Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Frankfurter Jsraeytisches Familienblatt. Veite 5^ Versammkung. Ich Habe mich Wrigens sehr gewundert, Sie in einer solchen Versammlung zu finden." Leonore blickte chn erstaunt an. „Das ist köstlich!" dachte sie. „Ich wunderte mich nicht darüber, daß er, der Christ, eine jüdische Versammlung besuchte, und er findet seinen Besuch offenbar ganz selbstverständlich: Nur daß ich, die Jüdin, dieser Mischen Versammlung beiwohnte, das, das ist ihm unbegreiflich . . . Welche Logik! . . ." Sie war wieder im Begriff, zu lachen. Wer sic bezwang sich und lächelte nur, indem sie mit einer gewissen Unternote fragte: „Warum wunderte es Sie, mich in jener Versammlung zu finden?" „Weil . . weil . ." stammelte er ein wenig verlegen, „na ja ... ich habe es mir übrigens gleich erklärt: Der Referent des Abends war es wohl, der Sie interessierte. Nicht wahr?" Leonores holdes Gesichtchen hüllte sich Plötzlich in einen stillen Ernst. „Auch der Referent interessierte mich," erwiderte sie. „Wer —" fuhr sie mit Eifer fort, „aber hauptsächlich waren cs die jüdische Versammlung und das Mische Thema. Ich — ich interessiere mich nämlich sehr . . . sehr . . . für alles, was im jüdischen Lager vorgeht!" Wolfs Augen weiteten sich. Er war für einen Augenblick verblüfft; doch gleich darauf faßte er sich und spöttelte: „Na, ja, alles in der Welt hat seine Mode- Epoche. Heute ist es das Judenthema, das sich seines Modernseins erfreut. Wissenschaft und Kunst — alles befaßt sich heute mit Len Juden: Verspürt ein kluger Professor die Lust, ein dickleibiges Buch zu schreiben, holt er sich seinen Stoff bei den Juden. Hat ein begabter Dichter das Bedürfnis, ein modernes Bühnenwerk zu verfassen, schreibt er ein Judenstück .... In der letzten Zeit sind die Juden recht häufig über die Bretter gezogen . . ." Während er so sprach, dachte Leonore: „Er hält mich noch immer flir eine ganz laue Jüdin. Soll ich chm gleichfalls mit einer Dosis beißender Satire aufwarten? Oder lieber kurz und ernst abbrechen?" Sie entschied sich für das letztere. „Mein Herr!" sagte sie mit ' einer Stimme, die den extremsten Skeptiker überzeugen niußte, „ich habe noch nie mit heiligen Dingen Spott getrieben! Noch nie! . . . Wenn ich Ihnen sagte, daß mich alles, was jüdisch ist, interessiert, so war das keine moderne' Phrase! Falls aber das alles nicht genügt, so — —" „Es genügt, und ich bitte Sie tausendmal um Vergebung! Vergessen Sie meine Worte von vorhin! Ich bereue sie auftichttg. Leider gibt es selbst unter den Juden solche Individuen, die fiir ihr Judentum keinen ernsten Gedanken übrig haben. Und so sagte ich, was ich sagte . . . Wer! . . . Freilich! . . ." Er holte 'Atem. Dann fuhr er mit glühendem Pathos fort: ,L>, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich inich fteue, tvie glücklich, ja unsäglich glücklich ich bi», zu wissen, daß auch Sie , . Sie! . . . die. . („die Christin" wollte er sagen, unterließ es aber), ja. Laß auch Sie mit solch warmer Begeisterung sich für die Juden interessieren. Daß mir das Judentum am Herzen liegt, — ist selbstverständlich!" Leonore fühlte plötzlich, wie ein Stronr seliger Wonne durch ihr Herz rann. „Ihm, dem Christen, liegt Las Judentum am Herzen!" jauchzte es in ihr. „Er ist also nicht nur kein Judenfeind, sonder» ein Judenfreund! Ja, ein aufrichtiger, begeisterter Judenfreund!" — Und — je mehr sie diesen Gedanken analysierte, desto strahlender wurde ihr Gesicht, desto heller leuchtete die Dankbarkett aus ihren Augen: die Dankbarkeit für den judenliebendeu „Christen". Ein allersüßestes Lächeln zitterte jetzt auf ihren Lippen, während sie sagte: „Nun habe ich Ihnen nichts zu verzeihen, sondern — zu danken. Ich danke Ihnen!" Dieser Dank goß noch Del in Adolfs Begeisterungsflamme: „Sie . . sie dankt mir noch!" jubelte er im Stillen. Und sein Enthusiasmus erklomm den höchsten Gipfel: Er ahnte nicht, daß sein „Dankesgefühl" längst die Grenzen der Dankbarkeit überschritten hatte. Einem plötzlichen Impulse folgend, streckte er jetzt Leonore seine Hand entgegen und stammelte däbei mit zuckenden Lippen: „Ich .. . ich bin es, der zu danken hat, . . . 8er Ihnen zu Lanken hat!" Was jetzt in Leonores Herz vorging, — weiß Gott. . . '. Ich wei^ nur: daß sie gar, nicht zögerte, sondern mit nur zu deutlichem Vergnügen ihre kleine Hand in Adolfs große Rechte legte und ganz zu vergessen schien, sie wieder zurückzunehmen ... Eine Stimme schreckte sie auf. Ein hübscher, lebenslustiger Bursche stand vor ihnen. „Es war höchste Zeit, lieber Adolf, daß Du der Dame die Hand zum . . . Wschied reichtest: Wie kann man nur so herzlos sein und in einer Gesellschaft, in der man unter Damenmangel leidet, eine Dame so lange in Anspruch nehmen?!" Und niit einer tadellosen Verbeugung vor Leonore sagte er: „Gestatten Sie, gnädiges Fräulein: darf ich Sie zur Quadrille führen?" Leonore blickte Wolf halb verlegen, halb ftagend an. Dieser aber winkte ihr ftcundlich zu. Jni nächsten Augenblick schwebte Leonore mit chrem Tänzer durch Len Tanzsaal. * * * Vierzehn Tage später. Ein duftender Frühlingsabend. Am Portale des „Neuen Theaters" steht ein junger Mann und wartet - und — erlebt in jeder Minute fast ebensoviel Enttäuschungen wie Sekunden: „Eben — La kommt „sie"!-Nein! —• „sie" ist es nicht!" So tvird es acht Uhr. Drinnen hat das Spiel bereits begonnen. Mer der junge Mann steht noch imnier draußen und — wartet. Halb neun! . . . Neun Uhr: Leonore ist nicht La! ... . „Ich war ein Dummkopf! Ein Tunlmkopf war ich. Laß ich in vierzehn Tagen fast achtundzwanzigmal mit ihr zusammengekommen bin . . Ich War ein zweifacher Dummkopf, daß ich glaubte: sie liebe mich und sei — als Verehrerin des Judentums — bereit, Jüdin zu werden. Und ein dreifacher Dumimkopf war ich, daß ich ihr gestern Plötzlich ein Theaterbillet zusandte! 'Wer vielleicht hielt sie eine Krankheit zurück? — Nein! — Dann hätte sie es Mir mitgeteilt. — Wer — selbst im Falle einer Wsagung wäre es ja ihre Pflicht, mir zu schreiben, zum mindesten die Karte zurückzusenden! — — Wer weiß? . . . Vielleicht liebt sie mich doch: Aber sie kann sich nicht helfen . -. Sie kann ihren väterlichen Glauben doch nicht aufgeben! In der Tat: warum soll sie chn auch aufgeben? Warum? Würde ich mich, selbst um den höchsten Preis, taufen lassen? Ja, wäre ich auch nur eine Mischehe eingegangen?! — — Nein! nein, auch sie kann und darf das nicht tun! — —> Aber, — aber, ich habe sie doch so lieb, so lieb! : . . Ach!! — — eine unglückliche, unselige Liebe!" Ws der Morgen erwachte, fand er noch Adolf in den Sttaßen umherirren, — seine Liebe beklagend. * * * Tie Wanduhr ließ drei harte Schläge vernehmen. Leonore blickte auf: „Dreiviertel acht," murmelte sie. „Er wartet bereits eine Viertelstunde. . . Dann beginnt ja auch gleich die Vorstellung ... Es ist höchste Zeit!" — Mer trotzdem machte sie keine Miene, sich zu erheben . . . Die Wunduhr schlug acht. Leonore erschrack: „Was wird er nur von mir denken?! — Wer — ach! — Gott weiß: ich kann nicht! Das Muß auch einmal ein Ende nehmen! Ich werde ja doch niemals seine Frau werden! Denn nie werde ich in eine Mischehe eingehen! Nie! — Das hätte ich ihm schon lange andeuten sollen. Wer! — Ich konnte — ich kann's nicht: Ich habe ihn ja so lieb! . . .so-—" * „Und wer wird das „Mah-nichtanoh" sagen?" ftagte eine lachende 'Mädchenstimme. „Ja, wer?" stimmte ein Dutzend junger Leute und junger Mädchen ein. Der kleine, gemütliche „Vereinsvater" zog eine Anzahl nummerierter Zettel aus seiner Tasche und rief mit komisch-feierlichem Tone: „Es wttd gelost, meine hochverehrten Herrschaften!" Ein brausender Jubel durchschmetterte Len kleinen Vereinssaal: „Hallo, es wird gelost! Wer das Glück hat, zum männlichen Geschlecht zu gehören — —" „Was?!" protestierten die jungen Mädchen, .^Gleichberechtigung! Parität! Auch die Damen losen! Und die Dame, die das „große Los" gezogen, hat dann Las Recht, ihrem Tischnachbar die Ehre zu erweisen. — Hallo, Fräulein Lustig, — Herkommen!" Leonore, die teilnahmslos an einer Tischecke saß, folgte mit einem gezwungenen Lächeln der Einladung. Bald bildete sie auch den Mittelpunkt der kleinen Gesellschaft: sie hatte Las „große Los" gezogen. „Wen werden Sie beehren, Fräulein?" ftagten sieben junge Männer zu gleicher Zeit. „Meinen Tischnachbar!" war die Antwort Leonores, „aber den werde ich mir unmittelbar vor dem ,Mah-nischtanoh" wählen." — Damit ging man zum Seder. . . . „Ah, — Sie sind es!" rief der Vereinsvater, kaum, daß man sich niedergelassen, einem eintretenden Fremden entgegen. „Bitte, bitte, hier neben dieser Dame gibt's noch Platz: Gestatten Sie, Herr Fröhlich . . . Fräulein Lust —" Er kam nicht weiter. „Sie . . . Sie hier?!" Wolf und Leonore riesen, ja schrieen es wie aus einem Munde. Adolf hatte sich zuerst gefaßt: „Sie — Du . . bist Jüdin geworden!" jauchzte er jetzt. „Meinetwegen? . . . Um mich, den Inden, heiraten zu-" „Ich . ." unterbrach ihn Leonore, anr ganzen Leibe zitternd, „ich . . ich bin ja geborene Jüdin? . . - Ich glaubte, daß Sie ein Christ — —" Noch bevor sie geendigt, kam das, waS schon längst kommen mußte .... Maiser Friedrich Quelle - Offenbach a. X. —.. Gegen Siebt and BheamatfamaB bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl. Frankfnrt a.HM Günthersburg-Allee 37. Tel.259 n. 714. Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem I>oaeb.) Samstag, den 13. April l— 12. Nissan.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 58 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 15 Min. in Berlin 7 Uhr 83 Min. Wochenabschnitt: A ch a r e i - in a n s. — Die Opferhaudlungen des Hohenpriesters am Janm-Kippur. Er hatte für sich, für die aintiereiidcn Priester, endlich für ganz Israel Sühnopfer zu bringen und Sündenbekcnntnis zu sprechen. Einer der Sühnböcke sollte in die Wüste geschickt werden. Räucherwerk ist darzubringen. Kein Opfer ist außerhalb der Stiftshütte darzubringen. Verbot des Blutgenusses, denn „das Blut ist das Leben." — Das Blut geschlachteten Wildes und Geflügels ist mit Erde zu bedecken. — Verwarnungen, die Gräueltaten und Unsitten der heidnischen Ureinwohner nicht nachzuahmen. „Sonst wird auch euch das Land ansspeien." Es sind die für eheliche Verbindungen streng verbotenen Verwandtschaftsgrade aufgefiihrt. (Arojans). Schabbos-Hagodaul. — Der Sabbat vor Pesach führt den Namen Schabbos-Hagodaul (der „große" Sabbat) zur Erinnerung an das große Wunder, das sich an unseren Vorfahren in Acgvpten vollzog. Sie stellten das von den Aegyptern göttlich verehrte Lamm zum Schlachten bereit, und doch schwiegen ihre Zwingherrn dazu! Das war gleichsam ein Wahrzeichen der bevorstehenden Erlösung. P e s a ch. Festesbeginn: Montag Abend 7 Uhr 15 Min. (Frankfurter Zeit.) Während des Pesachfestes, das an die Begründung des jüdischen Volks k ö r p e r s durch die Erlösung aus Aegypten erinnert, ist alles Gesäuerte zum Genüsse und zum Besitze verboten. Der Chomcz genug ist schon am E r e w Pesach von 9 Uhr ab untersagt; der Verkauf bis llN/4 Uhr. gestattet. Weder im Hause noch sonstigem Eigentumswohnraum darf Chomez bleiben. Sonst ist es selbst nach Pesach zum Genuß verboten. An Nichtisraeliten verkaufe man's mit richtigem, nicht Scheinvertrag. — Am 13. Nissan abends findet .Vedikas Chomez" statt. Brocho: Al Biur Chomez. Bezieht sich zugleich auf das morgige Verbrennen. (IO1/4 Uhr.) Das „Chomezlegen" unnötig. Man spricht die Formel „Kol-chamiro" abends und morgens in der vorgeschriebcnen Form. Dadurch gibt man das Eigentumsrecht auf. Es ist Sitte, daß am Erew Pesach die erstgeborenen Söhne fasten. Man nimnit am Erew Pesach „Chällo" von Mazzos; mehrere Packete vereinige man zu diesem Zweck unter - gemeinschaftlicher Ueberdeckung. Man esse nicht Mazzos; Gebackenes daraus zum Genuß erlaubt. Haarscheeren, Nägelschneiden vormittags, da nachmittags zur Tempelzeit Jomtof war wegen Darbringung des Pesachlammes. Der Seder: Hierüber Näheres in jeder Hagadah! O m e r z ä h l e n: Onier war ein Maß (— 43,2 Eier) das man voll Gerstenkörner am 2. Tag Pesach brachte. Bon da an zählte mau siebe» Wochen bis Schowuaus. Lehre hieraus: -a) das Erstgeschnittene dankbar Gott zu weihen; 1>) Pesach und Schowuaus gehören zusammen, erst die Gesetzgebung krönte den Auszug aus Aegypten. — Man zählt abends; kanns auch am anderen Tag — ohne Brocho — nachholen. Wer einen Tag ganz übergangen, darf die folgenden Abende nur ohne Brocho zählen. SamStag, den 26. April (19. Nissan). Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 10 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfnrt a. M. 8 Uhr 25 Min., in Berlin 8 Uhr.