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Neue jüdische Presse · 1913-05-16 · Heft 19 (16.5.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 19 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Auf d em W ege. — Die Landung. Es ist eme Menge recht eigentümlicher Enüpfindungen, mit denen ein nationaler Jude unserer Tage das Eisenbahncoups besteigt, um eine Reise! nach.Palästina anz>utreten. Es sind zuin Teil sehr verschiedenartige, man kann sogar sagen entgegengesetzte Gesnhlsgruppen, die ihn beherrschen. Bor allem sind es zwei von einander ziemlich scharf getrennte Gefühlskomplexe, die seine Wünsche und Hoffnungen nach verschiedenen Richtungen hin lenken: einmal die Gefühle der Geschichte und sodann die Empfindungen der Gegenwart. Bevor man es nicht selbst erlebt hat, weiß Man es gar nicht, wie sehr noch Palästina für uns heute ein Zwitterland ist, ein Doppelbegriff, das Land unserer .Vergangenheit auf der einen, das Land unserer Gegenwart und Zukunft auf der anderen Seite. Und noch ist es uns nicht gelungen, die zwei Begriffe. Air einem einzigen, einheitlich-harmonischen ju; verschmelzen. Das ganze Geheimnis unserer Golustragik, die letzte Ursache aller seelischen Judenfragen, der große Riß Mischen unserer Geschichte und unserer Gegenwart, nirgends empfindet Man ihn so schmerzlich als auf der Fährt nach Palästina. Dort auf dem Schiff im Zwischendeck hockt ein alter Jude aus Südrußland, der nach einem Leben voller Wanderungen und Leiden nach Eretz- Jsrael fährt, um dort seine letzten Jahre zu verbringen. Träumerisch schaut er ins Meer hinaus, schon schaut er im Geiste Palästina. Aber was schaut er? Die Klagemauer, Rachels Grab, Hebron und die unendliche Zahl der historischen Stätten. Und über ihm auf dem Oberdeck stehen zwei junge zionistische Studenten aM Geländer, blicken gleichfalls in die ferne Weite, leise! die Hatikwah vor sich hinsummend. Auch sie schauen schon das Land ihrer Sehnsucht, aber es ist ein ganz! anderes Palästina, das sich ihnen zeigt: Tel-Awiw und Rischon-le-Zion und die lachenden Felder Galiläas. Bringe diese beiden Judentypen zusammen, lasse sie über Palästina nriteinander sprechen, sie! werden sich nicht verstehen. Sie fahren nach vürschiedenen Ländern, nach verschiedenen Stätten. Was für den einen heilig ist, dafür hat der andere nichts übrig. Wofür dieser sein junges Leben hingeben würde, existiert für jenen nicht. Kinder desselben Volkes, derselben Sehnsucht und dabei poch nichts gemein, und Dir bricht das Herz vor Weh Über das namenlose Elend unseres GoluslebeNs. .; Und ängstlich bebend fragte ich mich'/ Wie wird es -dort sein? Wird dieser Gegensatz dort nicht mehr existieren? Werden sie dort drüben ihre Harmonie bereits gefunden haben? . * : Wie wird es dort sein? Je Mehr das stolze Schiff sich Palästina nähert, um so klarer und deutlicher kristallisiert sich diese bange Frage aus allen übrigen, die die Seele erfüllen, heraus^ bis sie schließlich zur beherrschenden Empfindung wird. Wie wird es dort sein? Voll ängstlicher Erwartung stellt man sich diese Frage. Denn man empfindet, wieviel von der .Antwort abhängt: ein ganzes Ideal, ein ganzes Leben von Hoffnung und Glauben. JedesMal, wenn Man im Golus auf ein neues jProdukt! unseres Elends trifft, jedesmal, weinn Man auf ein neues Opfer unserer Zerrissenheit und Würdelosigkeit stößt, tröstet man sich immer wieder: dort ist es anders. Die Hoffnung, daß in Palästina der Jude ein ganz anderes Leben lebt, ist vielleicht die stärkste Kraft, die uns im Goluth noch stärkt und zur Arbeit befähigt. Und nun empfindet Man Mit jeder Minute, die öahineilt, mehr und mehr: Jetzt wird es sich zeigen, ob es wahr ist, ob dort wirklich das Judentum etwas Natürliches ist, über das man nicht zu reden braucht, das jeder lebt, weil er gar nicht anders kann. Denn das ist alles, der Inbegriff all unserer Wünsche und Hoffnungen: Wir wollen in Palästina ein natürliches jüdisches Leben schaffen. Bei uns iM Goluth ist ja schließlich alles Judentum vor allem nur Wünsch, nur Willensanstrengung, nur Versuch, nur Surrogat. Wir müssen uns unser Judentum jeden Augenblick neu erwerben, jedes jüdische Gefühl ist ein Sieg, jede jüdische Tat ein Opfer. Hier in Palästina soll es anders sein, soll das Judentum eine Selbstverständlichkeit werden. Man soll Jude sein ohne logische Begründung und intensivste Willensanstrengung, man soll sich gar nicht bewußt sein, daß man etwas besonderes leistet, wenn man als Jude lebt. Wenn das erreicht ist, ist. alles erreicht. Und erst wenn man auf dem Schiffe sitzt und Palästina cntgegeneilt, empfindet Man, wie wohl es sein muß auch nur einige Wochen in einem Milieu zu leben, wo das Judentum etwas Natürliches ist. Für einen Juden, der mitten im Goluthleben steht, der geMÜngen ist, zehnmal im Tage, das. Wort Judentum im Mimd zu führen und alle paar Tage irgendwem zu beweisen, daß es eine jüdische Nation gibt, für ihn ist es wie eine paradiesische Entzückung, das Bewußtsein zu haben: Nun brauchst Du einige Wochen lang über Judentum und Zionismus nicht Au reden, da Du sie leben wirst.- Und unter solchen Empfindungen.banger Erwartung, freudiger Hoffnung, borgeahnten Glückes nähert man sich Palästina, und! nach sechs Tagen herrlichster Seefahrt erblickt man des Morgens in aller Frühe die Küste Jaffas. Ein langgezjogener, mittlerer Streifen anl fernen Horizont, der aber rasch deutlicher sichtbar wird. Noch eine Weile, und ntan sieht Jaffa selbst. Ein höchst malerischer Anblick, diese Stadt am Meeresrande, mit ihren Häusern, die übereinander aufgetürmt erscheinen. Die See ist. ruhig, und das Schiff kann Anker werfen. Und nun beginnt die Bandung. Man ist innerlich erregt und bereitet sich schier ungewollt auf. den großen Moment vor, da man den Boden Erez-Jsraels betreten wird. Aber aus dem großen Moment wird nichts. Schon in Kairo sagte mir ein zionistischer Freund vor der Abfahrt: „Passen Sie auf, Sie werden beim Betreten Palästinas nichts Außergewöhnliches empfinden. Die Ausbootung und die Landungsbehörden werden schon dafür sorgen." Offen gesagt, glaubte ich es ihm nicht recht. Den Boden Palästinas betreten und nichts dabei empfinden! Solche Kraft mutete ich meinen Gefühlen doch zu, daß sie alle prosaischen Gegenmächte der Landung überwinden werden. Aber mein Freund in Kairo behielt recht. Als das Schiff mitten im Meere— einen Hasen gibt es in Jaffa nicht — hielt, war ich mit einer ziemlichen Dosis von Erregung geladen. Das'Schiff steht Ml, und im Nu stürzt eine Rotte wilder Araber hinein, schreiend, lärmend, daß es schon jetzt schwer fällt, seine Stimmung trotz des ohrenbetäubenden Lärms zu bewahren. Ich bewahre sie trotzdem. Ich steige die Schiffsbrücke hinunter, und bevor ich noch recht weiß, wo ich bin, fiihle ich mich von zwei Arabern gepackt, in ein Boot geworfen, und nun gehts einige Minuten im wilden Schankelspiel der. Küste zu. Bei diesem Wurf und dieser Fährt ging schon ein beträchtlicher Teil meiner aufgespeicherten Sentimentalität verloren; ich betrete dann das Land, werde wiederum von einer Rotte streitender Araber umringt, von denen jeder s an meinem Koffer und meinen Kleidern zerrt,? werde dann in einen recht finsteren Raum hinein-. geschoben, in dem die Zollrevision stattfindet, und als ich endlich mich durch all die Scharen der Araber und Beamten mit großer 'Anstrengung " hindurchgezwängt habe und in die erste schmutzige Gasse Jaffas hinaustrete, da ist all der Rest von gehobener Stimmung, der noch da war, vollends geschwunden, und statt dessen empfinde ich innerlich ein freudiges Gefühl der Erleichterung und Bch freiung, daß ich aits diesem Gewühl endlich heraus bin, und andererseits werden meine Nürven fast ganz vom entsetzlichen Geruch in Anspruch genommen, der die Gasse erfüllt. Und erst nach und nach, wenn nran den ersten intensiven Eindruck dieses Geruches überwunden hat, steigt langsam. wieder das Bewußtsein auf, daß man bereits in Erez-Jsrael steht und daß der Schmutz, in dem man watet, palästinensischer Boden ist.- Dies ist die Geschichte einer Landung in Palästina. Als ich nachher einem hiesigen Freunde davon sprach und ihm mein Leid klagte, daß Me Poesie und Erhabenheit, die man beim Betreten Erez-Jsraels doch eigentlich empfinden sollte, dabei verloren gehe, erwiderte er mir lachend: „Ja, daran werden Sie sich hier im Lande schon gewöhnen müssen und werden lernen, sich durch solche äußere Störungen und den Mangel europäischer Bequemlichkeiten nicht in Ihrer Stimmung stören zu lassen." Und tatsächlich: es ist schier unglaublich, in welch kurzer Zeit man hier alle elementaren Ansprüche eines Europäers verlernt und sich an die — besonders in den Kolonien — zum Teil noch primitiven Lebensverhältnisse gewöhnt. Es ist dies eine der überraschendsten und gesündesten Wirkungen, die das Land ausübt, indem es sehr schnell den europäischen Einwanderer von aller Ueberkultur und allem Ballast.überspannter Zivilisation befreit und ihn zu einem viel einfacheren und anspruchsloseren Menschen macht. Wer aus einer der Metropolen Europas mit ihrer raffinierten Zivilisation nach Palästina, kommt, hat die Empfindung, wie wenn er an einem heißen, schwülen SoMmertag aus der engen, atembekleMmenden Luft einer Großstadt in die freie!, ftische, kühle Atmosphäre eines Gebirgsdorfes kommt. Man atmet auf, man fühlt sich fteier, stärker. Das Leben hier hat noch jenen kühlenden, erfrischenden Hauch, den nur eine, primitive, naive 'Kultur zu besitzen vermag. Und darum allein ist das Leben in Palästina schon an sich, in seinem Wesen, so viel Moralischer als das unsere in Europa. Alles Unmoralische der Modernen Ueberkultur fehlt ihm. Es besitzt noch die Reinheit und natürliche Sittlichkeit eines Kindes, das erst am! Beginne seiner Entwicklung steht. Modernes Barbarentum. \ Die Formen ändern sich, der Inhalt' bleibt; — mit diesem Nrtell aus den Jahrtausenden der

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