Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 18 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Engel den Wohlmeherschen Antrag int niederösterreichischen Landtag zur Sprache, der die Ausschaltung der Juden aus dem Offizicrsstande, dem Justizdienste und deut politischen Dienst fordert. Dr. Ehrlich (Zionist) stellte den Antrag, in einer Beschwer de an die Statthalterei dagegen Verwahrung ein- Aülegen, daß der Statthalter in seiner Eigenschaft als Regierungsoertretcr nicht sofort gegen diese!» Woben-Angriff auf eine große Kategorie österreichischer Staatsbürger Protest erhoben hat. Die Mehrheit der anderen Herren des Vorstandes hatte jedoch nicht den Mut zu solchem Schritte, und so wurde der.Antrag Ehrlich abgelehnt. — Auch Oesterreich hat seine Organisationen ä la Hilssverein der deutschen Juden und ä -la Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens; der elfteren entspricht die I s r a e li t. Allianz und der zweiten die Oe st e r r.-J sraelitUnion. Während der Hilssverein erst auf eine zehnjährige Tätigkeit zurückblickt,- konnte die Israelit. Allianz jüngst ihr 40jähriges Bestehen feiern; während aber der Hllfsverein im letzten .Jahre über 660,000 Mk. verausgabte, betrugen die Ausgaben der Israelit. Allianz nur 125,000 Kr. - Die Oesterr.-Jsraelft. Union hat, wie der auf der dieser Tage stattgehabten Generalversammlung erstattete Bericht wieder einmal zeigte, mit Dingen zu tun, von denen der deutsche Centralverein nichts weih: wir meinen die Ritualmordlüge und die Entführungen jüdischer Mädchen in die Klöster. Natürlich beschäftigen auch die österreichische Organisation ständig Fälle, die eine Verletzung der staatsbürgerlichen Gleichheit der Juden betreffen. Der Bericht der Oesterr. Israelit. Union ist ein recht beredtes Zeugnis von der ausgesprochen antisemitischen Gesinnung eines erheblichen Teiles der österreichischen Bevölkerung. Es ist daher der jWsche Tiefstand in Oesterreich viel unbegreiflicher als in anderen Länden: Westeuropas^ Brief aus Ungar«. Hoftat Franz Szekely, Präsident der LandesKmmission für die Autonomie, wendet sich in einem Äuftuf an die ungarische Judenheit, der fte zur Einigung auffvrdert. In diesem Aufruf heißt es: „Ich glaube nicht, daß es jemanden gibt, den die heutige Lage des migarischen Judentums befriedigt. Allerorten herrscht Wirrwarr und Kopflosigkeit. In vielen Orten verarmen die Gemeinden, überall stehen sie auf unsicherer Basis, denn überall tauchen unruhige Elemente auf, die ihre Partei bilden, die Einheit der Gemeinde auflösm unö deren materielle und moralische Kraft abschwächcn. Die leichte Möglichkeit der 'Sezession und der dtcubildung von Gemeinden lähmt die Tatkraft der geistlichen unb weltlichen Führer, denn sie können den Unruhestiftern nicht ihre Autorität fühlen lassen, ohne Gefahr zu laufen, daß diese die Gemeinde entzweisprengen Knuten. Mangels eines starken, mit erforderlichem Ansehen ausgestattetcn Forums, einer zentralen Gerichtsbarkeit, welche die anfangs zumeist unbedeutenden Zwistigkeiten erledigen würde, liegen die inneren Zwistigkeiten der Gemeinden fortwährend auf der Gasse. Der Stadthauptnmnn, der Stuhlrichter, das Ministerium richten über unsere Gemeindeangelegenheiten, oft auch in Fragen dogmatischer Art. . . Der § 1848: 20 ist in Bezug auf das ungarische Judentum mcht zur Durchführung gelangt. Und wie sehr Knicken wir, wenn solchergestalt die Judenheit die ihr gesetzlich zukoMMende Staats- Hilfe erhalten würde, den unverhältnismäßig belasteten ärmeren Gemeinden ihre Aufgabe! erleichtern wtb für unsere Rabbiner und deren Schüler Sorge trägen. .Wie traurig ist die wirtschaftliche Lage der dichten jüdischen Bewohner der :wrdöstlichen Komitate! Gute Schulen, besonders Gartenbau- und Industrieschulen, wären dort eine besondere Wohltat, um daselbst neue ehrliche Erwerbsquellen zu eröffnen. Wer soll dies gegenwärtig schaffen? Wer kennt nicht die Mille heimlicher Taufe? Die gesetzwidrige Wegtaufung von Kindern und Sterbeiü^w? Wo ist die jüdische Oberbehörde, welche Lagegen mit dem erforderlichen Gewichte und'Auto- Frankfurter Israelitisches Familienblatt." rität auftreten kann und darauf Acht habe, daß das Gesetz auch in jenem Falle zur Geltung komme, lvenn es für das Interesse der jüdischen Konfession spricht. Aus solchen und mannigfach anderen Gründen wird die einheitliche Autolwmie der ungarländischen jMschen Konfession zur brennenden Notwendigkeit. Eine Autonomie, welche die Millionen ungarischer Juden in ein Lager vereinigt und damit deren Prestige im In- und Auslande außerordentlich heben würde. Eine Autonomie, deren oberste! Leitung einheitlich ist, aber nicht im Entferntesten die Selbstständigkeit der einzelnen Gemeinden und die Freiheit ihres religiösen Lebens verletzen dürfte. . . Es gibt kein Hindernis dafür, daß 'im Rahmen der einheillichen Autolwmie jeder berechtigte Wünsch, sei er dogmatischer oder persönlicher Natur, die gebührende Berücksichtigung fände. Man traut uns nicht? Wohlall, ich fetze in Sie ja wvhl volles Vertrauen! Rufen wir in brüderlicher Eintracht den einheitlichen Kongreß zur Verwirklichung der einheitlichen Autonomie zusancknen. Warum denn nicht? Betonen - die geehrten feindlichen Brüder nicht stets, daß die große'Majorität des ungarischen Israels hinter ihnen stände? Wenn es wahr ist, so wird ja die Autonomie ganz ihrem Wunsche nach konstruiert werden und ihre führenden Männer werden sich an die Spitze stellen. Ich erkläre,, daß ich auch in diesem Falle die Autonomie des ungarischen Judentums aus ganzen: Herzen begrüßen werde, daß ich mich vor ihrer Leckung auch dann verneigen werde, wenn sie gänzlich vor: der anderen Seite gewählt werden sollte!, und daß ich auch dann den Angelegenheiten der Autonomie treu dienen werde, wenn welch bescheidener Wirkungskreis immer mir in deren Rahmen zugeteilt werden würde. . . Möge vollstäirdige Offenheit und Vertrauen Zwischen uns sein, und ich zweifle nicht, daß auch dann Friede zwischen uns sein wird! . . ." Der Appell ivird wirkungslos verhallen. Wäre unter den Führern der Orthodoxie eine einzig« bedeutende Persönlichkeit, sic würde das Bedürfnis nach Einigung zum Besten der jüdischen Gesamtheit und der Orthodoxie iln besonderen auszunützen verstehen. Ungarn zählt 912,000 Juden, und trotz dieser ungeheuren Zahl und eines politisch freien Lebens ist die ungarische Judenheit im allgemeinen jüdischen Leben fast bedeutungslos, weil sie sich innerlich zerfleischt. Brief ans -er Türkei. In einer Unterredung, die ich nnt dem Ahacham-Baschi H a i m N a h u m Esse ir d i hatte, wurde mir über folgende Fragen Bescheid gegeben: Roter Zettel und Äandankaufsverb o t. Der Großrabbiner ist sicher, daß seine Schritte in dieser Sache von der Regierung mit Wohlwollen ausgenommen worden sind, und erwartet günstige Lösung binnen kurzer Zeck. Kosel-Maarawi. Wie bekannt, werden die Juden daran gehindert, vor die Klagemauer in Jerusalem ständig für die Betenden bestimmte Bänke zu stellen. Trotz dem s. Zt. unternommenen Schritte des Großrabbiners mußte man die erwähnten Bänke we^nehmen und sich mit der Erlaubnis begnügen, dätz ein jeder sich aus dem Hause einen Stuhl Mitbringen kann. Laut der Meldung des „Haor" wird jetzt auch das verboten. Hain: Nahum Essend: erklärte sich bereit, auf Wünsch die nötigen Schritte zu unternehmen. Wie es scheint, wird aber diese Frage nie zu unseren Gunsten gelöst werden. Aus folgendem Grunde: Das Gäßchen vor der Mauer gehört dem beiliegenden Hose, welcher als „Wokef" (Stiftung) einer Mugreb: (Marokkaner)-Kommune int Kataster eingetragen ist. Nun wallen die Marokkaner es mcht erlauben, daß die Juden sich ihr „Wokeft durch forüvährei:des Weilen aneignen. Sie protestierten, und man gab ihnen Recht. Demzufolge gibt es nur eine Lösung für diese Frage, die unser heiligstes Gefühl verletzt: der Ankauf des Hofes! Wir glauben, daß cs endlich Zeit ist, danach ernst zu trachten und es in Ruhe und Stille zu vollziehen! lSaloniki und Jerusalem. In einem Privatbrief tellte mir Rabbi Jakob Ma'ir, Großrabbiner von Saloniki, seinen Beschluß mit, sich in Jerusalem für immer niederznlassen.. Hain: ttit 18 Nahum Es feudi, erklärte, daß er diesem Beschluß als Glück für die Jerusalemer Judenheit betrachte und —- falls Rabbi Jakob Mair den Rqbbinerposten Jerusalems annehinen^wolle —, sogleich das Nötige veranlassen lverdc. Die Frage ist aber, ob Jerusalem-Glück hat, denn wie es scheint, ist Rabbi Jakob Mä>r entschlossen, in Jerusalem! zurückgezogen, fern vom Gemeindegctüminel, zu leben. Zur Organisierung des ottomanischen Judentums. Der hiesige „Medjlisch- Gischmani" (Gemeindeverwaltung^ hat die Revision des bekannten Haha„:-Hane-Nesamenissi (Großrabbillats-Statuts) vollendet und wird es nun den Gemeinden zur Genehmigung unterbreiten. In diesem neuen Statut sind besonders folgende zwei Hauptpunkte berücksichtigt ivorden: 1. Die Schaffung einer Zentralleitung (Consistoirc central) und 2. die Wahl der Großrabbiners. Der hiesige Medjlisch-Gischmani, der aus den: Schoße des 80gl:edrigei: Medjlisch- Unsumi der Konstantinopclcr Gemeinde (Nationalrat) gewählt wird, ist fast ihre einzige offizielle Vertretung. Der Medjlisch-Umumi und 20 Vertreter aus den verschiedenen Gemeinden wählen den Chacham-Baschi für die ganze Türkei. So verordnete es der vor ungefähr 40 Jahren zur Zeit des bekannten Chacham-Baschi Rabbi Jakir Geror: abgefaßte und von: Sultan sanktionierte HahaM-Hane-Nesamenissi. Als der selige Rabbi Mosche Halewi demissionierte und man an die Wahl eines neuen Großrabbiners ging, verlangten besonders die Gemeinden vor: Jerusalem, Saloniki und Adrianopel, daß das Großrabbinatsstatut geändert und die damalige (um 1908) Wahl Rabbi Nahums verschoben werde. Die Proteste wurden nicht berücksichtigt, und Man begnügte sich nur mit dem Versprechen des neuen Chacham-Baschi- Rabbi Nahum, sogleich an die Revision dieses alten Haham-Hane-Nesamenissi zu treten. Nach den: neuen Statute wird an erster Stelle ein Konsistoire-Central von den Delegierten der Gemeinden (je ein Delegierter) geschaffen, der sich Mit der Organisation aller Gemeinden und des gesagten ottomanischen Judentums beschäftigen und alle jüdischen Interessen beschützen wird. Der Großrabbiner wird von der Zentralleitung zusammen nnt den Delegierten aller Gemeinden (zu je 2) gewählt. Dem neuen Statute zufolge fallen die Vorteile der Konstantilwpeler Gemeinde in Bezug auf die Wahl des Großrabbiners und der Zentralleitung weg. Dieses neue Statut ist schon der erste Schritt zur Organisierimg des ottomanischen Judentums. Kantorowitz. Zionistischer Delegiertentag. Am 1. Mai 1913 fand in Berlin in: Saal des „Brüdervereinshauses" ein außerordentlicher Delegiertentag der Zionistischen Bereinigung für Deutschland statt. Gegenstand! der Tagung war die Stellungnahme zu den bekannten Beschlüssen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen den Zionismus. Die von 91 Delegierten besuchte Tagung wurde von dem Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Hantke- Berlin eröffnet. Rechtsanwalt Dr. Klee, der das Referat übernommei: hatte, lvies darauf hin, wie bedauerlich der Bruch sei, der jetzt Lurch die Schuld' des Centralvereins in das deutsche Judentum gekommen sei. Er persönlich habe von Anfang an im Centralverein mitgearbeitet, aber nun müsse er einer: Strich unter sein Leben machen. Der Vermutung, >cks sei die Resolution nicht so schlimm, als sie von den Zionisten aufgefaßt Werde, sei energisch zu widersprechen. Die ganze Geschichte der Resolution beweise, daß der Centralverein den Kampf gegen den Zionismus ausgenommen hat. Diese Fassung der Resolutioi: sei ein Kompromiß und solle dei: Kainpf in die Zionisten selber tragen. Eine im November vom Centralverein einberufene Versammlung jüdischer Oberlehrer hat den Beschluß gefaßt, den Zionismus in den Schulen zu bekämpfen, nationaljüdische Schriften in den Schule:: zu verbreiten, und das zu einer Zeit, wo zwischen dem zionistischen Centralbüro und der Leitung des Centralvereins Verhandlungei: zur Beilegung der Streitigkeiten in: .Gang waten. Und jetzt, vor der Generalversammlung, sei dieses Pro-, tokoll verschickt worden." -