' hiesige» „Jüd. Volksbl." über das Reformjudentum: „Jede liberale Religion trägt den Keim des Todes in sich. Eine Religion ohne Dogmen, Geistliche und Zeremonien ist ein Phantasiegebilde, das unter keinen Umständen fähig ist, dem einzelnen Menschen oder gar der ganzen Menschheit den notwendigen Halt in diesem Leben, die Hoffnung auf eine Vollendung im Jenseits zu gewähren. In dem Augenblick, wo eine Religion „liberal" wird, fängt sie an, zur bloßen Philosophie herabzusinken. Kein philosophisches System aber hat.es bisher vermocht, die metaphysische Sehnsucht der Menschheit zu stillen, und man darf ruhig prophezeien, daß dies auch niemals in Zukunft gelingen wird, weil jede Philosophie dem menschlichen Hirn entspringt, während die Religion eine gnadenreiche göttliche Offenbarung repräsentiert. Die Unzulänglichkeit der bloßen Philosophie haben die größten Geister aller Zeiten anerkannt. Schopenhauer sagt: „Welche Fackel wir auch anzünden und welchen Raum sie auch erleuchten mag, stets wird unser Horizont von tiefer Rächt umgrenzt bleiben." Kant gesteht: „Mle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen, würde eine unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender Eigendünkel sein, daß man dadurch sich sofort um alles Zutrmien bringen müßte." Und 1905 erklärte Paulsen: „So groß die Fortschritte sind, welche die Wissenschaft in der Erkenntnis der Naturgesetze der Erscheinungen in neuerer Zeit gemacht hat, so ist dennoch pie Welt auch heute noch das große Rätsel, als welches g: dem ersten sinnenden Mttischengeist erschien. Die issenschaften bringen das Wunder des Daseins auf Formeln, aber sie eliminieren es nicht." (Vgl. Dr. Reinhold, der alte und der neue Glaube, Wien 1909 p. 140.) Man erkennt die Folgen des religiösen Liberalismus in der Judenheit deutlich genug. Es rächt sich, daß man den Mahnungen des genialen und strenggläubigen Samson Raphael Hirsch nicht gefolgt ist, sondern den liberalen Lockungen Holdheims und Geigers nachgegeben hat; der unleugbar im Rückgang begriffene religiöse Sinn des gegenwärtigen Geschlechtes ist die Folge dieser Verirrung." 4 Gydtkuhne«. Nach Rückkehr der Herren Simon Goldberg:»nd MoseS Trotzky hat sich eine Gruppe angesehener hiesiger jüdischer Kaufleute zu einer Palästina-Gesellschaft zusammengeschlossen und den Beschluß gefaßt, in der Kolo Merchawja 1000 DNnam Boden, exkl. Baunnd Gemüseplätze, zu kaufen. Oesterreich-llogar». Wie«. Der akademische Senat der Universität hat folgende Verfügung. erlassen: „Der akademische Senat hat bereits im Jahre 1896, als eine Gruppe deutschnationaler Studenten die jüdischen Studierenden als der, Ehre bar erklärte nnd ihnen deswegen, die Satisfaktronsfähigkeit absprach, eine derartige schwere Beleidigung verurteilt Und ist gegen-, die Teilnehmer an jener Beschlußfassung auf disziplinärem Wege vorgegaugen. Der akademische Senat hat auch im Vorjahr den Vertretern der jüdischen Studentenschaft erklärt, baß er jedes Vorgehen auf das entschiedenste mißbillige, wodurch einzelne Studenten oder Stndentengrüp Pen in ihrer Ehre gekränkt werden. Der akademische Senat steht heute -auf demselben «tand^unkt wie von jeher. Er betrachtet und behandelt alle Studierenden als gleichberechtigte akademische Bürger» er verurteilt eine Anschauung» welche die persönliche Ehrenhaftigkeit eines Studenten von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ration oder Konfession abhängig macht, er betrachtet daher den Vorwurf der Ehrlosigkeit gegen jüdische Studenten, wie er im Sinne des sogenannten Waidhofener Beschlusses. erhoben wird, als eine schwere Beleidigung. Der akademische Senat wird stets Angriffe von Studierenden auf die Ehre von Kommilitonen einer anderen Nation oder Konfession mit empsindlichen Strafen belegen, wie immer auch der Anlaß und die begleitenden Umstände geartet sein mögen. Andererseits muß der Senat dabei beharren, die in Tätlichkeiten ausartende Selbsthilfe je nach der Lage des Falles — wie bisher — bald schwerer, bald leichter zu ahnden. . Wenn von der jüdischnationalen Studentenschaft die Forderung erhoben wurde, alle Verbindungen, welche den sogenannten WaidhofenerBeschlnß zur Richtschnur nehmen, zu suspendieren, so muß daraus hingewiesen werden, daß eine solcheMaßregel nicht in die Kompetenz des akademischen Senats fällt ... Zum Schluß schlägt der Senat ein „akademisches Ehrengericht" vor. Summa summarum aber: es bleibt beim alten. Wie«. Ein jüdischer Geschäftsmann hatte eine Angestellte sofort entlassen, weil sie Rofch-ha-schonoh weggeblieben war, trotzdem er ihr ausdrücklich nicht freigegeben hatte. Die Angestellte forderte nun vor dem Gewerbegericht das Gehalt vom 1. Sept. bis 31. Dezbr. in der Höhe von 200 Kr., wurde aber mit der Klage ab gewiesen. Das Gericht begründete sein Urteil wie folgt: Die Klägerin muß zugeben, daß sie sich gegen den Willen ihres Dienstgebers durch zwei Tage von der Arbeit serngehalten hat; sie rechtfertigt ihr Vorgehen damit, daß es ihre Religion verbiete, an jenen zwei Tagen zu arbeiten. Das Gericht konnte auf die Frage nicht eingehen, ob die jüdische Religion wirNich an den beiden Neujahrstagen jede berufliche Arbeit verbiete, sondern mußte seiner Entscheidung jene gesetzlichen Bestimmungen zugrunde legen, die regeln, in welchem Umfang Gewerbeinhaber verpflichtet sind, ihren Arbeitern zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten freizugeben. Den von den verschiedenen Religionen aufgestellten Verboten, an Feiertagen zu arbeiten, ist — und zwar für alle Konfessionen gleichmäßig — im Artikel XIV des Gesetzes vom 16. Januar 1895, R.-G.-Bl. Nr. 21, dahin Rechnung getragen, daß es den Gewerbeinhabern zur Pflicht gemacht ist, an den Feiertagen den Arbeitern mit. Berücksichtigung ihrer Konfession die zum Besuch des Vorniiltagsgottesdienstes nötige Zeit einzuräumen. Dieser Pflicht hat der Geklagte Genüge geleistet, indem er der Klägerin an den beiden Neujahrstagen freigab. Diese Verpflichtung auszudehnen, stand dem Gerichte nicht zu, da richterliches Ermessen hier durch präzise Gesetzesvorschriften umschrieben ist. Trotz des .freisprechenden Urteils ist dieser jüdische Antisemit bei jedem anständig Denkenden gerichtet. Lemberg. ZnBroczyn ve>cha,ttgc Die Bevölkerung seit fast zwei Jahren ein Schülerstreik. In der dortigen Volksschule wurden nämlich vor ungefähr zwei Jahren in sämtlichen Lehrzimmern Kreuze angebracht, trotzdem nahezu 90 Prozent der Schüler Juden sind. Die jüdischen Schüler, antworteten auf diese Verfügung mit einem Streik, der durch einen Protest der Eltern unterstützt wurde. Der Ortsschulrat erklärte, daß seine Verfügung auch weiter aufrecht zu bleiben habe. Wohl sei die Schule keine konfessionelle Schule, doch stütze sich die Verfügung auf § 72 des Volksschulgesetzes, der bestimmt, daß die Schule die Kinder moralisch und religiös zu erziehen habe, damit die Kinder sowohl in konfessioneller wie in nationaler Hinsicht zur Toleranz erzogen werden. Um nun diese Absicht des Schulgesetzes zu verwirklichen, habe der Ortsschulrat die Anbringung der Kreuze in den Lehrzimmern verfügt. Daß sich die jüdischen Eltern mit dieser jesuitischen Auslegung des Schulgesetzes nicht zufrieden geben konnten, ist klar, ebenso, daß .sie gegen diese Entscheidung die Berufungsinstanz anriefen. Es steht aber zu befürchten, daß bei der bekannten. galizischen Raschheit über die Erledigung der Sache ein Jahrzehnt vergehen wird. Rußland. Petersburg. Jede Woche lägt sich von neuen Ausweisungen berichten. Soeben kommt von Kiew die Nachricht, daß dort über ca. 200 jüdische Schüler, die das von der Behörde geschlossene Nathansohnsche Gymnasium besuchten, die Ausweisung verhängt worden ist. Mit den Schülern werden auch die Eltern herausgeschickt, die durch ihre Kinder in Kiew das Wohnrecht hatten. In Sombtcowitz beschloß der Gemeinderat, die Regierung um die Ausweisung aller dort wohnender Juden zu etfudjen. ' Warschau. Die Bestialität, die im Dorfe Pontnova, in der Nähe von W e l u n, sich ereignet hat, ist ihrem Kern nach fürchterlicher, als man anfangs gewußt hatte. Es war nur bekannt, daß eine jüdische Familie von acht Personen durch vorsätzliche Brandstiftung ausgerottet worden ist, und man konnte nur vermuten, daß es sich um einen fanatischen Akt des Boykotts handle; jetzt aber zeigt sich, daß die Vermutung traurige Gewißheit ist. Die Verbrannten befanden sich nämlich in einer richtigen TJotte, als die Katastrophe über sie hereinbrach. Der oder die Brandstifter hatten das ausersehene Haus von außen vernagelt, so daß ein Entkommen unmöglich war. Als. dann das Haus in Flammen geriet, konnten seine In- Linele u in einfarbig braun, Ia Qual. 3,8 mm ä □ m. 3.75 Bei grösseren Quanten Extraofferten. Om Kupsohf Frankfurt a. ff., Altegasse 27/29. ■ Riugfreie Tapetenindnstria. fassen weder Türen noch Fenster öffnen, und nur ein Kind vermochte sich zu retten. Wie der Przeglad schreibt, ist das gauzeDorf an der Tragödie schuld. Memand kam den Unglückseligen zu Hilfe, ja als das kleine Mädchen auf irgendeine Weise aus dem Hause herauskam und in seiner fürchterlichen Angst die Nachbarn um Hilfe anflehte, da stieß die Menge ein tierisches Gelächter aus ... Türkei. Kouftautiuopel. Wie verlautet, hat der Sulla» die Erlaubnis zur Errichtung einer Jüdischen Hypothekenbank in Palästina erteilt. Das Kapital der Hypothekenbank soll 6 Millionen Francs betragen. Unter den Gründern sollen sich David Wolsfsohn, Dr. Jacobsohn und Dr. Katzenelsohn befinden. Palästina. Jerusalem. Dieses Jabr hat sich der seltene Fall ereignet, daß noch am 17. Mai ein ausgiebiger Regen fiel. Am Grabe Schimon Ha-Zaddiks im Kidrontale hatten sich Lag-be-Qmer Tausende versammelt. Die Leute in den verschiedensten Trachten boten ein farbenprächtiges Bild. Der gerade anwesende Dr. Schemarjahu Lewin, Mitglied des Engeren Aktionskomitees, hielt eine improvisierte Ansprache. Er wies mit tiefer Wehmut auf diese Menge ohne Einheitlichkeit im Gepräge und Charakter hin und forderte sie auf, die Einheit durch die hebräische Sprache zu schaffen. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Beim Stafettenlauf Potsdam- Berlin, an dem sich 57 Mannschaften beteiligt hatten, errang der Jüd. Turnverein ,Aar-Kochba" die 15. Stelle, ein sehr schöner Erfolg. Dresden. Kommerzi n m Georg Arnho ld erhielt den Charakter als Geheimer Kommerzienrat. Nürnberg. Der jüngst verstorbene Magistratsrat Michael Kohn hat 910000 J&. als Stiftung für Schmückung der Stadt hinterlassen. Schtidderg (Poen. Die hiesige, 1818 erbaute Synagoge wird jetzt eines durchgreifenden Umbaues unterzogen. Benthe«. Baurat A r o n s o h n ist zum Vorstand deS Hochbauamts in Nordhausen ernannt worden. Wien. „Kommis, Christ, mit feinen Manieren, von der Weißwaren- und Herrenmodedetailbranche, ausgenommen. Wllhelm Strauß, VII. Bez., Neubaugaffe 8"; — also lautete dieser Tage ein Inserat in einer hiesigen Tageszeitung. Der Inserent ist Jude. Kommentar überflüssig! i Prag Dr. Naihaniel Reich, ein Sobn des Badener Rabbiners, hat sich an der hiesigen deutschen Universität für Aeghptologie habilitiert. Der junge Forscher zählt zu den besten Kennern des Demotischen, einer besondersschwierigen Abart der hieroglyphischen Kursive. Lakenbach (Ungarn). Hier starb der als bedeutender Talmudgelehrte bekannte Mordechai Beer im Alter von 71 Jahren. Mariensab. David Löwenthal, Begründer und früherer Besitzer des Hotels Walhalla,' ist im Alter von 72 Jahren verschieden. TwtNSk tRntzlunü) 127 Jahre alt verschied hier. der Jude Chajim Moschkin. Er hatte fünf Frauen und hinterläßt 116 Nachkommen. Seine Mutter war 118 Jahre geworden. Waricha«. Dc. Maximilian Herz, ein bekannter Arzt und Philanthrop, ist — 71 Jahre alt — verschieden. Warschau In Wischkow sind 30 Häuser niedergebrannt. Kiew- Das Unglaubliche ist geschehen, — die hiesige Gerichtskammer hat beschlossen, Beilis vor die Geschworenen zu stellen. London. Cectt Chesterton Herausgeber der antisemitischen Zeitschriften „Eye Witneß" und „New Witneß", ist wegen Verleumdung Godfrey Jsaacs', des Direktors der Marconi-Gesellschaft, zu 100 Pfund Strafe verurteilt worden. Aus der zionistischen Bewegung. London. Auf der Jahresversammlung der Engl. Zion. Foederation waren 46 Delegierte anwesend. Vom Engeren Aktionskomitee waren Pros. Marburg, Dr. Hantke u. Dr. Jacobsohn nach England gekommen, denn es galt, endlich einmal bessere zionistische Zustände in England zu schaffen. Der Hauptgrund für die hiesigen Zustände ist in dem Bestehen einer zweiten zion. Foederation zu suchen, dem .Orden of Ancient Maccabaeans". Diese Organisation ist eine Gesellschaft auf Gegenseitigkeit für Krankheit und Tod auf nationaler Grundlage. Ihre Führer — Bentwitsch u. Dr. Waitzmann — sind Gegner der Leiter der Engl. Zion. Foederation — Cowen, Keßler usw.~—, die ihnen zu sehr das poli-