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Neue jüdische Presse · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Ente 4. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Geh. SanitStsrat Dr. Ernst Schwerin erhielt das mecklenburgische Ritterkreuz des Greifenordens mit der Krone. — Sanitätsrat Dr. Rosenthal wurde von der „Intern. Hygieneausstellung Rom 1912" für seine statistischen und Photographischen Tafeln mit dem grasten Preis und für seine Syphilisforschungen mit der goldenen Medaille der Stadt Rom ausgezeichnet. — Die Berliner Akademie her Künste schreibt jetzt für den Preis der ersten Michael Beerschen Stiftung für dieses Jahr den Wettbewerb für B i l d - hauerjüdischerRcligion aus. Als Preisaufgabc ist ein Kinderfries gestellt, der anderthalb zu einem halben Meter Größe haben soll. Mit diesem Werk sind gleichzeitig andere Arbeiten der Konkurrenten einzureichen: Studien nach der Natur und Kompositionsskizzc» eigener Erfindung zur Beurteilung des Studienganges, höchstens zehn an der Zahl. Die Frist läuft bis zum 15 .Oktober. Die Bewerber müssen 22 bis 32 Jahre alt sein und ihre Studien auf einer deutschen Akademie gemacht haben. Der Preis beträgt 2250 Jk, die zu einer Studienreise nach Italien bestimmt sind. Berü«. Der a. o. Professor für Kinderheilkunde an der Universität und Direktor des Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhauses Dr. Adolf Baginsky vollendet anr 22. ds. fein 70. Lebensjahr. Der verdienstvolle Wzt und Lehrer wirkt seit 1881 an der Berliner Universität. Er ist Ehrenmitglied vieler ausländischer wissenschaftlicher Gesellschaften. Biebrich. Moses Reifenberg, seit mchr als 30 Jahren Borsteher "der israelit. Gemeinde, erhielt anläßlich seines Scheidens aus diesem Ainte den Kronenorden 4. Klasse. Mannheim. Frau Moritz Blum Wwe. feierte ihren 90. Geburtstag. Wie«. Wenigstens im Tode vereint; Die Leiche des Reichsgerichtspräsideuten u. Minister a, D. Dr. Joses Unger wurde erst in der Stefanskirche eingesegnet mid dann — gemäß der letztwillige» Verfügung des Verstorbenen — in der Familiengruft auf der israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofes beigesetzt. Bndapeft. Die orthodoxe Landesrepräsentanz, die ans 40 Rabbinern und 60 Laien besteht, ist aus den 27. Mai einberusen. Basel. Das Jakob Lang Grumbach'sche Ehepaar, Schwiegereltern des Herrn Kantor Löb, feierte die goldene Hochzeit. Dublin iJrland). Der bekannte Rechtsanwalt Henry Rosenthal ist zum Richter ernannt worden. WUua (Rußland). Der Schriftsteller Eisen st ad t. der während der Dumawahlen arretiert wurde, wird auf 4 Jahre nach Sibirien verschickt. — In Schadek (Gouv. Kalisch) lebt eine Frau im Alter von 110 Jahren. Sie heißt Reise Golewska, wohnt noch heute in ihrem Geburtshause und ist noch geistig und körperlich frisch. Sie ist Mutter von zwölf Kindern; chr ältester Sohn wird demnächst 90 Jahre. Rew-York. Im März kamen im hiesigen Hafen 5558 jüdische Emigranten an, in Baltimore 174, in B o st o n 303 und in G a l v e st o u 143. Aus der Lehrerwett. Berlin. Auf den Antrag des Rabbiners Dr. Bombe r g e r - Schönlanke an das preußische Abgeordnetenhaus: „Falls der Religionsunterricht in den Fortbildungsschulen obligatorisch erklärt wird, bitte ich, den Religionsunterricht auch für die jüdischen Fortbildungsschüler obligatorisch zu erklären" hat die Kommission in der Sitzung vom 11. April 1913 erklärt: „Wenn aber wirklich auch entgegen der jetzigen Absicht der Staatsregierung der Religionsunterricht in den Fortbildungsschulen eingeführt werden würde, dieser Unterricht dann auf keinen Fall einseitig, sondern gleichmäßig für alle Konfessionen eingeführt werden würde." Berlin. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wurde im Sommer 1912 von 58 Hörern und 14 Hospitanten und im Winter 1912/13 von 61 Hörern und 16 Hospitanten besucht. Dr. Tänz^er wurde zum ordentlichen Mitglied des Dozentenkolkkgiums befördert. Geheimrat Prof. Dr. Hermann Cohen hielt religionsphilosophische Vorträge. Mit Abschluß des Wintersemesters ist Rabbiner Dr. Warschauer aus dem Dozentenkollegium ausgetreten; an seiner Stelle hat Rabb. Dr. B a e ck den Lehrstuhl sür Homiletik übernommen. BreSla«. Rabbiner an der Alten Synagoge dürste Dr. Max S i m o n s o h n, ein Enkel von Rabbiner Dr. Freimann-Ostrowo und ein Urenkel von Oberrabbiner Jakob Ettllnger-Altona, werden. Hannover. Am Simon'schen Seminar zu Peine werden im Juli und August 1913 Ferienkurse für israelitische Lehrer stattfinden, die sich auf Schulgartenbau und Handfertigkeits- Unterricht in leichter Holzarbcit erstrecken. Diese Kurse sind sür Lehrer eingerichtet, die bereits Schulgarten- oder Handfertigkeits-Unterricht erteilt haben oder aus einem dieser Gebiete eine genügende Vorblldung besitzen. An Gebühr entrichten Lehrer kleinerer Gemeinden wöchentlich Jk 15, Lehrer größerer Gemeinden wöchentlich Jk 25. Hierfür werden neben der vollkommen kostenfreien . Ausbildung, steie Wohnung, freie rituelle Verpflegung und Benutzung aller Wohlfahrtseinrichtungen der Anstatt gewährt. Anmeldungen sind zu richten an Direktor Alexander, Simon'sches Seminar für Gartenbau und Handfertigkeit zu Peine. Frankfurter Asraegtksches Familienblatt. $ Rr. 20. Badenwei lerTO Hotel Belleme Tormals Hotel Lery ist eröffnet. Prachtvolle Lage in der Nähe des Parkes und der Bäder. Massige Preise. Besitzerin Frau Levi Mager. dPeniffeton Das „Scheker-Bilbul". Bon C. Berg. <14. Fortsetzung). Das Verhör. „Mama," sagte der lleine Heinrich, als seine Mutter mit ihm über den Markt nach Hause ging, „warum sehen die Leute heute alle so böse aus?" Auch Frau Christine fiel es auf, daß sich in der Bevölkerung eine geivisse Erregung zeigte. Besonders wunderte cs sic, daß die jüdischen Händler, trotz des Montages und Wochenmarktes schon jetzt um die fünfte Stunde des Nachmittags ihre Läden geschlossen hielten. Bor jedem Hause standen scheltende Menschen, überall begegnete sie erzürnten Gesichtern und bedrohlichen Mienen. Sie winkte einen vierzehnjährigen Knaben, den sic kannte, zu sich heran und fragte: „Sage doch, Hermann, was geht hier vor?" „Sie haben den Mörder Juleks herausbekommen." Frau Christine erschrak. „'Den Mörder Juleks," stammelte sie. „Ja, wer soll ihn denn ermordet haben?" Der Junge, geschmeichelt durch die Anrede der seinen Dame, und nach Kinderart erfreut, eine hervorragende Neuigkeit mittcilen zu können, fuhr eilfertig fort: „Der Mörder ist ein Jude. Ter Perez ist's gewesen." Christine fuhr zusammen; sie dachte, wie heiter sic eben mit Perez gescherzt, und wie scheußlich die Beschuldigung war, welche man dem Unglücklichen hier anheftetc. ' Aber Heinrich Desiderius war nicht gewillt, sich seinen Freund verunglimpfen zu lassen, er drohte dem großen Knaben mit der Faust zurück und schrie: „Perez ist kein Mörder. Du bist ein schlechter Junge, Du ..." Christine mußte eilen, daß sie mit dem aufgeregtcir Kinde in ihre Wohnung kam; es drängte sic, sich mit dem Gatten über die beängstigenden Vorfälle des Tages auszusprechen. Der Herr Amtsrichter befand sich in seiner Studierstubc, über Aftcnbogeir und Schreibereien vertieft; sie wagte nicht, ihn zu stören: wenn er arbeftete, war jede Abhaltung streng untersagt; Frau Christine gehörte auch hierin zu den seltenen Frauen, daß sie Anordnungen ihres Gemahls bedingungslos respestierte. So saß sie denn im Kinderstübchen mit ihrem Knaben, das Kind weinte ein wenig und schlief schließlich auf ihrem Schoß ein. Und bei dem matten Schein der Ampel, die mft ihrem matt-rosa Licht das Gemach in leise Dämmerung tauchte, begann Christine zu träumen und im Buche ihres Lebens zurückzublättern. Sie dachte an vielerlei, Gutes und Böses. An ihr schönes, reiches Eheglück und an die ihr oft begrenzte Neigung und Freundschaft der Besten in dieser Stadt. Freilich waren ihr auch manche unhold gesinnt, einige sehr eifrige Katholiken jeden Standes' grollten ihr, weil sie das Kind der Religion ihres Gatten zugewendet. Da war Pelagia, die einfache Dienstmagd, oft ihre beste Fürsprecherin gewesen. „Was wollt Ihr?" hatte sie zu den Eiferern ihres Kreises, den Bauern, Krämern und kleinen Handwerkern, gesagt: „Meine Frau ist besser katholisch als Ihr; sie tut Armen Gutes, spricht keinem Böses nach und hält die Fasten und alle heiligen Zeiten. Wären alle Christen so christlich, mild und liebreich wie sie, dann brauchte der Teufel keine Kohlen Mehr in der Hölle zu verfeuern." Dergleichen schützende Nachreden waren Christine oft zu Ohren gekommen, und sie hatte sich darüber gefreut. Auch als zwei adelige, polnische Gutsfräulein sich einmal vor der Kirche laut und höchst mißliebig über Christine geäußert, daß die Amtsrichtcrin sicher von der heiligen Beichte ausgeschlossen sei, weil sie — o zweifache Sün5e! — sich einem Ketzer und Deutschen vermählt habe, da hatte Pelagia die Damen aufgeboten, fteilich mchr derb als anständig r „Wenn meine Gnädige zur Beichte ginge," hatte sie mft tüchtigem Mundwerk geschrieen, „dann hätte sie nicht Klatschereieil imd Bosheit wie andere, sondern nichts als Guttaten zu bekennen! Und die alten Schachteln! Die hätten ja jede einen Hottentotten geheiratet, wenn sie nur einer gemocht hätte . ." Das trene Mädchen fehlte ihr in allen Winkeln des Hauses; sie nlußte sich an das starkknochige Gesicht und an das robuste Auftreten der Nachfolgerin, der schwarzen Hanne, erst gewöhnen. Pelagia hatte jedes Ding mit Anmut und Zierlichkeit getan ... Wo war Pelagia? Warum war sie fortgegangen? Heimlich, wie mit Schmach bedeckt, sie, die sonst so stolz und brav! Christine grübelte darüber nach, sie ahnte, daß Juleks Untreue einen hervorragenden Anteil an der Flucht des Mädchens habe, aber sie vermochte nicht, den fortleitenden Faden in Pelagias Handlung zu finden; jetzt war auch der Julek tot und konnte die Unglückliche nicht mehr zu Ehren bringen. Die Uhr schlug acht. Christine meinte bei sich, nun wäre es doch Zeit, den Gatten zum Nachtmahl zu mahnen. Da rief er selbst: „Weib! Heinz! Wo seid Ihr? Kommt! Kommt!" Er stand schon in der Tür und bot ihr lächelnd den Arm, sie zur Tafel zu führen. Die junge Frau bekämpfte ihre Schwermut: bei den Mahlzeiten verlangte ihr Gatte ein heiteres Gesicht. „Wo bleibt nur Philipp?" ftagte der Hausherr, ungeduldig im Eßzimmer auf und nieder gehend, „wann glaubt dieser Schlingel von Großstädter, daß man in Zladno zu Abend speist?" Es klingelte, aber statt des Erwarteten wurde der Bürgermeister gemeldet, welcher der Zofe auf dem Fuße nach ins Zimmer stürzte: „Herr Amtsrichter, Herr Amtsrichter! Das Unglück, ach, das Unglück!" „Was gibt cs denn schon imeder?" Müller war verdrießlich über den unwillkommenen Störer seines Abendbrotes. „Aufruhr — Empörung! Sie haben dem Schmula das Haus bombardiert, um den Perez heraüszukricgen, und dabei die alte Röschen totgeschlagen und Cornelie Thorner auch." „Maria und Josef! Die arnre Nelly!" Christine wäre zu Boden gesunken, hätte ihr Mann sie nicht in seinen Armen aufgefangen. „Tot? Wirklich tot?!" ächzte sie. „Nein, zum Glück nicht tot," sagte Philipp, welcher in der Verwirrung unbemerkt eingetreten jwar, „das Fräulein hat eine nicht unbedeutende Stirnwunde, wird sich aber wohl, in einigen Tagen wieder-erholen. Schlimmer ist die alte Frau fortgekommen: sie kann auf Monate hinaus von den Steinwürfen und dem Schreck des heutigen Tages zu leiden haben." „Nicht tot!" Die anderen atmeten auf. „Und woher weißt Du das alles'?" fragte der Amtsrichter. „Ich komme soeben aus Dollar Thvrners Haus, wohin ich die Verwundeten habe schaffen helfen." . „So! Dann bitte — erzähle mir den Hergang!" „Sie erlauben, wenn ich vorgreife," brach der Bürgermeister hastig los. „Die Sache ist nämlich die: Das Volk war ja im Unrecht, aber so eigentlich hatte es doch auch recht. Die Leute waren erbittert durch die Bluttat des Perez ..." „Was ist das?" Müller und Philipp fuhren a tempo von ihren Stühlen in die Höhe und blickten den Bürgermeister an, als wäre er ein hochberühmtcs, großes Wundertier. Christine schürzte verächtlich die roten Lippen: „Solcher Blödsinn!" „Aber ich bitte sehr, meine Herrschaften," verteidigte sich der Bürgermeister, denn der starke Eindruck seiner Worte auf die andern hatte ihn selbst verblüfft, — „die ganze Stadt ist der Meinung, Laß kein anderer wie Perez den Julek getötet habe." „Dann ist die ganze Stadt verrückt," sagte Christine kalt. Der Amtsrichter winkte seiner Frau Schweigen zu, und der Bürgermeister fuhr erregt fort: „Aber erlauben Sie, gnädige Frau, wer anders soll es denn gewesen sein? Die Franja Luschek hat es gesehen und bezeugt, daß in der Nacht vom sechsten zum siebenten Perez mit denr Julek vor ihrem Fenster einen Streit Neu eröffnet! Cafe Corso Ecke Kaiserstrasse and Moselstrasse. Franx Krlst.

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