Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 19 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Rede des Hausarztes und ehemaligen lShüicr Dr. Max (LalVary und auch die des Verwandten Rabb. Dr. M. Lewin-Wrcschen. Zum Schlüsse sprach! noch Kaufmann Piucus Plessncr für den Verein Lcschann- Limudini. Daranf folgte die Uedcrführung der Leiche nach Synagoge A, an der eine 'beträchtliche Anzahl Trauernde teilnahm. Die Straßenlaternen strahlten in ihrem Lichte. Um 3 Uhr 'nachmittag begann die Totenfeier in der Synagoge, die schon lange vorher in dem Mäuncrabteil und im Frauenchor bis ' auf den letzten Platz besetzt war. Hier hatten sich außer den Leidtragenden auch die Behörden der Stadt mit dem Oberbürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher, sotvie der Stadtkommandant und Abordnungen der hiesige,: einzelnen Truppengattungen eingefturden. Für diese lvaren besondere Ehrenplätze vor dem Allerheiligen reserviert. Auch die Kinder der Religionsschule hatten hier Aufstellung genommen. Die Säulen und Kandelaber waren umflort. Es hielten hier Trauerreden: Prediger Dr. H. Hildesheimer-Berlin, Rabb. Blum-Posen und Rabb. Dr. Silberberg-Schrimen. Die Redner gaben in tiefempfundenen Worten den großen Schmerz über öen Heimgang des unübertrefflichen Herren fürs Gesamtjudentum Ausdruck. Abwechselnd folgten auch hier die Trauergesänge des Oberkantors Leibow'itz. Nach Beendigung dieser Feier bewegte sich der unübersehbare Zug nach dem Friedhofe. Dort angelangt, wurden Trauerreden gehalten von: Rabb. Dr. Munk- Berlin, Bankier Goldschmidt im .Austrage der Gemeindebehörde und des Verbandes der Synagogengemeinden des Regierungsbezirks Posen, Kaufmann Ai a n - nasse Werner, —> als ältestes Mitglied der Gemeindeverwaltung, Dr. H o ffm an »-Berlin, Rektor des Rabbiner - Seminars, Rabb. Dr. W r e s ch n e r - Samter, Vorsitzender der Rabbiner des gesetzestreuen Judentums der Provinz Posen, Liabb. Dr. Rosenthal-Breslau, beauftragt von der dortigen Synagogengemeinde, Verlagsbuchhändler Rose n h ei n - Frankfurt a. M., Vorstandsnritglied der 'Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, Rabb. Dr. Anton Nobel- Frankfurt a. M., Seminardirektor Dr. I. Carlebach- Cöln, delegiert vom dortige» Seminar, welches der Verstorbene gegründet und lange Zeit geleitet hatte. Rabb. Dr. Jacobsohn-Gnese», Rabb. Dr. Loewen- . t h a l - Hamburg, ehemaliger Schüler, Rabb. Dr. Königsb e r g e r - Berlin, früher Pleschen und zum Schlüsse sprach Rabb. Blum-Posen ein rührendes Gebet für den Dahingeschiedenen. Wegen der großen Zahl von Rednern konnte der Vertreter der Kantoren, die ehemals den Unterricht an der hiesigen Kantorenschule genossen haben, nicht mehr zum Worte zugelassen werden. . Frankfurter Berichte. Der Zionismus und die Jugend. In einer großangelegten Rede sprach Parteisekretär Kurt Blumenfeld-Berlin in der Zion. Jugendgruppe über obiges Thema. Aus Raummangel müssen wir uns versagen, hier die Fülle seiner Gedanken wiederzugeben/ wir beschränken uns nur auf den Hauptgedanken. Redner geht von der Tatsache aus, daß die Assimilation scheinbar überall zunimmt. Die östlichen Auswanderer der westlichen Länder find in der ersten Zeit ihrer Einwanderung eifrig bestrebt, sich dem Wirtsvolk anzupassen. Sogar im Lande ohne historische Vergangen- . heit, Amerika, ist diese Erscheinung wahrzunehmen; man ist dort eifrig bemüht, sich dem erst im Werden begriffenen Amerikanisnius zu assimilieren. Die jüdische Treue und Anhänglichkeit ist es, die die Einwanderer zur Assimilation treibt. Allein diese Assimilation ist kein völliges Aufgebcu, vielmehr steigt sie bis zu einer gewissen Stufe, dann macht sie halt. Kaum hat der Jude die äußerlichen Scheidemerkmale durchbrochen und überwunden, so macht er, angelangt bei den inneren ScheidcinerkniAlen und Sonderheiten, kehr t. Intuitiv fühlt er, da» er in eine f r e m d e Welt hineingeraten, in eine Welt, in der er sich unmöglich, voll ausleben kann. So beginnt dann die Rückwanderung zum eigenen, für eine Weile verlassenen Volke. Diesen Prozeß der Abwanderung und Rückwanderung macht das Gros der Zionisten durch. Es ist nun die Frage zu beantworten, wie die Rückwanderer, insbesondere die zionistische Jugend zum Zionismus erzogen werden sollen. Die einen, Opportunisten und Konzessionisten, sagen, der Zionismus müsse nur tropfenweise verabreicht werden; die Zionisten könnten im alten Milieu, unter den offiziellen Kehillojuden, die nach gewissen Formeln leben, wirken und die Offiziellen bekehren. Die anderen, die Radikalen, Absoluten, „Unterirdischen", meinen, daß das alte Milieu so infiziert ist, daß selbst die Nationalen Gefahr laufen, sich anzustecken, und daß von einer Beeinflußung der „Formeljuben", die ihrem berechnenden Wesen gemäß stets in dem alten Geleise wandeln, keine Rede sein könne. Redner gehört zu letzteren, da alle Umwälzungen und Neuorientierungen nur von den Absoluten herrühren. Die Unterirdischen, die Propheten, die stets in der Minderheit waren, hätten nur Dank ihrem Radikalismus gewirkt, und auf die Zahl komme cs nicht an. Die Rede wurde mit starkem Beifall ausgenommen. Verein „Jüdische Kultur". Dieser jüngst von gälizischen jungen Leuten gegründete Verein, hatte Dienstag eine Mitgliederversammlung, die seine-Existenzberechtignng erwies, denn unter dem Publikum waren mindestens 60 junge Leute, die sämtlich mit größtem Interesse znhörten und sicherlich in dem Verein eine Stätte -für . ideale jüdische Arbeit sehen. I. Born st e i» sprach über Ideologie des Judentums und L a p i n -über die Bedeutung der Organisier u n g. Die Debatte eröffnete cand. Phil. Julius Ascher, der als Gast anwesend war, indem er — wie Grethchcn zum Faust — die Frage stellte: „Wie hast Du's mit der Religion?" Die Frage entfesselte eine lebhafte Debatte. Die Redner (Bor n st ein, S choener) betonten, daß man eine derartige Frage in der osteuropäischen Judenheit nicht kenne; man betrachte dort jeden Juden als Juden und erlaube sich nicht, wie bei der westeuropäischen Judenheit, Unterscheidungen in der Qualität der Juden. S a l y G e i s, als Gast, richtete einen Slppell an die Versammlung, gegen die zwischen dem Ost- und dem Westjndentum bestehende Entfremdung zu arbeiten. Das setze ein Bescheiden voraus, das verlange die Erkenntnis, daß jedes von beiden von dem andern lernen könne. Dem Ostjuden sei häufig mehr Ernst in seinem Verpslichtungsgesühl gegen das jüdische Gesetz, den: Westjuden häufig mehr praktisches Judentum in seinen Beziehungen von Mensch zu Mensch zu wünschen. Diese Ausführungen veranlaßten noch einmal eine Debatte, die zeigte, daß den Worten des Redners Verständnis entgegengebracht wurde. Zählen und Rechnen in der Thora. Im Vereine „M o n t e f i o r e" sprach Referendar Dr .F. E t t l i n g e r über „Zählen und Rechnen in der- Thora." Referent zeigte, ein wie wrmderbares und von hohem Kulturgeiste getragenes Beispiel uns die heilige Lehre auch hier bietet und wie nian im Gegensätze zu vielen aiwcren Nationen bei den Juden bereits vor Jahrtausenden an die Lösung schwieriger Zahlenprobleme herangetreten ist. Eine große Zahl altjüdischer und mittelalterlicher Rcchcnmethoden bildeten den Schluß des Vortrages, der von seiten der zahlreich erschienenen Zuhörer den lebhaftesten Beifall fand und eine rege Aussprache, an der sich die Herren S n l z b a ch e r, S t e i u. Feist, Dr. Löffler beteiligten, zur Folge hatte. Verein Erholungsheim für israeltt. Frauen Baden-Baden. Zu dem reichen Kranz von Werken der Menschenliebe, die von Freifrau Mathilde v. Rothschild ausgehen und den Stempel ihres Herzens tragen, hat sich nun ein neues gesellt: Das Erholungsheim für israelitische Frauen Baden-Baden. Wer je die Segnungen an: eigenen Leibe verspürt hat, die Baden-Baden all seinen 'Besuchern bringt, wird es mit inniger Freude begrüßen, daß in den: durch die Schönheiten der Natur und durch die Heilkraft der Quellen besonders ausgezeichneten Baden-Baden nun eine Anstalt entstanden ist, die jüdischen Frane» eine Verbilligung des Kuraufenthalts erinöglichen soll. Die Anstalt wird voraussichtlich bereits Anfangs Juni eröffnet werden. Herr M. M.. Mainz, der unermüdliche Arbeiter im Dienste der Wohltätigkeit, hat bereits Meldungen für das lausende Jahr entgegengenonlincn, nimmt auch weiter solche Meldungen, die von den nottvcndigen Attesten der Gemeindebehörden und des Arztes begleitet sein müssen, entgegen. Zur weiteren Ausgestaltung des Heims und zu dessen llebernahme hat sich ein Verein „Erholungsheim für israelitische Frauen Baden-Baden" konstituiert. Der Vorstand des Vereins setzt sich zusammen aus den Herren: Rechtsanwalt Horovitz, Frankfurt a. M., Vorsitzender, Julius Mayer, Baden-Baden, stellvertr. Vorsitzender, des weiteren aus den Herren Rabbiner Dr. Unna, Mamiheim, Julius F. Goldschmidt, Bankier Willy Dreyfuß, Dr. meo. Simon Fromm, sämtlich zu Frankfurt a. M., Direktor Dr. Grombacher, Straßburg, Abr. M. Ettlinger, Kalsruhe (als Oekonom), Rechtsanwalt Kassewitz, Freiburg :. B. In dankbarer Anerkennung für die mühevollen Vorarbeiten wurde Herr Michael M. Mainz zum Ehrenmitglied des Vorstands ernannt. Alls Ehrcndamen fungieren Frau M. Mainz, Frankfurt a. M. und Frau Dr. Stern, Baden-Baden. Möge der Anstalt eine erfreuliche Entwicklung beschicken sein und möge 'die hochherzige Stifterin sich auch dieses Werks ihrer niemals endenden Hilfsbereitschaft durch lange glückliche Jahre erfreuen können! Statistische Zahlen. Im Jahre 1912 wurden in Frankfurt 188 jüdische und 30 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Bon jüdischen Müttern wurden 346 Kinder (davon 6 tot) ehelich und 25 unehelich geboren. Prolog znr Tagung der jüdische» Jugeudvereine. Frankfurt a. M., den 12. Mai 1013. Willkommen alle, die von fern und nah Zur Bundestagung heut hierhergekommen, Es grüßt die Jugend nns'rer Vaterstadt Die Männer, die sich ihrer angenommen. Voll Stolz, daß' seinem Rufe Ihr gefolgt Begrüßt der Montefiore-Verein die Kampfgenossen. Ihr kämpfet gleichen Kampf, habt gleiches Ziel, Auch Euer Streben gilt den jungen Sprossen. Dem Wohl der Jugend weiht Ihr Eure Kraft, Ihr wollt sie körperlich und geistig "stählen, Zn treuen Söhnen uns'res Volks erzieh». Ans die dereinst das Vaterland darf zählen. Wo gab' es wohl ein höheres ^deal Als 'das, was wir auf uns're Fahne schreiben. In allen Gauen deutschen Heimatlands Regt sich ei» gleiches Streben, gleiches Treiben. Dies hohe Ziel uinschließt zu starkem Bund Die Glaubensbrüder, die in Freud und Leiden Zusammenhalten auf dein Erdenrund, Mag sonst Berus und Stand sie unterscheiden. Ersahr'ne Männer sehen wir vereint. Um Rat's zu pflegen, Ansichten zu tauschen; Dazu gesellet sich die junge Kraft, Dem Wort erprobter Führer gern zu lauschen. So mag die heutige Tagung fester schlingen Das Band, das die Vereine längst umband. Und Eure Arbeit möge Segen bringen Der jüdischen Jugend, der sie zugewandt. Wenn in Begeist'rung junge Herzen glühen Für das, was Ihr ersonnen und erdacht. Wird heißer Dank Euch lohnen Euer Mühen, Zu Taten spornen, wie Ihr sie vollbracht. Dann ist das Ziel erreicht, das Ihr erstrebet Hoch hält das Banner eine jüngere Hand, Sie trägt es stolz dem Judentum zur Ehre Und auch zum Ruhm den: deutschen Vaterland. Rosa Meyer. Eingesandt. lOhne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Anläßlich einer dieser Tage hier stattgesundenen Beerdigung ward die Frage aufgeworfen, wie hier der Minhag bezüglich des „Krioh"-Reißcns sei, beztv. ob hierbei die Brochoh „Boruch dajon emes" zu sprechen sei. In den Statuten der „Chewrah-Kadischa Gemilus Chassodim" sagt § 28: „Während des Ausstreuens der Erde ist es üblich, daß die begleitenden und zur Krioh verpflichteten Anverwandten des oder der Verstorbenen, wenn es noch nicht geschehen ist, Krioh reißen. Die betreffenden Awelim sagen beim Krioh-Rejßen keine Brochoh." Der Grund hierfür mag wohl sein, daß man annimmt, das Sprechen der Brochoh habe bereits stattgefunden, entweder bei „Jezias nischmo" oder bei dem Hören der Todesnachricht. Tatsache ist, daß der Minhag wie oben angegeben ist, die Krioh ohne Brochoh-Sprechen zu reißen, und diesem Minhag, der ei» durch die Länge der Zeit geheiligtes Gesetz geworden ist, sollte sich jeder fügen, selbst wenn ihm der Grund nicht ganz einleuchtet. So ist es, wie 8 28 der oben erwähnten Statuten besagt, hier Minhag, daß selbst am Cholhamoed die Kinder über Vater und Mutter die Krioh reißen, die anderen Verwandten aber erst nach Jomtow und der Schreiber' dieser Zeilen war Zeuge, wie ein hervorragender Ben- Tauroh wie der Direktor Dr. Mendel Hirsch s. A. seinem Erstaunen über diesen Minhag Ausdruck gab» aber hinzufügte, daß es damit wohl seine Richtigkeit haben müsse, wenn man bedenkt, daß die „Anschei Chewra-Kadischa." seit Jahrhunderten über die Ausführung der betreffenden Gebräuche stets sorgsan: gewacht hätten. Der obige § 28 gehört zu den Statuten der Chewra, die noch zu Lebzeiten des Rabbi T. Bondi in Druck gegeben wurden, und es wird wohl, kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser Gebrauch von uralten Zeiten hier so arisgeführt wurde. F. Kunst und Literatur. Geschichte der Juden in Stabt und Laub Salzburg. Nach handschriftlichen und gedruckten Quellen bearbeitet und dargestellt von Dr. Adolf Altmann, Rabbiner in Salzburg. Mit 14 Abbildungen und 1 Faksimile, l. Band bis zur Vertreibung der Juden aus Salzburg 1498. Berlin 1913. Verlag von Louis Lamm. PreiA 6 »M Die Geschichte der Juden in Salzburg war bis zu den: Erscheinen des vorliegenden Werkes etwas völlig Unbekanntes. Gelegentliche Notizen in den großen Regestenwerken ließen wohl etwas dergleichen ahnen, aber nur der in der Geschichtsliteratur sehr Belesene konnte etwas mehr von den J:ck>en in Salzburg wissen als die beiden traurigen Daten 1349 und 1498, elfteres das Datum der großen Judenverfolgungen zur Zeit des schwarzen Todes, letzteres das der, endgiltigen Judenvertreibung aus Salzburg. Um so freudiger muß das vorliegende Buch begrüßt werden, das eine Lücke ausfüllt, von der man schon glaubte, sie werde ständig klaffen, und — das sei gleich vorausgeschickt — seine Ausgabe in vorzüglicher Weise löst. Der erste Abschnitt des Buches von der Salzburger Römerzeit bis znm Anfang des 13. Jahrhunderts ist eine mehr mit Hypothesen arbeitende Darstellung, die an der - Hand der Hilfsquellen der Nachbarorte, aus gelegenllichen ' Erwähnungen der Juden das Vorhandensein einer jüdi- - scheu Niederlassung erschließen will, er behandelt eben in dem Punkte vorgeschichtliche Zeit. Der zweite Teil vom : dritten Viertel des 13. Jahrhunderts ab bietet erst ur- ' Sir. 19: grantzmtzr KraelWtzch ZamNaMM Grite 11