Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 21 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tel-Awiw-Rischon-le Zion. Am nächsten Morgen wecken mich die Strahlen der in vollein Glanze erstrahlenden Sonne. Wer niemals aus dem „kalten, finsteren" Germanien — wie Tacitus es nennt — herausgekommen ist, kann sich keine Vorstellung von dieser Sonne machen. Die unsere ist ihr gegenüber nur ein schwacher Abklatsch ihres Glanzes. Hier erst gewinnt man Ehrfurcht vor der Majestät der Sonne; hier versteht Man es, daß so viele alte Völker sie als Gottheit angebetet haben; die ganze Welt taucht sie in ein Meer von Licht, und wir engäugigen Europäer müssen uns erst langsam daran gewöhnen, den fast grellen Glanz dieser Sonnenstrahlen zu ertragen. Er verursacht uns zuerst Schmerzen, und wir Kreisen in der ersten Zeit die Augen zu, uM nur einen kleinen Teil dieser Helle eindringen zu lassen. Und erst wenn man sich an die volle Lichtstärke gewöhnt hat, empfindet man ihre volle Schönheit und Herrlichkeit. Unter einer solchen Sonne kann kein Pessimismus, keine Schwermut gedeihen, der Welt und dem Leben verleiht diese Sonne ein viel froheres und glanzvolleres Antlitz; in Stunden der Gefahr wappnet sie den Menschen mit Mut und erfüllt die Seele mit jauchzendem, die Kräfte verdoppelnden Lebensgefühl. Unter einer solchen Sonne kann nur ein glückliches Volk leben. Mit solchen beglückenden Gedanken beginnt mir der Tag. Ich trete auf die Straße hinaus und wieder dasselbe freudige Bild wie gestern. Es äst Ferienzeit, und zahlreiche Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums füllen die Straße. Man lebt hier überhaupt viel mehr auf der Straße als bei uns. Wenn nicht die Hitze zwingt, im kühlen Zimmer zu bleiben, verbringt man die freie Zeit draußen; zumal am späten Nachmittag, wenn die Hitze vorüber ist und einer angenehmen, erfrischenden Kühle Platz gemacht hat, besindet sich fast ganz Tel-Awiw auf den Straßen. Die Mehrzahl der Promenierenden bilden die Schüler des Gymnasiums. Das Gymnasium verleiht dem (Stadtviertel seinen Charakter, das äußere Bild wird von dem überragenden Gebäude des Gymnasiums beherrscht; das Straßenleben erhält durch die- Gymnasiasten seinen besonderen Reiz; das geistige Leben wird zum großen Teil von den Lehrern des Gymnasiums getragen. Vielleicht, daß dadurch der Charakter Tel-Awiws zu übertrieben intellektuell wird; doch ist diese Jntellektualität nicht so extrem, wie man befürchten dürfte. Nebst vielen anderen Anormalitäten des Goluths scheint der Jude in Palästina auch von seiner einseitigkrankhaften, Jntellektualität zu gesunden. Dies habe ich nicht nur in den Kolonien, wie es selbstverständlich ist, wahrnehmen können, dies vermochte ich «auch an den Schülern des Gymnasiums, wo man es doch nicht so ohne weiteres erwarten darf, zw beobachten. Wer den jüdischen Externen aus RuUand kennt, mit seiner unerträglichen Frühreife, seiner erschreckenden Belesenheit, seiner empörenden Kühnheit, über alles und jedes bereits -ein fertiges Urteil zu besitzen, der wird Mit doppelter Freude rasch merken, daß dies dem hiesigen -Gymnasiasten bereits fehlt. Gewiß ist er geistig . viel entwickelter, als wir es aus Deutschland Mit seinen teils zu prompt reagierenden Automaten erziehenden Schulen gewöhnt sind, aber eine« Steigerung des Intellektuellen, der geistigen Entwicklung ins Ungesunde, fehlt. Diese Jungens — es sind zuM Teil schon 18-, 19jährige darunter — tollen und lachen mit herzerfrischender Natürlichkeit, lieben alle Turnen und „Football", und während ihre Kameraden in Rußland bis Mitternacht über Marx und Nietzsche, über Unsterblichkeit und freie Liebe disputieren, verwenden sie ihre Gedanken zum großen Teil rroch auf die Ertrachtung neuer Lausbubenstreiche in der Schule. Und selbst, wenn sie flirten — und welcher Schüler über 15 Jahre flirtet auch bei uns nicht? —, trägt ihr Flirt einen natürlichen, gesunden Charakter. Kurzj: man merkt, daß sich hier ein neuer Typus des jüdischen Intelligenten zu entwickeln beginnt, der schon viele der ungesunden Eigenarten des' jüd. Intellektuellen im Ghetto abgestreift haben wird und bereits den ersten großen Schritt darstellen wird zur Gesundung unseres Geistes, zur Herstellung des inneren Gleichgewichtes zwischen unserem Körper und unserem Intellekt. Bei all denk Gesagten aber ist und bleibt doch Tel-Awiw in seinem Wesen eine Siedelung Intellektueller, und in Anbetracht seiner relativ kleinen Ausdehnung ist hier Intelligenz in Ueberfülle vorhanden. Aus diesem Grunde ließ es mich nicht lange hier verbleiben. Es drängte mich hinaus nach den Kolonien, nach jenen historischen Siedelungen, wo zunk ersten Mal seit 2000 Jahren wieder jüdische Hände jüdischen Boden beackert haben. Außerdem: mich trieb es in die Natur Palästinas hinaus. So verließ ich nach anderthalbtägigem Aufenthalt Tel-Awiw, und ich kostete im Geiste schon etwas wie den herrlichen Geschmack eines vorzüglichen Karmelwcines, als ich mich auf den Weg machte nach — Rischon-le-Zion. Der Weg dauert drei Stunden und ist zum Teil etwas schwierig. Die Sonne brennt in ihrer erbarmungslosen Glut, doch vom Meere streicht ein sanfter, kühlender Wind hinüber, der die Hitze durchaus erträglich macht. Ich gehe eine kurze Zeit an Orangengärten vorbei und gelange nach einer halben Stunde nach M i k w e h - I s r a e l, der landwirtschaftlichen Schule der Alliance. Die Schule selbst .befindet sich in einem stattlichen Gebäude, das von einem ansehnlichen Terrain umgeben ist. Als wir hin kamen, trafen wir niemand. Menschenlos. Welches der Grund', ist, weiß ich nicht, vielleicht weil es Freitag Nachmittag war, vielleicht ein anderer, jedenfalls war der erste Eindruck nicht vorzüglich. Wir gehen zuM schöngelegenen Grabe Karl Retters, zu dem eine schöne Allee hinführt und widmen einige Minuten schweigender Verehrung diesem großen Juden, dessen Größe man um so stärker empfindet, als man unwillkürlich an die Juden denken muß, die heute seine Nachfolger sind ... In einem kleinen, herrlichen Haine, Mikwvh- Jsrael gehörig, rasten wir ein wenig, und inzwischen sind auch einige Schüler herbeigekommen, die uns mit Wein und frischem Quellwasser bewirten. Dann gehts weiter. Der Weg führt durch Felder und Wiesen. Ueberall hohes Getreide und Wiesengrün. Der Horizont ist sehr weit und frei und wird im Hintergründe durch die sanften, welligen Hügelzüge der judäischen Berge abgeschlossen. Ich empfinde wieder in voller Stärke das wonnige Gefühl, auf palästinensischem Boden zn schreiten; doch wird die Freude durch den Gedanken getrübt, daß all dieser Boden nicht unser ist. Wie getrieben von pem Wünsche, diese Trübung meiner Freude zu beseitigen, frage ich ab und zu meinen Begleiter, einen kräftigen^ lustigen GyM- - nasiasten: „Ist dies schon jüdischer Bodens „Noch nicht, noch nicht," lautet immer wieder die Antwort. Endlich, nach etwa drei Stunden anstrengenden Marsches, erblicke ich vor mir eine Anzahl von Orangen- und Weingärten. „Hier fängt der Boden von Rischon an," sagt mir mein Uihrer, — und sofort ist alle Ermüdung geschwunden.! Jüdischer Boden! Wovon wir draußen so viel gesprochen und so oft geträumt haben, jüdischer Boden in Palästina, jüdisch nicht nur im Sinne Mystischen Eigentumsrechtes, sondern des höchsten moralischen Anspruches kraft eigener Erarbeitung, — zum ersten Male sehe ich ihn vor mir. Und unter jenem Zwange eigener Selbstvorspiegelung, dem wir nur zu oft im Leben erliegen, unterdrücket ich gewaltsam den aufsteigenden Gedanken, daß dieser Boden doch wohl nicht ganz jüdisch in diesem letzten, höchsten Sinne sein mag, daß arabische Hände die zarten Rebenschößlinge gepflanzt und gepflegt haben mögen. Fort mit diesem störenden Gedanken! Er soll mir nicht den großen, tiefen Eindruck des ersten Momentes verwischen. Mär, wer kennt nicht die Eigenwilligkeit und Trotzt / köpfigkeit unserer Gedanken und Empfindungen! Sie sind wie mutwillige Kinder; je Mehr man ihnen etwas wehrt, um so eher werden sie es tun. Diese Tatsache habe ich nur selten so schmerzlich enipsunden. wie beim Betreten Rischon-le-Zions- Ich schreite durch die Weinberge und wende alle innere Energie auf, um das erhebende Bewußtsein, auf jüdischen Kolonieboden zu treten, in seiner ganzen Reinheit zu eurpfinden, und in - mir raunt es wie die tückische Stimme eines grausamen Feindes: Aber Araber haben es bearbeitet! Ich betrachte mit Entzücken die farbenstrahlende Blüte eines Orangenbaumes, und die Stimme murmelt: Araber haben ihn gepflanzt; ich schaue mit Stolz auf die starken, gut gezogenen Rebe»- stöcke, und die Stimme flüstert: Araber haben sie großgezogen. Und ich wage es nicht. Meinen kundigen Begleiter nach der Wahrheit dieser Stimme zu ftagen; ich weiß es ja, daß er ja ipgen wird, und ich fürchte mich vor diesem „Ja" wie ein kleines Kind vor einer gerechten, sicher zu erwartenden Strafe. So betrete ich denn nach einer Weile solchen inneren Widerstreites zwischen Freude und Schmerz die Kolonie selbst mit etwas schwerem Gemüts. Ich fühle mich gerührt und doch niedergeschlagen, glücklich und doch unzufrieden; mein innerer Zustand spiegelt den der Kolonie wider: schön, erhebend, wenn man die Resultate sieht, die erzielt worden sind; unbefriedigend, niederschlagend, wenn man auf die Mittel, auf die Arbeit zurückblickt, der sie zu verdanken sind. Die Kolonie selbst macht auf den Ankommenden einen sehr schönen Eindruck. Eine breite, sau-- bere Hauptstraße, zu beiden Seiten niedliche Häuschen, von Gärten umgeben, abgeschlosien von der stattlichen Synagoge und durchschnitten von einm gen Querstraßen. Doch die Gefühle, die ich auf dem Wege zwischen den Weinbergen empfunden vhabe, vermag dieses schöne äußere Bild detr Kolonie nicht zu verwischen; im Gegenteil, es verstärk sie. Man empfindet sofort, daß die Menschen, die diese Ansiedlung bewohnen, keine Ackerbauer, keine Landwirte im vollen Sinne des Wortes sind. Es ist mehr der Charakter eines kleinen Städtchens als der einer wahren Kolonie, den Rischon-le-Zion an