Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. erst nähere Nachrichten abivarten, ehe man seine Schlüsse ziehen kann. 2. Zn Profeffor Abraham Berliners 8«. Geburtstag. In trüben Stunden, in Stunden der äußersten Bedrängung von außen und schweren Kämpfen und seine Befreiung von.innen, hart am' „Smän inatan Taurosenu", beging unser Volk ein großes Fest, ein Fest unserer Thora und unserer Wissenschaft: wir meinen das eben begangene Fest des 80. Geburtstages unseres Seniors der jüdischen. Gelehrten, unseres großen Abraham Berliner! Unseres Großen? Nein, unseres Größten! Professor Berliner steht unter den gegenwärtig lebenden jüdischen Gelehrten mit seinein' umfangreichen, schier unermeßlichen Wissen auf allen Gebieten der Wissenschaft des Judentums fast einzig da! Einzig mit seinem ungewöhnlichen Fleiße, einzig mit seiner Vielseitigkeit, einzig als jüdischer Kulturhistoriker, .— aber auch fast einzig mit seiner Charakterfestigkeit und Ueberzeügungstreue sowie mit seiner -Objektivität, Gürechtigkeit und Wahrheitsliebe! Groß, sehr groß ist Professor Berliner, — und doch beruht die Größe dieses bedeutenden Mannes und Gelehrten vor allein in seiner Jüdischkeit. Dieser große Gelehrte ist cjin großer Jude, groß in seiner Liebe zu Judenheit und Judentum, groß in seiner Anhänglichkeit an die Tradition der Väter! Hierin ist her Schlüssel seiner Vielseitigkeit und tiefgründigen Gelehrsamkeit zu suchen Airs dieser großen Liebe heraus hat er volles Verständnis für alle Probleme und alle Strömungen, ja für alles Geschehen, alles Gewesene und alles Vorhandene'im Judentum. Aus dieser Liebe heraus sind ihm Mur Zwecke der Bervollständigllng des Judentums jeder noch so kleine einstweilige Forscher des Judentums, jedes jüdische Erzeugnis, der kleinste Pijut lieb und wert. Ist doch all' das, was,das jüdische Volk geschaffen hat, all' das, was. es zu den verschiedensten Zeiten erlebt, ein Stück seines Lebens, ein Stück seiner Seele, seines Jchs! Gleich seinen Lehrern Zunz und Sch D. Luzzatto beschränkt er sich nicht auf ein einziges Gebiet, sondern geht auf das Ganze aus; um aber ein richtiges Verständnis für eben dieses Ganze gewinnen zu können, muß auf die Einzelheiten, auf alle Erscheinungen, alle Manifestationen und Produktionen der jüdischen Geschichte und Literatur eingegangen werden. Dies will natürlich nicht sagen, daß alle Gebiete deml Forscher gleiches Interesse abgewinnen Müssen; vieles hängt von dem Geschmacke und dem Talente des Forschers ab; worin sich der Forscher am stärksten zeigt, dahin wird er stets sein besonderes Augennterk richten. Und so sehen rvir auch bei unserem Meister Berliner eine besondere Zuneigung für das Gebiet der jüdischen Kulturgeschichte; auf diesem Gebiete hat er geradezu Unübertroffenes geschaffen! Denn nicht nur hat er die Methoden seiner großen Lehrer Zunz und Luzzatto angewandt, nicht nur hat er sich Luzzattos traditionelle Anschauungsweise zu eigen gemacht, sondern er hat auch deren Talent und Begabung. Gleich Zunz besitzt er die wissenschaftliche Genauigkeit und Präzision, gleich Luzzatto das psychologische Verständnis für das Geschehene. Geradezu intuitiv erfaßt er bisweilen die Dinge. Und gleich Luzzatto ist er von der festen Zuversicht auf die Rückkehr seines von ihm über alles in der Welt geliebten Volkes nach dem Lande der Väter getragen! Berliners Forschung setzte nach der biblischen Zeit ein; er begann mit der Erforschung oes Kommentars des größten Kommentators Raschi; im Jahre 1865 gab er einen korrekten Text des Raschi- KoMmentars samt Quellennachweis heraus. Darauf folgte im Jahre 1871 das Werk „U e b er das innere Leben der Juden in Deutschland z!ur Zeit des Mittelalters", welches auch ins Hebräische übersetzt wurde. 1893 erschien däs dreibändige Werk: „Die Geschichte der Ind0n in Rom." Auch dieses Werk wurde ins Hebräische übersetzt. Als Anerkennung für dieses Meister¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. - Seite 3 werk ernanilte ihn der König von Italien zum' „Ritter der Krone Italiens". Wir nennen auch noch seine bedeutenden Werke über „TarguM Onkelos" — das vom preußischen Kultusministerium snbsidiert wurde — und über die grammatischen Grundlagen in Talniud und Midrasch. Wir müssen es uns versagen, auf die Werke des Meisters einzugehen, dazu würde ein Buch nötig sein. Nicht einmal eine Aufzählung seiner schier unzähligen Werke und Artikel können wir vornehmen. Als treuerSohn seineL Volkes, dessen Leiden er mitleidct, dessen Kämpfe er kämpft und dessen Hoffnungen er hegt, ist Professor Berliner kein trockener Stubengelehrter, dessen ganze Welt die Arba aMaus schel däas (vier Ellen des Wissens) ausniachen, ihnr liegen alle ernsten Tagesfragen der Judenheit und des Judentums nahe am Herzen und an ihrer Lösung hat er stets aktiven Anteil genommen. Er war einer der Hauptinitiatoren bei der Gründung der Berliner „Adas Jisroel"; er erneuerte die Gründung der Gesellschaft zur .Herausgabe von Werken des Altertums, genannt „Mekizei Nirdomim". Auch nahm er in seiner Schrift: „Zur Lehr und Wehr" gegen die Einführung der Orgel Stellung. Seinenr ganzen Wesen nach ähnelt Berliner dem! inilden Charakter Hillels. Als friedliebender Mensch ist er von der größten Toleranz beseelt. Die Kämpfe, die er führte, waren lediglich aus äußerster Not, zur Selbsterhaltung heiligster Anschauung und heiligster Ueberzeugung veranlaßt. Der Zufall tvollte, daß die Feier unseres Meisters in den Tagen der „Matan Taurosenu" gefallen ist. Unsere Weisen stellen den Menschen als Schutof (Mitschöpfer) an dem Schöpfungswerke hin, da er zur Vervollkommnung der Welt beiträgt. Doch wer bctvirkt dies aber mehr als der tveiso Forscher, der für die Ergründung und Versittlich u n g der Welt arbeitet? Wir ' feiern die Offenbarung unserer Thora, zu deren Zweck — wie die Weisen sagen — die Schöpfung ins Leben getreten ist; — doch im Anblick dieses „Lchutof lemaasei Bereischis", wie es Abraham Berliner ist, muß unsere Feier an Tiefe nur gewinnen, und so feiern tvir gehobenen Hauptes ein zweifaches Fest: ein Fest unserer Thora und ein Fest ihres Trägers, des großen „Schutof lentaasei Bereischis". Brief ans Oesterreich. Das Parlament hat sich in den letzten Tagen mannigfach mit den Juden beschäftigt. Für und gegen die Juden wurde gesprochen, boschämenderweise sprachen aber für die Juden eigentlich nur Glaubensgenossen. Allen voran wäre der Abg. Reizes zu crwähnen, der in mannhafter Weise für die Juden eintrat und den Unterrichtsminister energisch daran erinnerte, daß die Duldung des „Waidhosener Prinzipes" die Duldung einer schweren Beleidigung eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung darstelle, daß die akademischen Behörden, die untätig zuschauen, ja sogar parteiisch gegen die jüdischnationale Studentenschaft auftreten, sich mitschuldig machen an der tückischen Verhetzung gegen eine gesamtexVolks- resp. Religionsgenosseinschast. Abg. Breiter lenkte die Aufmerksamkeit der Regierung auf die vertragswidrige Behandlung der Juden in einzelnen der Balkanstaaten und verlangte energische Abhilfe. Abg. Dasznymski, der galizische Sozialdemokrat, konnte sich einige Liebenswürdigkeiten an die Adresse der galizischen Juden nicht versagen. Den Höhepunkt im antisemitischen Schimpfkonzert bildete die Rede des Deutschradikalen Wolf, der gegen die „beschnittenen und unböschnittencn Judenbuben" loszog. Sonderbar ist das Verhalten des Abgeordneten Kuranda, der in langer Rede die Schutzlosigkeit der Juden beklagte und dabei — ein rechtes Bild des vormärzlichen Schutzjuden — die jüdischnationale Studentenschaft anklagte, daß sie „Risches mache". — Unsere christlichsoziäle Presse, die stets gerne jeden für sich reklamiert, der eine hohe Stellung einnimmt, hat sich bei der jüngsten Sensation, der Aufdeckung der Spionage seitens des Generalstabs-Obersten Redl, in ihrer gewohnten ehrenhaften Weise benoiNMen. Redl, der seine rasche Karriere hauptsächlich dem Umstande dankt, daß er zu den wenigen Offizieren zählte, die allsonntäglich ostentativ nrit dem Gebetbuch zur Kirche gehen, wird nun plötzlich zum Juden, allerdings zum. getauften, gestempelt. Die Reichspost, Ostdeutsche Rundschau, Tschech und dergleichen Blätter dürfen ihren Lesern eben auch das Allerdümmstö vorsctzen. — Aus der Provinz ist nichts zu melden, höchstens, daß in Prag vor kurzem die Neuwahlen in die KultusgeMeinderepräsentanz unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit stattfanden. Diese Wahlen — oder richtiger KooPtierungen — erwecken so wenig Interesse, daß nicht einmal das Prager jüdische Blatt davon Notiz nimmt. Dieses Prager jüdische Blatt ist eine Spezialität, es ist wohl die einzige Zeitung der Welt — nicht nur unter den jüdischen —, die den großen Brand in Preßburg mit keinen! Worte erwähnt hat. In K o h l j a n o w i tz, einer kleinen uralten Gemeinde in Böhmen, ist die Synagoge, ein altes, stilvolles, künstlerisches Gebäude, abgebrannt. In Lieben bei Prag wird die renovierte Synagoge von jetzt ab nur tschechischem Gottesdienste gewidmet sein. Ob davon das Heil kommen wird? Ich bezweifle cs. Spectator. Brief aus Ungarn. Die 8-Uhr-Ladensperrc wird bald Tatsache sein. Der Gesetzenttvurf liegt dem Abgeordnetenhause bereits vor, er dürfte sehr schnell Annahme finden und auch sofort in Kraft treten. Man sollte fast meinen, Ungarn habe dann die soziale Frage gelöst, — solcher Wert wird auf dieses Gesetz gelegt. Für die den Sabbat beobachtende Judenheit bedeutet dieses Gesetz eine neuerliche Erschwerung in ihrem wirtschaftlichen Kampfe. Sie hat natürlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, das Unheil abzu- .wcnden und in dem Gesetzentwurf insofern eine Rücksichtsnahme erreicht, als er die Möglichkeit Vorsicht, Samstag abend bis 10 Uhr offen zu halten. ES heißt in dem Entwurf nämlich: „Am Samstag können die Geschäfte um so viel Zeit später gesperrt werden, um wie viel dieselben am selben Tage später als zur erlaubten Zeit geöffnet werden. Ueber 10 Uhr abends jedoch darf das Offenhalten der Geschäfte auch in solchem . Falle nicht ausgedehnt werden." Freilich ist es sehr fraglich, ob diese kleine Vergünstigung durchgedrückt wird. Der „Landesverband der Handels- und Privat-Angestellten" hat bereits Protestversammlungen abgehalten und bearbeitet die Abgeordneten mit einer Energie, die einer besseren Sache würdig wäre. Gründe des Anstandes und der Gerechtigkeit müssen heute stets nackten Jnteressen-Erwägungen weichen. Und welche Rücksichtsnahme kann bei einer solchen Moral die zerstückelte Judenheit verlangen? Das Endo ist: Die Sabbatbeobachtung wird wieder Einbuße erleiden. Man sollte meinen, daß die sabbattreue Judenheit dem Sabbatproblem ihre ganze Kraft zuwenden würde. Aber an Kraft, an einer Erfassung der Situation in ihrem ganzen Ernste Muß es mangeln, da Angelegenheiten dominieren und eine tiefe und großzügige Betrachtungsweise hemmen, die inan gerade in den Kreisen unseror Orthodoxie missen möchte. Wo sollte es ein treueres Spiegelbild von dem Wesen der Orthodoxie in Ungarn geben als auf deren Parlamente, der orthodoxen Landes-Repr äsentanz? Diese aus 60 Laien und 40 Rabbinern bestehende Körperschaft tagte vorige Woche, und ihre Verhandlungen waren nur eine Bestätigung dafür, daß sich die ungarische Orthodoxie mit Dingen beschäftigen muß, die wahrlich kein Zeichen gesunder Zustände sind. So sind in Ungarn Streitigkeiten bei Rabbinerwahlen leider sehr häufig und wirken lähmend En-tnitWiiff statt. Büsiaurant und Cali ißUPnnilYII Anton Pfeiffer» I blllulllllil IJ, Merger Ldstr. 420. Tat. 4Sft’ l empfiehlt seine prachtYollen, schattigen Gärten,Terrasse» Saal» sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. - r Für Sonunerfeste vorzüglich geeignet. ■■■— '