Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 18 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Friede auf dem Balkan steht nahe bevor. Die Bytschafterkonferenz hat das schwierige Werk eines friedlichen Ausgleiches zwischen den vier kleinen und den sechs großen Tigern zu Ende geführt. Gar oft drohte das Werk in die Brüche zu gehen. Noch zuguterletzt schien es, als stände ein Zusammeuprall der Blutgierigen nahe bevor. Doch dem Tigerbändiger Grey gelang es, die gereizten, zum Sprung bereiten Bestien zur Ruhe zu bringen. So wird denn Friede auf dem Balkan, der Friede in Europa bleibt erhalten, erhalten, bis alles und alle zUM Krieg bereit sind. Erst jetzt kann man die Greuel dieses entsetzlichen Krieges einigerntaßen übersehen, erst jetzt kann ' man auch seine Segnungen überschauen. S.eine Segnungen?! Jawohl, seine Segnungen! Fürwahr, viel ist es nicht, doch etwas ist es schon, wenn auch nicht für uns Inden! Wir meinen die Befreiung der Albaner. Die Befreiung eines Volkes ist an und für sich etwas Imposantes, denn nichts Tragischeres gibt cs als die Knechtung eines nach Freiheit strebenden Volkes! Und die Albaner sind und waren stets freiheitsliebend, und obwohl nientand Voraussagen kann, was ihre Freiheit der Welt und den Albanern zu geben vermag, so bleibt die Tatsache einer ersehnten Befreiung doch etwas Schönes und Begrüßenswertes. Wer sind die Albaner? Manche glauben, sie seien die Nachkommen der Pelasger, die im alten Hellas lebten. Nach dieser Auffassung würde die Knechtschaft der Albaner schon von den Griechen an datieren. Von deren Händen gerieten sie in das römische und byzantinische Joch und zuletzt in das serbische und türkische. Andere wiederum glauben, daß dies Volk nichts Einheitliches, sondern ein Gemisch von Ueberresten all derjenigen Völker und Stämme, die den Balkan überflutet und beherrscht haben, darstelle. Und wie steht's mit der Kultur der Albaner? Kultur! Außer ihrem Schwert so gut wie keine! Weder besitzen sie eine Geschichte! noch eine Literatur, ihre Sprache ist ein Gemisch der verschiedensten Idiome, sodaß sich die Bewohner der albanischen Provinzen kaum verständigen können. Und siehe, sogar eine geeinte, einigende Religion besitzen sie nicht, die mohamedanische Religion fand, in Albanien ebenso nrit Leichtigkeit Zutritt, wie die christlichen Religionen, und da die Albaner niemals eine eigene Kultur besaßen, so waren sie stets dem Einfluß der Kultur der jeweils sie beherrschenden Nation leicht zugänglich. Kurz, das albanische Volk besitzt keine geistigen Güter, keine eigenen Werte; weder hat es der Welt ethisch-religiöse, noch ästhetisch- Kulturelle Werte gegeben; zu allen Zeiten, sowohl zu der griechisch-römisch-byzantinischen als zu der serbisch-türkischen, hat es wie ein Parasit von den Kulturen anderer gelebt. Und sogar die Kultur anderer vernwchte es nicht in Ruhe und Frieden zu genießen, vielmehr war A l b a n i e n ein Hort des A u f r u h r s und lder Anarchie. Und trotz allem und allein, kaum handelte es sich um die Befreiung der Albanier vom „Joch" der Türkei, das in Wirklichkeit die Albaner nicht Kur nicht bedrückt, sondern verhätschelt hat, so war alle Welt davon entzückt! „Albanien", hieß es im Munde aller, „Albanien muß endlich seine Freiheit bekommen!" Auch wir stimmten innerlich dem zu. Die Freiheit soll und muß ein jeder genießen! Dies ist ein Gebot der Gerechtigkeit, ein Gebot der Menschlichkeit! Allein wir. gestehen es offen, wir stimmten diesen: Ruf zu nicht ohne Neid, nicht ohne Erbitterung: Die Albaner, die nicht einmal 1 Million Seelen zählen, müssen ihre Freiheit, die! sie niemals, zu gar keiner Zeit besessen haben, bekommen, und wir Juden, die 12 Millionen stark sind und die Freiheit bereits vor Jahrtausenden errungen und besessen haben, utüssen es nicht! Die Albaner, die der Welt nichts gegeben haben, sind vor: der gesamten Morschheit der Freiheit würdig befunden worden und wir Juden, die der Welt einen Gott, eine Ethik und sonstige unzählige kostbare geistige und kulturelle Güter gegeben haben und noch geben, sind es nicht! Die Albaner waren von niemand verfolgt und entrechtet, vielmehr erfreuten sie sich mancher Privilegien selbst gegenüber den Türken? Und doch soll und muß die fast künstlich geschaffene Albanerfrage gelöst werden, und wir Juden sind fast vogelfrei, wir befinden uns im permanenten Pogrom! Doch wo bleibt die Lösung der ewigen Judenfrage? Warum schweigt die Menschheit? Warum schtoeigen die Großmächte? Nun wird man einwenden, die Albaner sitzen auf ihrer eigenen Scholle, allein auch das ist nicht stichhaltig. Mehr als die Hälfte der Albaner besindct sich in fremden Ländern, in Italien allein befinden sich ihrer etwa 100,000. lind somit ist die Frage berechtigt: Warum geht man an dem jüdischen Volke vorbei, und warum denkt niemand daran, an die Lösung der Judenfrage heran,zutrcten? Warunt? Es ist traurig zu sagen, daß die Schuld mehr uns selbst trifft als die übrige Menschheit! Albanien steht wie ein Mann für die Freiheit, unter den Albanern gibt es kein Komitee zur Bekämpfung des albanischen Nationalismus, auch gibt es keinen „Centralverein türkischer Bürger albanischen Glaubens", der sich zur Aufgabe stellt, die Nationalisten zu denunzieren. Und bei uns Juden? Zu unserem Unglück gibt es ersteres wie letzteres. Hierin unterscheiden wir uns selbst von den unkulturelleu Albanern, hierin ist der Quell unserer Unfreiheit, unserer ewigen Leiden zu suchen. . . Aus Le» Ereignisse« des Tages. Der Delegiertentag des Verbandes der jüd. Jugendvereine Deutschlands. Nach zweijähriger Sause veranstaltet der Verstand der jüdischen Jugendvereine Deutschlands wieder einen Delegiertentag. Anr 11. und 12. Mai werden die Vertreter von 110 Vereinen in unserem Frankfurt zusammentreten, um das in der neutralen jüdischen Jugendbewegung Erreichte zu prüfen und danach die weitere Marschroute zu geben. Mit dem Begriff der Neutralität gegenüber den Parteiungen des jüdischen Lebens kann man sich, wie die Dinge heute nun einmal liegen, im Gesamtheitsinteresse abfinden; wenn auch allen, die eine bestimmte, ausgesprochene Anschauung haben, bei der Heranbildung der Jugend das Betonen einer scharf umrissenen ''Anschauung als Grundbedingung zur Erziehung von Persönlichkeiten erscheint und ihnen daher die Notwendigkeit von Tendenz-Jugendvereinen gegeben ist. Zu untersuchen ist aber. Wie weit die Neutralität gehen darf, wenn sie nicht dazu kommen soll, in der Behandlung des Judentums eine Verwässerung zur Folge zu haben, deren Resultat Oberflächlichkeit sein muß. Und die Zukunft der Jugendvereine, ihre Bedeutung für die deutsche Judenheit hängt davon ab, inwieweit sie es verstehen, in die Tiefe des Judentums zu schürfen! Nach dieser Richtung hin haben also die Delegierten das Schwergewicht ihrer Sorge zu legen. Das darf umsomehr ausgesprochen werden, da man den Eindruck hat, daß die Jugendvereine ihre jW. Arbeit noch viel intensiver erfassen müßten. „Begeisterung für das Judentum durch Pflege der hebräischen .Sprache, durch Kenntnis der Bibel und der jüdischen Geschichte, sowie jüdische Solidarität" muß die Parole lauten, und mit dieser Parole läßt sich noch unendlich viel Arbeit von nachhaltigem Werte in den Jugendvereinen leiste»! Man wird so manches von der Neutralität des Verbandes der Jugendvereine diesmal auf dem Delegiertentag zu hören bekommen, wenn auch auf einem anderen Gebiete, als dem oben besprochenen. Es handelt sich nämlich um die Entscheidung darüber, ob der Vertreter des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens weiter Sitz im Vorstand des Verbandes haben darf, nachdem der Centralverein durch seine Resolution gegen den Zionismus sein Prinzich der Neutralität gebrochen hat. Diese Frage kann für den neutralen Verband logischer Weise nur im negativen Sinne entschieden werden. Trotzdem wird es nicht an starken Bemühungen fehlen, es bei dem bisherigen Modus zu lassen.. Es besteht ohne Zweifel große Gefahr, daß der Verband, um es nicht mit dem Centralverein zu verderben, sein Prinzip der Neutralität opfert. Und doch geben wir uns der Hoffnung hin, daß der Verband es verstehen wird, seine bisherige Neutralität fernerhin zum Segen des Verbands zu bewahren. Ist doch ein Abweichen von der bisherigen neutralen Politik und eine Stellungnahme für eine einseitige Richtung im Judentum, wie es der Centralverein nunmehr geworden ist, geradezu eine Existenzfrage des Verbandes, der von jeher eine Zufluchtsstätte für Jung-Juden aller Richtungen und Schattierungen gewesen ist. Sollte jedoch der Verband seine bisherigen Beziehungen zum Centralverein weiterhin erhalten wollen, so müßte auch ein ständiger Delegierter der Zionistischen Zentrale in seiner Leitung vertreten sein. Mögen die Delegierten sich ihrer Verantwortung bewußt sein! Die jüdische Situation der deutschen Judenheit ist eine solche, daß jeder Beschluß, der nicht von der größten Sachlichkeit und dem tiefften Ernst diktiert ist, das schwerste Vergehen gegen die Zukunft der deutschen Judenheit bedeutet. ~• . : Wir heißen den Delegiertentag in Frankfurt willkommen und schließen in unser Willkommen den Wunsch, daß die Tagung das Glück haben möge, von Männern beherrscht zu werden, die den Ernst der Zeit verstehen. Brief aus Oesterreich. In der letzten Sitzung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde brachte . Dr.