Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 21 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«eite 2!. sich trägt. Und die Menschen, die ich auf der SÄaße sehe, destätigen - diesen Eindruck. Viele fein gekleidet, die Damen zum Teil kunstvoll frisiert, int Sprechen, im' Leben, in allem Städtern gleichend, nicht Landleuten. Und sodann: ich suche die männliche Äugend und finde sie nicht. Vergebe lich spähe' ich nach kräftigen, uruskulösen Jünglingen^ mit Händen, die von schwerer Arbeit zeugen, es sind keine zu sehen. Wohin ich blicke, entweder erwachsene, ergraute Männer oder junge Mädchen. Wo sind sie, die jungen Kolonisten, die Hoffnung und ZukNnststräger jedes Gemeinwesens? — Der erste Bekannte, den ich danach frage, und es war meine erste Frage, gibt mir die niederschmetternde Antwort: „Ausgewandert. In Paris, in Nancy, in Amerika können Sie sie finden." Und zur Erklärung. — vielleicht zur Entschuldigung — dieser Antwort beginnt er, mir eine lange Geschichte zu erzählen: von den dollen, nie versagenden Händen des Barons und! seinen nichtsnutzigen Administratoren, von ewigem Schnorren und' stetem Müßiggang, von französischer Erziehung und französischen Idealen, von Pariser Drlletten und Pariser Romanen. Es ist die alte, mir wohlbekannte tragische Geschichte von der Tätigkeit des großen Barons. Doch, wie uiN mich zu trösten, erzählt er mir zuletzt, daß sich der Zustand jetzt bereits viel gebessert habe, daß die jetzige« Heranwachsende Jugend bereits in der Kolonie verbleibe, daß inan immer mehr und mehr das Prinzip' der jüdischen Arbeit zu realisieren beginne, daß ein ganz neuer Geist die Kolonie beherrsche, der Geist - der nationalen Medergeburt, der Geist eigenen Schaffens und stolzer Männlichkeit. Und er beweist mir dies an Tatsachen. Er nennt sie bei Namen, die jungen Kolonisten, die in der Kolonie verblieben sind. Und diese Tatsache beruhigt, tröstet mich. Ja, recht überlegt, war es nicht duMM, sich über die arabischen Arbeiter zu Ärgern? Wußte ich es nicht im voraus, bereits vvr Meiner Herkunstl Ist die Geschichte der Tätigkeit des Barons nicht längst bekannt? Was durste ich also Mehr erwar- .ten? Und war schließlich nicht das, was ich fand, durchaus zufriedenstellend unter diesen Umständen? Eine prachtvolle Kolonie, schöne Weinberge, fröhliche Menschen! Was will ich mehr? Es ist alles richtig, — und dennoch: man weiß alles Ungünstige im voraus, 'und cs schmerzt doch, wenn man es wirklich antrifst. An Palästina tritt man eben mit ganz anderen, hundertfach gesteigerten, ganz ungerechtfertigten Anforderungen heran. Hier mutz alles gut und schön sein, hier darf keine Schattenseite, kein Fehler sein. Denn dies ist unser heiligstes, unser letztes Juwel. Jede Unreinheit, jeder Fleck an ihm schmerzt tausendfach. Und dabei vergessen wir denn aüzuleicht, welche Aufwendung von Arbeit und Energie dazu gehört, um dieses Juwel von dem Schmutz und' dem Staub, der .sich ihm in.jahrhundertelanger Vernachlässigung angesetzt hat, zu reinigen, und welche absurde Forderung es demgemäß ist, daß es bereits jetzt, nach einer relativ so kurzen Frist, völlig blank gereinigt fei. Nicht darauf kommt es bei der Bewertung der Zustände vor allem an, ob bereits alles gut sei, sondern darauf, ob alles besser wird. Mehr als das Resultat gilt uns die Tendenz, und die Tendenz ist eine gute, durchaus beftiedigende. Es wird besser, und in starken Schritten schreitet die Besserung.- vorwärts. Diese Gedanken lassen allmählich die traurigen Empfindungen, die meine Freude, durchsetzten - und trübten, völlig verschwinden. Ein reines Gefühl der Befriedigung, des Glückes erfüllt mich, und froh gestimmt, beginne ich mich zurecht zu machen — so weit es die spärliche Reiseausrüstung gestattet — für den kommenden Sabbat. Mit vielen schönen Hoffnungen gehe ich diesem Sabbate entgegen, meinem ersten Sabbat in Erez-Jsrael! Ans de» Ereignisse» des Tages. Der Kampf gegen die Mission in Palästina. Wenn man es nicht jeden Tag an hundert Beispielen sowohl im Leben des einzelnen wie in dem der -Völker wieder konstatieren könnte, würde man es gar nicht glauben, welche Macht über "den Menschen die Gewohnheit besitzt. Dinge, so entwürdigend^ daß sie jedem' die Schamröte ins Klntlitz treiben wurden, trenn er UHst ersten Mal Frankfurter Jsraelifisches Familienblatt. ihrer gewahr würde, nimmt man, pauk der abstumpfenden Wirkung der Gewohnheit, mit der Zeit als selbstverständlich hin, und es bedarf schon einer oftmaligen Auftüttelung, . damit man sich der Schmach, die sie enthalten, voll und ganz bewußt wird. Zu der Kategorie dieser Dinge gehört das M' i s s i o n s w c f e n in Palästi n a. Kein Land gibt es, in dem die Mission so stark ist wie in Palästina. Palästinarcisende anderer Nationen haben schon oft ihre namenlose Verwunderung darüber ausgesprochen, wie die Juden es dulden könnten, daß Hunderte und Tausende ihrer Volksgenossen im Lande ihrer Väter die Schulen der Mission besuchen und ihre geistige und moralische Erziehung dort erhalten. Und wir Juden selbst, wir haben schweigend zugesehen, es Meistals beinahe selbstverständlich empfunden oder bestenfalls mit einer Miene des Bedauerns und einem ächzenden Tone des Schmerzes uns unserer Pflicht' entledigen zu können geglaubt. Und es hat erst einejr jahrzehntelangen Entwicklung des nationalen Würdebewußtseins, es hat der Einwanderung einer großen Anzahl junger Kräfte aus Europa bedurft, um endlich weiteren Kreisen die Auge!» aufzureißen und ihnen die Schnlach, die dieser Zustand für uns bedeutet, zum Bewußtsein zu bringen. Es gibt keine genaue Statistik darüber, wieviel jüdische Kinder die Missionsschulen besuchen, — aber jedenfalls sind es Tausende. Denn Missionsschule ist in Palästina alles, was nicht jüdische Schule ist; ob es sich nun französisches Collögue oder deutsches Gymnasium nennt,, direkt oder in-, direkt, im Geiste, der den Unterricht beherrscht, ist es Missionsschule. Und wenn man die genauen Zahlen erfahren könnte, man würde erschaudern, wieviel jüdische Kinder vom zartesten Alter an ihre Erziehung dort erhalten. Es ist schwer, den Eltern dieser Kinder selbst die Schuld zuzuschicben und Vorwürfe zu machen. Fast alle zu arm, um ihre Kinder selbst ernähren zu können, ist . bei vielen von ihnen — besonders den sefardischen — das nationale Gefühl zu verkümmert, als daß sie selbst sich des Schmachvollen in ihrem Handeln bewußt würden. Also wer trägt die Schuld«? — Einzig und allein der Teil der palästinensischen Judenheit, der in der Lage ist, die Bedeutung des Zustandes zu verstehen und bisher so gut wie nichts dagegen getan hat, und sodann die ganze Masse der nichtpalästinensischen Judenheit, die ebenfalls bisher in dieser Hinsicht völlig indifferent dagestanden hat. Zunächst die palästinensische Judenheit! Und da trifft die Schuld vor allem einen Teil ihrer Führer, die nicht nur nichts zur Besserung der Verhältnisse unternommen, vielmehr — man höre und' ftaunc — ihre eigenen Kinder in Missionsschulen gesandt haben. Und hierin hat sich die extremste Assimilation mit der extremsten Orthodoxie die Hände gereicht. Nicht nur ein Antöbi schickt seine Kinder in die Missionsschule, auch manch einer, der zu den Führern der Orthodoxie gezählt hat und noch zählt. Schuld tragen auch die rabbinischen Füh-, rer der Massen, die nicht mit der nötigen Energie «gegen die Eltern auftreten, die ihre Kinder der Mission anvertrauen. Man kapn in Jerusalem! oder Safed sehr wohl ein angesehener Orthodoxer sein, einen ansehnlichen Chalukahbetrag erhalten und seine Kinder dennoch in der französischen Mission erziehen lassen! Und sodann die außerpalästinensische Judenheit! Sie hat es bis heute nicht begriffen, daß dieser Zustand nicht nur eine Schmach, für die Judenheit Palästinas bildet, sondern ebensosehr das gesamte jüdische Volk entwürdigt. Ob'man nationaler Jude ist oder konfessioneller, ob orthodox oder liberal, dies empfinden müßte doch jeder Jude, der noch etwas jüdischen Stolz int Herzen hat. Für alles geben wir Tausende und Millionen: für Offiziersheime und Anstalten für uneheliche Kinder nsw., aber für die Beseitigung dieser nationalen Schmach ein paar lumpige Taler nur aufzubringen, kostet schon .unendliche Mühe. Wer dies etwa für eine journalistische Uebertreibüng hält, dem sei mit folgendem Beispiel geidient — wir könnten noch mit beliebig vielen anderen aufwarten: In Jerusalem! wurde vor ement Jahre vom „Frauenverband für Kulturarbeit in Palästina" eine Spitzen sch ule gegründet, die . _ Nr. 21 bereits 170 Kinder beschäftigte; fast alle sind sie der Mission entrissen worden. Jetzt, nach Pesach, .mußte die Schule schließen, tveil — nun weil lumpige 5000 Mark fehlten, die genügt hätten, um sie über Wasser zu halten. Trotz aller Mühe konnte man diese 5000 Mark nicht aufbringen. Die Schule mußte also geschlossen werden, die Kinder sind arbeitslos, und die meisten von ihnen werden wohl wieder, durch die Not gezwungen, zur Mission zurückzukehren. In der Zeit, da man sich um die Beschaffung dieser Summe bemüht hat, Haben aber jene jüdischen Phllanthropen wieder Hunderttausende für alle möglichen philanthropischen Zwecke gespendet; um 170 jüdische Kindeir von den Fangarmen der Mission zu retten, sie vor Entjudung und indralischer Vernichtung zu schützen, fand sich kein Mäcen für eine Spende von 5000 Mark! Jetzt endlich beginnt man, .sich in Palästina zu regen und energisch an eine Bekämpfung der Mission heranzutrcten. In Jerusal e nti hat bereits eine große B e r s a m m l u n g stattgefunden, die ein Komitee gebildet hat, das den.Kampf dort organisieren soll. Das gleiche soll auch in den anderen Städten gemacht werden, leider konnte auch hier keine Einigung erzielt werden. Die Orthodoxie will keinesfalls mit den Nationalen Mitarbeiten, und Antöbi, der Vertreter der Alliance, hat den Boten, der ihm den Brief des Komitees überbracht hat, in deni er aufgeforöert wurde, seine Kinder nicht mehr in die Missionsschule zu senden, barbarisch verprügelt und hinausgejagt. So werden denn die nationalgesinnten Inden den Kampf allein führen müssen. Was not tut, sind neben einer allgemeinen Besserung der ökonomischen Lage, die aber nur nach und nach eintreten kann, vor allem Schulen; und zwar praktische Schulen für Handwerk, Handarbeit und ähnliches, die den Schülern zugleich Gelegenheit zum Erwerb geben. Denn nicht ein inneres Bedürfnis ist es ja, was sie in die Missionsschulen treibt, sondern allein die bittere Materielle Not. Die Tatsache, daß sie dort Kleidung und Nahrung erhalten, läßt alle nationalen Bedenken im Nu verschwinden. Dieser Vorzug der Missionsschulen muß beseitigt werden. Mit dem Momente, da die jüdischen Schulen den Kindern, dieselben materiellen Vorteile bieten, sind die'Missionsschulen aus dem Felde geschlagen. Um dies zu erreichen, müßten sich alle jüdischen Organisationen vereinen. Hier handelt es sich nicht um eine politische oder rein nationale Aufgabe, sondern darum, Tausende von jüdischen Kindern dem Judentum und der anständigen inneren Gesinnung zu erhalten, darum, eine namenlose Schmach für die Gesamtjudenheit aus der Welt zu schaffen! Brief aus Oesterreich. Aus Wien und ganz Oesterreich ist! Momentan nichts anderes zu melden als eine Hochflut der antisemitischen Bewegung. Und leider ist es diesmal nicht die niedere Volksschicht, die sich besonders hervortut, sondern es sind die sog. Jntettigenzkreise. Während in Böhmen inKollin das Ritnalmordmärchen dank dem gesunden Sinne der weitesten Volkskreise vorbeizog, ohne den Juden den geringsten Schaden zu bringen und sich ^über dem Haupte des ruchlosen Hetzpfafsen Hra- "choosky entlud, sind es in Galizien gerade die höchsten kirchlichen Kreise, die den Antisemitismus in krassester Weise propagieren. Das geht sogar so weit, daß die galizischen Bischöfe, die sonst stets Helfer der Regierung sind — sie wissen wohl, warum —, diesmal die Regierung durch ihre Opposition in der Landtagswahlreform in die schwierigste Situation brachten, einzig und allein darum, weil die Juden ihnen in der neuen Wahlordnung noch nicht genug entrechtet .scheinen. Doch Galizien ist. ein halbasiatisches.Land, von dem Man nicht gar zu viel erwartet; in diesem Falle hat es sich nach dem leuchtenden Vorbilde «der Reichshauptstadt gerichtet. Was hier in akademischen Kreisen an wüstestem RadastantisemitisMUs geleistet wird, erinnert schon an . die berüchtigsten russischen Progromszenen. Vor allem die Studentenkrawolle! Die jüdischen Hoch-« fchüler, die es satt haben, sich seit fast 20 Jahren