Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 21 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Frankfurter JsraeMsches FamEenökatt. Seite 3 durch die deutschen Studenten als ehrlos bezeichnet zu sehen, haben dem Rektorat ein Memorandum überreicht, in dem sic fordern, daß die akademischen Behörden dagegen einschreitm, daß Juden die Genugtuung verweigert werde. Als die jüdischen Studenten durch ihre Deputation den Bescheid dür akademischen Behördenentgegennehmen sollten, wurden sie von einer mehrfachen Uebürzahl deutschmationaler Studenten überfallen und mißhandelt. Die Vorgänge wiederholten sich fast eine Woche lang, ohne daß die akademischen Behörden entschieden aufzutreten wagten, waren doch, die Ueberfallenen nur Juden! Jetzt, wo die Deutschnationalen sehen, daß sie mit ihren Roheiten die Energie der Jüdischnationalen nicht zu brechen vermögen, wo der Unterrichtsminister sich der Sache anzunehmen verspricht, wo eine massenhaft besuchte Protestversammlung der jüdischen Bürgerschaft gezeigt hat, daß auch die weiteste jüdische Oeffentlichkeit die Sache ihrer akademischen Jugend zu der ihrigen macht, jetzt werden die Deutschradikalen kleinlaut und erklären, sie würden von weiteren Demonstrationen absehen, da sie bewiesen hätten, daß sie im Stande seien, den deutschen Charakter der Universität gegen alle fremden Eindringlinge zu wahren. Ein Gutes haben die Universitätskrawalle bereits gezeitigt, eine Reihe jüdischer Professoren und darunter ganz bedeutende Hochschullehrer haben sich namhaft auf die Seite der jüdischen Studenten gestellt. Die Aeußörung des Unterrichtsministers steht noch aus. Uebrigens haben die österreichischen Minister und die Spitzen der Behörden kürzlich aus allernächster Nähe das Wirken der deutschnationalen Studentenrowdies kennen gelernt. Die österreichische Antiduelliga, eine der vornehmsten Gesellschaften hatte im Anschluß an die jüngsten vielbesprochenen Duelle eine öffentliche Versammlung einberufen, in der gegen den Zweikampf Stellung genommen werden sollte. Die Ministerien, die militärischen und zivilen Behörden hatten ihre Vertreter entsendet. Kaum hatte der Referent — ein Arier — zu reden begonnen, als .auch schon der Lärm losbrach, Juden hätten über. Ehre nichts zu reden, Juden seien ehrlos, die deutsche Ehre könne nur mit den Waffen verteidigt werden. Es hatte sich nämlich eine große Zahl deutschnationaler Raufbolde eingefunden — natürlich Studenten —, die mit ihren infamen Zwischenrufen und mit dem Spektakel nicht eher aufhörten, als bis die Versammlung gesprengt war. Daß auch unser Parlament seine antisemitischen Radauszenen haben muh, versteht sich von selbst. Der Clown, der hier die allerdüntmsten Streiche spielt, ist der deutscharische „I e r z a b e k". Dieser Herr spricht gerne, da er aber bei seiner mangelnden Intelligenz nichts zu sagen hat, so füllt er jedesmal, wenn ihm der Stoff ausgeht, die Rede durch antisemitische Flegeleien. Da er sich aber auch der besonderen Gunst der Sozialdemokraten erfreut, wird er Mit so saftigen^ Zwischenrufen überschüttet, daß er direkt be,nitleidenswert ist. Spektator. FpUpntinrn I Ul) lull Ulli IJy Friedberfler Ldstr. 420. Tel.418■ I empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gärten, Terrasse, Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. :-1 Für Sommerfeste vorzüglich geeignet. —:— Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfnrt a. M. Die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums erläßt die folgende Erklärung: Die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" veröffentlicht in den jüdischen Blättern eine Erklärung, die in dem Vorwurf gipfelt, unsere Vereinigung habe durch eine an das preußische Mgeordneteuhaus gerichtete Eingabe auf die Annahme des Antrages Casselv. Gampe (betreffend Gewährung von Staatszuschüssen für leistungsschwache Synagogengemeinden) h em m en d ein gewirkt und auf diese Weise den Erfolg einer zum Besten der Preußischen Judenheit gedachten Aktion zu vernichten gesucht. Diese Behauptungen sind unwahr, und wir weisen sie, ebenso wie die daran geknüpften beleidigenden Folgerungen mit aller Entschiedenheit zurück. Unsere Petition tritt mit entschiedenen Worten für die Annahme des Antrages Cassel-V. Gampe ein und bemüht sich demgemäß, die für die vorläufige Ablehnung des Antrages vorgebrachtcn Argumente zu widerlegen. Wenn wir »ns zu diesem Zweck in die N'otwendigkeit versetzt sahen, auf die nun einmal nicht wegzuleugnenden tiefen religiösen Gegensätze innerhalb der preußischen Judenheit hinzuwciseü, so mag das der „Bereinigung für das liberale Judentum" unangenehm sein, gibt ihr aber nicht das Recht, unsere Organisation durch erweislich unwahre Behauptungen vor der Oeffentlichkeit zu diskreditieren. Frankfurt a. M., 21. Mai 1913. D e r B o r st a n d der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums. Rabbiner Dr. Breuer-Frankfurt a. M., Emanuel Ettinghausen- Frankfurt a. M., Hermann Gump e r tz - Hamburg, Dr. Abraham H i r s ch - Halberstadt, Emil Isaak-Frankfurt a. M„ A. M. L o eb-Dieburg, Konnncrzienrat George Marx- Königsberg, Jak. Rosenheim, Adolf Stern, Jak. Strauß, Jos. Wohlf a r t h - Frankfurt a. M. Oesterreich-Ungar». Wien. Der hiesige Korrespondent des Lemberger „Jüd. Tagbl." hatte mit dem Präsidenten der Zionisten Bulgariens anläßlich dessen Anwesenheit in Wien eine Unterredung über die Lage der Juden in Bulgarien. Danach haben in Bulgarien die Juden n i e eine volle Gleichberechtigung genossen. In den Staatsämtern wie in den gesetzgebenden Körperschaften gibt es keine Juden. Bei denr geringsten Anlasse tobt in der Presse der wildeste Antisemitismus. Man sieht also, daß die Berichte über die glänzende Lage der bulgarischen Juden, wie sie in den letzten Monaten in die Presse lanzicrt wurden, rosig gefärbt waren. Rußland. Kiew. Einen charakteristischen Widerhall hat hier die Sammlung der westeuropäischen Gutachten zum Fall I u st s ch i n s k i gefunden. Die A n k l a g e b e h ö r d e n, die in große Verlegenheit geraten sind, haben nach gewohnter Methode keinen anderen Ausweg gefunden, als mit Repressalien zu erwidern. Anstatt eine verlorene und blamable Sache aufzugebcn, klammern sie sich an Formalitäten und wollen damit ihre Position verbessern. Sie haben gegen den Redakteur der Kiewskaja Mys l und seinen Mitarbeiter A t s ch k a s o w ob des Umstandes die Anklage erhoben, daß sie vor dem Prozeß Teile der in der Sammlung enthaltenen Untersuchungsakten veröffentlicht hätten. An der Sache selbst können sie offenbar nichts ändern: die vernichtende Kritik der europäischen Gelehrten hat das Gebäude der Tufauow und Obolonsky und Sikorski, namentlich des letzteren, über den Haufen geworfen. Anstatt der zweiten Anklageschrift wird nunmehr wohl eine dritte werden. Leicht aber dürfte es jetzt den bestellten Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern .nicht fallen. Da wird wohl noch zuvörderst unter Vorsitz des Justizministers S t s ch e g l o w i t o w der große Kriegsrat abermals tagen und die Frage beraten, wie man nach den Gutachten von Forel, Bleuler, Meyer, Haberda, Ziemke, Lacassagne, Peppcr u. a. die „Ritualmordaffäre" noch zu retten vermag. Amerika. Rew-Nork. Eine wichtige Sitzung des Exekutivkomitees der Bereinigung orthodoxer Gemeinden wurde letzten Donnerstag abgehalten und war stark besucht. Eine Revision des Programmes und eine Ausdehnung der Tätigkeitsgebiete wurden ernstlich erörtert. Ende Juni soll eine allgemeine Versammlung stattfinden. Dr. H y a m s o n wohnte, lebhaft begrüßt, der Sitzung bei. feuilfßton. Das „Scheker-BUbnl". Bon C. Berg. (16. Fortsetzung). Wieder klang das Kichern sehr vernehmbar; der Amtsrichter sah unmutig nach der Tür und sagte dann streng: „Sei nicht unbescheiden, Perez! Antworte, wie es sich gehört! Was hattest Du nachts am Kiwitzabache zu suchen?" „Gar nichts hatte ich dort zu suchen, Herr Amtsrichter. Auf dem Heimwege hatte ich mich verirrt, und das war alles." Die ruhige, bestimmte Antwort des Wasserträgers hätte beinahe den Amtsrichter überzeugt, aber der Bürgermeister, schwer beleidigt durch den vorlauten Burschen, der es gewagt hatte, ihn an ein unliebsames Ereignis zu erinnern (Hartmann war bei der Reichstag-wahl als Bersuchskandidat aufgestellt worden und durchge- Schneiderei Crössmann Kaiaenatraaao lOa, Entroao!. Kaiser Wilhelm-Fassage. Telefon Amt I, 6930. ' Englische Jacken-Kleider. Garantie für gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. —' Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. M Meder’s mechanische und M {Druckluft - Teppich- Reinigung. # Tel 4642. Inh. Heinrich Trosch,Bergerstr.I49.w Rücklieferung nach 24 Stunden. ■ fallen), war nicht gewillt, Perez so leichten Kaufes davonzulasscn. „Herr Amtsrichter," rief er zornig, „dem Men- ' scheu da ist nicht eine Minute zu trauen, er ist als unmoralischer Patron bekannt. Ich will Ihnen sagen, was von seinen Fahrten zn halten ist. Warum trieb er sich nachts im Walde herum? Ich wollte nur nicht vor Ihrer Frau Gemahlin von solchen Dingen reden. Die Leute sagen: er haßte Julek, weil er mit Pelagia eine Liebschaft angebandelt hatte. Die Frau Schmula hat mir heute auch so etwas angedeutet. Es wird schon etwas an dem Gerede sein." Perez antwortete mit einem schallenden Gelächter. ,,Nun gewiß, so ein schöner Mensch, wie ich bin! Mle Mädchen laufen mir nach, warum sollte da Pelagia eine Ausnahme machen?" Bor zwei Tagen noch hätte der Amtsrichter die Beschuldigung des Bürgermeisters abgeschmackt und lächerlich gefunden, — Perez und eine Liebschaft! Es klang zu ungeheuerlich. Aber sein scharfes Ohr hatte das Erzwungene in des Wasserträgers Heiterkeit wohl herausgehört. Müller war ein erfahrener Jurist, sein Beruf lehrte ihn alle Tage, daß Rauch ohne Feuer selten und die Mehrzahl aller Angeklagten des Schuidigspruches würdig sei, — den Bruchteil einer Sekunde schwankte er, dmrn neigte er sich ans die Seite des Anklägers. Er trat einen Schritt auf Perez zu und sprach, , ihn fest anblickend: „'Du wirst es doch beschwören können, daß 'Du keine unerlaubten Beziehungen zu Pelagia unterhieltest?" „Beschwören? Warum sagen Sie beschwören?" fragte Perez verwirrt, — „ich verstehe nicht . . „Ich meine. Du und Pelagia, ihr hattet doch keine Liebelei Miteinanders „Herr Amtsrichter," sprach Perez vorwurfsvoll mit dem ganzen Stolz gekränkter Tugend, „Sie kennen mich doch nicht von heute und gestern, haben Sie je solche Stückchen von mir gehört?"" „Nun, einmal fängt doch jeder an," rief der Bürgermeister höhnisch. „Alter schützt vor Torheit nicht." „Kann sein," sagte Perez, „der Herr Bürgermeister spricht aus Erfahrung." „Unverschämter!" Hartmann schrie es kirschrot vor Zorn, aber Perez wehrte sich: „Wieso unverschämt? Es ist noch unverschämter, mir solche Geschichten anzuhängen, man kann gar nicht sagen, wie mir das schaden kann." „Ruhe!" befahl der Amtsrichter. „Wenn Du keinen sträflichen Verkehr mit dem Mädchen gepflogen, um so besser für Dich. Du weißt also auch nicht,'; wo sich das Mädchen hingewendet hat?"" „Ich weiß von nichts," versicherte Perez erbleichend. Der Amtsrichter hatte die bestimmte Empfindung,; daß Perez lüge. „Ich glaube Dir,"" sagte er laut. ,,Jm übrigen wird das Gericht Veranlassung nehmen,! nach dem Verbleib Pelagias zu forschen. Auf jeden Fall werde ich einen Haftbefehl gegen sie ausstellen."" . Perez wandte sich schnell zur Tür, sein Erschrecken;; zu verbergen; der Amtsrichter rief ihn zurück: : „Noch eins! Nähere Umstände Wer Juleks Tod sind Dir nicht bekannt?"" „Herr Amtsrichter," stammelte Perez, dem der Boden unter den Füßen brannte, „ich wünschte, der ' Julek lebte, das ist alles, was ich sagen kann. Darf:! ich nun endlich nach Hause gehen?"" Nach Hause! Hartmann und Müller blickten einander an. „Er lvird eine schöne Ueberraschung erleben," brummte Hartmann. „Das ganze Haus ist von oben bis unten demoliert. In seiner Bude ist nicht ein Stück, das nicht zerbrochen wurde." Perez sah verständnislos von einem zum andern,! bis endlich Müller, nicht ohne Bewegung, sprach Bp,Es ist ein Unglück in Eurem Haus geschehen, Perez; cs wird nötig sein. Dich für diese Nacht nach einem anderen Nachtquartier umzüsehen."" „Meine Mutter!" schrie Perez auf, „o, meine Mutter! Großer Gott!" _(Fortsetzung folgt.)_ Ja W. Albert, Optik Fitsn. Pincenez Doublö Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenatrasse II, Ecke Neue Mainzeratrasse. ■{ 1