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Neue jüdische Presse · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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~ "rr . Erscheint wöchentlich am Freitag. Btrtamfnxs pr* tzliertetjatzr: In Frankfurt «. M. Mk. 1.— fr er :n# Haus. Bei der Post abonniert 90 Psa., frei in» Hau» 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zuserwung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— kinzel - Nummer« kosten 10 Pfg. Redaktion und GXpedition: Frankfurt a. M. rr Canatftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. Herausgeber: Karg chei». -ufrrtümsprris für die sünfgefPMene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Mederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Lngebote und -Besuche, WohnungSinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Daium-Borschrist ohne Aerbindlichkeit. Annoncrn-Annahme bei der Lxped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Freitag, de« 1«. har 5673 (23. Mai 1913) 11 Jahrgang. Erez-Jsrael. (Reisebriefe.) Von Na^nm Goldmann. n. Jaffa-Tel-Awiw. Tic erste Wirkung, die Jaffa selbst ausübt, ist durchaus nicht geeignet, den Eindruck der Landung irgendwie zu verbessern; im Gegenteil: Man schreitet durch enge, sehr schmutzige Gassen, gefüllt mit arabischen Händlern, die, zu beiden Seiten der Straße in ihrer monotonen Singsangart ihre Maren anbietend, einen ohrenbetäubenden Lärm, machen. Dem Reisenden, der aus dchn Hinwege bereits ::: Egypten geweilt hat, bietet dieses Straßenbild nichts Interessantes mehr, und so werden die unangenehmen Empfindungen, die Ohr- und vor allem Nasennerven in ihm wachrufen, durch kein anderes Gefühl aufgehoben oder auch nur gemildert. Nach einigen Minuten kommt man endlich aus diesem arabischen Viertel heraus und betritt die Hauptstraße. Hier erst beginnt man zu merken, daß in Jaffa auch 18,000 Juden wohnen. Die Geschäfte sind meist jüdisch, die Menschen auf der Straße größtenteils auch, die Straße selbst ist breit, und wenn auch gewiß nicht europäisch, so doch fürorientalische Verhältnisse ziemlich sauber. Kurz: das jüdische Jaffa macht sich bemerkbar. Das jüdische, was nicht gleichbedeutend ist mit dem hebräischen Jaffa. Dieses nehme ich vorderhand nur hier und da wahr. Zwar ist der größte Teil der Firmenschilder auch hebräisch, aber die meisten Laute, die an mein Ohr dringen, sind Jargonworte, allerdings dazwischen oft auch hebräische. Wie wir in Rußland einen russifizierten, in England und Amerika einen anglisierten Jargon haben, so hier in Palästina einen hebräisierten. Hebräisch selbst hört man auf dieser Hauptstraße nur ab und zu, meist wenn ein Lehrer oder Schüler des Gymnasiums vorübergeht. - So gehe ich eine Viertelstunde lang, ziemlich düsteren Gedanken nachsinnend. Habe, ich wirklich zu viel gehofft? Denn was ich bisher sehe, läßt mich kaum, kaum empfinden, daß ich in Palästina bin, in Jaffa, dem Zentrum des neuen jüdischen Lebens im Lande. Und mir drängt sich wie von selbst der Gedanke auf: Dies ist nicht Jaffa, das hebräische Jaffa, unser Jaffa. Dies Muß dort weiter sein, dort innerhalb der Stadt, dort in — Tel-Awiw. „Gehen wir rascher!" rufe ich meinem Führer zu. „Kommen wir schon nach Tel-Awiw?" .. *■" „Noch nicht", repliziert er leise lächelnd, und wendet sich von der Hauptstraße weg, rechts einbiegend. „Gehen wir erst durch die deutsche Kolonie. Sie sollen erst sehen/- was sie geschaffen /haben. Eure Deutschen, bctmit Sie den Wert Hessen beurteilen können, was wir vollbrachten." Ich komme in die deutsche Kolonie. Eine ganz andere Welt. Eine saubere schwäbische Kleinstadt, mitten in Jaffa hineingepslanzt. Schmucke Häuschen, von Gärten umgeben, saubere Straßen, /auf den Türportalen fromme Sprüche eingraviert — die hiesigen Deutscher:-sind fast alle Templer —. und vor den Häusern kleine blauäugige Kinder, in schwäbischer Mundart schreiend. Dies imponiert mir am meisten; diese Kinder, deren Eltern vor 30—40 Jahren eingewandert sind, haben noch /d'en reinen, unverfälschten schwäbischen Dialekt; und unsere Kosmopoliten wollen uns einreden: Rasse und Abkunft seien nichtssagende Zufälligkeiten. ... Man merkt es dar Kolonie an, daß ihre Bewohner wohlhabend sind. Sie haben hier ihr Glück gemacht, diese schwäbischen Templer. Ihr Weih und ihre Ordnung haben ihnen dazu verholfen. Ebenso aber Merkt man auch, daß ihnen keinerlei Zukunft hier beschieden ist. Man sieht es sowohl ihnen wie ihren Häusern an, daß sie Fremde in diesem Lande sind und stets Fremde bleiben werden. Sie haben es nicht vermischt, ein Beirhältnis zun: Lande zu gewinnen und werden es nie vermögen, Einsässige, Palästinenser zu werden. Schwaben, die ein .Zufall naK Palästina verschlagen hat, das sind und werden sie Ms bleiben. Ihnen blüht keine Zukunft, sie bilden eine Episode, die bereits ihrem Ende entgögengeht. So zutreffend' diese Beobachtungen sind, auf diese Templer angewandt, so besorgniserregend sind sie, wenn ich mir sage: Gelten sie auch nicht für uns Juden? Werden wir es vermögen, Palästinenser zu werden, uns dem Lande zu akklimatisieren? Denn dies ist klar: Ohne eine .solche! physische wie vor allem auch innere Akklimatisierung ist an einen dauernden Erfolg unserer Arbeit nicht zu denken. - Schnellen Schrittes, fast laufend, durcheile ich die gefälligen Straßen. Es drängt mich fort, fort nach unserem Tel-Awiw. Wir gelangen wieder auf den breiten Fahrweg, gehen noch einige Minuten, und plötzlich sagt mir Mein Führer: „Bitte, nun Augen links, hier haben Sie Tel-Awiw." Ich, der ich glaubte, es liege noch weiter geradeaus, wende mich links und vor mir liegt — Tel-Awiw. Ich erwache wie aus einem Traum. Ich will kaum glauben, was ich da sehe. Bor mir eine herrliche Straße, sauber wie die! schönste Allee in Europa, zu beiden Seiten geschmackvolle Häuser, rings von Gärten umgeben, .und geradeaus, die Straße abschließend, das imposante, äußerst stilvolle Gebäude des hebräischen Gymnasiums. Ich schreite hinein, gehe an einigen Läden vorbei, durchschreite dann ein Tor und stehe in der Herzlstraße. Bielesauber gekleidete Kinder spielen auf der Straße, Gymnasiasten spazieren auf und ab, und fröhliche Laute schwirren durch die; Lust. Hebräische Laute. . . Die kleinen Bengels zanken sich hebräisch, die Schüler und Schülerinnen flirten hebräisch, jene Gruppe Erwachsener debattiert, lebhaft .gestikulierend) hebräisch, und der erste Bekannte, dem ich — mich vergessend — mit einem fröhlichen „Guten Tag", die Hand reiche, zieht die seinige zurück: „En anu mewiniM eth yaguten Tag schelcha!" (Wir verstehen nicht Deinen „Guten Tag") erwidert er mir lachend. „SchaloM" verbesserte ich mich, und mit einem herzlichen „Schalom ubrachah" schüttelten wir uns die Hände. Tränen steigen mir empor, Tränen des Glücks und der Freude. Hier zum ersten Mal bin ich in Erez-Jsrael, im neuen Erez-Jsrael, im Altneuland. Wie ein kleines Paradies erscheint es Mir. Wohin ich blicke, nur Freude, nur jubelnde Kinderstimmen/ nur fröhliche Antlitze, nur steudige Glücksstimmung, und über alles ergießt die herrlichste Sonne ihre Strahlen; überall nur Licht und Luft, grünende Bäume und lachende Menschen, Hier scheint ewiger Feiertag zu herrsche,: und ewiges Glück. «r. 26 Ich kann mich kaum satt sehen an diesem Bilde. Und unwillkürlich entsteht vor meinen Augen das Bild einer russischen Kleinstadt und einer Judenstraße in Whitechapel. Dort die enge, atembcklemmende Lust, der Schmutz, der Gestank, die morschen, menschenunwürdigen Löcher, die man Häuser nennt, die gekrümmten Gestalten, die bleichsüchtigen Krämer, die blutlosen Mütter, und hier die freie Luft, der paradiesische Himmel, die schmucken Läufer, die saubere Straße, die gefunden Menschen, die stolzen, kräftigen Jünglinge, die gesunden, stohen Mädchengesichter, die übermütig lustigen Kinder . . . und es sind doch meist dieselben Ghettojuden, die dieses Tel-Awüv geschaffen haben. Bor fünf, sechs, zehn Fahren saßen sie noch zum großen Teil auch in den Judenstraßen Rußlands, — die russischen Worte, die ich noch hier und da auffange, erinnern mich ja von selbst daran. Und doch dieser Unterschied! Das Goluth und Erez-Jsrael, Whitechapel und Tel- "Awiw! Bon nun an bedarf es keiner Worte mehr, um die ^Verneinung des Goluth zu beweisen; dieses eine Tel-Awiw bedeutet hundertfach mehr als alle Theorien. Nachdem ich mich vom ersten Eindruck erholt habe, durchschreite ich Tel-Llwiw. Ich gehe etwas weiter und komme an eine breite, prachtvolle Allee mit kleinen, vor kurzem gepflanzten Bäumen, Bänke zu beiden Seiten. Ich biege in sie ein und sehe vor mir den großen Wafferturm, der die ganze Kolonie mit Wasser versorgt, komme dann an die erste Straße des neuen Viertels „NaHlath-Binjamin" und stehe bald vor den Sanddiünen, die Tel-Awiw vom Meere trennen. „Noch ein, zwei Jahre", erzählt mir mein Begleiter, einer der Gründer und Leiter Tel-Lkwiws, „und diese Straße!wird bereits zuM Meere! führen. Der ganze Platz ist schon erworben, ein großer Teil der Parzellen bereits an Privatleute verkauft, und ^sobald die Straße zu Ende gebaut sein wird, soll am Meere ein Badeplatz errichtet Wörden,-danach ein Hotel. Wir hoffen, daß mü der Zeit sich da ein lebhaftes Strand- und Badeleben entwickeln wird." Ich lasse mir Näheres erzählen über die Art der Gründung und Verwaltung Tel-Awiws*) und höre, daß es sich Mächtig vorwärts entwickelt. Bor vier Jahren noch war diese ganze Gegend eine große Sandebene, deren Elle 1—l'V® Frs. kostete, heute zahlt man bereits 8—9 Frs. pro Elle. . . Von Eindrücken gesättigt, kehre ich zu meinem Freunde zurück. Alle düsteren, zweiflerischen Empfindungen sind verschwunden. Ich habe gefunden, was ich gehofft, ja unendlich Mehr. In drei Jahren ist dieses Tel-Älwiw entstanden, umd ich träume davon, was in einem Jahrzehnt, in zweien hier sein wird. Es ist ein schöner Anfang meiner Reise, dieser erste Tag in Erez-Jsrael. Und als ich spät nachts mich müde zur Ruhe lege, tue ich es mit dem innigen Gebete, daß die folgenden Tage diesem ersten gleichen Mögen. . . Ei« Interview mit Dr. Franz Oppenheimer. Dr. Franz Oppenheimer ist soeben von seiner zweiten Palästinareise zurückgekehrt — das erstg Mal weilte er vor drei Jahren dort —, und ich *) Ueber Tel -- Awüv selbst soll ein besonderer Jlrtikel solgen.

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