Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 19 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19. Jedenfalls ist es für die rumänischen Juden schnrerzlich, zu sehen, daß! überall unt sie herum in den Ländern des Balkans die Juden den anderen Bürgern gleichgestellt sind, mährend dies bei ihnen ein in nicht vorauszusagender Zukunft liegendes Ideal ist, noch mehr, da es scheinen muß, daß, damit verbunden, die rumänische Regierung eine „andere, nicht minder vitale Frage der Judein unerledigt läßt: die Legalisierung und Organisierung der jüd. Gemeinden. Kein Land, selbst Rußland nicht, hat bis jetzt diese Frage unerledigt gelassen. Wenn eß sich hier auch um eine Angelegenheit handelt, die scheinbar die Juden selbst in ihrem Lager ausmachen sollten, so' {ft, es doch selbstverständlich, daß deren Verwirklichung, da die Juden selbst keine autoritative Macht besitzen, ohne die moralische Stütze der Regierung unmöglich ist. Durch dieses Zahlen der Regierungshilfe müssen die jüdischen Gemeinden in Rumänien so arm bleiben wie in keinem Lande der Welt. Sie sind nicht berechtigt, Steuern zu erheben und, da sie nicht persona morala (juridic) sind, auch nicht befugt, Legate und sonstige Schenkungen entgegenzunehmen. So kömmt es, daß selbst die größten jüdischen Gemeinden (Budapest und Jassy) nicht richtig organisiert sind. Eine geeinte, anerkannte Repräsüntenz der jüd. Gemeinden könnte in manchen jüdischen Dingen nicht nur den Juden selbst, sondern auch den hohen Regierungskreisen mit der Zeit inchonieren. Die allgemeine Judenfrage Rumäniens ist eine politische, bei der Organisierung der Genieinden sind kulturelle Werte im Spiele. Nur auf dem Wege! der Gemeindeorganisierung liegt die Lösung zur allgemeinen Frage der Juden in Rumänien. Brief aus Rntzlan-. „Wie schröpft Man die Indem?" Diese höchste Weisheit russischer Regierungskunst hat bekanntlich zu der berüchtigten, in der Geschichte der Menschheit einzigartigen 300 Rubel-Strafe geführt die den nächsten Verwandten eines nicht erschienenen jüdischen Gestellungspflichtigen mit dieser Strafe belegt. Der Senat hatte sich dieser Tage wieder einmal mit dieser Materie beschäftigt, und hat Nterklvürdigerweise eine Entscheidung gefällt, die einen Verlust für das Portemonnaie des Staates bedeutet. Ein arnier Schächter war mit der 300 Rubel- Strafe belegt worden, weil sein Sohn sich verspätet hatte und beim Aufrufen der Gestellungspflichtigen noch nicht anivesend war. Der Senat entschied, daß in solchem Falle nur eine Disziplinarstrafe gegen - den Gestellungspflichtigen Platz greifen könne. Auch in einem anderen Falle hat der Senat milde entschieden. Er hat nämlich erlaubt, daß die außerhalb des Ansiedlungsrahons loiohnenden jüd. Handwerkern außer Frau und Kindern auch minderjährige Geschwister bei sich haben dürfen. Wir sind ins SoMMerhalbjahr eingetreten, und damit Jett die Zeit der Brände wieder begonnen. Soeben trifft aus B e l s i z (Lubliner Gouv.) die Nachricht ein, daß d'ort ein furchtbarer Brand gewütet hat, der in einem Zeitraum von drei Stunden sämtliche jüdische Haus er bis auf sechs niedergebrannt hat. 1900 jüdische Seelen sind obdachlose Bettler geworden. Da wir mal vom Elend sprechen, so sei »vieder einmal auf das furchtbare Elend in der pd'essaer Judenheit hingewiesen. Der Verein „Esras Änijim" in Odessa hat festgestellt, daß etwa ein Drittel der 180,000 Juden Odessas am Hungertuche nagt. Mm mit etwas Erfreulichem zu schließen: Die Juristische Gesellschaft in Petersburg hat in ihrer ersten Sitzung die jüdische Juristin Frau Fjleischiz zum Vorsitzenden gewählt. Spectator. Enrtnnhnrn ^isiilMt und Cafe f r \|p IIIIII lll : Anton Pfeiffer I Uli Iw 1111 all l|y FriBdbergar Ldstr. 420. Tel. 408' I empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gärten, Terrasse, Saal, Bowle diverse separate Gesellschaftszimmer. ' Fär Sommerfeste vorzüglich geeignet. Frankfurter JsraeWsches Fanngenblatt. Delegiertentag -es Berban-es -er ju-. Jugendvereine Deutschlands. Begrüßungsfeier. Für den dritten Delegiertentag war Frankfurt bestiinint worden. Zweihundert Delegierte aus allen Teilen Deutschlands hatten sich zu der Tagung eingefuuden. die Sonntag 2tbeud mit einer Begrüßungsfeier ihren Anfang nahm. Ein Publikum von etwa 600 Köpfen füllte erwartungsvoll und festlich gestimmt den Saal der Frankfurt-Loge. Dr. Löffler, Präsident des hiesigen „Montefiore"- Verein, hielt die Willkommensansprache. Die jüdischen Jugendvereine wollen ihre Mitglieder geistig und körperlich heben und ihnen besonders aber Stolz auf die Bibel einimpfen. Jir diesen Worten gipfelten die Ausführungen, in die geschickt jene Borbilder eingeflochten waren, an die Frankfurt erinnert (Goethe, Rothschild). Redner gedachte warm Rabbiners Dr. Horovitz s. 21, des Gründers des Montesiore-Bereins und einer der ersten, die die Bedeutung der jüdischen Jugendbewegung erkannten. Sodann sprach Frl. Irma K a r l e b a ch den von Frau Rosa Meyer gedichteten Prolog. Namens der Stadt begrüßte Stadtrat Dr. Ziehen den Delegiertentag. Der Verband leiste eine 2lrbeit volkserzieherischer Art im besten Sinne des Wortes. Die Jugendpflege müsse sich auf dem Boden der Religion ausbauen. Bor '100 Jahren ging in der Frankfurter Judeuheit die Parole atts: treues Festhalten an der Lehre der Väter, verbunden mit der Ueberzengnng, daß das Judentum in das Leben hinanstreten müsse, lind die Mitarbeit am Ganzen ist stets in der Judenheit Frankfurts festgehalten worden. Ludwig Schiff brachte die.bestell Wünsche des Vorstandes und des Ausschusses der israel. Gemeinde llnd zugleich, des Hilfsvereins der deutschen Jude», Kommerzienrat Maximilian Stein-Berlin die der Großloge des Bnai-Brith-Ordens. Dr. med- Max Mainzer- Frankfurt, als Vertreter des Centralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glauben», sprach die Worte: „Nur wer jüdisches Wissen besitzt, nur iver erfüllt ist von der. Bedeutung des Judentums als kulturschasfeudes Element, nur der kann wirklich und ausrecht für die Gleichberechtigung eintreten." Prof. Dr. Schäfer- Berlin, als Vertreter des Deutsch-Israelit. Gemeindebundes, sprach besonders den Wunsch aus, daß der Verband seine Sorge auch auf die Jugend der Kleingemeinden erstrecken möge. Bertha Pappenheim brachte in ihrer Begrüßung die Nachricht, daß der Jüdische Frauenbund vor wenigen Stunden in den Verband eingetreten sei. (Stürmischer Beifall.) Rektor L> ch nt i tz übergab die Grüße des interkonfessionellen Freien Verbandes zur Förderiutg der Jugendpflege und Rektor Gau der die des konfessionellen Vereins für die Jugendpflege. „Wahrlich diejenigen sind nicht die schlechtestett Vertreter ihres Volkes" — sagte der letzte Redner —, „die ihre Kraft an den Alltären ihres Glaubens holten". Nach einem Terzett — gesungen von den Damen Bella Simon, Rosa C a h it und Elsa S ch ü tz - m ann — betrat sodann Rabb. Dr. Werner- München das Podium, um in einem groß angelegten Festvortrag zu zeigen, welchen Segen die Lehre des Judentums für die jüdische Jugend bedeutet. Er führte folgendes ans: Die religiösen Kämpfe der Gegenwart beweisen, daß die Zeit wieder religiöser geworden ist, daß religiöse Sehnsucht wieder die Menschheit erfüllt. Es war ein Verhängnis, daß die Emanzipation zu einer Zeit kam, als im geistigen Leben der Materialismus grassierte, daher all' der Verfall. Wir haben nicht nur R e l i g i o n s juden, sondern auch bewußte Juden, Inden mit Würde, zu erziehen, d. h. den Mut zu haben das, was man für jüdisch hält, auch nach außen zu vertreten. Die Trutz- und die Pietätsjuden, ihnen geht die Würde ab. Des weiteren gilt es, s ittl iche'Persönlichkeiten heranzübilden. Unsere Religion will die Sittlichkeit stärken, das Band des Juden mit der Unendlichkeit festigen. Aber auch der Freude gibt das Judentum ihre Berechtigung, denn es ist ja die Religion des Optimismus. Ferner will das Judentum die K ö r p e r k r a f t gesund erhalten. Sein Sabbat gibt dem Körper Ruhe, seine Speisegesetze setzen Schranken, die der Gesundheit dienen usw. Last not least befiehlt das Judentum auch, seine Söhne zu guten Staatsbürgern zu erziehen, — und so ist auch die staatsbürgerliche Erziehung eine Aufgabe der jüdischen Jugendvereine. (Stürmischer Beifall.) Es wurden sodann noch von folgenden Herren Begrüßungsansprachen gehalten: Direktor Dr. Adler (Verband der deutschen Juden, Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums), Fritz Soudheimer (Zion. Vereinigung für Deutschland), Fräulein Pappeuheim (Jüd. Frauenbund), Dr. Melamed (Jüd. Jugendverein Paris), Albert Rothschild (Frankfurt-Loge), Dr. Guggenheim (Verband des Vereins für jüd. Geschichte und Literatur), Dr. H o ex - ter (Verein jüd. Religionslehrer in Frankfurt), Dr. C r o m b a ch (K. C), Oberlehrer Dachauer (K. Z. V.), Dr. Moses (B. I. C.), Zahnarzt Na t han . (Jüd. Turnerschast), Rabb. Dr. Horovitz. (Verein für jüd. Geschichte und Literatur), Dr.. W i l h. H a it aue r (Centralverein isr. Gemeindemitglieder, Verband f. Statistik der Juden), Dr. jB a,e r.w ald (Freis. Verein für jüd, Gememdeleben), eand. Müller (Verein Tiferes Bachurim) und Rabb. Dr. W e r n e r (Rabbinerverband). Seite 3 Plenarsitzung. Montag Vormittag. tlm 10 Uhr eröffnete Rechtsanwalt Dr. Alfred 2l p s e l - Berlin, der Vorsitzende des Verbandes, die Tagung, zu deren Vorsitzenden Dr. 2l p f e l, Rechtsanwalt Lichtend erg-Hannover und Felix Meyer- Frankfurt gewählt werden. Frl. Cora Berliner, die Geschäftsführerin, erstattete den Bericht, ans dem hervorgeht, daß der Verband 113 Vereine mit 14 500 Mitgliedern (davon über 11000 jugendliche Mitglieder) umfaßt. Jir den abgelanfenen zwei Jahren habe der Verband nach der Seite der religiösen Veranstaltungen hin und durch hebräische Sprachkurse sein Arbeitsgebiet erweitert und vertieft; nunmehr gelte es, die besondere 2lnfmerksamkeit der Tnrnsache, der Jugend unter 18 Jahren und der planmäßigen Ausbildung von Vereinsleitern zuzuweuden. Der Vorsitzende erklärte, die Anträge Berlin und Kiel, die das weitere Verhältnis des Verbandes zum Ceutralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens betreffen, zuerst zur Debatte zu bringen, da die Oessentlichkeit auf die Beantwortung dieser Frage warte. Referendar Jakob Goldschmidt -Kiel begründete den 2lntrag Kiel. Der Centralverein habe den Beschluß gefaßt, nunmehr an innerpolitischen jüdischen Angelegenheiten mitzuarbeiten, er sei daher nicht mehr neutral» und es gAühre ihnt schon deshalb — abgesehen von seiner Resolution gegen den Zionismus — nicht mehr *in «itz in der Leitung des Verbandes der jüdischeir Jngendvereine. Mit großem Geschick verstand es Dr. Apfel» den Nachweis zu führen, daß der Centralverein der gleiche geblieben sei und 'für den Verband keine Veranlassung, vorliege, seit« Verhältnis zu ihm zu ändern. Der Centralverein habe ja selber erklärt, daß die Resolution gegen den Zionismus nichts an seinem Charakter geändert habe, sie stelle nur eine Interpretation des 8 1 seiner Statuten dar. Der Centralvereiu habe sich in Wahrung dieses Vorgangs gegen jene extremen Elemente unter den deutschen Zionisten gewandt, die den deutschen Juden ihre Zugehörigkeit zur deutschen 9’iation abstreiten. Mit der Wandlung im Centralverein, der jetzt zu der Einsicht gekommen ist, daßdie Llbwehr erst mit der Pflege positiven jüdischen Gefühles ihren Wert bekommt, sollten sich gerade die Zionisten freuen. Zuletzt drehte Redner den Spieß gegen die Zionisten, denen er ihre Posener Resolution und Mangel an innerem wirklichen Interesse an den Angelegenheiten des Verbandes der jüd. Jugendvereine vorwarf, und deren Presse er sehr scharf angriff. Rechtsanwalt Simon- Berlin widersprach dieser letzten Behauptung. Die Zionisten haben in der ersten Zeit sehr stark im Verband mitgearbeitet, auch heute seien unter den eifrigsten Kräften noch Zionisten, man habe aber die Zionisten zu häufig in ihrer Eigenschaft als Zionisten znrückzusetzeit gesucht. Der Berliner Antrag sei von einem Herrn, der Äntizionist, K. Cer und Mitglied der Vereinigung für das liberale Judentum ist. gestellt worden. Für einen Zionisten mit Ehrenstandpunkt sei es Heute nicht mehr möglich, Mitglied des Centralvereins zu sein. — und als Mitglied des Verbandes dürfe der Zionist verlangen, daß der Verband ihn gegen den Ceutralverein in Schutz nehme, der ihn äusschließt. Es stehe die Frage zur Entscheidung, ob der Verband das Prinzip der Neutralität aufgeben will oder nicht. Justizrat Broduitz-Berlin, der Vertreter des Centralvereins, führte gleich Dr. 2lpfel aus, daß sich im Centralverein nichts geändert habe. Die Jugendbewegung stehe zu hoch, als daß die heutige Versammlung zum Prügelknaben zionistischer Interessen gemacht werden dürfe. Dr. M o s e s -Kattowitz: Es sei merkwürdig: die Zionisten, die anfangs gegen die Neutralität waren, müssen jetzt in dem neutralen Jngendverband als deren Wächter auftreten. Dr. I s i Kahn- Köln beschuldigt die Zionisten, den Kampf nur deshalb ausgenommen zu haben, um für sich die Notwendigkeit des Austritts zu schaffen. Dr. Hermann B a d t - Breslau betonte, daß her Ceutralverein schon deshalb nicht neutral sei, da er es ablehnt, die Jndenfrage international, als ein Ganzes zu lösen. Es wurden nunmehr der Antrag Kiel mit 132 Stimmen (36 dafür und 7 Enthaltungen) und der Autrag Berlin mit 125 Stimmen (41 dafür und 8 Enthaltungen) abgelehnt. Montag Nachmittag. Zuerst sprach M e l a m e d als Vertreter der französischen Jugendvereine. Die Jngendvereine müßten sich, so sagte er, n. a. von dem Chauvinismus ans beiden Seiten fernhalten. Redner verlangt den Zusammenschluß der Jngendverbände zu einem Weltverbande. (Stürmischer Beifall!) Es wurde nun über die Frage des Verhältnisses des Verbandes zum Ceutralverein, liebergang zur Tagesordnung beantragt, „ohne damit eine Kritik anszusprechen, nur um zu einem praktischen Resultate zu kommen." Dieser Antrag wurde mit 94 Stimmen (69 dagegen und 15 Enthaltungen) angenommen. , < Rechtsanwalt Simon gab nunmehr die Erklärung^ ab, daß seine zionistischen Freunde die Stellungnahme des Delegiertentages bedauern und sie für die Zukunft Schneiderei Crössmann Kalsorstraamo tOa, Entrosot. Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930. Englische Jacken-Kleider* Garantie für gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. — Auf Wonsch zuverl. koschere Verarbeitung.