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Neue jüdische Presse · 1913-05-16 · Heft 19 (16.5.1913) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 19 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19■■■ , ■_ , , _; ' ' hülfe Dir doch nichts. Tu wärst nicht der erste, den ei» falsches Zeugnis zugrunde richtet. Komm nur lieber mit mir! Wir gehen in meine Heimat, ich werde schon sorgen, das; Du Dein Fortkommen findest. Zur Not kann ich arbeiten für drei, glaube nur," sic richtete sich hoch ans und streckte ihre prächtige Gestalt, „so stark und kräftig. ivie ich ist nicht bald eine. Weißt Du, ich kenne die Zladnoer, es gibt viele häßliche Leute unter ihnen. Willst Du warten, bis sie Dir alles Böse antun? Ta wäre es mir doch zu leid uni Dein Leben. Also komm nur mit!" Sie sprach mit solch überzeugender Bestimmtheit, daß Pcrez aufstand und ihr folgte. Es Ivar ihm nicht recht, und er hatte noch manches dagegen einzuwende», — aber seine Unbeholfenheit fand die Worte nicht, so ging er eben mit. Schweigend schritten sie nebeneinander durch den Wald. Pelagia hastete gerade aus, Perez ging langsam und sehr nachdenklich; sein Fuß wie seine Seele hatten in gleicher Weise Mühe mitzukoinmen. Am Ansgang des Forstes, als sie in die Landstraße einbogen, hielt Perez an. „Nun gehe allein weiter, Pelagia, ich drehe wieder um." Sie blickte ihn traurig an. „Ich verstehe, Du willst mit so einer, wie ich jetzt bin, nichts mehr zu tun haben." „Was das nun wieder für eine dumme-Rede von Dir ist!" fuhr er heftig heraus. „Du meinst wohl auch, ich habe an keinen andern zu denken als an mich selbst? Was soll denn aus meiner Mutter werden, wenn ich weglaufe? Wer wird Wasser tragen für Zladno? Und überhaupt habe ich morgen Jahrzeit von meinem Vater selig, — darf ich da wie ein Graf im Lande spazieren laufen?" Pelagia seufzte. „Vielleicht hast Du recht, also kehre zurück." „Lebe wohl!" „Geh' zu gesund!" Sie trennten sich. Das Mädchen war keine fünfzig Schritte von ihm entfernt, da rannte ihr der Wasserträger atemlos nach. „He, Du, Pelagia, he!" Sie wandte sich um, ein Schimmer von Freude leuchtete aus ihren Augen. „Hast Du Dich anders besonnen?" fragte sie. „Von Besinnen ist gar nicht mehr die Rede. Ich wollte Dir sagen — Tu gehst einen so weiten Weg — hast Dn denn Geld zum Leben bei Dir?" Sie wurde rot und blaß. „Mein Geld," antivortete sie schluchzend, „das ich mir erspart hatte, habe ich ihm immer gegeben. Gott verzeihe es ihm, er hat mir alles durchgebracht. Gestern habe ich meine Korallen verkauft,. der Markus gab mir drei Taler dafür, wert sind sie wohl fünf gewesen." „Warte einmal." Er hatte sich anr Morgen wohlgespartc sechs Mark in das Sacktuch gebunden, um seine fällige Miete zu zahlen — cs war bereits der nennte Tag des Monats, aber angesichts der Not Pelagias dachte der leichtsinnige Bursche: Der Schuster kann einmal ein Einsehen haben und sich noch gedulden. Gott hilft weiter. Er reichte ihr das Geld, aber Pelagia sträubte sich und sagte beinahe weinend: „Nein, o mein, das wäre vom Altar genommen. Ich kann noch arbeiten, nein, Perez, ich nehme cs nicht!" „Stecke es nur ein. Du wirst es schon noch brauchen, wenn Du nicht mehr arbeiten kannst. Mache auch - nicht den ganzen Weg zu Fuß. Bon Wreschen kann man .mit der Bahn fahren." „O, Perez!" Pelagia weinte, aufgelöst vor Dankbarkeit und Rührung. „Daß es doch jemand gibt, der freundlich zu mir schlechteni Geschöpf ist. Du bist so gut, bete für mich, daß inir Gott meine Schuld verzeihe,." ■ Er weinte wieder mit ihr und schluchzte: „Auf mich sündigen Menschen wird der boruch ßaschem vi l geben." „Ach, so sage es doch Deiner Mutter. Sie ist so eine fromme und gerechte Frau, wenn sie meiner gedenkt, ihr Gebet wird Gott nicht ve.werfen. O, Perez, schwöre mir bei ihrem Leben, daß Du keinem sagen Ivirst, was Du und ich heute miteinander gesprochen haben." v- «Sei doch still! Wo werde ich solche Schlechtigkeit begehen!. Wer fragt, ob ich Dich .gesehen habe, kriegt so viel Antwort, wie dort der Stein.gibt." Frankfurter Israelitisches Familicnbkatt. „Ich danke es Dir bis in den Tod. Lebe wohl, mögen . Dich Gott und alle Heiligen beschützen!" Sie küßte ihn zweimal auf den Mund und machte über seiner Stirn das Zeichen d.s Kreuzes. Er stand wie erstarrt, Pelagia war schon weit hinweg, und der alte Junge konnte sich noch immer nicht von seiner Bestürzung und seinem Schrecken erholen. All fein Lebtag hatte den häßlichen, armen Perez noch kein Mädchenmund geküßt. Am wenigsten so ein roter, weicher. Was war das? Daß sie das Kreuz über ihn geschlagen, er hatte es nicht gesehen, nur instinktmäßig gefühlt. Er hatte diese Handlung Pelagias nicht veranlaßt, und wenn er ihre Absicht früher gemerkt hätte, er würde sich sicher ernstlich dagegen gewehrt haben.— Aber, aber, — Perez, gegen diese Küsse hättest Du Dich auch sträuben müssen, und Du tatest es nicht. Ganz vertieft in aufrührerisch für und wider kämpfenden Gedanken dahinschreitend, hatte er gar nicht bemerkt, daß plötzlich die Spitzen von zwei Regenschirmen sich vor. seinen Füßen k.euzten, und er schrak nicht wenig auf, als es hell an sein Ohr klang: „Gefangen! Gefangen!" Freilich, diesen Häschern wäre Perez niemals -k>avongelaufen, er zog höflich sein Käppchen: „Gehorsam-, ster Diener, Frau Amtsrichter, guten Tag, Fräulein Eornclchen, wie steht das werte Befinden?" Frau Christine machte mit ihrer jungen Freundin Cornelia Thorner den gewohnten Nachmittagsspazicrgang durch den Wald. Die beiden Damen waren gleichfalls sehr überrascht, dem Wasserträger hier zu begegnen. „Sieh, Relly," rief Frau Christine munter, „die ganze Stadt sucht Perez, und uns läuft er direkt in die Arme." „Ja," antivortete Perez, mit einer großartigen Anstrengung, sich recht galant zu zeigen; denn er stählte für die schöne und immer freundliche Frau eine unbegrenzte Verehrung —, „wo einer gern ist, braucht man ihn nicht lang zu sucheir." Das dreiste Kompliment, verbunden mit den höflichen Kapriolen des närrischen Kauzes, wirkte so belustigend auf Frau Christine und Cornelie, daß sie laut auflachten. Perez nahm dies Lachen als den natürlichen Beifall hin, der seiner Artigkeit ziemte. Den beiden hübschesten und liebenswürdigsten jungen Damen der Staat unvermutet und zwanglos inr Walde zu begegnen, das war Labsal fiir des Wasserträgers sehr empfindsames Herz. Er vergaß alle ausgestandene Angst und Gefahren, bat gar munter um die Ehre, die Tücher und Körbchen der Damen tragen zu dürfen, und als nun auch aus einem Gestrüpp in der Nähe der Blondkopf des kleinen Heinrich Desiderius auftauchte und der schöne Knabe mit einem Jubelschrei seinem alten Freunde an den Hals hüpfte, da schien es, als gäbe es keinen fröhlicheren Menschen unter der Sonne als Perez. . „Perez, wo warst Du so lange? Warum kamst Du nicht, um mit mir zu spielen?" „Heute Abend, Heinrich," antwortete Pe ez und streichelte zärtlich den Lockenkopf seines kleinen Lieblings, „heute Abend bin ich bestimmt bei Dir, ich bringe Dir auch etwas Schönes mit." „Ja," sagte das Kind, „ich warte auf Dich in der Küche. Aber denke einmal, Pelagia ist nicht m'hr da, so etwas Dummes." Perez wurde ganz ernst. Die Frau Amtsrichter fragte nun auch: „Ja, Perez, lvas sagen Sie wohl, Pelagia ist wie verschwunden?" „Gott sei mit ihr!" murmelte Perez und blickte zu Poden. .! Frau Christine sah ihn erstaunt an: das Gesicht des Wasserträgers war schmerzlich verzogen, als stände ihm das Weinen nahe, da mochte ihn die kluge Frau nichts weiter fragen. Die Erwähnung Pelagias hatte .in des arnieu Perez Seele alle Betrübnis der letzten Stllnden wieder wachgerufen. Er erinnerte sich, daß. er sich vorgenommen, den 'Amtsrichter um seinen Schutz anzugehen, er wollte sich Ruhe vcrschasien vor aller üblen Nachrede, Ruhe um jeden Preis . Er wandte sich daher plötzlich an Cornelia Thorner und sagte: „Fräulein Cornelchen, ich habe eine große Bitte an Sie." ,„lind die lautet?" fragte das junge Mädchen mit erninnterndem Lächeln. Seitr 5 „Sie werden doch jetzt wieder mit der gnädigen Frau Amtsrichter in die Stadt zurückkehren'?" „'Allerdings. Und?" „Wenn Sie über Hen Markt kommen, spielen dort die großen Jungen des Markus. Wollen Sie einen davon zu meiner Mutter schicken und ihr sagen lassen, sic möge sich nicht ängstigen, ich käme heute spät nach Haus, ich ginge auf den guten Ort. Wollen Sie das tun?" „Warum nicht? Weißt Du, Perez, ich werde das selbst Deiner Mutter ausrichten; ich hatte mir ohnehin heute vorgenommen, einmal nachzuschauen, wie es Deiner Mutter geht." „O, das wird meiner Mutter eine große Freude sein! Fräulein Cornelie, was sind Sie doch für ein reizendes Mädchen! Das habe ich schon immer gesagt, wie ich Sie noch als ganz kleines Püppchen in der Wiege wiegen durfte: Das Cornelchen, habe ich gesagt, wird einmal ein sehr schönes Mädchen, ich tverde auch helfen. Sie unter die Haube zu bringen. Sie werden sehen, ich werde noch heute mit ihm reden." „Mit wem willst Dn reden?" fragte Cornelie argwöhnisch. „Nun, mit dem neuen Herrn Referendar. Meinen Sie nicht auch, Frau Amtsrichter, cs wird ein sehr schöner Mann für das Fräulein sein." Das junge Mädchen wurde blutrot; in ihrer Bestürzung wußte sie nicht, sollte sie Perez ob seiner kecken Dicustbeslissenheit verspotten oder hart aufahren; sie sah Frau Chcistinc an: die mutwillige Frau erstickte beinahe vor Lachen. Da erfaßte sie selbst die Komik der Situation und sagte ärge.lich lachend: „Gehe nur in Himmrlsnamen Deiner Wege, Perez, Tu bist wirklich ein rechter Narr!" Aber Perez kam nicht so schnell davon, dec kleine Heinrich hing sich an ihn und wollte ihn durchaus begleiten; Perez wurde das Herz so schwer, als er das Kind überreden mußte, zurückzubleibcn, — eine Ahnung quälte ihn, er werde mit dem Kleinen lange Zeit nicht mehr so fröhlich beisammen sein." „Wie kann man diesem harmlosen, lustigen Menschen nur etwas Böses zutrauen?" fragte Frau Christine. „Etwas Böses nicht," antwortete das junge Mädchen, in welchem der kleine Aerger noch nachzitterte, „aber irgend einer Eulenspiegelei kann man sich stets von ihm versehen." „Warum bist Du so aufgebracht?" neckte Frau Christine. „Du fürchtest wohl, Kinder und Narren reden die Wahrheit? Also jetzt beichte. Kleine, frisch heraus, wie Dir Philipp Hirschthal gesällt?" „Aber das ist ja das Lächerliche, ich habe den Herrn noch nicht vor nieinen Augen gesehen." „Noch nicht gesehen? Ja, Nelly, dann komme ja heute zu uns herauf! Philipp ist heute Abend unser Gast, — Du wirst noch gestehen. Liebste, der Einfall dieses närrischen Perez wäre gar nicht so übel." „Du bist wirklich abscheulich, Christine, und zur Strafe lasse ich Dich jetzt allein. Denn wenn PerH auch ein erzdummer Hans ist, so will ich doch hinanfgehe», seiner alten Mutter ein Stündchen die Zeit zu vertreiben und ihr mitzuteilen, >vas ihr einfältiger Sohn mir ausgetragen." (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fitsn. Pincenez Double Mk.. 7.50, Nickel Alk. 4.00. Weissfraiienrtrasstt II, Erke Neue Mainzeratrasse. Bunte Chronik. Hochzeit am Hofe von Sadagora. Kürzlich fand i» Sadagora die Trauung des jetzigen Rabbis von Sadagora M o r d e ch a i F r i c d in a » n mit der Tochter des russischen Zadik Rabbi Israel Hers ch e l aus M e z b i r g statt. Diese Trauung hat in chassidischen Kreise» 'großes Aussehen erregt, erstens deshalb» weil seit dem Tode des Vaters des gegenwärtigen Sadagorer Rabbis, Aron Friedma n n, kaum sechs Monate verstrichen sind, und zweitens aus dem Grunde, weil auch der Vater der Braut erst vor nicht langer Zeit starb. Der gegenwärtige Chef des altberühmten Hauses der Sadagorer Wunderrabbis steht heute im 17. Lebensjahre, während seine nunmehrige Lebensgefährtin, die, nebenbei bemerkt, eine hervorragende Schönheit ist, noch um einige Monate jünger ist. Erst von dem Tage der Trauung an fungiert Rabbi Mordechai als wirklicher Rabbi von sadagora. Bis zu diesem Tage hat sein Onkel. Rabbi Jakob» als Senior des Hauses, das 'Amt eines Familienoberhauptes bekleidet, dä es der Traditio» widerspricht, daß ein Junggeselle die komplizierten Agenden eines Rabbi und Zadik versieht. Die Folge des Ehebundes dürste ein Zuströmen auch, der Anhänger des verstorbenen Vaters der Braut nach Sadagora sein.

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