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Neue jüdische Presse · 1913-05-16 · Heft 19 (16.5.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 19 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Geschichte die Menschheit zu werten, ist man gar zu leicht. geneigt. Da ist Las Barbarentum. Der Barbar des Altertums — Unkultur, der der Neuzeit — Ueberkultur, der des Altertums — nackt und schwerfällig N»h in Auftreten und Sitte, der der Neuzeit — die überlegte Rücksicht in jedem Fältchen seiner Kleidung, in jeder Bewegung seines wohlgepflegten Körpers. Und doch in einem beide gleich, — beide Zerstörer von Kulturwerten! Der Barbar der Ueberkultur, wir haben ihn heute in den Tausenden und abermals Tausenden, die vor derverschwenderischen Fülle der Kulturgaben die spendenden Kulturen verachten und sich selber als Spender all' der Kullur wähnen. Es ist so leicht zu vergessen, — und man vergißt sehr schnell, wenn inan sich selber zum Götzen gemacht hat, an den allein man glaubt. Braucht es also Au verwundern, wenn die Bibel, von der alle ethisch-sittlichen Werte der Kulturmenschheit ausgegangen sind, zUm Dank heute von jedem, der sie nicht kennt, der ihrem Kulturwert fremd und verständnislos gegenüber-! steht, kritisiert, ja sogar besudell und demoliert weichen darf! _ Moderne Bibelkritik! Wer sich mit ihr beschäftigt hat, der weiß, wie häufig sie nichts anderes der Ausfluß eines modernen Barbarentums ist, das seine Zerstörungswut mit der H.üfle der Wissenschaftlichkett unckleidet hat. * * Warum gerade heute dieser Stoßseufzer? Hätte ich keinen Stoß bekommen, so wäre auch der Stoßseufzer unterbliäen. Und den Stotz bekam ich beim Lesen einer Skizze in der Frankfurter Zeitung. „Gustav und Abraham. Ein Stücklein Bibelfritif", — also betitelt sich die Üeine Skizze unter dem Strich. Und ihr Schluß sei hier wörtlich wiedergegeben, denn er hat Äs mir angetan. Dieser Schluß, um dessentwillen das Ganze geschrieben ist, lautet: „ . . .er fragt nun, was unter dem Bilde stcha „Abraham will Isaak opfern, mein Junge!" „DuOnkel— ich kann Ws nicht lesen." „Nein, das lernst Du erst, wenn Du in die Schule gehst — Lesen und Schreiben." Pause. „Konnte der Abraham lesen und schreiben?" Herrgott, der Bengel fragt einen noch kaput. Nein!" Pause. „Und der Isaak?" „Auch ni^!" Pause. „Und der Jakob?" „Auch nicht!" Pause. „Onkel, wer hat denn das dann alles ausgeschrieben?" Und 'energisch tippt der Keine Zeigefinger auf das verlegen zitternde alte Schulbuch.. „Za, das hat der Moses ausgeschrieben, weißt Du, der durch das Rote Meer gezogen ist." Pause. „Du — woher wußte denn der alles so genau?" , „Nun — der Abraham hat es dem Isaak erzühü und der dem Jakob und der wieder seinen Kindern. Und so weiter! Weißt Du, genau so, wie wir Dir die Märchen erzählen." „HM!" Sehr lange Pause. Dann wendet mir Gustav seine ganze Front zu, - daß der Brockhausbau unter ihm bedenklich ins Waicken kommt. _ „Du!", sinnend heften seine Augen sich auf nnch, „meinst Du nicht, Latz da manches verquatscht ist? Nich?!"- „Aach-nu — nu —" Wahrlich, nur eine Charakterisierung Zibt es dafür: Barbarentum! Denn so kann wohl ein Barbar Ne Bibel behandeln, aber nicht ein Mensch der Kultur. Der Mensch der Kullur hat vor den Kultur- Wellen, Ne er nicht' kennt, ffwnMe Achtung! Will er ,aber Aber sie reden, so sucht er . sich erst .das Anrecht junt Reden durch Kenntnis zu erwerben. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „. . , daßdamänches verquatscht ist,"— dieses häßliche Wort nennt sich Bibelkritik. Barbarentum ist es! Dem Leser soll die Achtung, Ne heilige Scheu vor der Bibel genommen ^werden! Was weiß der Durchschnittsleser von der Ignoranz dieses Bibelkritikers, Ne selbst.für den bibelfremden Leser nnt geschichtlicher Schulung Var gegeben ist. Der antike Mensch hat in seinen:' ganzen Leben nicht so viel Eindrücke empfangen, als der Mensch der Jetztzeit in einem Tage in sich aufnintmt, — und daher konnte im MtertuM jede Tradition auf Jahrhunderte hinaus wortgetreu bewahrt werden. Doch sei dem, wie dem wolle: die Bibel ist das Religionsbuch der drei ntonotheistischen Religionen, sie kann, es verlangen, mindestens mit' dem gleichen Erirst behairdelt zu werden wie irgend ein klassisches oder irgend ein geschichtliches Werk. Und mindestens Respekt müssen wir verlangen! Aber man will systeMattsch der Bibel den Grund entziehen und ist in diesem Bestreben blind gegen alle Forderungen des Anstandes und der Gerechtigkeit! ‘ < i o Aus deu Ereignissen des Tages. Die Delegierteuversammlung des Berbandes der jüd. Jugeudvereine Deutschlands. Biele Augen waren auf Ne Frankfurter Tagung der. jüdischen Jugendvereine Deutschlands, gerichtet. Stand doch dem Verbände bei Neseir - Tagung die Lhsung einer schwerwiegenden Frage! bevor: Ne Korreftur des Verhältnisses des Vörbandes WM Centralvercin, der plötzlich neue, abschüssige Wege eingeschlagen hat. Der Verband sollte zum ersten Mal durch seine Beschlüsse die Probe seines Könnens und entschiedenein Wollens bestehen. Hat der Verband Ne Probe bestanden? Angesichts der unumstößlichen Tatsachen müssen wir sagen, daß die Probe nicht bestanden wurde. Der Werbaird steht, wie bekannt, auf neutralem Boden, und somit. ist es für jeden Einsichtigen Var, Laß.Körperschaften, die einseitige Tendenzen verfolgen, keinen Sitz in dem! Veirbande haben können und dürfen. Wer besitzt Len Mut, die feststehende! Tatsache zu bestreiten. Laß der Centralverein nunmehr — nach seinem gehässigen Beschlüsse gegen die Zionisten — noch über Len Parteien steht? Wer hat den Mut zu leugnen, daß die Resolution des Centralvereins eine Denunziation schlimmster Art gegen Tausende von eigenen Brüdern bedeutet? Wenn ein Verein wie der Ccntralverein, der lediglich zur Erkämpfung von Rechten für die deutschenJuden da ist, v or aller Welt proklamiert, daß er aus patriotischen Gründen gewisse Juden verurteilen und sich von ihnen brennen Muß, so sagt er damit, daß seine Arbeit für die Gleichberechtigung nicht je nen Abgeschüttelten gilt, da .sie Lev Rechte unwürdig sind! Und will Man dessen eingedenk sein, daß diese Verleumdung Überzeugung streuen, von jüdischen Ideal en getragenen Brüdern galt, die fraglos gute deutsche Patrioten sind, so erscheint Ne Denunziation noch ungeheuerlicher! Was gibt es da für einen neutralen Verband natürlicheres als das Abschütteln eines solchen Vereins? Was bedeMet die Materielle Unterstützung dieses Vereins gegenüber der moralischen Einbuße, die der Verband durch das Mitschleppen eines derart diskretttiertön Vereins und angesichts des Bruches des Neutralitäts- Prinzip es erleiden wird? Von jüdischer WZrde sprach Rabb. Werner in seiner Festrede, von jüdischer Würde, die! höher als alle Vorteile zu stehen hat. Doch ist es nicht eine Forderung der Würde, sich von einem Verein, der solche Wege geht, abzuwenden? Gerade die Jugend ist es. Ne zur Würde erzogen werden soll, — und welch verderbliche!» Einfluß muß das Mitschleppen eines solchen Vereins . auf Ne jungen Gemüter ausüben? Der Centralverein sitzt seit seiner samosön Resolutton auf der Anklagebank der jüd. Oeffentlichkcit. Ein jeder, der Ehre mrd Gewissen besitzt :, Ar. 19 und" Augen zu sehen hat, erhebt Ne schwersten Borwürfe gegen sein sonderbares Gebahrün. Auch auf dem Delegiertentag saß er auf der Anklagebank. Da sollte das Wort zu seiner Verteidigung der Vertreter des Centralveröins führen oder jemand aus der Versammlung, sagen wir ein K. Cer.; — doch zu unserem Erstaunen geschah es anders: der Vorsitzende des Verbandes Machtete es mit seiner ihm obliegenden Neutralität für vereinbar, selbst mit der ganzen Wucht seiner BereNsaMkeit das Plaidoyer des Centralvereins zu halten! Und noch nicht genug damit, er ging zum Angriff gegen die Zionisten über, deren Sünde! es ist, sich nicht den Hals abschneiden lassen zu mo ll e n,. und Ne nnt besten Wünschen gekoMmerr waren. Ueberhaupt müssen wir zu unserem Bedauern konstatieren, daß eine Fülle von Zionistenhaß unter den führenden Delegierten wahrzunchmen war. Sogar ein einstimmiger Beschluß, der manches zur Versöhnung beigetragen hätte, wurde aus purer Gehässigkeit umgestoßen, und bedenkt man, daß dieser Bruderhaß sich gegen Männer richtet, deren Sünde es ist, das Judentum tatkrä ftig erhalten zu wollen, so erfüllt das' einen mit tiefem Schmerz.. ‘ . Es fragt sich: Was bleibt nunmehr den zionistischen Vereinen und einzelnen Mitgliedern, die dem Verbände angehören, zu tun? //AustreteU", sagen Ne einen. Nein, dies istnicht der Weg! Dem Centralverein und den sonstigen Zionistenfressern wäre der zionistische Exodus erwünscht. Doch, die dies wollen, sind nicht die wahren Freunde des Verbandes, sie gehen nur' i-hren persönlichen Wünschen und Parteiinteressen nach. Aber die wahren Freunde! des Berbandes 'Müssen darin ausharren, bis die Einsicht iM Verbände einkehren wird und der grundlose Bruder- Haß schwinden wird. Solange der Verband als solcher sich nicht offen gegen den Zionismus stellt. Muß jeder Zionist darin bleiben. Wohl ist es möglich, daß Ne zionistische Leitung aus innerer Würde und' infolge der ungerechten 'Kränkung anders beschließe Iwird, was begreiflich, aber doch zu bedauern wäre. Und doch, trotz der Ergebnislosigkeit unserer Mahnung an den Verband vor der Tagung richten wir zum zweiten Mal Ne dringende Mahnung an ihn, den Centralverein zum freiwilligen Austritt aus der Leitung zu veranlassen. Daß der Centralv'erein bei seiner Parteilichkeit von selbst es tut, ist nicht zu erwarten, wäre er gewillt, dies zu tun, so Hätte er es vor der Tagung getan und so deM Delegiertentag die Kämpfe erspart. Leider ist viel Schaden angerichtet worden; doch noch ist es Zeit, den angerichteten Schaden gut zu machen. Hoffen wir es! Die rumänische Judenfrage. Die Judenfrage Rumäniens hat auch solche rumänische Kreise zu interessieren begonnen, die rs bisher stets mit einer noblen Geste ablöhnten, davon An sprechen. Politiker und Literaten fast aller Schattierungen, die sonst kurzerhand eine rumänische Judenfiage leugneten, fühlen sich mit eincnt Male gezwungen, sich darüber deutlich und klar auszusprechen. Die liberalen Rumänen, darunter eigentlich, außer manchen Sozialdemokraten, keine Politiker, sondern nur Schriftsteller und Journalisten, verlangen einfach und offen, daß Man die jüdischen Forderungen auf einmal erfülle. G e mä ßi gtere liberäleKöpfe, besonders solche Politiker, die sich in den Augen Europas keine Zivilisationsblöhe geben möchten, stimmen nicht nur bei, daß es im Lande eine Judenfiage gibt, die der Lösung harrt, sondern lassen auch — wie durch einen verhüllenden Schleier — dnrchblicken, daß sie selbst dafür wären, diese Angelegenheit zu Gunsten der Juden, was auch zu Gunsten des Landes wäre, zu erledigen, nur, — bei einet günstigeren Gelegenheit, aber nicht jetzt, wo Nö Rumänen selbst sich in einer mißlichen, für ihre Zukunft unentschiedenen Situation befinden, Mit' diesem Hinausschieben unterscheiden sie sich in dör Praxis nicht von jenen Politikern, die behaupten,^ däß die Judenfiage-Rünuiniens fast mrlösbar ist.

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