Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. - r;~ lange nicht nir. dein Maße huf unsere Universitäten wie ans- Rußland. Wir werden vielleicht für die russischen Ltudenten eine Bestiinmung erlassen müssen, wie sie in anderen Staaten besteht. Das wird bei dem großen Andrang der russischen Studenten unbedenklich sein, einem mäßigen, Besuch der russischen Studenten Nwlle» wir Hindernisse nicht in den Weg legen." Rrrtzlaud. - Kiew. Der Gouverneur hat die Polizei beauftragt, 1700 jüdische freie Zuhörer des Handels-Instituts auszuweisen, da diese in Kiew kein Wohnrecht haben. Die Direktion des Handels-Instituts bemüht sich, die.Ausweisung rückgängig zu machen. Warschau. Nicht nur außerhalb des Anstedlungsrayons, sondern auch innerhalb desselben kommen seht ständig Ausweisungen vor. So sind jetzt im tzomeler Gebiet 18 kleine Wald- Händler mit kurzer Frist' ansgewicsen worden. Amerika. New-Aork. Nachdem im gesellschaftlichen und geschäftlichen Leben Amerikas seit geraumer Zeit ein ständig wachsender Judenhaß zu verzeichnen ist, zeigen sich letzthin auch im politischen Leben der Bereinigten Staaten bedrohliche Anzeichen für einen f o rt s ch r e i t c.n d e n A n t i s e m i t i s m u s. So brachten dieser Tage Newyorker Zeitungen die Aufsehen erregende Nachricht, daß der Republikaner- Klub der Newyorker W c st s e i t e künftig keine Juden mehr aufnehme. Diesem Klub gehörten bisher 20 jüdische Mitglieder an, die sich sämtlich eines hohen Ansehens erfreuten. Kürzlich nun empfahlen zwei dieser jüdischen Mitglieder zwei andere Inden zur Ausnahme in den Klub; ihre Namen standen mit denen von 25 nichtjüdischen Kandidaten ans der Älbstimmungsliste, aber während die übrigen 25 einstimmig ausgenommen wurden, wies man die beiden jüdischen Kandidaten ab. Auf Befragen erklärte der Borsitzende denn auch, daß eine Gruppe von Klubmitgliedern sich gegen die Aufnahme weiterer Juden sträube. Einige der bisherigen, dem Republikaner-Klub seit Jahren angehörenden Mitglieder sind infolgedessen ansgetreten. Cnntnitltm'ff städtT^Restaurant und Cafe Ir llr nilllrll Anion Pfeiffer I Ul) lullUUI IJ) Fciedberger Ldstr. 420. Tal.4M” I empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gärten. Terrasse, Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer, psr Sommerfeste vorzüglich geeignet. - Ü MlTefon. 11 Das „Scheker-Bilbirl". Bon C. B e r gv <10. Fortsetzung). „Wie konnte es geschehen, daß die Leiche nicht schon gestern aufgefunden wurde?" fragte Philipp. „Zu Befehl, cs war Erntefest und Kirmes in Powidz," erwiderte Quitte prompt.' „Er meint damit, daß alles, was über zwei Beine verfügt, schon in früher Morgenstunde zuni großen Sonntagnach Powidz gelaufen oder gefahren war," ergänzte der Amtsrichter die Antwort des Gendarmen; „daher ist cs lvohl erklärlich, daß der Wald imd vornehmlich dieser, von der Stadt lveit abgelegene Teil, wenig betreten 'wurde. Unerklärlich bleibt es mir nur, daß niemand bei der gestrigen Gcneralschmauferei und Lustbarkeit Julek, den flottesten Vortänzer, vermißt haben sollte." „Das Mädel, nämlich die Franja . . ." nahm Tiilmann schwerfällig das Wort. „Na, was ist's mit der Franja?" ermunterte der Amtsrichter den Unbeholfenen. „Geschimpft hat sie auf den Julek."' „So, so. Ei, lvarum denn?" „Weil er wieder mit der Pelagia mitgelaufen war," antwortete Friedrich statt Tilmaiins, blöde lachend. 1 ' „So, mit der Pelagia," wiederholte der Amtsrichter zögernd und fragte daun recht behutsam: „Habt Ihr etwa gesehen, wohin sic miteinander gegangen H»d, und wann das lvar?" „Nee, das weiß ich nicht." Friedrich zuckte mit den Achseln. „Nee, gesehen habe ich sie auch nicht," verwahrte sich Tfllmann gleichfalls, „die Franja hat halt so gesagt." „Nun, wenn die Franja so was behauptet, muß sie doch etwas darüber wissen," ries der.Bürgermeister. „Man wirö die Weiber verhören müssen," entschied der Amtsrichter, „die Franja wie die Pelagia." „Herr lAmtSrichler," ftagte der Bürgermeister offiiiös,, „chan ei^ählt in der Stadt, Pelagia wäre davon- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. gelaufen; Iat Ihre werte Frau Gemahlin Grund zur Unzufriedenheit mit ihr gehabt, oder, hm, hm?" „Der verfluchte Kerl weiß auch allen Klatsch zuerst," dachte Müller erbost. „Welches alte Weib hat ihm Las wohl schon wieder zugetragen?" Doch er beherrschte sich und antwortete kühl: „Durchaus nicht. Pelagia ist eine brave Person. Ich halte es nicht fürausgeschlossen, daß sie im Laufe des Tages wieder in mein Haus zurückkehrt. Auf jeden Fall werde ich nach ihr recherchieren." Im Stillen' kam ihm ein starkes Unbehagen, daß irgend etwas mit denk Mädchen nicht geheuer sei, und was Frau Christine sagen werde, wenn sie erfahren würde, daß das Gericht auf ihren Schützling fahnde. Einerlei, er mußte seines Amtes walten. Er ließ den Referendar an Ort und Stelle den Leichenbefund gehörig schriftlich aufnehmen, das Protokoll wurde noch einmal verlesen und von allen Anwesenden unterzeichnet, dann befahl er, den Toten nach dem katholischen Friedhof zu tragen, wo. er zuvörderst bleiben solle. Tilmann, der Holzhauer, trat schüchtern an den Amtsrichter heran und fragte, auf das Messer deutend. Las möge ja doch keiner mehr, ob er es nicht behalten dürfe. Die Frage brachte den Gendarm gewaltig in Harnisch. Der Brave hatte im Laufe seiner Dienstjahre einige juristische Sprachbrocken aufgespeichert und fuhr nun im 'Amtseifer den Holzfäller an: „Was wohl dem Kerl einfalle, sich ein Corpus delicti einstecken zu wollen; das nehnie das Gericht in Verwahrung." „Die Fußspuren müssen genau ausgezeichnet werden," gebot Müller eben, als ihm der Gendarm das Messer nebst dem einige Schritte daneben gefundenen Streifen Papier überbrachte. „Wird etwas ungeheuer _ Gravierendes enthalten," brummte der Amtsrichter und strengte sich an, den von Erde, Schmutz und Feuchtigkeit befleckten Fetzen zu betrachten. Plötzlich rief er erstaunt: „Meine Herren, das scheint ein Rezept!" . „Wahrscheinlich von nur!" „Die beiden Doktoren griffen zu gleicher Zeit danach und rissen es mitten durch. Verwischt, beschmutzt, wie sehr auch das beschriebene Blatt zum Geschmier entstellt war, erkannte man nach etlicher Mühe doch die Form von Thorners Schriftzügen. „Sie müssen den Kopf mit Ramien /und Datum haben, Herr Kreisphysikus," rief der Doktor. „Jawohl, jawohl," gab der zurück, in das Blättchen vertieft. „Merdvürdig unleserlich, Ihre Handschrift, für Frau —" er beäugte den Fetzen kreuz und quer, der Kneifer .fiel ihm bei der Anstrengung herunter, im selben Augenblick, da er nach dem Glase griff, kam ein Windstoß und wirbelte das Blatt davon. Alles Nachlaufen, Suchen (Mediziner wie Juristen kamen in Schweiß) war erfolglos. „Werden Sie aus Ihren Büchern den Namen des Patienten registrieren können?" fragte der Anitsrichter den Doktor Thorner. Der Doktor hörte zerstreut zu, Müller mußte seine Frage wiederholen. „Kaum," sagte der Doktor. „Der Teufel hole die Doktors," knurrte Quitte, als er das abgerissene Papier behutsam dem Protokoll becheftete, „da haben sie uns den schönsten Indizienbeweis in den Wind gejagt!" Das Scheker-Bilbnl. Perez war des Sonntags den ganzen geschlagenen Tag innerhalb seiner vier Pfähle zu. Haus geblieben, ein in Len Annalen seines Lebenswandels bis dato geradezu unerhörtes Ereignis; er sah selbst ein, daß er sich ob dieser beispiellosen Unordnung wohl vor seiner Mutter entschuldigen, eigentlich rechtfertigen müsse. Am klügsten schien es ihm, wenn er sich einmal krank stellte; kranke Leute läßt mau nicht Wasser tragen, kranke Leute brauchen nicht auszugehen, und Perez hatte seit gestern eine unüberwindliche Scheu vor der Straße. Er klagte denn auch über Kopf- und Zahnweh, über dies und das, fingierte sechs Uebel in fünf Minuten, sodaß die besorgte Mutter ihn am Mittag, da das große Kind ganz gegen seine gewohnte Art weder essen noch sprechen wollte, instäu- IDecorationsblumen 1 Arrangements für Festlichkeiten geschmackvollst ■ und billigst. ■ Krankfurter Kunstblumenu. Kranzfabrik I W©lschendorif «Sr- Meissner I 38 Töngesgasse 38. ,» ' Seite 3 digst bat, zum Arzt "zu gehen und diesen um Rat zu fragen. . Bei dem Gedanken aber, auf die Straße zu treten und sich unter Menschen begeben zu sollen, bekam Perez einen so wahrhaften Fieber-, Frost- und Schüttelanfall, daß er sich zu Bett legen mußte, worauf ihn dann nach geraumer. Zeit ein tiefer, traumloser Schlafe umfing, der alle eingebildeten und wirklichen Leiden, des alten. Jungen in ein paar glückliche Stunden gänzlicher Gefühl- und Bewußtlosigkeit auflöste. Gegen Abend erwachte er, Lurch den langen, ungewohnten Schlaf gekräftigt und neu gestärkt; nun meldete sich auch ein ganz ungewöhnlich gesunder, bislang unterdrückter Appetit, aber, aber — wer nicht arbeitet, soll nicht essen, hat auch in den meisten Fällen nichts dazu. Diesmal bewahrten Glück und Mutterliebe den Tagedieb noch vor Hunger und Not. Frau Röschen erinnerte ihren Sohn, daß das Sabbatgeschenk der Doktorin, der Korb mit allerhand Leckereien, iwch unberührt im Wandschrank stehe, er möge doch die guteil Sachen nicht ungenossen verderben lassen und zur Kräftigung seines schwachen Magens verwenden. Bei Erwähming des Korbes stieg Perezens Fieber wieder zum Paroxismus, — Himmel, wenn er des Nachts rechtzeitig an den Wein in diesem Korbe, der zur Herstärkung für die Kranke bestimmt war, gedacht hakte, dann hätte er nicht znm 'Apotheker zu laufen brauchen und hätte von all dem Gräßlichen nichts erlebt. . . Er rang die Hände, weinte u nd schrie, — die Mutter, erschreckt über sein entsetztes Aussehen, begann zu jammern und wollte bei den Nachbarsleuten, um Hflfe rufend, anllopfen, da stieß die Schusterftan die Tür auf und sagte: „'Allmächtiger, was ist hier los? Das hört sich an, als ob einer umgebracht würde . . ." „Nichts, nichts." „Weil Ihr so jammert und schreit." „Ich habe Kopfweh," murmelte Perez. „Ei, da mußt Du Zitronenscheiben "auflegen und rohes Sauerkraut," rief die Schusterin gutnüitig. „Des 'Amtsrichters Pelagia hat es meinem Jnjn einmal geraten, dem ward es auf der Stelle gut; ja nun," fuhr sie geschwätzig fort, „wißt Ihr schon, daß die Pelagia weggelanfen, stockstill in der Nacht, auf und davon? Ich kann mir wohl denken, warum siie ausgerückt ist." „Raus, raus," schrie Perez, am ganzen Leibe zitternd, und schlug der erschrockenen Frau die Tür vor der Nase zu. Die Nachbarin stand tiefgekränkt auf dem Flur und bot mit schallender Stimme unter allen Tieren des Feldes die düimnsten und niedrigsten auf, um sie mit dem unmanierlichen Wasserträger zu vergleichen, dann besann sie sich eines andern, schlich schweigend zu der ungastlichen Tür zurück und legte behutsam ihren Kopf an das Schlüsselloch. „Was hat er nur mit dem Wein? . . . So, so, fortgelaufen ist er des Nachts!" Sie konnte jedoch aus seinem Lamento nicht recht klugr, werden, schloß aber, da sie Perez immer wieder um den Wen», jammern hörte, daß ihr Mietsmann wohl über Nacht ein Trunkenbold geworden sei, daß sie ihrem Manne klagen werde, wie sie der Wasserträger ungehörig behandelt habe, nicht zuletzt meinte sie, daß es diesen Juden sehr wohl erginge, wenn sie Wein trinken könnten, andere Leute hätten »ur Brunnenwasser oder Zichorienkaffee. Perez nahm sich endlich zusammen, beruhigte seine Akutter, so gut er es verstand, aß und trank und' ließ sich's wohl sein, ja, ein Gläslern Wein, das er auf dringendes Verlangen der ..bekümmerten Frau leeren mußte, niachte ihn wieder ^ganz fidel, er hatte freilich keine Llhmmg, daß ihn durchs Schlüsselloch ein paar:~ gierig funkelnde Augen beobachteten. Warum versteckte er sich? Bor was fürchtete er sich denn? Seine Hand war rein. Mer auch einer fremden Schuld bewußt sein, verniag ein Gewissen zu beschweren. So kämpfte Perez einen harten Kampf zwischen der Furcht vor den Menschen und der Furcht vor der Not um des Lebens Unterhalt, schließlich siegte die Sorge, seine Mutter durch längeren Müßiggang noch mehr zu betrüben, und drängte ihn, seinem Alltagsgeschäst nachzugehen. Mit einem Gefühl dumpfer Verzweiflung schnallte er die Tragriemen um und trottete um Stunden später, als es sonst seine gewöhnliche Zeit war, zum Brunnen. „Perez, wo hast Du gesteckt?" „In meiner Haut," murrte er verdrossen. Da ließen ihn die Neugierigen laufen; man hatte heute Interessanteres vor, als sich um den Narren zu kümmern; war doch die ganze Stadt voll von JuleE Töd. Ueberüies ging Perez hätte seinen besten Freunden aus dem Weg, vermied, sich in ein Gespräch einznlassen und strich scheu die Häuser entlang.