Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 16. statt, die als Vertretung der deutschen Allianceulitglieder den Zweck hat, 1. in Deutschland eine einheitliche Propaganda zugunsten der A. I. U. einzuleiten, 2. alljährlich die Vertreter aller deutschen Bezirks-Komitees ein oder mehrere Male in Gemeinschaft mst den deutschen Mitgliedern des Zentral-Komitees zu einer Sitzung zu berufen, um über die allgemeinen Interessen der Alliance zu beraten, etwaige Wünsche und Vorschläge direkt oder Lurch Vermittlung der deutschen Mitglieder des Zentral-Womitees dem Zentralkomitee zu unterbreiten und für die Wahlen zum Zentralkomitee geeignete Mitglieder aus Deutschland zu präsentieren. Der Lester der Bersanrmlung, Dr. Isidor Ginsberg, berichtete über die laut Beschluß vom 24. Novenwer v. I. erfolgte Bildung der Bezirks-Kvmstees, die zu der gegenwärtigen Tagung ihre Delegierten und Die in ihrem Bezstk wohnenden Mitglieder des Zentral- Komstees entsandt hätten, um die Freie Organisation zu konstituieren. Die Versammlung wählte zwn Vorsitzenden der Freien Organisation Dr. I. Ginsberg, zu seinem Stellvertreter Professor Dr. Kalischer-Berlin, zu Beisitzern Rechtsanwalt Dr. Bär Wald-Frankfurt a. M., Senator Leopold Fischer-Hannover, Dozent Dr. B r a n n - Breslau. Zur Annahme gelangten eure Anzahl Anträge betreffend die Organisierung der Bezirks-Komitees. Es würbe ferner beschlossen, eine intensste Propaganda in die Wege zu leiten. Pose«. Eine dreistündige, von Hundetten besuchte Versammlung hatte hier der Zentrul-Derein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens. Justizrat Kirschner, der Vorsitzende der Ortsgruppe, machte Mitteilung von der Begründung eines Landesverbandes für die Provinz Posen. Justizrat Horo witz-Berlin sprach sodann über ,LuMcksehung der Juden im Staatsdienst, im Handel und in der Industrie." t Aus der dem Dorttage sich anschließenden Debatte seien hier die Ausführungen Rechtsanwalts Dr. Kolke lisch er wiedergegeben. Er besprach die bekannte Resolution des Zentral-Vereins gegen den Zionismus. Die Resolution sei geeignet die Stellung der Juden jni Staatsgetriebe zu erschweren; die breste Oeffentlichkeit kömie leicht zu falschen Schlußfolgerungen kommen und ihnen die nationale Gesinnung ewspnchen, obgleich die Zionisten an Vaterlandsliebe und staatsbürgerlicher Treue anderen Gruppen nicht nachstehen. Eine Spaltung in den Reihen des Zentralvereins erschüttert sticht die autoritattve Setllung desselben, da er alsdann nicht mehr als Zentralstüle für dst deutschen Juden gellen kamr. Durchaus tadelnswert erscheint es, daß nach! einem Beschluß dom November 1912 den Oberlehrern in Berlin zur Pflicht gemacht wurde, den Zionismus in dem Religionsunterricht zu bÄLmpsen. Dst zstnistische Richtung verfolgt keine internationalen . Bestrebungen, sondern ist stets eingedenk des Wahlspruchs : Treu jüdisch und treu deutsch zu allen Zetten; im Kampfe mir die Gleichberechtigung werden dst Zionisten stets in vorderster Reihe stehen. Sehneiderei Crössmann Kalsormtnammo 10a, Entnosol* Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930. Englische Jackon-Kleldor. Garantie für gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. — Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. fenilMon. Das „Schekel-BUbul". Bon C. Berg. <11. Fortsetzung). Wie gelahmt blieb er an der Mauer stehen und starrte nach dem ttaurigen Zug. Menschen über Menschen strömten den Ring heraus, der Förster, der Gendarm, nur gar auch der dicke Bürgermeister. Tilman und Frickrich trugen die Bahre. Perez brauchte keinen zu fragen, wer da unter dem schwarzen Tuche liege, er wußte es nur zu gut. Ter Leiche zunächst Franja, die sich wie eine Verzweifelte geberdete, das Kleid zerrissen und' befleckt, die roten Haare, welche ihr in zerzausten Strähnen wirr über Stirn und Nacken hingen, rauste sie, heulte und schrie, — plötzlich mit einem Sprunge stand sie vor Perez, packte ihn bei den Schultern und zeterte wie eine Rasende ihn an: „Du hast ihn des Nachts gesprochen! Wo ging er hin? Sag's!" „Was weiß ich, wo er hinging! Daß er aus Deiner Tür um Mitternacht herauskam, das weiß ich." Dst Vordersten hatten sich dem Bürgermeister und dem Gendarmen nachgckrängt, die Antwort des Wasserträgers öeutticher zu vernehmen, die Hintenstehenden rückten heran, in einer Sekunde waren Perxz und Franja der Mittelpunkt des Menschengewühl. Der Bürgermeister Hub an und fragte mst gefalteter Stirn: „Woher entnimmst Du, Perez, daß von Julek tzie Ritze ist?" „Bon wem wird die da anders reden als von dem Julek? Hat sie sich ihm doch angehängt wie dst Spinne ans Gdbälk" Unter den Frauen und Mädchen entstand eine Bewegung, mancher runde oder knochige Zeigefinger deutete nach der verwaisten Liebhaberin; man tuschelte einander zu: „Das ist wahr, an 8er Franja ist nicht viel." Dst meisten sahen verächtlich und höhnisch nach ihr. Die schwarze Hanne machte ihrem empörten Herzen Lust und schrie: „Lange schon wollte sie der Pelagia ihren Bräutigam abwendig machen, das mannstolle Ding!" Franja rötete sich wie ein siedender Krebs, warf der Schwarzen, gegen die sie nicht aufzumuckcn wagte, einen haßfunkelnden Blick zu uiid wandte sich dann wuterfüllt gegen Perez: „Unverschämter Jude!" kreischte sie. „Herr Bürgermeister, ich hab's gesehen, wie er sich mst Julek vor meiner Tür herumgestrstten hat, in der Nacht, von meinem Fenster aus habe ich es gesehen." „Daß Dir die Zunge abfault in Deinem Lügenmaul!" murmelte Perez, bleich vor Zorn. Franja gewahrte sein Erschrecken. „Ich hab's gesehen," schrie sie ttiumphierend, „gerätst Hab ich's gesehen. So hat er die Faust gegen Julek gehoben." Perez kehrte ihr verächtlich den Rücken, er Wollte gehen. Aber aus der Menge wurden drohende Zurufe laut, — Fäuste ballten sich, die Träger setzten die Bahre nieder, kamen herbeigelaufen und fragten, Geschrei und Lärmen antwortete. Der Bürgermeister gebot Rühe und befahl Perez, stehen zu bleiben. Es konnte nicht schaden, wenn man diesen Burschen da ein wenig verhörte; obwohl der Bürgermeister selbst in seinem Innern an eine Beteiligung^ des Halbnarren bei dem Verbrechen nicht glaubte, immerhin — das gab vor den Latten ein gewisses amtliches Ansehen, er inquirierte also stisch darauf los. „Gib 'Antwort, Kerl, und daß Du die Wahrheit sagst! Wo warst Du in der Nacht vom Sonnabend bis zum Sonntag?" „Perez stutzte, ui seinem beschränkten Hirn dämmerte die ganze Gefahr der Situation; er sah Franjas gehässige Blicke und die hundert Augen der aufgebrachten, jeden Moment zum Lostoben geneigten Menge auf sich gerichtet, aber seine Furcht war noch früher Lagewesen als diie Gefahr, er wurde ruhig iw Tumult, alle diese Schrecken hatten in der Muße des gestrigen Tages ftfjon vor seiner Seele gestanden, er zitterte vor ihnen nicht mehr. Sollte er dem Bürgermeister antworten: „Ich war in meinem Bett," wer hätte ihn widerlegen können? Nein, — der Instinkt des Naturmenschen trieb ihn, die Wahrheit zu sagen. „Ich lief in der Nacht nach der Apotheke, um Tropfen für meine jfranfe Mutter zu holen." „Kannst Du das beweisen?" fragte der Bürgernreister scharf. Schon war die Stimmung der Menge umgeschlagen. Me Frauen murrten, einige Mitleidige riefen laut: „Freilich ist seine Mutter krank, jedes Kind weiß, sie liegt seit Jahr und Tag." Perez merkte, er habe die Weiber für sich. „Was für ein Gefrage das ist," brummte er verdrossen, „da kommt der Herr Apotheker, fragen Sic den, Herr Bürgermeister, ob es nicht wahr ist?" Der Herr Apotheker näherte sich, hörte, ums man von ihm verlangte. „Stimmt, stimmt," bestätigte er eifrig; der arme Schlucker, der da vor versammellem Volke wie am Pranger stand, tat ihm leid, er trachtete, ihn schleunigst von diesem hochnotpeinlichen Verhör zu erlösen. „Jawohl, das stimwt auf ein Haar, der Mann war Sonnabend nachts bei mst, ich selbst habe ihm Las Rezept repetiert." „Und Du bist geraden Wegs nach Haus gegangen?" forschte der Bürgermeister. „Wo habe ich sonst hinzugehen?" Perez ließ ziemlich ungeniert merken, daß er berests ungeduldig werde. Der Bürgermeister rief grob: „Na, dann scheer Dich zum Kuckuck!" und wandte sich darauf an den Apotheker. „Mordsdummer Mensch, dieser Perez. .Bei den wichtigsten Affären stellt sich dieser Narr immer in de» Weg, um einen aufzuhalten. Apropos, Herr von Werder, das wird Sie interessieren, es würde am Tatort ein Rezept aufgefunLen." „Merllvürdig. Kann ich es vielleicht einmal sehen?" „Mit Vergnügen. Quitte, zeigen Sie Herrn von Werder das Aktenhest!" Der Apotheker betrachtete den schnmlen Fetzen sehr aufmerksam: „Donnerwetter, das ist ja das Perezsche Rezept!" (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fitsa. Plncenez Doublä Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Neue Mainzerstrasse. Der „Christ" und die „Christin". Novelle von Jacob ben Elijah. „Gestatten Sie: Adolf Fröhlich!" „Leonore Lustig!" Ein herzliches Lachen folgte dieser Vorstelllmg. „Fröhlich und Lustig — das paßt ausgezeichnet! Das ist just Art zu Art! ..." Dieser Gedanke war cs, der die zwei amüsierte. „Aber! — aber! —" dachte gleich darauf 8er junge Mann, indem er sich sein Gegenüber ein wenig näher bettachtete. „Ja, aber; was wirst Du dazu sagen. Du kleine, schöne Germanin, wenn ich Dir nicht ohne Stolz auch ineinen zweiten Namen nenne? Abraham Fröhlich! . . . Da wirst Du Dein schönes, ,,-iichtjüdisches" Näschen rümpfen: Ach. — so — ein Jude! ... ." „Ei, ei!" dachte zugleich das junge Mädchen. „Wie Du mich anschaust, als wolltest Du Lei mir den Kopf verlieren. Sei ein bischen vorsichtiger, Du stolzer Arier! Denn meine liebe Großmama, die aus der Provinz Posen stammt, kennt nur eine Lcah, nicht aber eine Leonore Lustig." Beide sahen sich unwillkürlich in die Auge» und erröteten. Bald suchten auch zwei Augenpaare, ein männliches und „ein weibliches, den Boden. Zwei — drei Sekunden. Während dieser Sekunden flüsterte jemand hinter der Stirn des jungen Mannes: „Jetzt - brauchst Du Deinen Abraham nicht mehr vorzustellcn, sie hat ihn geiviß eben in Deinen Augen erraten. Aber — von Dir war es dümw, darüber zu erröten! . . . Schämst Du Dich vielleicht Deines großen Judentums dieser kleinen Christin gegenüber?" Und der junge Mann hob schnell seinen Kopf. Der blonde Mädchenkopf wiederum hatte während dessen folgendes festgestellt: „Wenn er wirklich meine Abstammung noch nicht gekannt" hatte, so hat er sie nun in diesem langen, tiefen Blick entdeckt. Aber ich — ich bin trotz meiner achtzehn Jahre doch noch eine kleine, dumme Gans: Wie konnte ich nur darüber die Augen Niederschlagen? Dieser blonde Hüne kann sich am Entze noch einbilden, ich habe mich ihm, dem Christen, gegenüber meiner jüdischen Rasse geschämt. Oder — wenn ich noch länger wie ein schüchternes Schulmädchen dastehe, dann glaubt er gar: ich habe bei ihm mein Herz verloren!" Und blitzschnell schwang die Kleine das Köpfchen wieder in die Höhe. Und wieder sahen sich beide in die Augen. Mer — diesmal spielte ein leises Lächeln um bester Lippen. - „Warum lächeln Sie?" fragte jetzt Leonore jovial. Adolf lachte jetzt. „Ich hätte Ihre Frage," erwiderte er amüsiert, „mit einer nicht minder berechtigten Gegenfrage begleichen können. Wer ich will Ihnen lieber sagen, daß es Ihr anmutiges Lächeln war, das sich auch mir mitteilte. Nebenbei bemerk: Sie machen Ihrem Namen Lustig alle Ehre. Denn Sie verfügen über eine beneidenswerte, natürliche Lustigkest." „Sehr schmeichelhaft, aber — wahr. Und wüßte ich nicht schon lange, daß auch Sie, mein Herr, Ihren Namen Fröhlich recht in Ehren halten und — stets, ja stets, ftöhlich sind, — ich würde mich bei dieser Gelegenheit veranlaßt gesehen haben, Sic an Ihre heiligste Pflicht zu erinnern." Beide lachten laut. „Dann aber wunderte sich Adolf: „Sic wüßten es schon lange, sagten Sie. Folglich kennen Sie mich auch schon lange?" „Freilich! Ungefähr so lange, wie Sie mich kennen! Denn mich dünkt: auch Sie kennen mich nicht erst von Heute ..." „Ich habe zwar ein stockfinsteres Gedächtnis. Aber Sterne, wie Sie, mein Fräulein, leuchten ja.-In der Tat, ich erinnere mich jetzt ganz deutlich, Sie wiederholt gesehen, und beobachtet zu haben. Ja, richtig: erst jüngst sah ich Sie in einer großen jüdischen aparte neue Muster, französische Bindeart. Iffaturpräp. Kränze in grösster Auswahl. Wolscliendorfi «& Meissner 38 Tougesgasse 38.