Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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IKHA! Seite 2. Frankfurter Israelitisches Famllienblätt. Nr.. 16 Wir sehen, wie Las Jnteckffe am Judentum immer mehr an Tiefe und' Umfang zuninunt. Dis jüdische Literatur und hebräische Sprache! blühen und gedeihen in der erfreulichsten Weise!! Die jüdische Solidarität ist im Wachsen begriffen, und das Erhaltende, Positive int Judentum gewinnt allmählich die Oberhand!! Wohl macht noch die Assimilation verzweifelte! Anstrengungen, die jüdische Einheit! zu sprengen?und ine gedeihliche Entwicklung des Positiven iM jüdischen Lager zu stören. Doch die Assimilation ist« uneinig, — und während die einen, die Radikalen unter ihr, die Stunde der nationalen Wiedergeburt verfluchen. Mahnen die andren, die maßgebenderen, zuM jüdischen Selbstbewußtsein und! billigen die Hebung Palästinas, wenn auch lediglich für die Brüder des Ostens. Man sieht, Grund genug Knut freudigen Begehen unseres tausendjährigen Chag Cherusernu! Und wenn wir einstweilen noch infolge unserer äußeren Unfreiheit „Hoschato awdei" sagen und unsere Feinde aus der Sklaverei noch drohend und giftsprühend um uns stehen, so haben wir doch die berechtigte Hoffnung, in Bälde „Achschow benei chaurin". Nunmehr sind wir frei, völlig frei! sagen zu dürfen. ' Sobald aber wir Herren in unserem .Lande sein werden und zum Herrenstand uns zählen dürfen, werden die Sklaven uns Ruhe gewähren und nach Sklavenart sich vor uns ducken. Auf, unser Volk, auf gjur Feier! 2. Wieder eine Absage an die Adresse der AfsimUationSjude«. Diesmal ist Ungarn der Schauplatz. Der moderne ungarische Jude hat in wenigen Jahrzehnten die Entwicklung in sich vollzogen, zu der der deutsche Jude ein Jahrhundert brauchte. Und deshalb sirrd bei ihm die Besonderheiten des AssimilationsjudentmNs auch um vieles krasser. Der blaublütigste Magyare ältesten Stantmbanms ist nicht ein solch fanatischer Magyare, wie er ist. Und auch sein Wille, alles Jüdische in sich auszurotten, ist ein geradezu fanatischer. So tummelt sich denn die Intelligenz der ungarischen Judenheit seit einigen Jahrzehnten auf dem Felds des ungarischen Geisteslebens und hat sich in ihren Leistungen qualitativ und' quantitativ schnell die ersteStelle erobert. Franz Molnär, Alexander BrodnY, Melchior Lengyel, Lu dwig Biro und Eugen Heltai, das sind! sämtliche ungarischen Dramendichter, deren Ruf weit Wer Ungarns Grenzen hinausgedrungen ist, sie sind jüdischen Geblütes. Auch auf den anderen Gebieten des geistigen Schaffens läßt sich Ashnliches feststellen. Und!wch ernten die Juden für ihre Selbsteirtäußerung und Aufopferung keinen Dank! Das hat soeben eine ungarische Kunstwart-Affäre gezeigt. Oktavian Goga, der rumänische Dichter und Uebersetzer ungarischer Autoren, schrieb einen Artikel, der das größte Auffehein erregte, da er behauptete, daß es «ine jungungarische -nationale Literatur nicht gebe, da die Juden fast zu Alleinherrschern in ihr geworden seien. Die Juden brächten nichtmagyarische, ja so sogar dem magyarischen Wesen widersprechende Noten in die Sprache und' Literatur, und das führe zu einer Entnationalisierung des ungarischen Schrifttums. Die Nichtjuden Ungarns schwiegen oder stimmten Goga zu, — und nur die von Juden redigierte Presse war entsetzt. Kommentar Werflüssig. Es ist immer das gleiche Spiel, — und wem nicht zu raten ist, dem! ist nicht zu helfen. Nur eines sei den Herren, die etwas anderes sein wollen, als sie ihrem Wesen nach sein können, gesagt: was in ihrem Schaffen ab stößt, das sind die Disharmonien, die der Zwiespältigkeit zwischen ihrem Wesen und Wollen entspringen. Würden sie als ganze Menschsn, das heißt mit dem Gefühl bewußter Juden, schaffen — sie dürsten Werzeugt sein, sie! würden ihr Bestes geben, würden nirgends auf Widerstand stoßen und auch die Anerkennung der nichtjüdischen Welt finden, wenn sie auch das National-Ungarische den echten, Magyaren Werlassen müßte». Brief aus der Türkei. Wir sind schon daran gewöhnt,. in allen Ländern unsere „Mauschels" zu habe»:; .waren aber dieser Tage sehr überrascht, einen solchen unter den wenigen Juden der Insel Kreta zu finden. Ein gewisser Hornstein näntlich, der inKanea (Hauptstädtchen der Insel) seit langem wohnt, wollte seinen griechischen Patriotismus beweisen. Er veröffentlichte in der Zeitung „Eleiphtiro Wma" einen Artikel, in dem er die Juden Kretas des Antipatriotisinus beschuldigte, da sie ihre Freude über die griechischen Siege nicht genügend! manifestiert hätten. Daran seien die Zionistein besonders schuld, die, anstatt sich unter den Völkern zu assimilieren, danach streben, von neuem die jüdische Nation zu beleben und für sie in Palästina ein Zentrum zu gründen. Diese Verleumdung hätte! für unsere Glaubensgenossen verhängnisvoll werden können, hätte nicht ein angeseheneir liberaler Grieche, ein Advokat aus Kanea, in der „Neer Erivni" geantwortet. Er protestierte gegen die Wertriebenen philohellenischen Gcftihle Hornsteins, die! nicht natürlich und aufrichtig sein können, und wundert sich, daß ein Jude gegen seine Glaubensgeiwssen solche schädliche Verleumdungen schleudern könne. Ferner lobt er den Patriotismus der griechischen Juden und sagt, daß er den Zionismus als ein gerechtes und vornehmes Gefühl betrachte, als natürliche Strebung eines Volkes, das seine Geschichte und Tradition nicht vergißt und sich bemüht, sein Leben iir seinem eigenen Zentrum zu Erneuern. Endlich schließt er nrit der Aeußerung, daß derjenige, der die Legitimität dieses Ideals nicht anerkennt, kein aufrichtiger Patriot sein könne. — Trotz der Proteste der Smyrnaer griechischen Presse und der Befehle des Metropoliten von Tscheschme setzt man cs in dünr genannten Städtchen weiter fort, die JudÄ: zu boykottieren. Der Großrabbiner hat neue Schritte beim Patriarchen in dieser Angelegenheit getan. — Laut Privatbriefen, die hier aus Adrianopcl anlangten, wurden drei Juden von den Bulgaren Massakriert. Die Bulgaren beschuldigten die Juden, daß durch sie die Stadt sich so lauge halten konnte, da sie der Armee Schukri Paschas alles Nötige lieferten. Diese Beschuldigung ist gerade ein Lob für die Treue der ottomanischen Juden Adrianopels. — In Adrianopel befindet sich eine.große Am zahl gefangener jüdischer Soldaten, die die bulgarische Regierung, dank der Bemühungen des Dr. Ehrenpreis, zu befreie:: und! nach Hause zu schicken anfängt. Ungefähr 20 befreite jüdische Soldaten sind bereits in Saloniki angüangt. Aus Jan i n a kamen nach Saloniki tvieder 17 Befreite jüd'. Soldaten, sodaß die Saloniker Gemeinde jetzt für mehr als 100 Soldaten zu sorgen hat. Kantorowitz. Ein Echo der studentischen „Ausländersrage" in Rußland. Die russische Presse beschäftigt sich jetzt lebhaft mit den an den deutschen Hochschulen geplanten und teiltveise durchgeführten Beschränkungen für die Aufnahme russischer Studierender. Nicht nur die Petersburger Organe, sondern auch die Provinzblätter widmen: aus Anlaß der Debatten im preußische:: Landtag und der Leipziger Uniöersitätsbestintntung der neuesten „Ausländerfragei" eine außerordentliche Aufmerksamkeit. Blätter wie Dein, Rutzkaja Molwa, Retsch u. a. sprechen in Balb; erregtem, bald sarkastischem Tone über dm eigenartigen Feldzug der deutschen Studentenschaft gegen die russischen Kommilitonen und Wer die drohende offizielle Versagung eines Aktes der Gast-' freundschaft, ■ der bisher den Gastgebern nur Ehre und'Borteile eingobr acht habe. Wer wisse es nicht, welche Bedeutung der Zustrom russischer Saldierender für die Verbreitung deutscher Kultur in Rußland gehabt habe? Deutschland breche damit eine schöne Tradition und lenke düs Interesse der russischeu wissenschaftlichen Welt für seine großen Kulturleistungen nach ganz' anderen Gebieten ,ab. Vielleicht habe man in D'eutschlarrd keine richtige Vorstellung davon, in welchem Maße die an deutschen Hochschulen studierende Jugend aus Rußland in ihrer HÄMat eine besondere Vorliebe für deutsches Wissen, für deutsches Geistesleben und. deutsche Industrie mitgebracht hätte. Sie wären im wahrsten Sinnei des Wortes die Träger des Gedankens gewesen, daß die engsten gegenseitigen kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern für beide Teile eine Notwendigkeit seien. Ungeachtet aller politischen Konstellationen habe die deutsche Wissenschaft dank den tausenden direkten Schülern aus Rußland im geistigen Leben Osteuropas in den letzten zwei Dezennien eine dominierende Rolle gespielt, sod'aß alle deutschen Leuchten der Wissenschaft in Rußland nicht weniger populär als in ihrer Heimat wären. In diesen: Falle sei die Gastfreundschaft nicht nur ein Akt der Humanität, sondern auch ein Gebot weitsichtiger Klugheit gewesen, wogegen -die neuerdings geforderten beschränkenden Bestimmungen — wie das rechtsliberale Blatt Rußkaja Molwa Meint — nicht nur unfreundlich und politisch unllug, sondern auch w i r t s Ha f t - lich für Deutschland schädlich wären. Unausbleiblich werde es laut weiteren KomMentaren kompetenter Beurteiler sein, daß die von den deutschen Hochschulen zurückgewiosenen Studenten x naturgeniäß auch einen sehr großen Teil der zahl- £ losen russischen Fremden, die allj ährlich nach Deutsch- £ land kommen, nach anderen Orten dos Vergnügens ( und der Erholung ablenken iverdeN. Wenn heute? die deutsche Heilkunde sich einer solchen Autorität s in Rußland erfreue und unzählige Kranke herans ziehe, wenn heute! die deutsche Industrie und der s deutsche Handel einei: ungeheuren Markt in: östlichen c Reich finde, so könnten daselbst in Zukunft ganz andere Rainen, ganz andere Firmen einen immer wachsenden Einfluß gewinnen, nachdem die asyl- ( suchenden Studenten ihren Weg nach außerdeutscheu j Ländern gefunden haben worden. Deshalb versteht , inan in allen russischen Kreisen, denen die deuffchc . Kultur teuer ist, die in Deutschland gügen die Stn- < dicrenden aus Rußland gerichtete engherzige Bcj wegung überhaupt nicht. < Solle — meint die Retsch — damit das neueste j Kapitel der Kulturgeschichte eines Volkes beginnen, - das einst den Ruhmestitel eines „Volkes der Dichter und Denker sich erworben Habs? , Am t r a u r i g st e n fei es, daß hier und da, j liberale Kreise in Deutschland für das < Problenr kein Verständnis besitzen und in: ge- ( planten Ausnahmerecht eine Art notwendiger Ab- , wehr erblicken, ohne sich über seine Folgenklar zu werden. Falls wirklich, wie verlangt werde, allgemein die Bestimmung triumphieren sollte, wonach russische Studierende nur dann an deutschen Hochschulen zu inskribieren sei«:, wenn sie an einer russischen Universität zwei Semester absolviert haben, so tvürde dies einen Sieg antisemitischer Tendenzen bedeuten. Denn welche russischen Studenten seien nicht im Besitze eines solchen Nachweises? Doch nur die Juden, denen die reaktionäre und bildungsfeindliche russische Regierung auf Grund einer barbarischen Prozentnorm das Studium in der Heimat meist unmöglich mache.! Solle nun die Politik der russischen Rögierung im Lande der Kant und Helmholtz, der Fichte! und Humboldt ihre Sanktionierung finden? Wenn Deutschland dem gehetzten jüdischen Student«: aus Rußland auch nur ein zeitweiliges Asyl zur Erlangung der nötigen wissenschaftlichen Kenntnisse versage, mit welcher Emphase werden dann die antisemitischen „echten" Russen ihren Russonhaß vortragen,? Mit welcher Genugtuung werden sie sich auf das Beispiel Deutschlands berufen?! Indes — noch gibt Man sich hier der Hoffnung hin, daß die Vernunft schließlich auch in dieser Frage siegen wird. Sapadnik. Petersburg. Die Ausweisung von 1700 jüdischen Studenten. Kiew, 11. April. Eine wahrhafte Tragödie spielt sich im Leben von 1700 hiesigen jüdischen Studenten und Studentinnen ab. Es sind das jene ehemals vollberechtigten StMenbeflissenen,. die eines Tages ohne irgend welchen Grund aus den Listen der Handelshochschule gestrichen nnbf jedes Rechtes beraubt wurden. Anlaß dazu hatte! die Umwandlung der Handelshochschule Ms