Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 19 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4. ' ' ' Frankfurter ZsraelNsches FamiUttlblatt. des Verbandes für verhängnisvoll halten. Die Art, wie der Antrag abgefohnt wurde, gebe dem Bedauern noch eine besondere Verschärfung. Ueber die Aufnahme des Beschlusses bei den zionistischen Mitgliedern der Jugend- Vereine müsse Las weitere abgewartet werden. Rechtsanw. Dr. Mayer-Bonn sprach die Ueberzcuaung aus, daß der Vorstand dafür sorgen werde, daß keine Kluft entsteht. Es sei auch dafür Sorge zu tragen, daß die neue Tendenz des Centralvercins nicht in die Jugendbewegung hineingetragen wird. Dr. Apfel entschuldigt sich wegen einiger in der Erregung gesprochener Worte. Nunmehr hielt Rechtsanwalt Dr. Ludwig Holländer, Syndikus des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sein Referat über die Berufswahl der jüdischen Jugend. Das Referat gipfelte in folgenden Thesen: 1. Bon einer insbesondere durch falsche Berufswahl veranlaßten wirtschaftlichen dkvtlage unter den deutschen Juden kann zur Zeit nicht gesprochen werden. 2. Trotzdem ist eine Berufsumschichtung noüvendig. Bürokratisierung einzelner Berufe, Zusammen d r ä ngun g der Juden in den Großstädten, wirtschaftlicher Antisemitismus lassen die wirtschaftliche Zukunft der Juden bedroht erscheinen und weisen auf die Notwendigkeit besonderen Eindringens in das Problem der Berufswahl hin. 3. Dir Zusammendrängung der Juden in den Großstädten bedeutet eine Gefährdung der Erwerbsmöglichkeit in allen, besonders aber in den akademischen Berufen. Durch geeigneten Hinweis auf die wirtschaftlichen Gefahren der Abwanderung in die Großstadt — nicht in die Mittelstädte — können die Jugcndvereine in den kleineren Gemeinden viel Segen stiften. 4. Unter Bürokratisierung des Erwerbslebens ist die namentlich auch im Handel hervortretende Umgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, welche den geistigen Arbeitsprozeß in wenige Köpfe vereinigt imd die Mehrzahl der zu leistenden Arbeiten mechanisiert. Dadurch werden viele mechanisch arbeitende, dagegen verhältnismäßig wenig geistig arbeitende Kräfte benötigt. Dieser Prozeß der Bürokratisierung ist dem, an Größe vielfach überschätzten Teile der Juden, welcher nur zuhöheren 'Leistungen veranlagt, sür die Dauer an mechanische Arbeit keine Befriedigung findet, .ungünstig und legt solchen jungen Leuten besondere Vorsicht bei der Berufswahl nahe. Insbesondere macht er vor der Berufswahl die Prüfung notwendig, ob der Einzelne sich in einem Angestelltenverhültnis mit der zwar damit verbundenen Sicherheit, aber Begrenztheit des Einkommens, wohl fühlen wird und kann. 5. Strengere Prüfung der Fähigkeit des jungen Menschen und der Aussichten des von ihm ergriffenen Berufes muß erfolgen. Die jetzt auch bei den Juden herrschende vielfach schmatische Regel, den Sohn dem Studium zuzuführen, wenn cs finanziell irgendwie geht, ihn sonst aber einen kaufmännischen Beruf ergreifen zu lassen, ist gänzlich verfehlt. Bei der Prüfung der Fähigkeiten soll nicht nur das Urteil der Eltern maßgebend sein, sondern es sollte auch ernstliche Rücksprache mit Lehrern und Seelsorgern erfolgen. 6. Handwerk und Landwirtschaft sind in weit größerem Umfange zu berücksichtigen, als cs bisher geschehen ist. Die Ergreifung des Kunsthandwerks ist wärmstens zu empfehlen. Die Lmrdwirtschaft bietet für nicht ganz unvermögende, kräftige und naturfteudige Personen günstige Erwerbsmöglichkeiten. Auch auf die durchaus nicht so sehr überfüllte, den Juden ofsenstehende Laufbahn des mittleren Beamten muß hingewiesen werden. 7. Die Beschäftigung der jungen Leute im Exporthandel und der E x p o r t industrie ist wärmstens zu empfehlen. Gründliche Beherrschung fremder Sprachen im Verein mit den nötigen Kenntnissen der wirtschaftlichen Verhältnisse fremder Länder werde» bei der zunehmenden Verflechtung Deutschlands in die Wcltwüt.chaft immer neue Erwerbsmöglichkeiten auch für jüdische junge Leute schaffen. - 8. Die auch in nichtjüdischcn Kreisen vielfach herrschende Tendenz, den Beruf des Vaters aufzugeben und einen, angeblich besseren zu wählen, ist bedenklich. Die väterlichen Berufe fcl'teii tunlichst auch von den Söhnen beibehalten werden. 9. Die weibliche Jugend muß, — man mag über die sogenannte Frauensrage denken, wie man will, — in immer höherem Maße zur Erwerbsfähigkeit hcrangebildet werde». Doch ist auf hochwertige Ausbildung besonders zu achten. Die Berufe der Lehrerin und Kindergärtnerin sind nach Tunlichkeit zu vermeiden. Dagegen hat die fachniännig vorgebildete jüdische Frau im Betriebe größerer Büros, Im Schneidcrgewerbe, in der P utz m ach er ei bei guter Vorbildung nicht schlechte Aussichten. Das Studium der Medizin ist der jüdischen Frau mehr zu empfehlen als dem Manne. 10. Vor allen „freien Berufen" find solche zu warnen, die auf Erwerb angewiesen sind. 11. Aufgabe der Jugendvereine ist es: 1. Vorträge über di: Berufsaussichten in den einzelnen Berufen durch deren Angehörige halten zu lassen. 2. Die Erfahrungen der einzelnen Redner und kurze Referate nicht nur in der Zeitschrift zu veröffentlichen, sondern auch eine Zentralstelle bei der Berbandsleitung zu schaffenT-welche Auskünfte über die Berussaussichten, erteilt undinVerbindungtritt - a) in Fragen des wirtschaftlich» Antisemitismus mit dem Centralverein zur Ergreifung von Maßnahmen zur Abhilfe, , d) mit de r Groß löge zum Zwecke der Auffindung neuer Unterkunftsmöglichkeiten im internationalen . Harwel und in der internationalen Industrie, um die ökonomische Verteilung der Jugend in den einzelnen Ländern zu erreichen. 3. Durch volkswirtschaftliche Unterweisung, insbesondere durch das Studium der Berichte der Handelskammern den theoretischen und praktischen Horizont ihrer Mitglieder in wirtschaftlichen Fragen zu weite». Fräulein Pappen heim ergriff zu de» „Thesen zur Berufswahl der jüd. Jugend" das Wort, indem sie den Ausdruck die „sogenannte Frauensrage" energisch zurückwies. Die Frauensrage sei ebenso wie die Judcnfrage ein integrierender Teil der sozialen Frage und darum nicht mit einem solchen Ausdruck als nebensächlich abzutun. Ferner betonte sic, daß man über die Frauenberufe nicht so summarisch urteilen dürfe wie die Thesen; nach den Erfahrungen der Stellennachweise und der Frauenvercine sei gerade von der Putzmacherci aus gewichtigen Gründen ganz besonders abzuraten. Eine Zentralauskunst- und Berufsberatungsstelle sei für Frauen und Mädchen n i ch t z u gründen, da dieselbe interkonfessionell ist und unter Mitarbeit des Jüdischen Frauenbundes als vorbildliche Organisation unter der Leitung von Frau Levy-Rathenau in Berlin besteht. Eine Dezentralisation wäre direkt schädlich. (Schluß folgt). Caf£ Corso Ecke Kaiserstrasse und Moselstrasse Hei eiöiei Mg. den HL ii Franz Kr ist» Aus oller Wen. Deutsches Reich Berlin. Vom 18.—20. Mai findet in Köln ein Derbandstag desZentralverbandes selbstst ä n d i g e r jüd. Handwerker Deutschlands statt. Oesterreich-Ungar». Budapest. Die „Ungar!. Jüd. Ztg." beurteilt die Chancen des Szeke ly scheu Ausrufes günstig. Die Zeitung schreibt: „All das, was in Wort und Schrift gegen die Vereinheitlichung des ungarischen Judentum es gezetert wird, geht nicht aus der Empfindung der breiten Masse der Orthodoxie hervor. Auch da gilt das Wort, daß zehn Schreiende hörbarer sind als tausend Schweigende. Das Volk trägt überall den Wunsch nach Frieden und Einigkeit in sich. Die Not der sich hoffnungslos ausbreitenden Zerwürfnisse innerhalb der Orthodoxie macht die Gemüter ungemein empfänglich für die Botschaft des Friedens, des Schutzes und der Verkämpfung unserer Ehre. Die Verbreitung und Verteilung der Flugschrift hat nirgends auf' Widerstand gestoßen, und die Berichte aus allen Gegenden des Landes wissen nur von einer sympathischen Aufnahme dieses überraschenden feiertäglichen Brudergrußcs zu berichten. . Für das ungarische Judentum ist mit der Wahl des Präsidenten der A u t o n o m i e k o m m i s s i o n ein neuer Typus eines. Führers entstanden, wie man ihn hierzulande seit Menschengedcnken vermißt hat. Der jüdische Führer par excellencc, der nicht orthodoxer noch neologer Funktionär ist, sondern fein Mandat ,ein er Versammlung aller drei Parteien verdankt. Und jeder empfindet dunkel, daß damit ein Symptom der Verheilung der bösen Trennungswnnde sichtbar wird. Mit dem Bureau der Autonomie-Kommission ist der neutrale Boden der Verständigung gefunden, den die Leitung der Orthodoxie und die dünne Oberschicht der orthodoxen ecclesia militans meiden mag, aber die Btasse wird dieses sichtbare Wahrzeichen der Zusammengehörigkeit achten, lieben und unterstützen lernen. Und gewiß ist die Person des Präsidenten, wie wenig andere, geeignet, dieser Bewegung die gehörige Schwungkraft zu verleihen. Mcht bloß der Glanz seines Namens und sein in alle Teile des Landes verzweigter Einfluß allein, sondern das Zeugnis seiner früheren glücklichen Wirksamkeit für das Judentum legitimieren ihn zu feiner Mission. Wenn der Talmud lehrt: daß jedermann, .welcher eine Seele für Israel rettet, gleich dem ist, der die ganze Thora erhalten hat, wer unter den Frömmsten der Frommen darf dann dem Schöpfer der israelitischen Patronage, welcher jährlich Hunderte jüdischer Kinder ihrem Glauben erhält, den Ehrenname» eines guten Juden vorenthalten wollen?" Budapest. Der Redakteur der ,.Allg. Jüd. Ztg." hatte ein JnterviewmitVadasz dem neuen politischen Staatssekretär im Justizministerium. Badasz änßerte sich hierbei über sein Judentum wie folgt: „Ich habe di: Liebe zum Judentum schon von meinem seligen Vater gelernt, der in Kleinwardein Vizepräsident und dann Präsident der Chemra Äädischa war. Als Elenientarschüler zeigte ich im Tenach besondere Tüchtigkeit. Ich pflegte an» Samstag zmn damaligen Oberrabbiner zum Verhören zu gehen. Er fand ein großes Vergnügen daran, daß ich überall im Tenach, welche Stelle immer er uns vorlcgte, flott übersetzen-und manche Normal School Bovano Weswstr. 7. SMMN-WmelMM Tel. 12428. Privat-Zirkel- und Klassennnterricht. Besondere Zirkel für Damen besserer Kreise. OefTentLProbeatanden Mittwochsum 11,5,7 u. 9TJhr. Nr. 19 Teile auch auswendig hersagen konnte. Der selige Oberrabbiner, HAen Erscheinung mir unvergessen geblieben ist, hielt große Stücke auf mich;, er hoffte, ich würde ein großer Lamdvn werden, —. aber ich kam aufs'Gymnasium und das Geschick lenkte mich in andere Bahnen. Indessen blieb ich ein treues Mitglied meines Glaubens und werde das auch weiter um soeher bleiben, als ich die Zugehörigkeit zur Religion auck als Sache der Pietät und der Moral betrachte." Offenbaeher Druckluft - Anlage Otfanbach a. M. Telefon 123. (Anschluss mit FrankfOrt). Bewährteste TaPOlCbralnlgang, 100,000 qm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedeiiireinigang mittelst Druckluft und Wasserdampf. Ü leaiüeton. ü Das „Scheter-Bttbul". Bon C. Berg. <14 Fortsetzung). „Wann haben sic den Julek gefunden?" „Es muß heute früh gewesen sein. Ich kam vom Brunnen und wollte gerade nach Thorners Küche, da brachten sie ihn, Tilmann und Friedrich." „Und wer noch?" „Nun, wer hat sonst noch bei so etwas da zu sein." Perez scheute sich, von dem Bürgermeister und dem Gendarmen zu reden, ■- lu.it e. fürchtete, die Unglückliche einzuschüchtern. „Und was geschah dann?" forschte Pelagia eindringlich. „Dann," antwortete Perez mit einiger Verlegenheit, „dann — nun, was ist dann gewesen? .Dann," platzte er heraus — „dann bin ich weggelaufen." „Du?" fragte sic verwundert, „was hast denn Du mit der Sache zu tun?" „Gar nichts habe ich mit ihr zu tun," rief Perez und rupfte in seinem Unmut einen Grashalm nach dem andern aus dem Boden, „rein nichts. Da fällt es dcr. Franja ein, auf dem Markte auszuschreien, ich hätte den Julek umgebracht." Die Erwähnung Franjas machte Pelagias Augen glänzen: „Was hat sie gesagt, die Kröte?" „Was sie alles gesagt hat," fuhr er mit grimmigein Lachen fort, „einen Unsinn, wie ihn die Welt rwch nicht gehört hat, — sie will gesehen haben, daß ich den Julek gezankt, geprügelt und wer weiß, was noch habe. Wie gefällt Dir das?" Pelagia war aufgestanden. „Schlecht gefällt es mir, sehr schlecht. Denn wenn Franja das sagt, bringt sie es fertig, es auch vor Geeicht zu beschwören, und dann werden sie Dich armen Kerl ins Kittchen stecken, und cs kann Dir noch schlimnr ergehen. Ach, die Franja, sie ist an allem schuld! Du Hündin, hätte ich Dich hier, mit diesen Händen wollte ich Dich erwürgen!" Perez erschrak. Ein geheimes Grauen befiel ihn beim Anblick dieses Wutausbruches, der Pelagias schönes Antlitz entstellte. „Gib Ruhe," mahnte er leise, „es ist schon zu viel Blut vergossen." Sie neigte beschämt den Kops. Mit heißen Tränen schritt sie ganz nahe an den Rand des Baches heran, stach in den lockeren Erdboden und steckte darauf behutsam das Kreuz hinein. Um die in die Höhe ragende Spitze schlang sie ihren Rosenkranz. Nun sank sic in die Knie und lag in wortloser Andacht vor dem Kreuze. Perez faltete seine Hände. Die Christin wie der Jude sandten beide ein gleich inbrünstiges Gebet für die Seele des Toten zu dem ewig Verzeihenden in die Unendlichkeit. „Ich gehe jetzt fort," sagte Pelagia. Perez nickte . „Weißt Du," sprach sic w:iter, , es wäre für Dich das beste, wenn -Du mit mir kämst." Perez sah verwundert auf. „Warum soll ich mit Dir gehen?" „Ich sehe voraus, daß Du jetzt sehr böse Zeiten in Zladtto haben wirst." „Warum?" „Wegen Franja. Dieses Lügenmaul . ." „Ich pfeife auf Franja! Hast Du gehört! Du meinst wohl, die Leute werden ihr solchen Blödsinn glauben? Auf der Stelle geh: ich zum Amtsrichter und sage ihm, daß alles, was Franja über mich erzählt, erstunken und erlogen ist. Und wenn sie das noch einmal sagt, werde ich einen guten Stock nehmen und sie windelweich schlagen." . Es huschte ei» Lächeln »m Pelagias Mund; in der nächsten Sekunde >vard sie wieder ernst. „Das