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Neue jüdische Presse · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2Ö Frankfurter Israelitisches Famigenblatt. Leite 5. gehabt und Perez den Stadtdiener immer mit der.. Faust in den Rücken geschlagen und vor sich hergcjagt hat." „Und das glauben Sic? 'Der kleine, furchtsame Perez habe den stattlichen Julek in die Flucht gejagt? Nun, das ist doch die dümmste Äuge, die ich je gehört!" „Liebe "Christel," bat der- Amtsrichter sanft, „tue cs mir zulieb, den Herrn Bürgermeister nicht mehr zu unterbrechen." „Der Julek kann ja betrunken gewesen sein," sagte der Bürgermeister gekränkt, „dann ist es doch ein leichtes, einen, der voll ist,' umzustoßen, das könnte ja jedes Kind, ... worauf sie dann beide im nahen Wäldchen verschwanden. Ferner hat Herr von Werder ausgesagt, daß der Papierfetzen, welcher am Tatort gesunden worden, und aus welchem die Herren Doktoren nicht gescheit wurden, ein dem Perez angefertigtcs Rezept sei, und Herrn von Werder ist gewiss zu glauben, — ein so feiner Mann!" „Allerdings, Herr von Werder ist ein einwandssreier Mann," sprach der Amtsrichter nachdenklich. Eine unangenehme Erinnerung schoß ihm dirrch den Kopf: cs war ihm, als hätte Thorner heute am "Morgen bei der Leichenschau den Rezeptstreifen nicht wicdererkenncn wollen. ■ „Schließlich hat Perez eingestandcn, das Papier an Ort und Stelle verloren zu haben," vollendete der Bürgermeister triumphierend. „Rechnen Sie dazu das gleichfalls Vorgefundene Messer mit dem P, was sicher Perez heißt, und den jüdischen, blutdürstigen Charakter, denn das ist doch bekannt,' daß die Juden zu ihren Festen und Passahopfern Christenblut brauchen . . ." Christine sah Philipp an und errötete. „Aergern Sie sich nicht über den alten Schwachkops!" rief sic ihnr französisch zu. ,,Nicht doch, Madame," erwiderte Philipp in derselben Sprache, „ich loerde diese Albernheiten nicht ernst nehmen." Der Bürgermeister horchte auf: „Ja, wenn die Herrschaften polnisch sprechen wollen . . ." „Ah, Herr Bürgermeister," rief Christine glühend, „wir werden sogleich deutsch miteinander reden. Ich muß bitten, daß solche Alteweiber-Geschichten in meinem Hause nicht aufgetischt werden! Freilich habe ich des öfteren sagen hören: Das schlimmste alte Weib sei ein alter Mann." „Christine," sprach der- Amtsrichter mit Bedeutung, „Heinz verlangt zu Bett." „Aber die sonst so gehorsame Iran rebellierte mit dem ganzen Feuer ihres Temperaments. „Wie darfst Dü zugebcn, daß unser Gast in dieser niedrigen Weise verletzt werde?!" „Wieso verletzt?" fragte Harimaun, verdutzt von einem zum andern blickend. „Es scheint Ihnen nicht bekannt zu sein, daß ich Jude bin," sagte Philipp. „Ah!?" „Ja, ich entstamme einer streng orthodoxen jüdischen Familie, kann mich aber nicht entsinnen, daß selbst bei den höchsten Feiertagen eine solche Delikatesse wie frisches Christenblut im Elternhause vorrätig ge- N'esen wäre." „O, o!" stam'melte der Alte, „das tut mir herzlich leid!" „Daß ich Jude bin? Ich hatte bis heute keinen Anlaß, es M bedauern." „Nein, das meine ich nicht . . . Aber, entschuldigen Sie, man sagt doch so . . . Und wenn man den Ritus kennt . . Es ist doch so oft schon darüber debattiert worden, sogar auch im Reichstag, daß Sic zu Ihren Festen und bei den Passahopfern — —" er schwitzte bereits vor Verlegenheit und blickte den Amtsrichter hilfeflehend an. „Frau," sagte der Amtsrichter, „leihe mir Deinen Taschenkalender! Ich möchte nachschauen, wann die Juden ihren nächsten großen Feiertag haben, — das Fest der Gesetzessreude, nicht, Philipp?" „Ich will es Ihnen aus dem Kopf sagen, das Fest der Gesetzesfreude war am 23. Septembekk" „Ach, das fällt nächstes Jahr mit unseren Ostern zusammen, im März oder April," rief der Amtsrichter, der schon ungeduldig wurde, „glauben Sie, daß das Blut des Julek sich bis dahin frisch erhält?" „Mein Gott, ich sagte ja nur so," entschuldigte sich der Bürgermeister, „wie man so spricht. Aber schließlich den Hauptbeweis für die Schuld des Perez haben Sie noch gar nicht gehört, — er ist nämlich ein durch und durch unmoralischer Mensch —, die Frau des Schmula sagt aus, daß er jie gestern früh schlagen wollte und furchtbar betrunken lvar." „Also diesen Hänptbeweis?" drängte der Amts-' richrer. „Warum ist der Kerl fortgelaufen? Entflohen? Nicht eme Spur, ist von ihm zu finden! Wenn das kein Zeichen eines bösen Gewissens ist!" „Was gibt es, Johanna?" fragte die Hausstau. In der halbgeöffneten Tür erschien die breitschultrige Gestalt der schwarzen Hanne. „Gnädige Frau, der Perez stcht draußen, er bittet so sehr, ob er den Herrn Amtsrichter sprechen könnte?" Im Moment sprang der kleine Heinrich Desiderius von seinen! Stuhl, erwischte die Tür und war verschwunden. „Soll sofort hereinkommen!" dröhnte der Amtsrichter. „Nein, er soll noch nicht," rief Christine lebhaft. „Johanna, gib dem Mann draußen ein Nachtmahl, ein Glas Bier, Eier und ein Butterbrot! Der arme Mensch hat heute sicher noch nirgends etwas bekommen. Wenn er gesättigt ist, mag er hereintreten." Sie selbst zog die Tür hinter der schwarzen Hanne zu. „Christine," zürnte der Amtsrichter, „es ist wirklich nicht angebracht . . ." "Die junge Frau stellte sich, als merke sie nichts von des Gatten Unwillen. Sie wurde nur um so heiterer, scherzte mit Philipp und zeigte auch dem Bürgermeister ihr bezauberndes Lächeln, nötigte ihn, sich zu setzen und ein Glas Wein anzunehmen, was der Alte der schönen Frau nicht abzuschlagen vermochte, so schr ec sich auch vor kurzem über ihre scharfe Opposition geärgert hatte. Nach einer kleinen Weile klopfte es schüchtern an der Tür, Perez stand aus der Schwelle, sich linkisch verbeugend: „Guten Abend." „Guten Ilbend," erwiderte der Amtsrichter. „Du darfst hereinkommen, Perez; hier , in meine Studierstube, komni! Ich bitte die Herren, gleichfalls einzutreten." Jetzt tvar es der Amtsrichter, welcher die Tür hinter sich zuzog, und Frau Christine blieb draußen. Es tut uns herzlich leid, die junge Frau durch die Wiedererzählung ihrer jetzt folgenden Handlungsweise uni die Sympathien unserer Leser zu bringen; Christine legte ihr Ohr an das Schlüsselloch und horchte. „Also, Perez," begann der Amtsrichter, „was hast Du mir zu sagen? Sprich, und geniere Dich nicht vor diesen beiden Herren!" „Warum soll ich mich genieren? Herr Amtsrichter, verzeihen Sie, daß ich Sie störe, aber es ist gar nicht auszuhalten, was ich von den Leuten auszustehen habe. Ich habe nicht frei durch die Stadt gehen können, sondern mußte hinten herum schleichen wie ein Dieb, weil mir die schlechten Menschen auflauern, um lyich zu fangen wie ein wildes Tier. Und das alles, weil dieses verlogene, giftige Ding, die Franja Luschek, Sachen aufbringt, die total erfunden sind. Ich habe nichts mit dem Julek gehabt, Herr Amtsrichter, ich habe ihn nicht geschlagen, ich' habe chn nicht gejagt, — für was soll ich einen anderen Menschen schlagen, hätte er es sich denn von mir gefallen lassen? . . . Es ist alles erlogen von dieser Person, Herr Amtsrichter, ich rede die Wahrheit, so wahr wie ich gesund sein und von Gott noch gute Tage erleben will! Ich bitte, Herr Amtsrichter, verbieten Sie der Franja, so schlecht von mir zu reden, und wenn sie damit nicht aushört, muß ich sie verklagen. Herr Doktor," — er wandte sich zutraulich an Philipp, — „Sie werden mir den Prozeß führen. Sie werden durch mich in der ganzen Gegend Kundschaft, bekomnien." (Es war Philipp, als höre er leises Frauenlachen; hatte er doch selbst Muhe, seinen Ernst zu wahren.) „Und nun empfehle ich mich, Herr Amtsrichter, und wünsche Ihnen und der gnädigen Frau wohl zu schlafen, allerseits geruhsame Nacht!" Er wollte gehen, der Amtsrichter befahl: „Bleibe, Perez, ich habe Dich etwas zu fragen! . . . Hast Du ein Rezept verloren?" „Ja," antwortete Perez fest, „Sonnabend Nacht, als ich von der Apotheke durchs Wäldchen nach Hause ging, habe ich das Rezept, das der Herr Doktor meiner Mutter verschrieben hat, verloren." Jetzt glaubte der Bürgermeister, intervenieren zu müssen und fragte seinerseits mit scharfer Betonung: „Warum hast Du das Rezept gerade dort verloren?" „Warum!" fuhr Perez heftig auf, „weil ich ein Loch in der Tasche hatte, ist mir das Papier durchgefallen, Herr Bürgermeister. Ist Ihnen noch nie im Leben etwas durchgefallen, Herr .Bürgermeister? Ich weiß, Sie sind selber durchgefallen bei der letzten Wahl." (Fortsetzung folgt.) J.W. Albert, Optik Fits-n. Pincenez Double Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Waissfrauenatrassa II, Erke Neue Mainzerstrasse. Offen ba eh er Oruckluft - Anlage Offanbach a» M. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). Bewährteste TaPdlehrstnlgang, 100,000 qm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinigung mittelst Druckluft und Waaserdampf. Bunte Chronik. Die Israelit. Kultusgemeinde Zürich. Dem Geschäftsbericht der Israelit. Kultusgemeinde Zürich über das Jahr 1912 entnehmen wir folgendes: Am 3. März 1862 wurden alle Beschränkungen sür die Juden im Kanton Zürich aufgehoben. Kurz darauf, am 29. März 1862, konstituierte sich in Zürich der Israelitische Kultusverein mir 12 Mitgliedern, von denen noch zwei am Leben sind, die Herren Brunschwig-Rachmühl und Leopold Weil. Im Jahre 1880 wurde der Name des Vereins in den noch heute geführten „Israelitische KultuSgemeinde" umgewandelt. Das erste Betlokal befand sich im Mederdorf (Mietzins Fr. 320). Bon dort siedelte man 1867 in das alte Kornhaus in der Nähe des alten Tonhalleareals über (von der Stadt Zürich sür 1000 Fr. jährlich gemietet), von da in das alte Theaterfoyer und von dort in die Brunngasse Me. 15. Am 26. Februar 1879 wurde der Bau einer Synagoge beschlossen, am 16. September 1884 wurde die neue Synagoge in der Lüwenstraße eingeweiht. Der erste Rabbiner der Gemeinde, 1869—1872, war Dr. Levin, jetzt Prediger der Reformgemeinde in Berlin. Nach einem längeren Provisorium wurde, 1877—1881, Dr. Kisch, jetzt Garnisonsprediger in Prag, angestellt. Sein Nachfolger wurde als Prediger und Rektor der Religionsschule bis 1892 Dr. Landau (jetzt Bezirrsrabbiner in Weilburg); seit 1893 fungiert Rabbiner Dr. Littmann. Kantor wurde 1867 Herr Alfred Lang s. 2L; ihm folgte Herr Tominberg, und seit 1896 wirkt als Religionslehrer Dr. David Strauß. Die Schule umschloß 1894 130 Schüler, im Jahre 1912 230. Seit 1898 besitzt die Gemeinde ein eigenes Schulhaus, Die Armenpflege ist seit 1991 geregelt, sie hat in den letzten 10 Jahren ca. 125000 Fr. an Unterstützungen ausgegeben. Der Friedhof ist 1865 angelegt worden; Verhandlungen mit der Stadt betresfend Beteiligung am allgemeinen städtischen Friedhof wurden im Jahre 1877 von der Generalversammlung endgültig abgelehnt: 1892 wurde die Abdankungshalle errichtet. Die Gemeinde hatte 1870' 37 Mitglieder, 1880 80, 1894 198, 1900 305, 1912 ca. 500; das Budget betrug 1862 Fr. 30000, 1912 Fr. 70000. Im Jahre 1895 kam es zu religiösen Wirren in der Gemeinde; es wurde zur Herstellung des Friedens sür die orthodoxen Mitglieder ein ihren Wünschen entsprechender Gottesdienst im Betsaal errichtet. Interessant ist, daß im August 1877 der Versuch gemacht wurde, die Gemeinde unter Aufsicht des Staates zu stellen; das Gesuch wurde abgelehnt, da sonst auch andere Sekten sich um einen Staatsbeitrag bewerben könnten._ ihalser Friedrich Quelle - Offenbach a. 9. — ' Gegen Gicht und BhenmafJamns bewührt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frank furta.H., GOntheraburg-Allee 37. TeL259n.714. Wocherr-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Loacb.) Samstag, den 24. Mai!--- 17. Ijar.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 15 Min. in Berlin 9 Uhr 02 Min. Wochenabschnitt: Bechukausei. — Die große Strafpredigt („Tauchocho"). Alle Exitsleiden werden prophetisch vorausgesagt. — Gesetzliche Bestimmungen darüber, wenn jemand den Wert eines Feldes oder eines Viehes fürs Heiligtum bestimmt. Sonntag: Lag b'Omer. (Halbfeiertag. An diesem Tage hörte das Sterben unter den Schülern Rabbi Akibas auf.) Freitag abend (23. Mai) — 32. Omer Samstag „ (24. ,. ) 33. „ Sonntag „ (25. „ ) 34. Montag „ (26. „ ) 35. „ Dienstag „ (27. „ ) 36. „ Mittwoch „ (28. „ ) 37. „ Donnerstag „ (29. „ ) — 38. „ Wochengottesdienste in Frankfurt. Morgens: 6 Uhr (Hauptsynagoge 7 Uhr, Synagoge Köuigsteinerstraße 7 Uhr j)0 Min.). Abends: 7 Uhr (Hauptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Kömgsteinerstraße 7 Uhr). Allgemeine Mitteilungen. Die Firma A. Rothschild, Spezialhaus sür Teppiche und Innendekoration, hat ihre Lokalitäten von Neue Kräme 23 nach Schillerstraße 16, durchgehend nach große Eschenheimerstratze 29, verlegt. Die neuen Geschäftsräume sind nach Entwürfen unter künstlerischer Mitwirkung des Herrn Ottomcn^Starke und der technischen Leitung des Herrn Carl Muty ausgebaut und repräsentieren sich in ihrer Gesamtwirkung äußerst geschmackvoll. Durch einen imposanten .Borraum gelangt der Be-' facher in die eigentlichen Räume, an die sich der orien-

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