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Neue jüdische Presse · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«eite 2. nahm sofort Gelegenheit, ihn zu interviewen. Es war mir vor allen Dingen wichtig z» erfahren, wie sich das Projekt seiner Siedlungsgenossenschaft in der Mckichkeit realisiert hat, denn sollte es gelingen, so wurden viele und wichtige Fragen der Mische» Kolonisation Palästinas gelöst, so zi. B. 8er Frage der GroWdlonisation sowie die jüdische Arbeiterfrage. j Zunächst ersuchte ich ihn um Wiedergabe seiner allgemeinen Eindrücke in Palästina. Ich: Wie lange waren Sie dort? Er: Drei Wochen. Ich besuchte fast alle Kolonien in Galiläa, auch Jaffa, mit einigen benach»- barten Kolonien. Ich: Meck man eine Entwicklung des Landes? Er: Der Fortschritt ist ungeheuer groß, Tel- Awiw A. B. macht einen.überraschet angenehmen Eitruck; schöne Häuser, saubere Straßen, — kurz es macht den Eitruck einer nwdernen Stadt, wie man ihresgleichen .kaum zum zweiten Male im Orient fiten durfte. Leider hörte ich auch von den Schäden moderner Städte, von Häuserspekulation und hohen Mieten. So kostet z. Bi. ein ZimMer 25 bis 30 §&§. monatlich an Miete. Wenn diese Tatsachen Ummen, dann entsteht die Frage, ob der Jüd. Nationalftits, dessen Prinzip die Nationalisierung des Bodens ist, derackges unterstützen darf. Vorläufig hat Tel-Awiw nur 130 Häuser, aber ihre Zahl wächst ständig, und man spricht sogar hier von der Errichtung eines Seebades mit Strat. Dieses Ziel ließe sich erst mit der Erbauung eines Hafens verwickichen, — ut der Hafen von Jaffa durste heute nicht nrehr so fern sein; denn für die Eisenbahngesellschaft Jaffa-Jerusalem wird er infolge der Konkurrenz der neuen Bahn Haifa-Jerusalem bald zu einer Lebensfrage werden. Der Hafen von Jaffa würde auch die vielen in Egypten Nullenden Touristen nach Palästina führen; Jaffa würde einen gewaltigen Auffchwung nehmen. Besonders gehen Haifa und-Liberias nach der Erbauung von Häfen einer glänzenden Zukunft entgegen, well ihr Naturreichtum sie zu den beliebtesten Vergnügungsplätzen der Welt machen dürste. Ein warmes Klima/ daneben der schneebedeckte Hermon, also Gelegenhell zu Schnee-, Jagd-, Berg- und Wassersport. Es fehlen nur die Unternehmer für die Errichtung eines Hotels usw. Ich: Welche Resultate sind in Ihrer genossenschaftlichen Kolonie Merchawijah erzielt worden? Er: Im allgemein«« finde ich die Resultate viel besser, als ich erwartet habe. Es arbeite» jetzt in Merchawijah 47 Mann, von denen 16 Gerwssenschastler sind. In den letzten Tagen sind noch einige als Genossenschaftler ausgenommen worden, und Man gedenkt noch 30—35 Genossenschaftler aufzunehmen. Leider haben wir jetzt nur für 18 Arbeiter Häuser, die später als Wohnungen für vier verheiratete Genossenschaftler dienen werden. Wir brauchen ein Haus für Unverheiratete und eines für den Verwalter, — aber es fehlt uns das Geld AuM Bauen? Ich: Wie denken Sie sich die weitere! Entwich lung Ihrer Kolonie? Er: Die Genossenschaft hat drei Teilhaber: den Nationalfonds als Bescher des Bodens, die Genossenschaft als Geber des Betriebskapitals und die Arbeiter als Spender ihrer Arbeitskraft. Der Nationolfonds bekommt die Zinsen für den Bodenwert, die Arbeiter bekommen den Arbeitslohn und sind außerdem Teilhaber an dem Reingewinn des Genossenschastsfonds. Wir hoffen, daß sie ihr Geld sammeln uni' dem Genossenschaftsfonds das Betriebskapital zurückzahlen werden, sodaß es dann nur zwei Tellhaber geben wird:, Nationalfonds und Arbeiter. Später können sie tun, was sie wollen, sie, können genossenschaftlich weiter arbeite» oder selbst ein Stück Boden übernehmen und nur insofern Teilhaber der Genossenschaft bleibe», als sie Tell an den Maschinen, - dem Vieh usw. haben. Wird diese erste Genossenschaft gelinge», dünn wird' es nicht schwer sein, auf der gleichen Grundlage eine große Millionew-Gesellschast zu gründen, die die Erfahrungen von Merchawijah und die richtig geschulten Arbeiter haben wird. Die jetzige» Wbeiter waren nicht ausgebildet, und es kostete! sehr viel Mühe, bis sie die notwendigen Kenntnisse erhielten. Frankfurter Israelitisches Famlljenblatt. - Man wird jetzt einen Versuch mit dem neuen amerikanischen „Dry-Farning-System" machen, nach welchem System der Boden nicht gedüngt zu werden braucht. Man sät nur einmal in Wer Jahren, in dem Jahr aber, in dem nicht gesät wird, wird der Boden achtmal beackert. In Adlit ist der Versuch mit diesem System glänzend gelungen; die Ernte ergab das Dreifache einer Mlltelernte; freilich siel in diesem Jahr viel Regen. Braucht der Boden aber nicht gedüngt zu werden, so braucht man nur Milchvieh, und Vieh ist in Palästina eine kostspielige Sache, abgesehen von den Gefahren der Viehkrankhellen.! Hoffentlich werden all' diese Versuche znm Gelingen führen. Es wäre für die gesamte menschliche Kultur und für die jüdische in Palästina insbesondere ein großer Erfolg. M. S. Seidemann. Aus de« Ereignissen des Tages. 1. Eine „Jca"-Konferenz zur Regulierung der jüd. KrSwaudernng.; Vorigen Freitag traten in Wilna die Vertreter der Jca (Uewish Colonisation Association) in Rußland M einer Konferenz zusammen. Rund 100 Vorsteher aus 44 Orten hatten sich eingesunden, um über die Regulierung der jüdischen Auswanderung zu beraten. Im einzelnen standen zur Bek ratung: Erleichterung in Sachen des Auslands^ paffes, Ermäßigung von Eisenbahn- und Schiffskarten, Ernröglichung sanitärer Hilfe für die Auswanderer usw. Hier sei dem Punkt 1 der Tagesordnung: „Hinlenkung des Auswanderungsstromes nach neuen Zentren, nach Plätzen, wo keine oder nur wenig Juden ansässig sind", nähergetreten. Es handelt sich hier um eine schwerwiegende Frage. Sind doch die Leute weder mit den neuein ökonomischen iroch mit den kulturellen Bedingungen der ihnen völlig fremden Ansiedelungsländer vertraut, und in judenreinen Platzen sind sie nicht einmal in der Lage, auf den Beistand ihrer jüdischen Brüder rech-, nen zu können. Und zieht man noch die rein jüdische Seite, das Moment der Entfremdung vom Judentum, die in judenreinen Plätzen naturgemäß entstehen muß, in Betracht, so gestaltet sich die Frage «roch ernster. Wie wir hören, tagte die Konferenz ohne Zuziehung von maßgebenden Persönlichkellen, die däsVertrauen der breiteren Massen genießen, und in der Lage sind, mit konkreten Vorschlägen den versammelten „Jca"-Männern zur Seite zu stehen. Dies ist ein grober Fehler, besonders in Rußland, wo es eine öffentliche jüdische Meinung gibt und man auf die Stimme der Masse achtet, ja achten muß! Gar oft fanden und finden Beratungen der „Jca"-Bertreter statt. Eine ähnliche Konferenz! wie die gegenwäckge war vor drei Jahren in Libaü; sie hatte fast dasselbe Programm Wie die Milnaer Konferenz, und wenn die Beratungen nur von geringem Erfolg gekrönt waren, so Muß dies auf die Geheimtuerei und auf die von den Aristokraten und Bürokraten beliebte Methode des „Untersichscins" zurückgeführt^verden! Es liegt uns fern, die guten Absichten und die Tackaft der leitenden „Jca"-Persönlichkciten bemängeln zu wollen. Was wir kritisieren, ist hie in der „Jca" beliebte Methode ihreir Tätigkeit. Me schon erwähnt, geht ihr Be-, streben stets dahin, die öffentliche Meinung als eine guantits negligeable In betrachten, — und des weiteren nimnll sie bei ihren Handlungen auf das Wohl des Judentums fast gar keine Rücksicht, sie ist. nicht von einem höheren Bewußtsein einer jüdischen Gesamtheit getragen, sondern will nur den einzelnen Juden als Menschen helfen. 2. Die Erziehungsfrage in der russischen Judenheit. Die Erziehung der jüdischen Jugend Rußlands befindet sich in einem trostlosen Zustande. Wie bekannt, gM es im gelobten Rußland keinen Schul-, zwang, im Gegenteil: die Regierung, das Britz ungs Ministerium voran, tut alles mögliche, ihre Untertanen von der Schule fernzuhalten. Besonders viel Energie verwendet sie aber darauf, die Juden von der Schule zu entfernen. . _ Nr. 20 . Die Judenheit, der Bildung v o n j e h e r der Lebensnerv war, bringt, sofern sie gut situiert ist, durch Geld — seitdem Rußland eine „Konstitution" eingeführt hat, durch schweres Geld — ihre Kinder noch in den Schulen unter; doch die breite Masse des Mittelstandes . wie 'die der Unterschicht ist. meist aus den „Cheder" mit all seinen vielen Fehlern und Gebrechen angewiesen. ' Seit mehr als 50 Jahren wird davon gesprochen und geschrieben, daß der „Cheder" einergründlichen Reform bedarf. Inzwischen ist die Not immer größer und die Reform immer aktueller geworden. In der allerletzten Zeit schicken sich Gesellschaften mit reichen Mitteln an, die Reform des Cheders in die Hand zu nehmen. Aber die Orthodoxie will von einer Reform — sei es durch änderet unter ihrer Kontrolle, sei cs durch sie selbst — nichts wissen, obwohl es ihr zur Genüge bekannt ist, däß der „Cheder" im letzten Jahrzehnt Hunderte von Bundisten, Anarchisten und Taufjuden gestellt hat, alsodringend einer Reform bedarf. Doch dies alles läßt die Orthodoxie kalt. Wohl gibt es auch imtcr der Orthodoxie Einsichtige, die von der Notwendigkeit der,-Reform? überzeugt sind'; allein diesen fehlt der Mut, ihrct Ansicht offen zu bekunden, sie fürchten die Gefährdung ihres religiösen Renommees. Es gehört ein besonderer Mut dazu, daß ein Raw für die Reform des Cheders tatkräftig eintrete. Einer der wenigen Mutigen ist — neben dem bekannten Lidaer Raw Rabbiner Reines — der rühmlichst bekannte Rabbiner aus Odessa Schlapp tschirik, der es wagte, in einem offenen Schreiben an die „Agudas Jisrocl" mit rationellen Reformvorschlägen heranzutreten, dabei freilich vergessend, daß die Agudah bei all ihrer großen Dopolarität noch nicht kräftig genug ist— besonders angesichts der Mühl- und Hetzarbeit in ihren eigenen Reihen —, die Führer der Orthodoxie Rußlands von der Notwendigkeit der Reform auf der Grundlage „Thauro im derech erez" zu überzeugen. Möchte wenigstens die in Berlin erscheinende pädagogische Zeitschrift des Rabbis „Hachinuch Wehados" die tatkräftige Unterstützung der westeuropäischen Orthodoxie finden, die auf diese Weise wenigstens eine stille Kundgebung für die Reform des Cheders veran- .stalten würde. Brief aus -er Türkei.; In letzter Zeit wurde viel über das Verhältnis der spanischen Regierung zu den sefardischen Juden gesprochen. Folgende Informationen, die ich auf der hiesigen spanischen Gesandtschaft erhielt, beweisen, wie! man hinsichtlich dieses Gegenstandes übertriebe» hat: Bei der Näherung Wischen Spanien und den Sefardim war nie die Rede von einer Rückkehr oder irgendwelcher Massenauswanderung, da Spanien kein Einwanderungsland ist. Doch sind die Tore Spaniens vor niemandem gesperrt; es kann sich ein jeder, der seiner zukünftigen Existenz sicher ist, dort niederlassen, sodaß auch Juden, Sefardim oder Afchkenasim, dort alle Bürgerrechte genießen können. Die Juden können in Spanien gut organisierte, von der Regierung offiziell anerkannt«! Gemeinden bilden, denn Spanien ist heute! eines der liberalsten Länder Europas. In Spanien wvh-, . nen bereits manche jüdische Familien, die sich dort sehr wohl fühlen, aber da sie in den verschiedenen Städten fast isoliert leben, müssen sie manche Schwierigkeiten im religiösen Sinne ausstehm. So z. B. müssen sie, um das Brit-Mlla-Gebot beobachten zu können, ihre Frauen nach der nächsten ausländischen Stadt, wo eine jüdische Gemeinde besteht, reisen lassen, um dort bis nach 'der Genesung zu weilen. Jüngst wandten sich mehrere jüdische Exbeamten der ottomanischen Post- und Telegraphenäm-- ter in Saloniki, die infolge der hellenischen Bei-, setzung beschäftigungslos gewvrden waren, an die Gesandtschaft mit der Bitte, sie wenigstens in dem spanischen Marokko anzustellen. Die spanische Regierung, der dieses Gesuch unterbreitet wurde, antwortete, die Betreffenden müßten erst die nötig«« Prüfungen in Spanien selbst bestehen und dann aus vakante Stellen, die jetzt nicht zu haben sind, warten.—

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