Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Schopenhauer ist der einzige unter allen großen Systematikern, dessen philosophische Konzeption zu der Weltanschauung des Judentums in einer ganz bestimmten, direkten Beziehung zu stehen kommt, und dessen Stellungnahme daher dem Judnitunie gegenüber, für dieses eine, große Bedeutung erlangt. Daß Schopenhauer allenthalben und bei jeder Gelegenheit als ein ausgesprochener Gegner des jüdischen Prinzips auftrat, — dies ist eine allbekannte Tatsache, die nicht weiter betont zu würden braucht. Er. ist aber einer von . jenen Gegnern, die für das von ihnen befehdete Prinzip unvergleichlich wertvoller als tausend andere Parteigänger und Mitläufer sind, weil ihre Gegnerschaft zum intensiven Nachdenken. herausfordert und zur Klärung des Prinzips wesentlich beiträgt. Schopenhauers Pessimismus stellt das Judentum auf eine harte Probe, und keiner, der dieses ernst nimUit, darf sich ihr entziehen. Uebrigens hat das Judentum in der Person seiner wahren und echten Vertreter sich niemals gescheut, seinen Gegnern dreist ins Gesicht zu schauen, ja das Judentum forderte geradezu den Kampf heraus, uni seine Kraft an dem Widerstande zu stählen. Jedenfalls war der banale und billige Hurrah-Optimismus dem Judentüme keineswegs willkommen. Hiob, Kohelet und viele Auslassungen der Psalmisten und Propheten liefern ein beredtes Zeugnis dafür. Bekanntlich hat Gott an den vertuschenden Reden der drei Freunde Hiobs keinen Gefallen finden können, und nur die scharfen und entschiedenen Anklagen Hiobs waren es gewesen, auf die er eingegangen ist. Diese gesunde pessimistische Unterströmung ist keineswegs eine im Judentums zufällige! Erscheinung, ist keineswegs dem Hauptstrom der jüdischen Ideen von außen her zugeflossen, sondern geht aus eben Demselben Urquell hervor, d'eM die Stimmung des echten Judentums seine Entstehung zu verdanken hat. Denn sieht Man den Dingen auf ihren letzten Grund, so wird man unschwer jenen Wurzelpunkt entdecken können, in deM der grotzö Widersacher des jüdischen Prinzips, ohne es freilich selber zu wollen oder bloß zu ahnen, und trotz seiner erbitterten Gegnerschaft mit der Grundtendenz des Judentums für einen Moment zusammentrifft, um von da aus allerdings eine stracks entgegengesetzte Richtung cinzuschlagen. Wir meinen damit jene subjektive, rein persönliche Reaktion auf den indifferenten Lauf des natürlichen Geschehens, die dem Judentume zu seiner großartigen moralischen Konzeption verholfen hat, denn seine moralische Haltung dem Weltlauf gegenüber konnte sich nur aus einer ursprünglich protestierenden Gebärde entwickeln. Das Judentum kennt wohl eine Ergebung in die Gottheit, weil es die letztere ausschließlich unter dem Gesichtswinkel der Moralität erblickt, und weil es zu dem ethischen Faktor im Universum ein unbedingtes Zutrauen hegt. Aber die Ergebung in die Natur, die Ergebung in das Fatum, das Kniebeugen vor der rohen Tatsache, bloß deshalb, weil es eine Tatsache ist, das Kriechen vor dem Bestehenden, das Hundeiwedeln vor dem äußeren Erfolg — diese ganze servile! Gesinnung überhaupt, die iM Keime schon in den Religionen der nichtjüdischen Antike enthalten war, und die besonders in der Wissenschaft unserer Tags zu ihrer vollen Entfaltung gelangte, diese Ge-, sinnung muß der Grundidee des Judentums, die den Sieg der Gerechtigkeit anstrebt, unbedingt zuwiderlaufen. Und Aehnliches sehen wir bei Schopenhauer. Schopenhauer zieht das Sein vor den Richterstuhl des persönlichen Willens, und darin eigentlich steckt der echte Moralische Kern seiner Philosophie. Der L>chopenhauerschc Pessimismus darf beileibe nicht mit jener schwülen altindischen Stimmung verwechselt werden, die aus dem tieferen Orient zu uns hinüberweht, wie es vielfach zu geschehen pflegt, und wozu Schopenhauer selber des öfteren Anlaß gegeben hat. Dem NirvLnatuM des alten Indiens fehlt jener energische Appell an den eigenmächtigen Faktor des persönlichen Willens, wie wir es bei Schopenhauer in ausgeprägter Gestalt sehen, es fehlt ihm vor allem jene protestierende Haltung dem Naturlauf gegenüber, die bei Schopenhauer zum deutlichen Ausdruck gelangt, und die ihn in einen scharfen Gegensatz zu den indischen Grundanschauungen bringt. Betrachtet man die Dinge von rein äußerlicher Seite, so wird man vielleicht zwischen dem Schopenhauerschen Pessimismus und den Tendenzen des NirvLnatums keine wirkliche Differenz entdecken können. Aber sobald wir versuchen, vermittelst einer intuitiven, nachfühlendeu Erkenntnis uns in diejenige GrundstiMmung zu versetzen, die das NirvLnatuM aus sich heraus entwickelt hat, so wird uns die tiefe Differenz zwischen Schopenhauer und den altindischen Anschauungen nicht entgehen können. Diese wurzeln in einer stillschweigenden Anerkennung und Billigung des unabänderlichen, unerbittlichen Fatums, in das sich der menschliche Wille zu ergeben hat, und vor dem er sich nur durch die Flucht retten kann. Es fehlt das drantatische Moment des Kampfes, es fehlt vor allem die Beurteilung und Verurteilung des Daseins, worauf wir hier besonders den Nachdruck legen. Ganz anders bei Schopenhauer: der menschliche Intellekt, der das Dasein zur Rechenschaft zieht und verurteilt, der menschliche Wille, der sich gegen das Sein wendet, um es zu bekämpfen. Bon innen gesehen, bekommen die Dinge eine ganz andere Beleuchtung und einen ganz anderen Aspekt: das indische NirvLnatuM samt seiner Lehre von der ewigen Wiedergeburt, die griechische Anauke, der Darwinismus Mit seinem Kriechen vor dem äußeren Erfolg, der Marxismus mit seinem allmächtigen ökonomischen Faktor, Nietzsche mit seiner Verherrlichung der Gewalt, — diese Erscheinungen sind im Grunde ihres Wesens Gestaltungen eines und desselben amoralischen Prinzips. Dagegen führt der Schopenhauer'sche Pessimismus auf ganz andere Wurzeln zurück: auf die innere Einkehr des Individuums und seine Stellungnahme zu der äußeren Natur. Wir haben gesagt, daß der Schopenhauer'sche Pessimismus das Judentum auf eine harte Probe stellt. Diese harte Probe ist der Optimismus selber. Denn jede echte optimistische Gesinnung, die aus der inneren Ueberzeugung eines Menschen hervorgeht, und nicht das Produkt eines besonderen Stumpf- oder Leichtsinns därstellt, mutz die moralische Verantwortlichkeit für alle llebel des Daseins auf sich nehmen, muß den pessimistischen Angriffen tapfer standhalten können. Widrigenfalls haben wir es eigentlich nicht mit einem' Optimismus, sondern lediglich mit einem leichtfertigen Verhalten den Dingen gegenüber zu tun. Der Optimismus ist Ueberwindung oder er ist nichts. Und von diesem Gesichtspunkte aus stellt sich uns das Judentum als ein fortwährender Versuch dar, das Sein innerlich zu überwinden. Nietzsche, der einen wun- ‘ ' Spürsinn für alles GrvWgige hätte. hat diese Tendenz des Judentums erraten, indem er den prägnanten Ausspruch getan hat: Bor die Frage Sein oder Nichtsein gestellt, antwortete das Judentum: Sein. Nur meinen wir, daß das Judentum nicht einmal vor die Frage gestellt worden ist, sondern daß es fortwährend vor dieser steht und die Aufgabe vor sich sieht, sie zu lösen. Der Prophet Esekiel erzählt uns, daß er eine Vision gehabt hat, worin er die Judenheit sich in ihrem Blute wälzen sah und ihr zurief: In deinem Mute lebe, in deinem Blute lebe? Dieser Ausruf kann als das charakteristische Symbol der jüdischen Gesinnung dienen. Es ist das absolute Vertrauen in die Macht des ethischen Faktors und das permanente Bedürfnis, das Uebel des Daseins innerlich zu überwinden. Nur diese Gesinnung hat die Zukunft für sich. vr. R. Seligmann. Erez-Jsrael. (Reisebriefe.) Bon NachuM Goldmann. IV. Sabbatnacht in Rischon-le-Zion. Sabbat in Erez-Jsrael? Welch' ganz anderen Klang, welch' ganz ändere Bedeutung hat doch der Sabbat hier, verglichen mit dem unseren inr Goluth. Bei uns eine Institution, die in keinerlei Harmonie zu den wirtschaftlichen Verhältnissen um seres Lebens steht, deren Auftochterhaltung nur unter den größten Schwierigkeiten durchgeführt werden kann, und die darum den Charakter des durch das Gesetz Erzwungenen, Unfreiwilligen an sich trägt. So gern, so fteudig auch jeder traditionelle Jude Sabbat feiert, ptan merkt es dÄn Sabbat im Goluth — zumal in Westeuropa — an, daß er nur dank der Autorität des religiösen Gesetzes existiert. Wenn ich am Samstag Nachmittag die Friedberger Einlage voll von Juden in Ge^ rock und Zylinderhut sehe, empfinde ich, daß der Sabbat uns mehr den vom Gesetze diktierten Föiertag. als den natürlichen Rasttag bedeutet. Den Juden, die am Sabbat in der Hauptstraße oder auf dem „Goren" in Pethach-Tikwah spazieren gehen, merkt man es sofort an, daß ihnen dieser Tag der ganz natürliche, selbstverständliche Ruhetag ist, den zu feiern sie die ganze Struktur ihres Lebens — ohne alle Hilfe des religiösen Gesetzes — zwingt. Es versteht sich von selbst für einigermaßen gesittete Menschen, daß man einen Tag in der Woche rastet, und es versteht sich für Juden von selbst, daß dieser Tag der 'Sabbat ist. Und diese Tatsache, so selbstverständlich und um bedeutsam sie erscheint, ist doch von allergrößter Bedeutung: Sie bildet die Grundlage zur Beurteilung des religiösen Zustandes und der religiösen Entwicklung der palästinensischen Judenheit. Für gute Zionisten und Freunde Palästinas stellt ja diese Frage den Kernpunkt ihres Sinnens und Sorgens um das ganze jüdische Leben hier dar. lind die vielen unangenehmen tumultösen Debatten und Kämpfe, die diese Frage in zionistischen wie außerzionistischen Kreisen hervorgerufen hat, sind ja noch in aller Erinnerung. Man wird aber nie zu einem wahren Verständnis-dieses Problems gelangen, wenn man es nur vom Standpunkte unseres Goluthjudentums betrachten wird. Uns sind alle jüdischen Institutionen und Sitten vor allem religiöse Gebote, die fast ausschließlich kraft der Autorität des Regigionsgeistes bestehen; daher die unendliche Mühe, die es erfordert, um ihrtzn Be-