Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692819-2692835--07608-2702697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 3 Nr. 16 ' . einem privaten Institute inÄn staatliches gegeben. Damals hatte die Regierung in die Satzungen der Hochschule einen Paragraphen eingeschaltet, der für die Aufnahme von Jude!« eine Prozentnorm mit rückwirkender Kraft festsetzte, und der Direktor des Instituts, das bis d'ahin von der südrussischen Judenheit direkt und' indirekt Millionen eingetrieben hatte, gab die jüdischen Studierenden in deinr Augenblicke preis, in dem das jüdische Geld für feind ExistenMöglichkeit nicht mehr erforderlich war. Die jüdischen Studierenden hatten nun unter den veränderten Verhältnissen einen langen Kampf zu führen, um wenigstens das Recht zu erhalten,' freie Hörer zu sein. Als dies aber dank ihren langjährigen Beniiihungen endlich gelungen war, begann sie die Administration zu verfolgen. Die Kiewer Behörden erklärten, daß sie als freie Hörer nicht das Wohnrecht besäßen. Die Katastrophe ihrer plötzlichen Umwandlung aus ordentlichen Studenten in freie Hörer sollte also noch eine neue besonders tragische Note erhalten: die Ausweisung. Wiederum begann ein Kampf, dis Anrufung der höheren Instanzen und der energische Hinweis darauf, daß das ihnen für vier Jahre vom Handelsministeriums gewährte Recht, freie Hörer zu bleiben, sinnlos würde, wenn ihnen gleichzeitig das Wohnrecht genommen werde. Allein was kümmern sich russische Behörden nur Logik? Vor wenigen Tagen erhielten sämtliche „nichtwohnberechtigten" freien Hörer und Hörerinnen — das heißt fast alle entrechteten Juden der Handelshochschule — die polizeiliche Anweisung, Kiew zu verlassen. So sehr die Juden in Kiew an tragische Erlebnisse gewöhnt und durch unerwartete Katastrophen geschult sind, hat doch die letzte Maßnahme bei ihnen eins int gewöhnliche Depression erweckt. Die Brutalität, mit der das Lernen der Juden selbst ohne Rechtsvergünstigungen so gründlich verfolgt wird, die rücksichtslose Zugrnnderichtung und Exilierung einer solchen Masse von Jünglingen und Mädchen, — dies zeigte! den Juden von neuem, daß sie vogo'lfrei" sind. In letzter Stunde wurde beim Generalgonverneur noch eine zeitweilige Inhibierung der grausanien Verordnung ertvirkt, aber, durch Erfahrung gewitzigt, weih man in Kiew nur zu gut, daß diese Inhibierung einen Aufschubs, nicht eine Aufhebung der Ausweisungen bedeutet. Generalversammlung des HUfsvereins der deutschen Juden. Berlin, 13. April. Bericht des Borsitzende« Dr. James Simon. Einnahmen. Im Jahre 1912 find die Juden im außergewöhnlichen Masse von Katastrophen betrosfen worden. Die jüdische Solidarität hat sich bei dieser Gelegenheit wiederum in schönster Weise bewährt. An Stiftungen sind dem Hilfs- Verein u. a. zugeflossen von dem Ehepaar Betty und Oskar Tictz Jk 50 000, von Herrn Fainberg, Irkutsk, Fr. 50000, zuin Bau eines Mädchenheims auf dein Lande, von Herrn Götz, Moskau, Fr. 50 000, für den Bau eines Rabbinerseininars, von dem Vortragenden selbst Jk 100 000. Die einmalige» Einnahmen, die Stiftungen und die Mitgliederbciträgc {Jk 170000) beliefen sich auf über Mark 1000 000, die Ausgaben auf über Jk 060 000. Galizien. Die wirtschaftlichen V c r h ä l t n i s s c in Galizien haben sich noch verschlechtert. Der Verein „Selbsthilfe" in Galizien (Samopoc), durch den ein Regenerationswerk von der Judenheit in Galizien unter Mitwirkung der berufenen Humanitären Gesellschaften des 'Auslands, auch des Hilfsvcreins, in die Wege geleitet werden sollte, ist — infolge der großen Schwierigkeiten des Zusammenschlusses verschiedenartiger jüdischer Elemente in Galizien und Hcmmunge» politischer und wirtschaftlicher Natur — noch nicht in Mion getreten. Schnlwerk. Das H aup t s ch u l w e r k des Hilfsvereins besteht in P a l ä st i n a und Syrien. In systematischer Weise. ist dort das eigene Schnlwerk des Hilfsvereins ausgebaut. Kindergärten, bilden das Fundament, wodurch das Niveau der Schulen erhöht werde» konnte. Elementarschulen und gehobene Schuhen, Talinnd-Thvra-Schnlcn, Mittelschule, Handclsrealschule schließen sich au. Den Abschluß bilden höhere Ausbildungsanstalten, das Lehrerseminar in Jerusalem, das auch landwirtschaftlichen Unterricht und Handfertigkeits-Unterricht bietet, Kindergärtnerinnen-Kursus (die ersten Absolventinnen wurden April 1912 entlassen), Rabbiner-Kursus. ■I. Das Schnlwerk nimmt die beste Entwicklung. Ein Hindernis für die weitere Entfaltung der einzelnen Anstalten, namentlich in Jerusalem, bietet Raummangel. Frankfurter Israelitisches Familkenblatt. Binnen kurzem sollen mehrere Institute ein eigenes Heim erhalten. Die Krönung des Schulwerks in Palästina bildet das in Haifa errichtete jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina". Das Technikum, das einem besonderen Kuratorium untersteht, in dem der Hilfsverein entsprechend vertreten ist, soll im 'April 1914 eröffnet werden. Die Mittelschule des Technikums, die inzwischen vonl Hilfsverein geleitet. wird, ist bereits im Rohbau vollendet, das Technikum selbst ist bis zum zweiten Stock fertig und wird binnen kurzem unter Dach kommen. Das Schnlwerk besteht u. a. aus 14 Kindergärten, 10 Knabenschulen, 3 Mädchenschulen, 7 gemischten Schulen (darunter 2 Kolonieschuleu), 4 Mittelschule, 1 Handelsrealschule, 1 Handiverkerschule, 2 Fortbildungsschulen, 1 Rabbincrknrsus, 1 Lehrerseminar, 1 Kindergärtnerinnenkursus und 2 Mädchenheimen, i. Summa mit 7000 Zöglingen. Nahezu 30 Anstalten, wovon der größere Teil unter eigener Regie des Hilfsvereins steht, sind in Palästina und Syrien. Die 'Aufwendungen für das Schnlwerk betrugen Mark 280000. Fürsorgefür die Emigranten. Das Hauptkontingent für die 'Auswanderung stellt Rußland. Im verflosssenen Jahre ist die Lage der dortigen Juden, warn man kaum noch für möglich gehalten hätte, noch schlechter geworden. Die Ausweisungen nehmen immer größere Dimensionen an. Auch auf dem Gebiete des Unterrichtswesens sind weitere schwerwiegende Einschränkungen eingetreten. Neben den gesetzlichen Bedrückungen geht seit Jahren ein von den Behörden und der Geistlichkeit inszenierter pder wenigstens unterstützter WirtschaftlicherKampf gegen die Juden einher. Ganz außerordentlichen Umfang hat in letzter Zeit dieser Boykott in Polen angenoimnen. Der Kampf >vird von der Bevölkerung fanatisch geführt. Zahllose Existenzen unter den Juden, von denen ein Drittel ganz Rußlands, etwa 2 Millionen, in Polen wohnen, sind in schwerste Bedrängnis gebracht oder ruiniert, und es ist auch zu vielen Ausschreitungen gegen die Juden gekommen. Die Auswanderung ist bei diesen Verhältnissen die einzige Möglichkeit der Erlösung aus dem d n st e r e n russischen Elend! 1 Glücklicherweise wurde die Gefahr der Erschwerung der Einlvanderung in das Haupteinwanderungsland, die Vereinigten Staaten, die besonders die Juden auf das Schiverste getroffen hätte, durch das Eingreifen des Präsidenten Taft abgewandt. Den gewaltigen 'Auswandererstrom zu regulieren, mußte die Auswandercrorganisation des Hilfsvereins an der Ost- und Westgrcnze, an 'den Knotenpunkten Deutschlands, 'in den Hafenstädte» unvermindert aufrecht erhalten iverden. Unsere gesamten Komitees hatten 17 762 Personen abzufertigen. Auch für die Mickwauderer und die Wanderarmen in Deutschland hat der Hilfsverein initgesorgt. Die Ausgaben für das russische H i l f s w c r k und d i e A u s w a n d e r u n g betrugen rund M 215 000. Die Jewish Colonisation Associiation steuerte wieder Mark 85000 bei. Bericht des Geschäftsführers Dr. Paul Nathan. Das Jahr 1912 war für die Juden, insbesondere diejenigen des Orients, ein besonders schlinnnes. Katastrophen aller Art von erschütternder Bedeutung suchten die Judenheit heim. Marokko. In Fez, der Hauptstadt Marokkos, wurde das jüdische Viertel von aufrührerischen Eingeborenen geplündert und. zunr Teil zerstört, eine Anzahl Juden wurden dabei getötet. Wir arbeiteten hier aus politischen Gründen und zur Wahrung rationeller Arbeitsteilung auf philanthropischem Gebiete zusammen mit der Pariser Alliance. ' Türkei. Der türkische Orient war alsdann ganz besonders betrosfen. Das Erdbeben, das im 'August 1912 am Marmara-Meer stattfand, richtete große Verheerungen an. In 13 Städten stürzten 7350 Häuser ein. Juden ivurden in zwei Städten, Tschorlu und Gallipoli, in Mitleidenschaft gezogen. In Tschorlit wurden 80 Häuser und 40 Geschäftsläden durch ein infolge des Erdbebens ausgebrochenes Feuer eiugeäschert. In Gallipoli stürzten 270 Häuser ein. "Eine Hilfskommission aus Konstantinopel, bestehend unter anderen! aus Vertretern des Hilfsvereins und der Lögen, reiste nach den Nnglücksstätten und organisierte das Hilsswerk. Der Balkankrieg hat eine ungeahnte Aendcrung in den Verhältnisssen im Orient von welthistorischer Bedeutuilg zur Folge. Das osmanische Reich wird aus Europa hinausgedrängt, und behält nur einen kleinen Teil um Konstantinopel heruin und am Marmara-Meer, die übrige, bisher europäische, Türkei wird zwischen den vier Balkanstaaten aufgeteilt. Der Hilfsverein wandte sich bereits Mitte November an die großen in Betracht kommenden jüdische» Organisationen, um eine gemeinsame Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Dieses war nicht leicht. Erst am 16. Dezember 1912 konilte die Konferenz in Brüssel stattfinden (Vorsitz: Franz Phil i pp so n). Es wurde die Union des Associations Jsraelites konstituiert. Ihre erste Tat war die Entsendung einer besonderen Delegation nach dem Orient zur Organisierung des Hilfswerks (Elkan Adler-London, Dr. Paul Nathan und Dr. Bernhard Kahn, Generalsekretär des Hilfsvereins). Die Delegation begab sich über Wien zunächst nach Belgrad. Die lokalen Repräsentanten des Balkanhilfswerks waren dort, wie in anderen Zentren ausgezeichnete Persönlichkeiten, bei denen Geschicklichkeit mit außerordentlicher Hingabe und Uneigennützigkeit verbunden waren. Die serbischen Juden konnten das Hilfswerk in Serbien aus eigenen Kräften durchführen. ' Von Belgrad begab sich die Kvimnission nach Sofiia. Auch dort war in vortrefflicher Weise für die Hilfsaktion vorgesorgt. In einer Unterredung der Kommifsion mit dem bulgarischen Ministerpräsidenten Geschöw. wurde auch die Frage wegen Silistria beirührt. Der Ministerpräsident versprach, daß für den Fall einer Abtretung Silistrias an Rumänien, die er damals noch als unwahrscheinlich erklärte, dafür gesorgt würde, daß eine Schmälerung der bürgerlichen und politischen Rechte der Juden in Silistria bei Uebergabe an Rumänien nicht eintreten würde. In Sofia hatte die Kommission auch Audienzen bei der Königin und denr König. Der König gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Juden in den neu eroberten Gebieten sich nach dem Heimsall an Bulgarien wohl fühlten, was im politischen Interesse Bulgariens wie im humanitären Interesse liege. > Die Delegation reiste von Sofia nach Ueskneb» Köprülü, in die Nähe von Jstip, von wo infolge der Gewalttaten der Komitatschis (Freischärler) die Bevölkerung nach Saloniki geflüchtet war. Die Rückführung der Einwohner von Jstip, das 50 Kilometer von der Bahnstrecke entfernt liegt, aus Saloniki hat begonnen. Die serbische Regierung zeigt sich dabei sehr entgegenkommend. Heber Gumendsche begab sich die Kommission nach Saloniki, wo mehr als die Hälfte Juden, 70000, wohnen, die bei dem Einzuge der Griechen sehr zu leiden gehabt haben. Nachdem die Verhältnisse sich konsolidiert hatten, sorgte bft König von Griechenland für Wiederherstellung der Ordnung. Nach Saloniki waren viele Juden und Mohammedaner geflüchtet. Die Mohammedaner, die so weit möglich nach Kleinasien überführt wurden, haben entsetzlich gelitten, schlimmer als die Juden. Bon den Juden waren zweitausend Familien (5200 Personen) völlig mittellos. Für diese mußte wie für die Flüchtlinge gesorgt werde». Von Saloniki aus unternahm die Kommission Studienreisen nach dem Notstandsgebiete Kalaferia, Monastir und Serres. In Serres erwies sich der bulgarische General Wulkow sehr entgegenkommend. In einer Audienz beim König von Griechenland suchte die Kommission Vorsorge für das Hilfswerk speziell in Janina nach Zugänglichkeit der Festung zu treffen und vertrat auch weitergehende jüdische Interessen. Freihaltung des Sonnabends bei Veranstaltung von Märkten, Einlösung von militärischen Requisitionsscheinen nach Friedensschluß. Ueber Kawalla und Dedeagatsch, wo die Landung nicht gestattet wurde, reiste die Kommission nach Konstantinopel, wo über 3000 Flüchtlinge weilten. Die Flüchtlinge erhielten 40 Centimes tägliche Berpflegungsgelder. Der hingebenden und umsichtigen Tätigkeit der dortigen lokalen Hilfskommission ist es zuzuschreiben, daß nur 74 Kranke unter den Flüchtlingen waren und nur ^wenige Todesfälle sich ereigneten, während die Mohammedaner zu Hunderten hinstarben. Auf die Berichte der Kommission hin waren von Berlin aus durch Dr. Simon in wirkungsvollster Weise die Vorkehrungen getroffen, um sofort beim Fall Adrianopels hilfreich eingreisen zu können. Es wurden zwei jüdische Krankenschwestern mit Medikamenten, Decken usw. nach Sofia gesandt, Lebensmittel aufgestapelt usw. Bisher sind über 400000 Fr. für das Hilfswerk ausgegeben. Die bis jetzt geleistete Hilfe ist aber nicht endgiltig. Die unmittelbare Hilfeleistung kann noch nicht eingestellt werden, und die Wiederaufrichtung der Existenzen stellt noch die größten Aufgaben. Auch in dieser Richtung hat die Kommission schon vorgesorgt, namentlich ist die Errichtung von Leihkassen für diese Zwecke ins Auge gefaßt, und es steht zu hoffen, daß die Jewish Colonisation Association, die so segensreich in Osteuropa mit diesen Leihkassen gewirkt hat, ihre Hilfe auch den Balkanländern und der Türkei leiht. Eine andere große Aufgabe ist alsdann noch zu erfüllen. Die Juden des Balkans in den bisher türkischen Landesteilen waren der mohammedanischen Bevölkerung gegenüber bei der mangelnden staatlichen Initiative und dem Fehlen eines europäischen kulturerfüllten Lebens ein intellektell und kulturell höheres Element. Die neuen Herren des Landes stehen dem europäischen Kulturideal viel näher, daher ist es erforderlich, daß die Juden des Balkans ihr Aeußerstes tun, um sich zu entwickeln und im wirtschaftlichen Wettbewerb nicht zurückzübleiben. Nötig dazu ist insbesondere eine Ausgestaltung des Schulwesens und auf materiellem Gebiete die Begründung von Leihkassen. Dazu bedarf es außerordentlich großer Mittel. Der Generalversammlung ging eine Sitzung des Zen tralkomitees voraus, zu der zahlreiche Delegierte nicht nur aus Berlin, sondern aus allen Teilen des Reiches erschienen waren. In der Zentralkomitee-Sitzung wurden in das Zentralkomitee kooptiert Moritz Jacobsohn Lüneburg,, Georg Tietz, Berlin, Landrabbiuer Dr. H o f f m a n n» Emden. städt. Resfanrant and Cafe J Inh.: Anton Pfeiffei* f Friedbergv Idstr. 420. Tal. 4!8T t empfiehlt Beine prachtvollen, schattigen Gärten. Terrasse» Saal, sowie diverse separate ß es ell*ch»fts*immer. FUr Sommerfeate vorzüglich geeignet. Aus aller Wett. SentfAeS Rteidi. Berlin. Am 13. April fand hier die KonstituieruugÄverfammlung der Freiem Organisation der Alliance Jsraolite Universelle