Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1913-05-09 · Heft 18 (9.5.1913) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 18 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692819-2692837--07644-2702739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18 - " •“ ' „Das läßt sich nicht so abzirkeln.'" „Wenn mail schmeißt, dann schmeißt man halt, wie cs trifft Die Leute lachten und zerkrachten mit ihren Wurfgeschossen hübsch gleichmäßig die Scheiben des kleinen Hauses nach rechts und links. Dazwischen im Takt wüstes Kainpfgchenl. „Pcrez, raus, hepp, hepp, Jude, raus!" Oben blieb alles still. Und unten wieder verzehn- und, verhundertfachte sich das Geschrei: „Totschläger, raus — Mörderjude, raus!" „Warte, ich will Dich bald hcrunterkriegen!" Ter alte, betrunkene Lnschek wollte just ins Haus laufen und ein paar andere ihm nach, da stürmte der Schuster Schmula eben die Treppe herab, packte Lnschek beim Kragen und stieß ihn zurück, daß er kopfiiber ans die Straße flog. „Wer nur nieine Schwelle betritt, dem breche ich alle Knochen entzwei! — Dir auch und Dir auch . . ." Der tapfere Schuster brachte es wirklich ganz allein zustande, fünf oder sechs der Belagerer hinter den Rinnstein znrückznschlagen, aber schon machten die Vordersten Miene, gemeinsam über Schmula herzufallen, da schrie Franja: „Es ist jemand am Fenster links, — schmeißt — schnell — schnellt" Eine Sekunde und ein Steinregen prasselte da oben in die Stube . . . Dann ein fürchterlicher Schrei. „So! Das hat jemand getxoffen." Man sah sich verdutzt an, — das war doch eine Weiberstimme? Nun kam der Bürgermeister angcjagt und wenige Minuten darauf Quitte, der Förster Hegemann, Stypale, der Herr von Werder, Doktor Thorner und der Referendar Hirschthal, den Thorner frischweg von seiner Untrittsvisite int Doktorhause mit hierher geschleppt, damit der junge Mann „etwas erlebe", denn in den nächsten hundert Jahren sei auf eine gleich hervorragende Ruhestörung in Zladno nicht zu rechnen. Philipp gefiel her muntere, alte Herr sehr gut, er erividerte ihm lächelnd: „Sie verleumden Zladno, .werter Herr Doktor, ich finde es hier sehr interessant, ntorgens einen Mord und abends ein kleiner Landsried ensbruch —, ich merke schon, ich werde hier vollauf zu tun bekommen." Die Herren von der freiwilligen Feuerwehr — sechs Mann hoch — hatten sich ihnen angeschlossen und trabten gleichfalls itjt Sturmschritt mit heran. Sie wurden mit Murren empfangen, aber der Bürgermeister schrie die Demonstranten an: „Wer nicht auf der Stelle vom Platze geht, erhält zehn Jahre Zuchthaus wegen Aufruhr oder mehr, ich lasse jeden, der nicht gehorcht, vom Fleck weg ins Kittchen führen." Quitte zog sein großes Notizbuch und schrieb —, da nahmen die Klügeren in der Menge sachte Reißaus. Es blieben aber noch genug Trotzige, die nicht von der Stelle wichen und hartnäckig verlangte», daß Perez hernnterkäme. Unf.s neue erhob sich das Geschrei: „Perez, raus, Mörderjude, raus!" ... Der Bürgermeister verlor den Kopf, — er wußte nicht, was mit der tobcndciüMenge anzufangen. Manchen aber war doch bange geworden, als sie oben den Angstschrei hörten —, die Schnsterssrau wollte sich bei dem Doktor Thorner ein wenig lieb Kind machen und sagte ihm heimlich, sie glaube, man habe oben schon einen totgcschlagen, entweder Perez oder sei,re alte Mutter, eins von beiden sei es bestimmt. Den Doktor ließ Schmula, der mit Löwenmut seinen Hauseingang verteidigte, passieren, und Philipp stieg ihm nach. Die Tür zu Perez Wohnung war verriegelt, sie pochten und klopften, keine Antwort, — kein Laut. Dem Doktor dünkte die Stille da drinnen unheimlich, er versuchte die alte, gebrechliche Tür einzustoßen, was ihm mit Philipps Hilfe leicht gelang. Sie traten in die kleine Stube. Es war finster. Thorner, her hier genau Bescheid wußte, tappte nach dem Tisch, stolperte dabei über einen Körper und zündete ein Licht an. Die alte Frau lag ohnmächtig auf ihrem Lager, vor ihrem Bett auf dem Boden, gleichfalls beivußtlos, blutüberströmt — Thorner schrie vor Schrecken laut auf — seine eigene Tochter Cornelie. Was weder der Bürgermeister, noch der Genoarm, noch - die Herren von der freiwilligen Feuerwehr vermocht: die Wütenden vor dem Hanse in Güte oder Gewalt zn beschwichtigen, erreichten der Doktor und Philipp, ohne daß sie cs auch nur gewollt. Als sie das leblose, junge Mädchen ist ihren Armen über die Straße trugen, liefen die heftigsten Frankfurter Israelitisches Familjenblatt. Skandälmacher davon (es glückte ihnen bei der hereingebrochcnen Dämmerung leicht zu entkommen), glaubten doch die meisten, das Fräulein wäre tot. Der Bürgenneister rannte voller Verzweiflung in die Stadt zurück, den Amtsrichter aufzusuchen, entschlossen, diesem die ganze Verantwortlichkeit für den Fall aufzuladen, komme, was da wolle. Er deklamierte nicht mehr von dem gesunden Instinkt des Volkes, der stets den wahren Schuldigen zu finden wisse; aber fester als je war er von der Schuld des Wasserträgers überzeugt — warum hielt dieser sich sonst wohl so ängstlich verborgen? Und wo, in aller Welt, wo steckte er, dieser Perez? Im Walde. Verhaften! Der Bürgermeister hatte gesagt, daß er ihn verhaften lassen wolle, und Perez war darob über Stock und Stein in den Wald gelaufen. Die Angst machte chm behende Beine, er gewann einen tüchtigen Borsprung, deniroch würde chn das Heer seiner Verfolger (ja, wer verfolgte ihn denn nicht, die halbe Stadt war ihm auf den Fersen) schnell genug eingeholt haben, wäre ihm nicht der in seiner Lage natürliche Einfall gekommen, sich zu verstecken. Er war ja vertraut mit dem Wald, von klein auf wußte er ent prächtiges Versteck, das ihm schon in feinen Knabenjahren, so ihm ein Prügelwetter wo am Himmel drohte, als Schlupfwinkel gedient hatte. Unweit des Kiwitzabaches stand ein mächtiger, breiter, vor Alter gänzlich hohler Weidenbaum. Perez kroch schnell hinein — der kleine, schmächtige Mann war, wie ehedem, in. der Höhlung bestens geborgen. Sein Herz klopfte . ihm so laut, daß er ' meinte, es müsse es einer durch Borke und Rinde hindurch hören; aber er beruhigte sich bald . . . Zwei bis drei Minuten darauf hatte er die Genugtuung, seine Feinde, einen nach dem andern, vorüberlaufen zu sehen, ja, er genoß durch ein winziges Astloch mit einiger Schadenfteude das Schauspiel, wie der Bürgermeister über eine Baumwurzel stolperte, hinfiel, höchstselbst, so kurz und dick er war, niühsam in die Höhe krabbelte und fluchend davonhinkte. Dann kam unserem Freunde der Himmel zu Hilfe — klatsch! klatsch! jagte ein tüchtiger Platzregen Groß und Klein aus dem Walde. Perez saß schön im Trocknen, er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht irgend cinent guten Bekannten, der pudelnaß heimwärts rannte, etwas recht Höhnisches nachzuschreien, aber die Gefahr macht kluge Leute, er blieb ganz still . . . . Eine Viertelstunde, — eine halbe, dann merkte er, sie waren alle nach der Stadt zurückgekehrt, sie hatten es aufgegeben, ihn zu finden. Er verharrte noch eine Weile in dem für jeden anderen höchst unbequemen Verstech.- - aber Perez liebte diesen Schlupfwinkel, der chn an tausend Leiden und Freuden seiner Jugend erinnerte, und dann — Perez hätte immer Zeit —, er hatte nie etwas zu versäumen; im Gefühl seiner Unentbehrlichkeit nahm er sich stets heraus, so unpünktlich zu sein, wie chm gerade beliebte. Mögen die Zladnoer heute auf Wasser warten, geschieht ihnen schon recht. Mittlerweile hatte der Regen draußen aufgehört, die Zeit näherte sich dem Mittag. Die Sonne ütgte durch und trocknete mit ihrer milden Oktoberwärme die schönen roten und gelben Blätter, welche der Herbst schonend dent Walde noch gelassen hatte. Ein paar Elstern flogen schreiend und schimpfend in die Höhe; Perez blickte behutsam durch den schmalen Spalt, ob etwa der Förster in der Nähe sei, aber nein, die Elstern skandalierten nur zu ihrem eigenen Vergnügen. Jetzt, o wunderhübscher Anblick, huschte wie auf Sammetsohlen eine Rehricke mit ihrem Zicklein vorüber an den Bach —, Perez saß wie Steinbild, um die schöneit Tiere nicht zu stören. Sie kranken, wandten die zierlichen, kleinen Köpfe mit den sanften Augen zur Seite und sprangen davon. Es stieg Perez in die Rase . . ein süßer Duft, wie nach frischem Wachs — er kroch heraus und untersuchte die Höhlung des Baumes: der Glückspilz, er hatte unter einem verlassenen Bienenhaufen gesessen. Vorsichtig raffte er das Nest heraus. Perez! Perez! Wenn das der Förster sähe! .. .. .. Ungeniert brach er von den Waben und saugte den köstlichen Saft aus, holte sein Brot aus der Tasche und aß es dazu — just als wäre er der Gerechtesten einer und alle Dinge müßten ihm zum Besten dienen. Da knackten ein paar Zweige — ein leichtes Geräusch, wie von Schritten in der Nähe . . . Perez blickte sich UM; cs war gut, daß er sein Brot schon fast aufgezehrt hatte, denn der letzte Bissen blieb, chm buchstäblich vor Schreck im Munde stecken. Hätte der Veite 5 Bürgermeister mit dent Gendarm und der gesanttett Zladnoer Miliz plötzlich vor ihm gestanden, chn mit Stricken und Ketten zu binden, Perez hätte nicht mit heftigerem Schauder zusammenfahren könnett, als da er sein Gegenüber ansah — es war Pelagia. Ihr Gesicht schien erdfahl, als wäre sie dem Grabe entstiegen; iit der einen Hand trug sie ein roh gezimmertes, mäßig großes Holzkreuz, in der anderen, ein bescheidenes Bündel mit Kleidungsstücken und ein Körbchen, wie es herumziehende Landfranen mit sich führen. „Pelagia," mtirmelte Perez, „wie kommst Du Hierher?" Sie sah ihn an, machte zuerst Miene, davonzulaufen, besann sich aber und blieb ein paar Schritte von ihm stehen. „Ich will ein Kreuz aufitelleu am Bache, es ist hier einer umgekommen." „So weißt Du nicht, daß sie ihn gefunden haben?!" „Gefunden! O heilige Mutter Gottes!" vor tätlichem Schreck sank sie in die Kniee und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.' Perez fühlte unendliches Mitleid mit dem armen, verlorenen Geschöpf, so jung und schön, ach, einst so gut und jetzt ttef unglücklich für immer. Er richtete sie auf und führte sie sacht, als ob sie ein kleines Kind wäre, zu einem Baumstumpf — dem nämlichen, auf welchem Jnlek in jener Unglücksnacht gesessen hatte; dort zwang er sie sanft sich auszuruhen, kauerte neben ihr auf dem Uferrasen nieder und blickte gleichfalls trübselig in die Wellen. „Pelagia," ftagte er leise nach einer Weile, „wahum hast Du es getan?" Sie fuhr auf; ein feindlicher Blick traf ihn aus ihren großen, grauen Augen, die ihn beinahe 'schwarz ,anblitzten. „Du, Du! Nimm Dich in Acht! Woher weißt Du, daß ich es getan habe?" Er streckte die Hand aus. „Da drüben stand ich und sah alles mit am Hörtet Ihr mich nicht schreien?' „Nichts habe ich gehört"; sie senkte den Kopf, daß er ihr fast die Brust berührte und starrte in den Bach. „O, wenn ich eines Menschen Stimme gehört hätte, aber es sprachen zehn Teufel in mir . . . Ich wollte, ich läge da unten und die Krebse ftäßen von meinem Leib — es darf noch nicht sein, noch nicht!"; sie zog ihr Tuch fester um die Schultern, wie von heftigen Schauern geschüttelt . . . „Mag es so sein," sprach sie dumpf, „ivenn Du gesehen hast, daß ich es getan jhabe, wirst Du wohl hingehen und mich anzeigen." Perez wurde dunkelrot. „Nun gewiß!" rief er zornig, „ich mach' schon! Ich gehe schon! Ich werde gleich znm Bürgermeister, aufs Gericht kauftn, was weiß ich, zu wem noch, die ganze Sache groß und breit Gott und der Welt zu erzählen. Was habe ich anzuzeigen? Bin ich ein Gendarm?" Er war so aufgebracht, daß er aufsprang, um ßütznlaufen. Sie faßte ihm bei den Händen und hielt ihn zurück. „Bleibe, Perez, bleibe! Sei mir nicht böse darjum! Siehst Du, weil ich so schlecht wurde, glaube ich schon, es gibt gar keine guten Menschen mehr ans der Welt. Gehe nicht fort! Ich weiß. Du hast es immer trat mit mir gemeint. Man will sich doch mit einem . aussprechen in seinem Unglück."" Es hielt nicht schwer, Perez zn besänftigen; wie er ihre Tränen sah, wußte er es nicht besser, er ließ sich neben ihr nieder und weinte mit. (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fitsn. Pincenez Double Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Nene Mainzarstrasse. Kaiser Friedrich Qaelle — Offenhach s. X. .■■■ Gegen Gicht ind Bhenmatfmnna bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frledploh Stahl, Frankfurt a. X., Ganthersburg-AIlee 37. Tel.259 u. 714. Wocheru-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Dnacb.) Samstag, den 10. Mai (= 3. Ijar.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 25 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 50 Min. in Berlin 8 Uhr 35 Mm. Wochenabschnitt: Emaur. — Priester-Gesetze. Der gewöhnliche Priester darf sich an sieben der nächsten Verwandten „verunreinigen"", d. h. sie als Leichen berühren- Der Hohepriester darf dies selbst an den nahen Verwandten nicht; nur ein jungfräuliches Mädchen darf er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.