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Neue jüdische Presse · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. knüpfen, sind nicht Rinder zahlreich und'bedeutsam wie die nationalen. In der Sorge um JÄusalem ntuß sich das ganze Jüdelttum Lusammenfinden; hoffen wir, daß der warme Appell Ussischkins diese Wirkung erzielen wird! Brief a«s der Türkei. Wie bekannt, wurde hier ein „Komitee zur .Beschütznng der Rechte der Mohammedaner, Juden und Kutzv-Wallachen" konstituiert. Dieses Komitee schickt jetzt eine dreigliedrige Mission nach Europa, um für die Idee einer Autonomie Mazedoniens die europäischen Diplomaten zu gewinnen. N i s s i nt Betz Russo, Mitgliü»! dieser Mffion, äußerte sich u. a. wie folgt: „Für die jüdische Bevölkerung Mazedoniens würde die Herrschaft der Balkanregierungen eine ökonomische Vernichtung bedeuten. Saloniki, die größte jüdische Gemeinde des Orients, ist bereits vom Untergang bedroht. „Unser so blühendes Saloniki stirbt ab!" das ist das Geschrei, das vom Herzen aller Saloniker hervordringt. Die schönen Zeiten der türkischen Herrschaft werden immer bedauert werden. Russo hofft, daß Frankreich für ein selbständiges Mazedonien sein werde, denn Saloniki und Umgebung sind der Sprache nach säst französisch, und diese französische Interessensphäre würde nur durch ein selbständiges Mazedonien gewahrt. Russo schloß nüt folgeren Worten: „Falls wir dieses Mal mit leeren Händen zurückkehren, saget allen, die sich für das Schicksal Mazedoniens interessieren, daß die Geschichte heute oder mvrgen sprechen, daß Mazedonien, trotz allem, den Mazedoniern zurückerstattet wird." Nissim Bey Russo ist ein gut national gesinnter Jude und war einige Zeü Präsident des bekannten Gemeindevorstandes, der in allen jüdischen Schulen cm national-pattioüsches Programm einführen wollte. Er hat sich auch als Vorkämpfer für die Freiheit und Kvnstitrttion in der Türkei auszeichnet und kann man ihn zu den türkischen Freiheitshelden rechnen. — Ueber das Los der zwei bekannten Verfügungen .. „Palästina" betreffend haben wir folgende Informationen beim Großrabbiner erhalten: Die genannten Verfügungen müssen, bevor sie zum Staatsrat gelangen, dem Großvesir, der die Ansicht des Ministers des Innern darüber verlangt, überreicht werden. Um diese Affäre zu beschleunigen, wandte sich der Großrabbiner direkt an Hadji Adil.Bey, Minister des Jnnerir. Derselbe war fast die ganze Woche unwohl, und erst diesen Donnerstag fand Hai in Na hum Effendi den Minister. Hadji Adil Bey, der im Kabinett von Hcklli Pascha im Parlamente, bei Gelegenheit der bekannten Angriffe gegen drin Zionismus, für die Aufrechthaltung des roten Zettels war (um die gegnerische Partei zufriedonzustellen), drückte dem Grvßrabbiner seine Meinung dahin aus, daß der geeignete Moment für die Aufhebung des roten Zettels und des Landankaufsverbots, die auch er als ungerechte Maßregel betrachtet, noch nicht gekommen sei. Der Großrabbiner aber bestand' darauf, die zwei Verfügungen dem Staatsrat zu unterbreiten und ersuchte den Minister, die Sache zu beschleunigen und zu unterstützen, wodurch die tür-- kffche Regierung nur die Sympathien aller jüdischen Kreise im Auslande verstärken werde. Hadji Adil Bey versprach, alles mögliche zu tun. Heute, Freitag, schrieb der Großrabbiner wieder. an den Minister. des Innern, um ihn cur sein Versprechen zu erinnern. — Die hiesige Kommission zur Hilfe der jüdischen Flüchtlinge, iwren Zahl sich auf 3200 beläuft, ist sehr besorgt um die Zukunft ihrer Schützlinge. Die Mittel weäen immer seltener und die Bedürfnisse intmer größer. Die hiesigen reichen Juden, mit Ausnahme einiger, haben sich diesmal durch ihren Geiz übertroffen. I. Kantorowitz. Kongreß ostjüdischer Sindentenvereine Westeuropas. In siebentägiger rastloser Arbeit tagte in Zürich ein Kongreß ostjüd. Studentenvereine Westeuropas. „Der sittliche Ernst, der die Verhandlungen beherrschte" — schreibt die Prager „Selbstwehr" — „das Gefühl höchster Verantwortlichkeit, das die Delegierten leitete, das ungemein hervorragende geistige Niveau, auf dein sich Frankfurter Israelitisches Familienblatt. - die Diskussion 'bewegte, die besondere Wichtigkeit der zur Verhandlung gestellten Materien, der sich sreüoillig auferlegte Zwang, über alle Parteischattierungen hinweg nur das zu ^berühren, was alle eint, alles Trennende und Demonstrative aber auszuscheiden, —, muß inan sich schämen zu gestehen, daß man nicht gonug verhärtet war, nicht zu unterliegen einer Stimmung von Heiligkeit, die alle erfüllte?" Mathias Achcr (Nathan Birilbamii) wurde unter geivaltigcn Beifallskundgebungen ziiin Ehrenpräsidenten gewählt. Bon den Begrüßungsansprachen seien hier die Dr. Du katsch's, des Bertteters des „Bundes Mischer Korporattonen Deutschlands", und Bert hold Feiwel's, des Spezialdelcgierten des Zion. Aktionskomitees, festgehalten. Dr. Dukatsch führte aus: Wir kämpfen mit jedein Teile unserer Persönlichkeit gegen die Assimilation des Mlieus, mit aller Kraft unserer Seele und der Gewandtheit unserer Organisation, unsere Nation zu stärken und aufrecht zu erhalten. Und wenn ttrir zu Ihnen noch nicht kommen können,. ivcil wir zum größten Teile nicht jüdisch könne» und zum größten Teile nicht hebräisch können, so glauben wir trotzdem, nationale Juden zu sein. In dem Augenblicke, da ich zu Ihnen spreche, schissen sich in Triest, den Rucksack auf dem Rücken, nach Erez Israel meine Bundesbrüder ein, die — vor gar nicht zu langer Zeit noch äußerlich und innerlich dem Judentum entfremdet — heute ihr ganzes Sein der nationaljüdischen Idee widmen. B e r t h o l d F e i w e l, der mit Buber und Weißmann vor einem Jahrzehnte ' an der Gründung einer jüdischen Universität arbeitete und durch den Ausbruch: der Pogrome an der Verwirklichung dieses Plaues gehindert wurde, konnte die Botschaft bringen, daß in irgendeiner Form der Plan einer jüdischen Universität in nicht allzu ferner Zeit konkrete Gestalt annehmcn werde. Vorläufig aber sollte an die Gründung einer Ferialhochschnle für ostjüdische Studenten gegangen werden, für welche Institution sich — wie er ebenfalls versichern könnte — bereitwilligst Kräfte zur Verfügung stellen würden, an die man bis heute noch niemals gedacht hatte. Für die zu schaffende studentische Zentralbibliothek empfahl er, alle jüdischen Verleger und Zeitungshcransgeber zur unentgeltlichen Ablieferung eines Excmplares jeder erscheinenden Druckschrift zu verpflichten. Der eigentliche Kongreß begann mit einem Referate Mathias Acher's über „Die Ziele studentischer Vereinigung." Redner führte aus: Keine der bestehenden Parteien wird die Judensrage gänzlich lösen, und jede der bestehenden Parteien hat ihre Existenzberechtigung. Man soll auch in den Diaspora-Ländern arbeiten, in allen Parteien und in allen Achtungen, in der wirtschaftlichen, kulturellen, emigrationistischen, kolonisatorischen nsw. „Es soll Frieden in Israel sein, es soll eine fruchtbare Arbeit entwickelt werden, cs sollen nationale Taten da sein, nicht nur nationale Phrasen uns begeistern." Dann folgte Gordon-Heidelberg mit einem Referate über „DicOrganisicrung der Kulturarbeit." Er verlangte Austausch! von Kräften, Wanderzyklen über jüdisch-wissenschaftliche Themen, Anlegung eines Zentral- -katalogcs, Wanderbibliotheken, die Schaffung eines jüdischen Bädccker, der dem jüdischen Reisenden ein Führer durch alle mittelalterlichen Goluthstäüen (Worms, Heidelberg, Frankfurt, Prag, Mainz) sein soll, die Herausgabe eines eigenen Organes für die akademischem Interessen der jüdischen Studentenschaft, Jahrbücher über die Wissenschaft des neuen Judentums, Subventionierung von Döktordisscrtationen nsw. Dem Referat schloß sich eine lange, die Materie gründlich behandelnde Debatte an. Singalowsky sprach über ,O>ekonvmische A r b c i t." An den westeuropäischen Universitäten bestehen „russische Unterstützungskassen." Soll nun der' mene Verband seine ökonomische Tätigkeit diesen von Juden erhaltenen „russischen," de facto aber jüdischassimilatorischen Kassen koordinieren oder besondere spezifisch - jüdische gründen? Man kam überein, in den Städten, wo eine .„russische" Kasse besteht, ans ihre „Judaisierung" zu wirken, ivo noch keine existiert, rein jüdische Unterstützungsvereinc zu gründe» und eine Zentralkasse zu errichten, die den einzelnen auf Empfehlung seines Vereines unterstützt. Zn dem Punkte „Standcsfragen des jüdischen Akademikers" referierte R o h a ch-Berlin, nachdem früher schon in Sonbersitzmlgen der Delegierten aus den reichsdcutschcii Universitätsstädten über die „Klinikerfrage" beraten worden war. Rohach wendete sich gegen die Karlsruher Konferenz, die vor einigen Wochen tagte und die „Klinikersrage" als eine „russische", eine „Frcmdenfrage" behandelte, während sie in Wahrheit nur einen Teil der allgemeinen Judensrage bilde. Zum Schlüsse gab sich der neue Verband ein Statut. Es wurde ein jiebengliedriges Zentralkomitee gewählt mit Berttetern aus Berlin, Darmstadt, Sttaßburg, Heidelberg, Zürich und Lausanne. Der Kongreß tagt alle zwei Jahre. Die offizielle Vcrbandssprache ist jüdisch der „Jüdische Student" erscheint vierzehntägig in jüdischer, und hebräischer Sprache, wenn möglich ivöchentlich, dient den Vereinen als Jnforinationsorgan und behandelt alle die Interessen des jüdischen Studenten berührenden Fragen. Delegiertentag des jüdischen Frauenbundes. Die Organisation der Jüd. Frauenvcreine Deutschlands, der Jüd. Frauenbund, hielt vom 18.—20. März in Leipzig seinen 4. Delegicrtentag ab, zu dem 70 Delegierte erschienen iparen. Nr. 13 Die 1. ' Vorsitzende, Bertha Pappe nheim- Frankfurt a. M., eröffnete die Tagung'und begrüßte die Erschienenen. Gemeindevorsteher David Magnus hieß die Gäste willkommen, und die Seniorin der deutschen Frauenbewegung, Frau Dr. HenrietteGoldschmidt, die Begründerin der Leipziger Frauenhochschnle, sprach in ergreifenden Worten: „Der Lebensinhalt eines "Volkes ist die von ihm geschaffene Kultur.' In Deutschland gibt cs kein Gebiet — nicht nur materieller, sondern auch geistiger Art —. auf dem das Judentnin fehlt. So sind auch die jüdischen Frauen eingetreten als Mitarbeiterinnen in die gemeinsame Arbeit der deutschen Frau. Der" Genius des deutschen Volkes ist auch der unsrige, aber heilig ist und bleibt unsere Vergangenheit..." Die Schriftführerin des Bundes, Henriette M a y - Berlin, erstattete den Geschäftsbericht, aus dem hervorgeht, daß z. Z. 160 Vereine und 10 Ortsgruppen angeschlossen sind; eine Repräsentation von 32 000 jüd. Frauen! Gemeinsani mit den anderen Konfessionen wurde ein Plakat mit Schutzadressen für allei»- reisende Frauen und Mädchen geschaffen, daß in allen Eisenbahnabteilungen 3. und 4. Klasse in ganz Deutschland ausgehängt. Eine deutsche und eine Auslands - Liste mit Schutzadressen sei ansgearbeitet, ebenfalls das Muster eines Dienstvcrtrags für jüd. Hausangestellte. In den großen konfessionellen und interkonfessionellen Organisationen wurde nritgearbeitet. Der von der Kassensührerin, Frau Dr. M. Frankl- Berlin, erstattete Kassenbericht zeigte einen normalen Stand und eine» Jahresumsatz von 6000 -kL Es folgte das Referat von Frl. P a p p e n h e i m - Frankfurt a. M. „Aus unseren! P r o g r a in in". Die Referent«! gedachte der Entwicklung des Jüd. Frauenbundes, der sich ansangs auf einen kleinen Kreis beschränkte, sich aber seit "seiner dritten Tagung in München als ein wichtiger Faktor lit der allgenieinen Deutsche» 'Frauenbewegung erweist. Das lebendig gewordene 'Bundesprogramm zeigt in der praktischen Arbeit als Hauptaufgabe das Streben, die traditionelle Wohltätigkeit in eine rationelle Wohlfahrtspflege umzuivandeln. Bundesaufgaben, die von Einzelvereinen eines Ortes nicht gelöst iverden könne», sind: die Errichtung und Erhaltung des Heims in Neu- Isenburg für gefährdete Frauen und Mädchen, die Stellenvermittelung, die Jugendfürsorge und Jugendpflege sowie die Teilnahme an der Bekämpfung des Mädchenhandels. Der ideale Teil des Programms soll die latente» Kräfte der jüdischen Frauen lebendig machen, um den Wunsch zu erwecken zur Mitarbeit an der Erhaltung der jüdischen Eigenart, der Frau das geistige Leben zugänglich zu machen, dainit sic, auf dem Boden jüdischer Ethik stehend, Trägerin deutscher Kulturarbeit werde. Am Nachmittag nach der Prüfung der Delegationen sprach zuerst Frau Anna Ne u in nun- Leipzig über „Die jüdischen W ohls a h r ts e in r i ch tu n g en Leipzigs". In ihrem Referat „Z u r S ch ä ch t f r a g c" gab S i d o n i e Werner- Hamburg die Begründung, warum der jüdische Frauenbund sich an seinem Dclegiertentage mit der Schächtfrage glaube beschäftigen zu müssen. Er sei durch die Vorgänge auf dem Kongreß in München der „Ortsgruppe des Bayrischen Landesvereins für Frauenstimmrecht" gezwungen, die Schächtfrage nach alle» Richtungen hin zu beleuchten, um die jüdischen Frauen urteilsreif zu machen. In der Ausführung erwähnte die Rednerin, daß die Anhänger der fleischlosen Kost die Schlachtviehtötung auf die einfachste Weise lösen, indem sie das Gebot „Du sollst nicht töten" auch auf die Tiere übertragen. Sie verbreitete sich ausführlich und in anschaulicher Weise über die Schächtnngsart nach vorhergehender Betäubung, sprach von Schlachtmaske, Schlachthackc, Kngelschußapparat und auch voii der Elektrizität als Betäubungsmittel und dem Genickstich. Sie kam nach eingehendster Beleuchtung zu dem Resultat, das; eS tief zu bedauern ist, daß die große und gerechte Frauenstimmrechtssache mit diesen häßlichen Angriffen auf ein religiöses Gebiet verquickt werde. Man mag, was die Speiscgesetze anbettisst, in religiöser Beziehung sür seine eigene Person einen andern Standpunkt einnehmen, wie das jüdische Religionsgesetz ihn vorschreibt, aber hier heißt es frontinachen gegen Gehässigkeiten, hier heißt es sich die Hände reichen zum Bunde, zum Schutze einer angegriffenen Minorität. Es folgte eine lange Diskussion, und es wurde sodann folgende Resolution einstimmig angenomnien: „Die 4. Delegiertenversammlung des Jüdischen Frauenbundes, Leipzig, 16.—18. März 1913 erklärt: 1. Das Schächten ist ein jüdisches Religionsgesetz. 2. Das Schächten ist nach den Urteilen von Sachverständigen der Physiologie, der Medizin, der Tierheilkunde und von zahlreichen Schlachthosdirektoren eine einwandfreie, den andern durchaus gleichwertige Tötungsmethode. 3. Die. jüdische Religion verurteilt jede Tierquälerei auf das jchärsste. Den ersten großen Abendvortrag hielt Frau Paula Ollendorfs-Brcslan über „Jüdische soziale Hilfsarbeit". Sic sprach von den Bruderpflichten jedes Juden gegen seinen armen Stamnlesbruder, von der Nottvendigkeit sozialer tzilssarbeit, von der Fürsorge über die Arbeitssuchenden, den Strafgefangenen, über die schulpflichtige und schulentlassene Jugend und schließlich über die Fürsorge an den seelisch und körperlich Siechen und Kranken. Die jüdische soziale Hilfsarbeit gab den gemeinsamen Boden ans dem sich alle zusammenfanden. Gerade in dieser Zeit der Parteiiuig und Schattierungen schärft sie das jüdische soziale Gewissen auch derer, die heute nur ein lockeres Band mit dem Judentum verbindet; sie kann kein Abschliehen von der Gesamtarbcit zur Folge haben, weil die Gesundung des Teiles notwendig ist zur Gesundung des Ganze». *

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