Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 18 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. gewählt und au Israel Zangwill ein Bcgrüßungstelegramm abgesandt. R«tzla«d. Petersburg. Wieder sind Judenausweis un gen zu melden. In Riga erhielten 200 jüdische Familien den -Befehl, die Stadt zu verlassen. Heber 100 Familien dürfen nur noch zwei Monate zur Ordnung ihrer geschäftlichen Angelegenheiten in der Stadt verweilen, währendden restlichen Familien eine Frist von -sechs Monaten zügebilligt wurde. Im Kreise Dubno .stehe» 1500 Juden vor der Ausweisung. Da die zweimonatige Frist für die Hunderte von ausgewiesenen jüdischen Familien in Kursk dieser Tage obgelausen ist, hat der dortige Gouverneur der Polizei strengen Auftrag erteilt, die Ausweisungen unnachsichtlich durchzuführen. Die Beschwerden an den Senat'sind erfolglos geblieben. Amerika. : Rew-Hork. Nach amtlichen Angaben betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer . -nach' den Bereinigten Staaten im Jahre 1912 81106 Seelen. , . ... Bon diesen landeten im Hasen von Newyork 64 738 Personen, in Philadelphia 7505, in Baltimore 4364, in Boston 2634 und in Gaweston 1575. Im Januar 1913 . laNdeten im Newyorker Hafen 5346 Juden, in Philadelphia 352, in Baltimore 386, in Boston 362 und in Galveston 127. . . Bon -den Einwanderungsbehörden zurückgewiesen wurden im Januar d. I. in allen genannten' Hafenstädten 88 Juden. Die 5364 jüdischen Einwanderer, die im Januar d. I. in Newyork landeten, brachten Barbeträge in Höhe von 136000 Dollar in ihre neue Heimat mit. New-Aork- In dem freie« Amerika gibt es bekanntlich besonders auf Badeplätzen zahlreiche Hotels, die Negern und Juden den Eintritt verwehren. Gouverneur Sulz er hat soeben ein Gesetz unterzeichnet, das verbietet, Ausnahmen-der Religion oder der Rasse in öffentlichen Institutionen (Hotels, Restaurants, Theater usw.) zu machen. Cafe €«rto Ecke Mainzerstrasse and Moselstrasse ii-Mffnig Mag. M10. Mai Franz Krist* Personalien u. Kleine Mitteilungen. Setlln. Prof. Dr. Robert Dadidsohn, früher Redakteur am Berliner Börsen-Courier, ein .hervorragender Geschichtsforscher, feierte in Florenz" seinen 60. Geburtstag. Berühmt ist seine „Geschichte von Florenz". — Auf dem jüdischen Friedhof in Köpenick wurde der abgestürzte jüdische Flieger Elia Dunetz-Lurie bestattet. Breslau. Dr. C. Steinitz, ordentl. Professor an der Technischen Hochschule, hat sich an der Universität als Privatdozent für Mathematik habilitiert. Muuuhetw. Vom 4.-18. Mai findet in den Räumen der Hofmöbelhandlung Peter (O, 7, Heidelbergerstraße) eine Bezalel-Ausstellung statt. Mannheim. In Mugg en sturm ist die Synagoge meistbietend versteigert worden. Für 700 M erwarb sie ein Landwirt, der sie als — Remise benutzen will. Königsberg i. Pr. Am 24. Septbr. hat der Leutnant der Reserve Graetsch, früher Referendar, jetzt Versicherungsbeamtcr, in einer Bar mit den Worten: „Es stinkt nach Juden! Man kann sich in keinem Lokal mehr sehen lassen, überall trifft man Juden!" Der jüdische Student M. stellte ihn zur Rede: „Meinen Sie mich mit Ihren Beschimpfungen?" Worauf der Leutnant der Reserve antwortete: „Ich kann nur sagen, daß mir die Juden ekelhaft sind. Ich meine Sie nicht persönlich, ich meine die Juden im allgemeinen." Nun mischte sich auch der Student L. in den Streit hinein und ergriff die Partei des jüdischen Studenten. Darauf meinte Graetsch zu L.: „Was für ein Orang-Utang-Gesicht hat -da noch was zu reden?" Als L. fragte, ob das auf ihn gemünzt sei, wiederholte G. seine Bemerkung noch einmal. Darauf schlug L. ihm ins Gesicht und erhielt dafür eine Pistolenforderung. Das Duell wurde am 26. September ausgefochten, verlief jedoch unblutig. Graetsch würde von dem Militärgericht in Breslau zu einer Festungshaft von drei Monaten verurteilt. Strafverschärfend zog das Gericht die Bemerkung Graetschs über die Juden in Betracht. Bor der Königsberger Strafkammer stand nun jetzig der zweite Duellant. Das Gericht verurteilte ihn zu der Mindeststrafe von drei Monaten Festungshaft. In der Urtellsbegründung führte der Vorsitzende aus: Das Verhalten des Angeklagten erscheint in bedeutend milderem Lichte als dasjenige des Graetsch, der ein ganz unverantwortliches und unangenehmes Benehmen in dem Lokal an den Tag gelegt hat, ein Benehmen, das eines gebildeten Menschen durchaus unwürdig, ist. Er trägt in erster Reihe die Schuld, er ist der Haupturheber des Duetts. Köl«. In den Vorstand der israel. Gemeinde wurden gewählt: Louis Eliel, Jüstizrat Dr. Call- Frankfurter HsraeMsches Familienblatt. -'. — _ IN tun, 3 im u it Rvsenberg (Vorstandsmitglieds), Dr. meb; Aiastbau m, Eugen Sternbcrg und Moritz Falk enstein (Stellvertreter). Achim. An d-m letzten Tage des Peffachfestes fand in der Synagoge unserer Gemeinde eine erhebende Abschiedsfeicr statt. Sie galt unserem ehrwürdigen, von jung und alt hochgeschätzten, 83jährigen Lehrer David Erle, der, nahezu 35 Jahre in unserem Orte weilend, den Rest feiner Tage in Hamburg "Verbringen will. Aus Böhmen stammend, wo er als Hauslehrer oft mit den schwierigsten Verhältnissen zu kämpfen hatte, gehörte er zu den ersten, die am Seminar zu Hannover nach privater Vorbereitung ihre Lehrerprüfung bestanden. Durch seine Freundlichkeit und Zuvorkommenheit gegen jedermann und durch seine Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit erfreute er sich bei allen Bewohnern unseres Orts der größten Verehrung und Beliebtheit. Diesen Gedanken führte auch Lehrer Rothschild in seiner Ansprache an den von uns Scheidenden aus. Der Borsteher unserer Gemeinde, Herr Hellbraun, brachte Herrn Erle in rührenden Worten den Dank der Gemeinde zum Ausdruck. Wiesbaden Dr. Max Lubowicky erhielt den Charakter als S a n i t ä t s r a t. Diemertngeu (Elsaß'. Hier verschied im hohen Alter von 92 Jahren der Rentier H e Y m a n n F a l ck. Er war nie krank und bis zuletzt geistig frisch. Lorsch lHeffen). Am Erew Peffach bewegte sich ein ungemein großer.Leichenzug durch die Straßen unseres Ortes. Galt es doch, Herrn Simon Lorch die letzte Ehre zu erweisen. Kurz naü> dem Mincho-Gebet am Schabboß Haggodaul hatte er seine reine, edle Seele ausgehaucht, umgeben von allen Mitgliedern seiner Gemeinde, deren erster Vorsteher und treuer Führer er so viele Jahre lang war. Von nah und. fern waren sie herbeigeeilt, die Verwandten, die Freunde und die Bekannten, deren er so viele besaß; in stiller Trauer und stummem Schmerze umstanden sie seine Bahre. Da begann Sr. Ehrtv. Herr Rabb- Dr. M. M a r x aus Darmstadt: „Simon jofeh lau loodom, schellan nißped kahallocho; ein schönes Zeichen ist es für den Menschen, wenn er nicht nach, Gebühr' in einer Leichenrede beklagt werde". Auf Simon Lorch trifft dieser Ausspruch unserer Weisen voll und ganz zu. Der herannahende Jaum-tauw versage es ihm, den Heimgegangenen in der Bedeutung seiner Persönlichkeit zu würdigen, in dem die Gattin nicht nur den geliebten Gatten, die Familien der Verwandten, ihr patriarchalisches Oberhaupt, die Genieinde ihren Führer, die Vereine Chewroh kaddischo di-Gemilus chassodim und Saumech Nauflim ihren Vorsitzenden, sondern auch das gesetzestreue Judentum einen allezeit treuen und hilfsbereiten Sohn verloren hat. Skur der Jaum-tauw kann uns beim Hintritt eines solchen Zaddik aufrichten. Der Name Simon Lorch niuß der Hinterbliebenen Familie, der führerlosen, verwaisten Gemeinde ein Programm, eine Aufgabe, ein Ziel werden; dann -hat Simon Lorch nicht umsonst gelebt! Sisfiuge«. Frau M. Koniz in Odessa testierte die Zinsen ihres zwei Millionen Francs betragenden Vermögens nach hier und zwar: s/4 an jüdische Arme und Waisen, i/i an christliche Arme und Waisen. Culm (Westpreußenl. Der in Berlin verstorbene Rentier Leopold Jacobsohn hinterließ der hiesigen israelit. Gemeinde 10000 JL (L.) Posen. In Wronke wurden zwei Schulknaben, die die Familie Kaiser des Ritualmordes beschuldigt - hatten, wegen falscher Anschuldigung zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. In L o b s c n s war infolge Verschwindens eines elfjährigen Mädchens das Gerücht des Ritualmordes entstanden. Jetzt ist das Mädchen, das sich verlaufen hatte, tot aus dem Torf gezogen Ivorden. Wie«. Bosnien und Herzegowina zählten nach der Volkszählung vom 10. Oktober 1910 unter einer Bevölkerung von 1898 000 Seelen 11868 Inden (8219 Sefardini und 3649 Aschkenasim). Budapest. Alles getauft Der einstige Ministerpräsident Graf Szaparh wollte den jüngst verstorbenen berühmten Mathematiker K o e n i g als „hervorragende jüdische Persönlichkeit" in das Magnatenhaus berufen lassen, — doch Koenig war bereits getauft. Dann nahm er Profesor Boeke, gewesenes Vorstandsmitglied der Pester israelit. Gemeinde, in Aussicht, — aber auch dieser hatte es mit der Taufe zu eilig gehabt. Da wurde S z a p a r y der Vorschlag gemacht, Öberrabbiner Dr. Samuel Kohn zum Mitglied des Magnatcnhauses zu ernennen. Szaparh erwiderte, wie man erzählt, humorvoll: „Nach unseren Erfahrungen wird man sich wohl erst erkundigen müssen, ob er nicht auch getauft ist!" Budapest. Zum Staatssekretär im Justiz- ° Ministerium wird der Abgeordnete Dr. Leopold B a d a ß, der Verfasser der verschärften Hausordnung, ernannt werden. Seit 1867 ist dies der zweite Fall, daß eine Jude in Ungarn zu einem so.hohen politischen Posten berufen wird. Budapest. Der aus Ungarn stammende Arzt Dr. Benjamin London-, der gegenwärtig in Frankfurt a. M. wohnt, hat für verschiedene wohltätige Zwecke der Stadt Ungvar eine 50 000 Kr. betragende Stiftung errichtet. — Hier ist unter Anwesenhell der Spitzen der jüdischen Gesellschaft eine Bezalel-Ausstellung feierlichst eröffnet worden. Budapest. Geyza v. Moskovtts de Zemplön, eine der hervorragendsten Gestalten der Budapcster Gesellschaft, verstarb in einem Wiener Sanatorium. Geyza v. Moskovits war mit der Famllie Graf Julius AndrLssy intim befreundet, mit dessen Hllfe er in das Nationalkasino gewählt wurde, wo er das einzige jüdische Mitglied war. Er hatte die einzige Schwester des vor Rr. 18. -kurzem verstorbenen Baron Alexander.Hatvany-Deutsch zur Frau. Paris. Dr. Albeict Keim wurdezum Sekt tausch e f im' Ackerbau in i n i st e i i u nt, D r. P i e r r c Marcel zum Chef-Ädjoint des Ministerpräsidenten und Emilie Solal zum Chef des Sekretariats für das F in an zr cs s or t ernannt. Petersburg. Vize - Justizminister G a ß m a n n, der als Sohn jüdischer Eltern in Wilna geboren .wurde, ist zurückgetreten. Warschau. Hier habin sich in kurzer Zell fünfzig jüdische Techniker taufen lassen. Zürich. Nach der Volkszählung vom l. Dezember 1910 hatte Zürich 5212 Inden (1550 Schweizerbnrger und 3662 Ausländer), 2499 Juden mehr als 1900. — Hier verschied im 84. Lebensjahre Frau H e »- riette Littmann geb. Marcuse, die Mutter Rabbiners Dr. Littmann. Laudon. Am 29. April fand im Bezirke Whitechapel die Ersatzwahl fürs Parlament statt, da das Mandat des früheren Mgeordneten Sir Stuart Samuel für ungültig erklärt worden war. Sir Sainuel war früher Mitglied einer Firma, die in Geschäftsverbindung mit dem Staatssekretär für Indien stand, was von judenfeindlicher Seite weiblich ausgebeutet wurde, obwohl die persönliche Integrität Samuels llar zutage lag. In der Ersatzwahl wurde' nun Sir Stuart Samuel, der der liberalen Pariei angehört, gegen den Unionisten Kapitän Browne mit l66 Stimmen Majorität wiedergetvählt. Sir Samuel äußerte sich-nach der Wahl, die Antisemiten hätten es verstanden,- die einflußreichen Kreise, insbesondere die f ü h r e n d e n Männer Verenglischen Kirche, gegen seine Wiederwahl mobil. zu machen. Die ganze Organisation der Kirche habe gegen ihn gearbeitet. Bon uuionistischer Seite wird dagegen entschieden 'bestritten, daß der Wahlkampf gegen Samuel judenfeindlichen Charakter gehabt Hätte. New-Uork. Jacob H. Schiff spendete anläßlich des 25jährigen Jubiläums der „Jewish Publicatio» -Society of America" 50 000 Dollar f ü r d,c n Bibel- Fonds dieser Gesellschaft. - - Die Gesellschaft ist nun imstande, eine hervorragende englische Bibel-Uebersetzung erscheinen zu lassen. Offenbaeher Druckluft-Anlage Offanbach a. M. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). Bewährteste Tapolcbralnlganv 100,000 qm jährlich st-wie unübertroffene Betten- und Bettfedernrelnigong mittelst Druckluft and Wasserdampf. lenillefiin. Das „Scheker-Bilb«l". Bon C. Berg. (13. Fortsetzung). Da erkannte der Gendarm mit Bestürzung, daß seine Autorität vor der immer stärker anschwellenden Wut des Pöbels zerrann >vie ein Sandhügelein, von Kinderhand geformt, im Sturm verweht wird; er kehrte um und meldete dem ihm halbwegs begegnenden Bürgermeister mit Verdruß und Beschämung, wie wenig er ausgerichtet hatte. Der Bürgermeister erschrak. „Aber Quitte, was sollen wir denn da tim?" „Ja, ich weiß, auch nicht," brummte Quitte. „O Gott, o Gott! Wenn sie nun ein Unglück anrichten und dem Menschen das Haus demolieren?" „Sie sind eben bei bester Arbeit," rief Quitte grimmig; seine scharfen Ohren hatten von dem Geheul des Pöbels das Geräusch an die Mauern prallender Steine und klirrenden Glases unterschieden. Er schlug dem Bürgermeister vor, nach der Stadt znrückzulaufen und einige besonnene Männer zu Hilfe zu holen, im schlimmsten Falle nach Posen um Militär zu telegraphieren; aber davon »wllte der Bürgermeister, der zwar von Verstand ein altes Weib, aber von Herzen ein recht gutmütiger Mann war, ums Himmelswillen nichts wissen. Das fehlte noch, daß man gleich so und so viel Leute unglücklich mache,' und die Blamage und das Aufsehen — nein, nein, Quitte möge nur umkehren und den Förster oder sonst wen, der schnell aufzutteiben sei, mitbringe,i, er wolle in Gottes Namen der Schwefelbande nachgehen —, jetzt höre auch er, sie brüllten eben vor Schmulas Haus —, und selber versuchen, bei den verfl. . . Rackers Ordnung zu schaffen. Und der Bürgermeister rannte, daß er beinahe über die eigenen kurzen Beine fiel, dem bedrohten Hause zu. Mitten unter dem Haufen der Tumultuanten stand die Frau des Schusters Schmula, rang die Hände und zeterte: „O Gott, o Gott, o Gott! Nun schlagen sie mir gar mein eigenes Haus entzwei," und bei jehem Steinwurf, der schmetternd an die Scheiben flog, schrie sie: „Ihr Herrgottssapermenter, das sind ja meine Fenster, links ist Perez — links!" „Ja, das ist nun egal."