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Neue jüdische Presse · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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f s Erscheint wöchentlich arn Freitag. Nedaktio» und Erpedttion: MrntMrrri» pr» Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei mS Hau». Bei der Post abonniert 9Ü Pfg., ftei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zuferwung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigm Länder Mk. 2.— Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10 507. Einzel-Nummer» kosten 10 Pfg. $e**»0ge$t*: cheir. Jusrriimrsprri» für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, WohnungSinserale, Heirats - Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz» und Damm-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Lxped. und in «.Annoncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 11. Jahrgang. Freitag, de« 11 Nissan 5678 (18. April 1913) «r. 16. 3MF* Der Feiertage wegen fällt die HäeftstwScftentiiefre Nummer ans._ Das Fest der Freiheit. Fest der Freiheit! — Klingt's nicht wie bitterer Hohn seit nunmehr zweitausend Jahren? Wo der Jordan rauscht, da durften einst die Freiheitsjauchzer zum Himmel dringen! Aber seitdem? Seitdem Israel zerstreut in allen Landen und vergeblich nach der Freiheit strebt? . . . Fest der Freiheit! — Hat schon jemals ein Volk seine Freiheitsfeste so gefeiert ime das Volk Israel seit zweitausend Jahren? Freiheitsfeste kennt sonst nur ein freies Volk auf eigener Scholle! Merkwürdig Volk, wie soll ich Dich begreifen, ime Deine Wege verstehen, die so verschieden von denk Brauch der Erde? Rätsel hast Du aufgögeben seit Deinem Anbegiml. . . . Und doch: so manches Deiner Rätsel hat sich schon, gelöst als die Frucht tiefster Weisheit. * Sohn Israels unserer Tage, betrachte das erste Freiheitsfest Deiner Ahnen, — vielleicht wird Dir Lehre! Das Buch Deiner Weisheit hat dieses erste Fest verzeichnet, und dieses erste Fest, — cs wurde gefeiert int Lande der Fremde, vor der Stunde der Erlösung. . . . Noch lastete auf Deinen Vätern das egyptische Joch, da gürteten sie schon ihre Lenden zum Zug in die Freiheit, bereiteten sie schon das Opfer der Freiheit. Sie durften es, denn schon waren sie iinrerlich frei, und diese ihre innere Freiheit, sie gab das Vertrauen zur äußeren Befreiung. Höchstes Vertrauen zum Lenker ihres Geschickes beseelte sie. Dieses höchste Vertrauen, es ist Deinen Ahnen geblieben trotz, allen Wandels der Zeiten. So wie es ihnen Erhalter war unter der Fron des Egyptcrs, so machte es sie, das „Am keschei auref", das Volk des starren Nackens, stärk, als des mächtigen Roms Arm ihr Land zerschmetterte und sie in die Sklaverei schleppte, ließ sie die Scheiterhaufen der Kirche überdauern, — und daß Du heute noch bist, es zeugt für dieses höchste Vertrauen. * Deshalb vergiß' nicht, was das echte Freiheitsfest, daß Deine Bibel zum ewigen Denkmal verzeichnet hat, Dich lehrt. Freiheitsfeste darfst Dil feiern, wenn Du Dich frei als Jude fühlst, wenn der Jude in Dir frei ist, weil Du Dich als Bürge weißt für die ewige Dauer der Ideen des Judentums. Und diese Freiheit Deines inneren jüdischest Menschen erhebt sich auf den Flügeln des jüdi-i scheu Geistes, herrscht nur dort, wo jüdische Tradition und jüdisches Bewußtsein Stätte haben. Wo diese aber nicht mehr weilen, da kennt man auch Las jüdische Freiheitsfest nicht mehr. Da schwant ein unklares Etwas von einem jüdischen Ostern, symbolisiert durch die Mazzo als Erinnerungszeichen des Auszugs aus Egypten. Doch daß der Auszug aus Egyptens Fron stets so zu vergegenwärtigen ist, als wenn wir ihn heute mit seinem ganzen allmählichen Würden miterlebt hätten, das weih man nicht. Und nur wo Man das weiß, ist das Freiheitsfest nicht ein toter Schemen geworden, sondern lebendig geblieben. - * Millionen in Israel feiern heute noch das Freiheitsfest in alter Weise, glauben noch wie ihre Ahnen an die Zukunft ihres Volkes. Glauben an seine Zukunft, trotz tödlicher Zerrissenheit nach innen und tötenden Druckes von außen, trotz innerer Befehdung bis zur Selbstzerfleischung und Pharaonischen Wollens der Machthaber der Länder ihres Weilens. Und einst wird der Tag kommen, an dem diesen Treuen ihr einzigartiges Freiheitsfest zum Ruhme sein wird in den Augen der Völker. An jeuenr Tage wird 'offenbar werden, daß es höchste Freiheit ist, ein Freiheitsfest in der Unfteiheit zu feiern, ein Freiheitsfest, das Pesach und Schülvuaus, die Gegenwart mit der Zukunft verbindet. Israel und das „Erew-raw." In einer Wett voll innerer und äußerer S k l a v e n entstand das freie Volk Israel. In einer Welt voll Dummheit, Feigheit, kindischer Hilflosigkeit, Abhängigkeit entstand« ein tapferes, selbständiges, kluges Volk, voll Vertrauen auf sich und auf s e i n e n Gott. Dies ärgerte die Feigen. . . . Das freie Volk Israel sah sich einer ganzen Welt grimmiger Feinde gegenüber, Feinde, die keine Vernunft, keine Versöhnung annehMün mochten. Ein Kesseltreiben setzte ein, ein giftsprühendes Hetzen und Verleumden. Alles an ihm, alles Schöne und Erhabene an Israel wurde in das Gegenteil verivandelt. Das freie kleine Volk Israel einer Welt voll grimmiger, grausamer Feinde gegenüber, — und doch wäre dieses kleine Volk unter dem schützenden Firmament seines Gottes geborgen gewesen, hätte sich nicht ihnr beim Auszug aus den: Lande der Pharaonen ein egyptisches .Gesindel, ein „Erewraw", angeschlossen, das all die heidnischen Gebrechcu mit in Israels Zelte hinübernahm, — und diese Gebrechen sind es, die auch heute noch Israels Kraft lähmen! Das Erew-raw ist es, daß die Beziehungen zwischen dem fteien, selbstbewußten, auf seine Kraft und seinen Gott vertrauenden Volke und Lein feigen, hilflosen Sklaventum erhält! Das Erew-raw ist es, das um einen Topf Linsen alles Große, alles Edle und Erhabene, die Auserwähltheit Israels, seinen Gott, seine Freiheit, seine idealen Güter verschachern möchte! Das Erew-raw ist es, daß nach dem Pharaonischen Joch, nach den Zwiebeln Egyptens eine unüberwindliche Sehnsucht verspürt, das Erew-raw, das laut und aufdringlich immerfort beteuert: „Ohawti ös adäuni, lau eize lachofschi" (Ich liebe meinen Herrn, ich trete in die Freiheit nicht hinaus)! Und nicht genug damit, daß es selbst und für sich die Knechtschaft sucht, nicht genug damit, es will gewaltsam die anderen, die Freiheitlichen und nach Selbständigkeit Ringenden in der Unfreiheit erhalten. Mit sklavischer List und Verschlagenheit betreibt ös dieses sein Vorhaben, es ist bestrebt, fiir das „Geschäft" eine doppelte Portion Zwiebel von den Herren einzuheimfen. . . Wird Israel, das während Tausenden von Jahren einer Welt von Feinden von außen und dem Erew-raw von innen samt seinen Schikanen und Umwerbungen getrotzt hat, auf die letzten Drohungen seines Erew-raw reagieren? Wohlan! Das Fest seiner tausendjährigen Befreiung steht wiederum vor Israels Pforten. Das sei eine Mahnung, das Erelv-raw, das ihm von jeher so viel Unbill zugefügt hat. und stets sein Verhängnis war, endlich abzuschütteln! Aus de» Ereignissen des Tages. 1- In den Tagen der Befreiung. Sobald die Tage unserer einstigen Befreiung Heranrücken, spähen unsere Blicke nach den Stätten der Pharaonen, nach den Lagerplätzen der Tyrannen und Sklaven. Beklommenen Herzens schauen wir, wie die Sklaverei ihre Hydra giftsprühend nach uns wendet. Ueberall vernimmt man das Zischen von unzähligen Schlangenzungen, die von der Blutlüge, von den Mit Blut unschuldiger Kinder gekneteten Mazzot erzählen. Unsere Freiheit ist's, deren Gift in Aufwallung versetzt, und so oft sich Israel das Fest der Freiheit zu begehen anschickt, steigert sich die Wut der Sklaverei ins Unermeßliche, und mit tausend Schlangenzungen beginnt sie, ihr tödliches Gift nach uns zu spritzen. Und toie steht es um uns beinr diesjährigen Fest? Hat sich das tiefe Niveau unserer niedrigen Feinde gehoben? Ist ihr Haß zur Freiheit in Abnahme begriffen? Leider ist das Niveau unserer Feinde noch mehr gesunken, und so hat ihr Haß zum Volke der Freiheit und der Gradnackigkeit in diesem Jahre eine Steigerung erfahren. Wohl steht dem Prozeß Hilsner endlich die Revision bevor. Doch dieser Fall steht vereinzelt da. Zur gleichen Zeit aber schickt sich die zarische Regierung an, den unschuldigen Beilis, der bereits.mehr als ein Jahr im Kiüwer Gefängnis schmachtet, ohne irgendwelche greifbare Anhaltspunkte jriir seine Beschuldigung herzimmern zu. können, zu verurteilen. Und in allen Ecken und Enden, in Griechenland, in Oesterreich, in Rußland schießen jetzt die Blntlügön wie Pilze aus dem Erdboden hervor. Und doch! Wenn lvir trotz allein und allem, trotz einer Welt voll grimmiger Feinde, trotz unzähliger, unglaublicher, entsetzlich^ Schikanen das Fest der Freiheit feiern und mit Recht feiern, ist es daher, weil wir unsere innere Freiheit nicht eingebüßt haben! Unsere Väter feierten das Fest unserer Freiheit („Chag Cheruseinu") in den Höhlen Spaniens, an den Pforten der Inquisition, und dabei ivaren sie innerlich ftei, vollkommen frei! Sie waren frei auf Grund ihres Glaubens, auf Grund ihrer Zuversicht zur einstigen Rückkehr nach dem Lande der Väter — in dür einstigen zu. erlangenden auch äußeren Freiheit! Sie waren, ftei auf Grund ihrer Zuversicht der Erlösung, obwohl die Verwirklichung dieser ihrer Hoffnung nach menschlicher Berechnung gar fern lag! Wir aber, ihre ans den Klauen der Inquisition entkommenen Nachkommen, die wir nahe an den Pforten unserer Heimat stehen, — um wieviel mehr haben wir Grund, unser Chag Cheruseinu zu feiern! Schon sehen wir, wie unser Land immer mehr von uns für uns erschlossen wird! Wir sehen in Scharen unsere besten Kinder, unsere Jünglinge dem Lande unserer Verheißung zuströmen und Freudentränen, Tränen ihrer tiefen Sehnsucht, vergießend, das heißgeliebte Land durchqueren! Wir sehen, wie Männer, die dem Judentum scheinbar völlig entfremdet waren, aus allen Ecken der Diaspora ihr Augenmerk auf die Hebung Palästinas richterc. Wir sehen, wie immer mehr der Einfluß der assimilatorischen „Alliance" irr Palästina zurückgeht und statt dessen die regenerierende Wirkung des Zionismus und des „Hilfsvereins" stetig an Boden gewinnt!

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