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Neue jüdische Presse · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gttte 4. - - Wie er zum dritten Mate seine Brunnentour antrat, wurde es auf dem Ringe lebendig. „Was kommen sie da an zu laufen und' zu gehen?"-fragte er sich mißmutig und wollte in eine Haustür dem„Gedräng" entschlüpfen, — es war zu spät, er vermochte cs nicht mchr. _(Fortsetzung folgt.)_' 1« W. Albepf, Optik Fltsn. PJncenez DonbI6 AL. 7.50, Nickel JJk. 4.00. UsissfraueiiBtrMsa II, Eike Nene Mainzersfcrasse. Die Schuld der Vater. Bon Frau Therese Pomeranz-Elberfeld. „Golde, Du machst mir zwar große Konkurrenz, aber ich kami niemand leiden sehen. Fehlt Dir etwas? Warum trocknest Du Dir so oft die Augen?"• „Gott behüte, mir fehlt nichts, die Kälte ist cs, die mir das Wasser in die Augen treibt. Es ist aber auch lange nicht mchr so kalt gewesen." - „Ja, gewiß, es ist ja auch ein Schaltjahr. Meine selige Mutter nannte den zweiten War Weadar. — Hast Du schon jomtofdig Mchl, Golde?" „Jomtostiig Mchl? Nein, ich habe noch keins." „Mein Lemel hat mir gestern sehr, schönes. Mehl mitgebracht. Er hat bei Reb Schmelke beim Ablaven geholfen, uird da hat er Las Mchl verdient." „Ich habe noch Zeit," sagte Golde, die Höckerin, zu ihrer Nachbarin, und wieder trieb ihr die Kälte Wasser in die Augen. ' * „Maische, es sind nur noch zwei Wochen zu Pesach, — ich sehe nicht, wovon wir Jomtof machen werden. Wenn Du die Mazzes besorgen könntest, etwas Rosinen für Wein und andere Kleinigkeiten, da wird mir Gott schon helfet! müssen." „Ja, ja, Frau, Mazzes und Wein, das muß sein," sagte Maische Daitsch. In Wirklichkeit aber wußte er nicht: „Woher nehmen und nicht stehlen". . * - Morsche Daitsch war der Sphn des Leib Posche. Tiefer Mami hatte sich nicht gescheut, die- Fleisch- und Lichtpacht in seiner Heiqiatstadt zu mieten, was mancher Christ abgelehnt hatte, um die ärmere jüdische Bevölkerung, die einmal in der Woche ein Stückchen Fleisch atz, nicht zu quälen. Und gequält hatte Leib seine armen Glaubensgenossen bis aufs Blut. Jeden Freitag Abend ging er mit seinem Weibe in die ärmsten Hütten, riß den Schaletofen auf und nahm Las Fleisch mtt den Töpfen, wenn er glaubte, daß mchr im Topfe sich befand, als verzollt worden war. Achnlich machte er es mit den Lichtern. Leib Posche war weit und breit der verachtetste Mensch unter der jüdischen und christlichen Bevölkerung. Doch das Uebel ging seinem Ende entgegen. Ter junge Kaiser Franz Josef bestieg den Thron in Oesterreich, — und die Fleisch- und Lichtpacht wurde abgeschafft. Der" Bann aber über Leib blieb bestehen. Cr wurde nicht zuMinjan genommen, sein Neugeborener würde auf der Schulschwelle ge-üdischt, und einige Jahre später wurde Leib hinter dem Friedhosszaun begraben. . Sein mitschuldiges Weib sah ein, daß sic hier weder Schutz noch Stütze zu erwarten habe; so packt: sie ihr Bündel, nahm den kleinen Maische und zog von dannen. Kein Mensch fragte wohin. — — Jahre vergingen. — — — — Eines Nachts, als die Besucher des Wochenmarktes einer tztachbarstabt vorbeifuhren, sahen sie Licht in ,Leibs seit dessen Tode unbewohnten Hause. Dieses Ereignis wurde gleich dem Raw mitgcteilt, und Jzchak Schammes mußte sich noch in derselben Nacht überzeugen, ob die Nachricht wahr sei. Jzchak war nicht ängstlich. Er nahm des Rcbben Stock und schritt tapfer der Schustergasse zu, wo Leibs Haus stand. Jzchak klapste an die Tür: „Friede mit Dir, Leib, der Raw läßt Dir sagen, wir alle sind Dir manche!, Dn mögest Deine ewige Ruhestätte aufsuche»!" Doch cs war nicht Leibs Geist, sondern sein Gebender Nachkomme, der erschien. „Mein Ranie ist Moses Kclbasnik. Womit kann ich dienend „Wer bist Du?" fragte der Schammes. „Ich bin der rechtmäßige Erbe und Besitzer dieses Hauses," antwortete Maische. „Du bist also nicht Leib Posche?" -„Ten Herrn habe ich nicht die Ehre zu leimen." Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ganz enttäuscht brachte Jzchak dem Raw den Bescheid, in Leibs Hause wohne ein Daitsch, den er kaum verstanden und der ihn kaum verstanden habe. Der Raw schüttelte den Kopf und wünschte: „Gott möge alles zum Guten wenden". Seit der Zeit sah man den Daitsch ein- und aus- .gchcn. Aclterc Leute erkannten in ihm Maische, Leib Pösches Sohn. Arbeit gab es für Maische Kelbasnik im Städtchen keine, ocnn Schloime Schuhmacher versorgte seit Jahren die Gemeinde mit neuen Schuhen und Reparaturen. Es würde keinem eingefallen sein, Schloimc die Arbeit zu entziehen und sie Leibs Sohne zu geben. So lag Maische die »leiste Zeit aus der Ofenbank ausgestreckt und ivartetc, bis irgend ein Bauer ein paar Sohlen nötig hatte. Auch jetzt als Familienvater ging cs ihm nicht besser. Golde rackerte sich ab und ernährte ihn und die Kinder. Der Parncs, ein älterer Mann, dachte oft mit Gruseln an Leib Posche, wie er fast jedeil Freitag Abend seinenr Vater, einem armen Melamed, den ganzen Schabbos verstört hatte, indem er alles mittrahm, was im Schaletofen vorhanden war. Aus diesem Grunde glaubte er sich am besten zu rächen, daß er der Familie Kelbasniks jede Unterstützung verweigerte. So lag Molsche und' sann darüber nach, tvie er die Leute ärgern sollte, die die Kinder ftir ihre Väter büßen lassen. * * * „Nun sind es nur noch acht Tage zu Pesach, — wenn Du nicht für Mazzes sorgst, lass: ich mich von Dir scheiden! Tic Kinder muß ich sowieso ernähren, wozu brauche ich Dich. Unseliger!" schrie Golde. „Frau, sei still, Mazzes und Wein, das muß sein, muß sein!" „Wovon denn? Vom Herumlicgen? — Bist Du ein größerer Jichiks als Lemel? Waruni gehst Du nicht in die Stadt und hilfst beim Abladen?" „Ich bin Schuhmacher und habe in Preußen die Meisterprüfung gemacht, — soll ich denn Sackträger werden? Nein!" „Und ich habe Last, Euch das tägliche Brot zu beschaffen: einen Vorrat für acht Tage kann ich nicht zusammenbringen." Golde schrie, schalt und weinte, aber cs half nichts, die Antwort blieb dieselbe. * „Nun ist . cs ein Tag vor Ercw Pesach, wenn ich keine Mazzes habe, gehe ich in die Weichsel!" „Sieh, hier habe ich ein Paar Sohlen für den alten Kowalski, er zahlt gut, Du bekommst alles auf Heller und Pfennig." „Ein Paar Sohlen sollen Dir einen Pesach einbringen? Ah. Du denkst, das Fleisch und die Lichter entreißt man anderen Leuten, wie es gewisse Leute gemacht haben," schrie Golde bitter. „Sei still, mache mich nicht dafür verantwortlich! Oder — — —" Moichc schlug mit dem Hammer auf die Sohlen ein, als ob er alle seine Beleidiger totschlagen wollte« * Ercio Pesach früh. Goldes Häuschen war blitzblank gescheuert, Tische und Bänke ge'aschert, und kein Krümchen Brot im Hause z» finden. Aber auch kein Krümchen Mazze. Es war zwar keine Kälte mehr und auch kein Weadar, aber Weh im Herzen, und Golde zog wieder das Tuch und trocknete sich oft die Augen. Frau Goldhabcr hatte ein neues Kleidchen für Jettchen geschickt, einen Kock stir Jankete, ein Dutzend Eier und ein ansehnliches Kalbsgckröse. Goldes ehemalige Tienstherrin dächte bei allen Gelöbnissen an ihre frühere Köchin, die sich den unseligen Daitsch nicht aus dem Kopfe schlagen konnte und dafür jetzt so schwer büßen mußte. Golde hatte ein jomtofdig Mittagessen für die Kinder fertig gcniacht, — und die waren mindestens so glücklich wie die Kinder des Parncs. Moischc war schon in aller Frühe mit den gesohlten Stiefeln fortgegangcn, es war schon über sechs Stunden her, wo blieb er nur so lange? Die Sonne sank, der Abend nahte, Maische war nicht da. Goldes Gewissen sing an zu schlage». Hatte sie sich an ihm versündigt? War ihn, etwas zugestoßen? Golde schaute zum Fenster hinaus. Reb David ging schon im Streimel. Da bekam die arme Frau Weinkränipsc. Sie schlug die Schürze vors Gesicht und schluchzte herzzerbrechcnd. \ . Nr. 15 .Lieber, allmächtiger Gott, gib ihn mir gesund wieder, er ist ja der Vater meiner Kinder. Ich will von Tür zu Tür betteln gehen, er kann ja nichts dazu, daß er keine Arbeit bekommen kann." Jettchen setzte sich still auf einen Schemel der Mutter zu Füßen „nd weinte mit, ohne zu wissen warum. Jankele dagegen künnnerte sich heute uni Gott unt» die Wett nicht. Wer war ihm heute gleich? Ein fleischig Mittagessen und ein neuer Rock waren sicher keine alltäglichen Ereignisse. Er begriff die Mutter nicht und die Schwester noch weniger. Er hatte einige Male gerufen: „Jettchen, komm, wir wollen Spaß machen," aber als Jettchen der Mutter ins Gesicht sah, konnte die Freude bei ihr nicht recht anskommen. So gab der Junge seiner Freude doppelten Ausdruck, er llettcrte über Tische und Stühle, Schränke und Bänke ivie eine wilde Katze. Als er alles ordentlich bearbeitet hatte, stieg er aufs Fenster. Seine Mutter kümmerte sich ja heute ausnahnisweise nicht uni ihn. Golde sah und hörte nichts, ihre Tränenquelle tvar versiegt, zu denken war sie nicht mehr imstande. Was wollte sie tun? Chomcz essen ooer von Tür zu Tür gehen, sich Mazzes erbetteln? Bcivcs war bitter wie der Tod. Da stieß Jankele einen Schrei aus und tvar mit einem Satze zum Fenster hinaus. Die arme Mutter sprang auf und eilte ans Fenster. „Jankele, Kind, um Gotteswillen!" Wie der Wind sauste der Junge davon. „Der Vater, der Vater, er bringt was! Hei, wie reich sind lvir doch!" Und in der Tat, Maische schleppte an einer Karre, die mit einem ungeheuren Kasten beladen war. Golde glaubte zu träumen, sie sah sich im Zimmer um, kein Teil stand an seinem gewohnten Platz. Sie rieb sich die Augen, befühlte sich. „Schlafe oder wache ich?" Dann nahm sie eine Nädel und stach sich in den Finger! „Wenn ich schlafe, so muß ich doch endlich rrwachen." Doch sic blutete und es tat ihr weh. „Ich bin doch wohl tvach," sagte Golde. Jetzt hielt ihr Mann vor der Tür, stellte die Karre hin und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Maische!" Er lachte mit dem ganzen Gesicht und reichte ihr eine große Flasche Rosincntvein, ein Paket Kerzen und noch Verschiedenes. „Mann, wie kommst Du zu all den schönen Sachen?" „Auf die allcrfeinste Art. Als ich die Stiefel abgeliesert hatte, reichte mM Verdienst kaum für ein Brot, aber keineswegs für Mazzes für die ganze Familie. Da dachte ich mir so: Sollte die ganze Gemeinde so denken wie der Parncs, nun, dann esse» wir eben Choinez." „Chas wcscholem," schrie Golde. „Ja na, so höre doch. Ich wartete den ganzen Tag in der Stadt, bis die „Vornehmsten" zur Schul gingen. Dan» holte ich mir ei» Brot bei der Michalina, nahm cs unter den Arm und ging durch dir Herrcngassc an Reb Elieser Dajon vorbei. Er sah mir eine Weile nach, dann kam er eiligen Schrittes hinter mir her. Ich tat, als sehe ich nichts und dachte mir: „Eine Ohrfeige bekommst Du jetzt, aber Mazzes ganz gewiß auch!" Und wahrhaftig, Reb Elieser traktierte mir eine, die war nicht von schlechten Eltern. „Posche," schrie er mich an, , sollen wir alle durch Dich gestraft werden? Am Pesach willst Du Brot essen?" „Reb Elieser," sagte ich, „sollen meine Kinder verhungern, iveil mein Vater ein schlechter Mensch, tvar? Warum gibt man mir keine Arbeit? Mein armes Weib rackert sich ab und bringt uns das tägliche Brot, auf Mazzes hat es eben nicht gereicht, und Hunger tut loch, Reb Elieser!" Da liefen ihm die Tränen i» den grauen Bart. Er nahm mich mit ins Beth-Hamidrasch und hat ihnen dort eine Rede gehalten — ich sage Dir, Golde, alles tvas Füße hatte lief und holte Mazzes herbei. Dein alter Dienstherr gab mir den Wein, und ich mußte versprechen, Seder zu machen. Und Arbeit soll ich mir bei allen holen nach Pesach." Jetzt kamen bei Golde die Tränen wieder, aber cs . waren Freudentiäneii, denn sie ging einer frohen Zu kirnst entgegen. „Na, sagte ich es nicht, Mazzes und Wein niusi sein!" 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