Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seid 2 stand -.^*4 sichern^ Ädher die ewige Angstob! Yie die nächste Generation noch/ beobachten wird.. - M:iü>ct Man sich nun der religiösen Frage in Palästina zu, so darf inan nie vergessen, daß, was draußen fast allein religiöses Gebot ist, es hier nicht ist, sondern zuiN großen Teil etwas ganz Natürliches darstM. So nnd so viele Institutionen des Religionsgesetzes beginnen hier wieder das zu werden, was sie iw alten Judentum waren: ganz selbstverständliche Bedürftnsse des Lebens. Hier ist Sabbat der für jeden natürliche Ruhetag: hier sind Ae Awisten Feiertage die natürlichen nationalen Festtage; hier sind so und so viele religiöse Gebote die natürlichen Sitte,r des Alltagslebens. Darum Ringt es für einen ausländischen Juden so unglaubhaft, wenn Man ihm erzählt, daß beispielsweise das hebräische GynrnasiuM an allen Feiertagen besonderen Gottesdienst in.seiner Aula abhält, oder daß die Druckerei der „Poalei-Zion," am Chol-hamvcd geschlossen ist. Ich will keinesfalls behaupten, daß damit die religiöse Frage hier gelöst, sei und keiner besonderen Sorge bedürfte. Darauf nur soll mit diesen Beispielen hingewiesen werden, daß die Frage hier nicht so schwierig und gefährlich ist als bei uns. Dort verbünden sich alle Mächte des wirtschaftlichen, politischen, geistigen Lebens gegen die! traditionelle^ Lebensführung, hier koMMen ihr die Lebens Verhältnisse sehr entgegen, ja erfordern sie sogar zuM Teil. Dies habe ich gleich am ersten Sabbat in Rischon-le-Zion empfunden. Beim Gottesdienst in der Synagoge allerdings nicht. Es ist eine sehr interessante Beobachtung, daß keine Seite des jüd. Lebens hier so sehrden Einfluß des neuen Lebens im Lande vermissen läßt wie die synagogalc. Das Gebet ist noch ganz das alle geblieben, nicht im Inhalte und in der Form — dies ist ja nur selbstverständlich —, sondern in seinem ganzen Charakter, im Geist, der es beherrscht und belebt. Dies geht so weit, daß, während überall die sephardische Aussprache des Hebräischen alleinherrschcud ist, das Gebet noch irr der aschkenasischen Aussprache abgehalten wird. Und selbst in Tel-Awiw, dein in Dingen des Modernen Hebräisnms extremen Tel- Awiw, ist . es nur nach Kämpfen und auch! jetzt nur Mit großer Mühe gelungen, in die Gebetssprache die sephardische Bokeckisation einzuführen; ein interessantes Symptom für die Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit des religiösen Lebens. Ein wenig enttäuscht kehrte ich von der Synagoge zu meinen Wirten zurück, wo wir uns bald zur festlichen Freitagabendmahlzeit niedersetzten. In sehr fröhlicher Stimmung machte ich Bekanntschaft mit einigen eigenartigen, wohlschmeckenden Speiser Palästinas, und die lebhafte Unterhaltung über palästinensische Problerne, die vielen Fragen, - die ich in unstillbarer Neugierde an meinen kundigen Gastgeber und ewigen Bekannten aus Jaffa, der mitgekommen war, stellte, bewirkten cs, daß die Mcchlzeit sich etwas King hinzog. Nach ihrer Beendigung schlug der Hausherr vor, noch einerr Reinen Spaziergang in der schönen Mondnacht zu unternehmen, ein Vorschlag, dem wir alle mit Freuden zustiniMten. Wir traten ins Freie-hinaus: welch eine Nacht! Die Lust so ftei und rein, ringsum eine erhabene! Ruhe und Aber uns ein HimMcl von einer solchen -Schönheit und Herrlichkeit, Laß Poeten in ihren reizendsten, dichterischen Phantasien sich keinen schöneren ausdenken könnten. Ein Steruemueer, so reich und strahlend, so dichtbesät nnt hellen, fnn- -kelnden Sternen, daß der unsere sich neben ihm wie die jämmerliche Kopie eines ewigen Bildwerkes ausnimmt. Ms ich zu diesem Himmel hinaufschaute, kam Mir unwillkürlich das feierliche göttliche Versprechen, das Wraham gegeben wurdet in den Sinn: „Und ich werde Dich so zahlreich machen wie die Sterne am Himmel." Unser Himmel kann keine Vorstellung geben von der Kraft und" Feierlichkeit, die in dieser Zusicherung^ liegt; erstan jenem Abend empfand ich die ganze Größe und. Erhabenheit dieses göttlichen Versprechens. Und' alle diese Sterne beherrschend, der Mond! Dieser Mond! Ich habe es in Europa nie verstehen können, wie ein Mensch Mondsüchtig werden kann. Ich konnte Mir nicht vorstellen, daß er auf jemand einen so gewaltigen Eindruck machen könnte. Hier habe ich es seitdem begreifen geleirnt, und heute wundere ich mich fast, daß »tan. von diesem Mond nicht Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . 9lt- 22 krank wird. Ich habe einige Tage,-später bei einer ^Nachtfahrt von der Kolonie Moza nach Jerusalem/ es versucht, mich ganz dein Zauber dieses: Mondes hinzugeben. Und als ich nach einer Stunde Fahrt mein Zimmer in Jerusalem betrat, da war ich in der Tat wie nwndkrank. Schier die ganze Nacht hindurch sah ich ihn über nur leuchten, und mich dünkte es immerzu, als ob es mich mit unwiderstehlichen Banden zu ihm hinaufzöge, als ob mich geheimnisvolle Kräfte nach oben drängten, unt mich diesem mystcricncrfülltcn Glanz ganz zu verschntelzen. . . Es gibt heilte, nach einer jahrtausendjährigen Entwicklung der Lyrik säst keine Naturschönheit mehr, die nicht ihren ewigen Sänger geftmden hätte. Die Mondnacht Palästinas mit ihrem den Geist umstrickenden Zauber, mir ihrer die Menschen verwandelnden Macht hat ihren Dichter noch nicht gefuirderr. Und' ich Mn sicher, in der neuen hebräischen Poesie, die! sich in Erez-, Israel mit der Zeit cntwickelil wird, -wird die palästinensische Mondnacht eine der ständigen Themen dichterischer Sangeskunst bilden. All diese Gedanken sind nur erst später in den Sinn gekommen. In jener Sabbatnacht, da ich zuin ersten Male dieser Mondnacht gewahr, gab ich Mich ganz unmittelbar, nichts denkend und sinnend, ihrer Schönheit hin. Wir gingen auf die Hauptstraße hinaus, und dort war fast die ganze Bevölkerung versammelt, die in der herrlichen Nacht draußen ihren Sabbat gemeßen wollte. Wie gelähmt von der Wirkling dieser Nacht setzte ich mich bald mit einigen Bekannten auf eine der Treppen der Synagoge nieder. Vor mir die schöne! breite Straße mit ihren fröhlichen, promenierenden Scharen nnd darüber hinaus ein weiter 'Fernblick — der am Tage bis znnr Meere reicht —, über mir der herrlichste HimMcl, rings unt mich eine paradiesische Lust und unter meinen FnßeN die Erde Palästinas; wo gibt es einen Fleck in der Welt, auf den: ein Jude den Sabbat schöner seieirn könnte als hier!'So schön, so unvergleichlich schön düntte mich alles dieses, daß cs litir fast schwer fiel, es alles als Wirklichkeit zu uchmcn. Wie ein großer, wunderbarer Trauut erschien mir das Ganze, und gar bald begannen seltsame Traumbilder vor Meinen.Augen aufzusteigen. Die älteste, idyllische Geschichte unseres Volkes flog an meinen Sinnen vorbei: jener würdige Greis mit dem wallenden Haupthaar, der vor der' Türe seines Hauses saß, dünkte mich Abraham, der Stammvater, zu sein. Jenes junge Paar, das, Arm in Arm gehend, Licbeslvorte flüsterte, stellte mir Jakob und Ryhel vor. Dort die Reihe singender Mädchen, die hüpfenden Schrittes vorbeieiltcu, ivar cs nicht Mirjam mit ihrer Schar? Und plötzlich Ivechsclt das Bild. Von der fernsten Vergangenheit trägt mich die Phantasie in die schönste Zukunft. Das rauschende Branden des Meeres dringt dumpf rollend an mein Ohr, und in der Ferne glaube ich ein mächtiges Schiff landen zu sehen, dem eine große Schar junger Helden entsteigt, die gekommen sind, um ihre alte, ewig junge Mutter Zion von der jahrtausendelangen Schmach zu befreien. Ich sehe! sie stolzen Mutes gerade auf uns zukoMmen, schon glaube ich ihre Schritte zu vernehmen, und in der Tat — in geordnetem Zuge schreitet die fröhliche! Schuljugend heran, besetzt rasch die breiten Steintreppen der Synagoge und — und beginnt, unter Leitung des Schulleiters palästinensische Lieder zu singen. Mein Traum' ist jäh unterbrochen, aber ich beklage mich nicht; von einer schönen Welt bin ich in eine andere versetzt, nicht minder schön Ringen diese Lieder meinen Ohren, als jene Bilder meinen Augen erschienen. Nichts vielleicht von dem, ivas die Jüdcnheit Palästinas in der kurzen Zeit ihres Hierseins bereits geschaffen hat, trägt mehr den Charakter, den Stempel des neuen Lebens hier an sich als die hiesigen hebräischen Volkslieder. Der ganze .lachende Reichtum. des Landes hat in diesen bestrickenden Melodien seinen Ausdruck erhalten. Nichts hier voll jener kranken Melancholie, jener krastlähmendcn Traurigkeit, die so viele der Goluslieder charakterisiert; nichts .aber auch von der „chassidischen" Gekünsteltheit, von denk unnatürlichen Ziehen nnd Drehen des Tones, das für die fröhlichen Volkslieder des jüdischen Ostens so bezeichnend ist. Die palästinensischen Lieder sind sehr melodienreich, aber dieser MelvdionreichtuM ist .natürlich, ungekünstelt. Und so einfach sind' .diese Liederso kindlich ^einf^ch^SM^sckHnlenDallH für Kinder Mchchsfen? AseH^'p«r sdoihEHr Menschen, die noch fähig sind) WHchW zu.'sein wiH Kinder. Und diese" vielen Mräben und' Mädchen neben ' mir auf den Synagogenstnsen singen schön. Man empfindet es, daß sie alle gern und oft ihre.gesunde Kinderkehle ertönen lassen. - Klar, und laut dringen die Töne in die große weite. Welt,, und als zuletzt das Palästinalied „Poh baarcz -chemdäth awoth" angestimMt wird, dieses einfache kurze Lied, das alle Freude und alles. Glück über das ixeite Äch'en in Erez-Jsracl zu so schlichtem' und., darum! so ergreifenden Ausdruck bringt,...nnd das ganze spazierende Publikum einfällt, da schallt per Sang so hell "und froh hinaus in die weitefreie Luft, als wollte er aller Welt, den Brüdern..dort jenseits des Meeres, den Völkern in alleii' Ländern des Erdenkreises,. den Ahnen tief in ifdi Erde unter unseren Füßen, dem Himmel samt Mondund Sternen da oben über unseren Häuptern, als wollte es allen, allen die Kunde bringen vom neuerstandenen Judenvolke in seinem ueuerweckten Judenlande, vom neuen Israel und seinem neuen Zion. Sehr ungern erhob ich mich von Meinem Steinsitze, als die späte Nachtstunde uns gemahnte, die schöne Stätte dieser Mondnacht mit derjenigen des Bettes zu vertauschen, nnd lange, lange um-- gaukelten lvunderbarc Bilder Meine Sinne, umspielten herrliche Klänge meine Ohrein, ehe der allmächtige Engel des Schlafes auch dieses unter seine allesverhüllenden Flügel verschwinden ließ und mich in sein Reich entführte, wo es keine Lust und keine Freude, aber auch kein Leid und'keinen Schmerz gibt. Aber lwch bis in dieses allen verschlossene Reich des Schweigens und der Ruhe hinein verfolgten mich die Eindrücke dieser unvergeßlichen Sabbätnacht, und noch im! Schlaf uMkosten mich holde Bilder und bestrickende Melodien wiegten meine Sinne und umklangen mich als wie beglückende Versprechungen nahen Glückes. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Zur Neugestaltuug der Dinge im türkischen Reiche. Die Niederlage der Türkei greift doch! tiefer in ihren asiatischen Besitz ein, als es schien. Sic hat nicht nur den größten Teil ihres europäischen Besitzes eingebüßt, sondern Muß sich auch in ihren übrigen Gebieten zu Konzessionen verstehen, die eine bedeutende Einschränkung ihrer Selbständigkeit bedeuten. Doch lvas tut man nicht, wenn Man Geld gebraucht! Und die türkische Regierung braucht viel, sehr viel Geld, wenn sie sich die Herrschaft wahren, wenn sie die Antonoiniegelüste ihrer vielen Völker im! Zaume halten will. Und die Staaten als Gcldlciher sind bekanntlich! die hartherzigsten Wucherseclcn, sie kennen kein Erbarmem mit ihrem Opfer, jeden Vorteil, den sie ans ihm herausprössen können, erpressen sie bis zur Neige. England und Frankreich sind die großen Geldleiher. England steckt bei dieser Gelegenheit in verschämter Weise Arabien ein und Frankreich Macht sich zum. Herrn des Kulturivesens, es ursnrpiert das Schulwesen in der sehr richtigen Boraussetz-! ung, daß der geistige Einfluß ans die Dauer die höchsten Renten trägt. Diese veränderte Situation hat auch für die jüdischen Interessen in Palästina ein neues Bild geschaffen. Die „Alliance Jsraelite Universelle" und die ihr allgegliederte „Jca" haben in den letzten Jahren die Methode befolgt, sich möglichst aus Palästina znrückzuziehen. Es geschah das. wohl unbewußt, aus ihrem assimilatorischen Herzen heraus, damit sie zu einem! Aufblühen eines jüdischen Palästinas nichts beitragen, lieber Nacht ist dem! anders geworden. Die „Jca" .will plötzlich große Ländereien in Syrien kaufen, und auch die Alliance wird heute chre Polittk geändert haben nnd. das Schulwerk in Palästina, wie es in den letzten Jahren mehr, und mehr geschah', nicht mepr dem Hilfsverein der deutschen Juden überlassen. Das Interesse Frankreichs ist, wo es nötig erschien, beiden Organisationen bisher stets, wenn sie As'auch bestritten haben, höchstes Gesetz gewesen, dann erst kamen rein humane und dann' erst jüdische Evwägungen. Man kann heute nur die Tatsache von der neuen Wendung 8er Dinge verzeichnen und ninß