Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der blutige Krieg am Balkan neigt fcinemt Ende zu. Die Tripelallianz hat ihr längst gestecktes Ziel, die sich verjüngende Türkei Au schwächen, vermittels der losgelassenen kleinen Balkantiger erreicht. . Nun ist es an der Zeit, in die Friedensposaune zu blasen. Noch ist die Humanität —die Menschenliebe und die Brüderlichkeit — nicht ausgestorben. Nicht umsonst baut man auf die zivilisierten Großmächte Europas, auf die Völker Christi. . . Ein Volk von den ruhmreichen Traditionen Rußlands kann unmöglich ruhig dem Blutvergießen Zusehen, besonders nicht die „echten" Russen, die „Schwarzen Hundert", die Stützen des Zarenthrones. . . Und gar das humane England, die Schirmerin der Schwachen und Entrechteten, die anerkannte Pächterin der Humanität. Also das Friedenswerk der humanen Großmächte — im Vordergründe Rußland und England — ist im Gange, und es ist berechtigte Hoffnung vorhanden, daß das huniane Werk zur allseitigen Zufriedenheit zu Ende geführt wird. Die Türkei wird zahlreiche Provinzen verlieren und wird der Last und der Sorge deren Verwaltung enthoben. Der Heißhunger der Balkantiger wird wenigstens für eine Weile gestillt. . . Die Juden und Muselmanen Mazedoniens und Thraziens werden vom „Joch" der „barbarischen" Türkei befreit und werden gar bald das „große Licht", die tausendfachen Wohltaten der christlichen Liebe Griechenlands, zu sehen bekommen. . . Und vielleicht glückt es gar, mehrere Tausende von Juden nach dem humanen Rumänien zu verpflanzen! Welch' glänzende Perspektive! Welch' segensreiche Tat! * Und doch gibt's Nörgler, die es fertig bringen, an diesem glorreichen Humanitätswerke der Tripelallianz zu mäkeln; besonders in bezug auf uns Juden! - — '. Der erste, der es wagte, hervorzutreten, war Oberrabbiner Dr. M. Ehrenpreis in Sofia, der sich mit einem Memorandum an die Gesandten Europas wegen des Loses der Juden in dem eventuell an Rumänien abzutretenden Landstrich wandte. Ihm folgten der gewesene italienische Ministerpräsident Luigi Luzatti mit einem scharfen Artikel in der bekannten römischer Zeitung „C o rr i e r e del a s e r a" und Dr. Paul Nathan im „Berliner Tageblatt". Beide erinnern daran, daß Rumänien, das kraft des „Berliner Vertrags" an die Großmächte behufs Zuerkennung der Silistra-Provinz appelliert, selbst diesen Vertrag verletzt, da es den Artikel 44, der ausdrücklich die Gleichberechtigung der Juden sanktioniert, völlig mißachtet. Ein Rabbiner, ein gewesener M i n i st e r- .Präsident und ein Leiter eines großen Hilfswerkes, — das sind wahrlich keine Revolutionäre, auch nicht „böse" Zionisten. . . Da. muß es doch mit der sogenannten „segensreichen Tat" des angestisteten Krieges für uns Juden schlimm bestellt sein! : Und wahrlich! es mehren sich die Stimmen, die da sagen, daß dieser Krieg überhaupt der mörderischste aller Kriege und das „setzensreiche" Werk von Anfang bis zu Ende eine verruchte Tat, eine .nie dagewesene Barbarei war! - Was aber die Juden Mazedoniens und Thraziens sowie die des Silistragebietös betrifft, so behaupten jene Leute, daß für diese die Ergebnisse dieses Krieges verhängnisvoll, geradezu katastrophal sind. Dieser Ansicht schließen sich auch die Juden der Kriegsgebiete an. So steht also Meinung gegen Meinung: die Meinung der Männer der „weisen" Regierungen Frankreichs, Englands und Rußlands gegenüber den Männern, die nicht weise genug sind, um jenen „weisen" Regierungen anzugehören. Und was das ohnehin schwierige Problem noch schwieriger gestaltet, ist das Moment der Erfahrung. So besitzt Rußland z. B. auf dem Gebiet der Katastrophen durch langjährige, permanente und intensive Pogrom-Tätigkeit an seinen 6 Mill. Juden reiche Erfahrung, und auf Grund dieser ihrer Erfahrung ist die „weise" Regierung Rußlands zu der festen Ansicht gekommen, daß Pogrome die größte Wohltat für den Thron, für die Regierung, für das Land, für alle Welt, die Juden inklusive . . . bedeuten. Pogrommacher und Pogromierte! Wessen Ansicht die maßgebendere ist? Ein schweres, sehr schweres Problem? * Doch genug des grausamen Spieles! Wenden wir uns zu dem Appell der obengenanntein Männer an Europa! Wird uns dieser Appell nützen, kann uns dieser Llppell nützen? Leider muß das Ergebnis dieses Ilppells in Frage gestellt werden! Gewiß hätte er von Erfolg gekrönt sein können, allein dazu fehlen die Voraussetzungen: das geschlossene, geeinte Volk! Sowohl Ehrenpreis als auch Luzatti und Nathan hatten zu ihrem Schritt kein Mandat, keinen Auftrag; was sie taten, taten sie aus sich heraus, im eigenen Aufträge! Denn fürwahr, wer könnte Mandate ausstellen? Doch nur eine jüdische Nation! Aber die Existenz einer jüdischen Nation leugnen viele Juden beharrlich; was man vom Judentum noch übrig lieh, ist die Konfession, und selbst diese ist gespalten. Eine Konfession aber darf sich nur um die konfessionellen Angelegenheiten ihrer Gesinnungsgenossen kümmern, nicht aber um soziale und, politische Dinge, und jene werden durch den Krieg nicht berührt. Und selbst in konfessionellen Sachen vermag eine Konfession, die keine alleinige Großsynode und nur noch Germanen, Franzosen, Italiener, Engländer, Ungarn, Polen, Tschechen, Slowaken, Ruthenen usw. usw. mosaischer Konfession aufzuweisen hat, nichts auszurichten. Wo ist die organisierte politische jüdische Einheit, die intervenieren vermöchte? Etwa die Jca mit ihren paar Notabeln oder die sich selbstwähl ende Alliance?, Und die Zionisten! Allein diese werden auf's schärfste bekämpft. Wer also soll Mandate ausstellen, wer soll bei dieser Zerrissenheit, Selbstentmannung und Degeneration intervenieren? Niemand! Und so wird Europa über die Rechte der Juden zur Tagesordnung schreiten. Alle Kleinen und' Kleinsten werden, erworben und unerworben, reiche Beute heimtragen, nur die Juden gehen leer aus und bleiben die Beraubten, die Bügelfreien! Es ist ein Jammer, zu sehen, wie ein kluges Volk sich selbst zerfleischt und entmündigt! Dies ist der,Fluch, der auf den Klugen, Hyperklugen lastet. Wie lange noch? Ans de» Ereignissen des Tages. Die Sorge um Jerusalem. Keine Stadt Palästinas ist von der nationalen Bewegung mehr vernachlässigt worden als Jerusalem. Während in Jaffa ein neues, prachtvolles, jüdisches Viertel entstanden ist, während in Haifa sich das Gebäude des Technikums erhebt, während man in die Kolonien europäische Ordnung und Sauberkeit hineinzutragen sich bemüht, ist Jerusalem bis heute ganz und gar das alte geblieben: nichts ist versucht worden, um den äußeren Aspekt der Stadt irgendwie zu verschönern und zu modernisieren. Die Gründe dieser so seltsamen Erscheinung, daß gerade für die Hauptstadt Palästinas, die Stadt, an die sich die glorreichsten Erinnerungen der jüdischen Vergangenheit knüpfen, bisher am wenigsten getan und gesorgt wurde, sind nicht weit zu suchen. Jerusalem mit seinen ChalukahjuÜen betfand sich vom ersten Tage an in scharfem Gegensatz zu allen ernsten sozial-kulturellen Bestrebungen. So. erschien es naturgemäß den Pionieren der Wiederbesiedelung Palästinas als das Zentrum des alten morschen Chalukahgeistes, als der natürliche Gegensatz all ihrer Bestrebungen. Und in der Tat, wer da weiß, welche Schwierigkeiten die Jerusalemer Judenheit allen Versuchen, dort Modernes Leben hineinzutragen, in den Weg gelegt hat, wird diese Abneigung gegen Jerusalem wohl verstehen. Andererseits jedoch ist nicht zu verkennen, daß an dieser feindlichen Haltung der eingesessenen Judenheit Jerusalems diejenigen unter den nationalen Vorkämpfern, die Jerusalem zu ihrem Betätigungsfeld gewählt haben, ebenfalls erhebliche Schuld tragen. Wenn man an Männer wie Bmr Jehuda und seinen Kreis denkt, wird man es begreiflich finden, daß die alte Generation für diese jungjüdischen Pioniere keine besondere Sympathie empfinden konnte. Wer aber auch die größere Schuld an dieser bedauerlichen Kluft tragen mag, die Tatsache besteht, daß Jerusalem bis heute in der unverantwortlichsten Weise vernachlässigt worden ist! — Diese Schuld wieder gut zu.machen, versucht jetzt das Odessaer Komitee unter der Führung des unermüdlichen Ussischkin. Dieser hatte jüngst, eine längere Reise nach Palästina .unternommen und hat dabei Gelegenheft gehabt, die arge Verwahrlosung Jerusalems selbst wahrzunehmen. Schon seit einiger Zeit wurden hier und da in der hebräischen Presse Stimmen laut, die ein lebhafteres Interesse für Jerusalem forderten; besonders, als vor einiger Zeit die Klagomauer des Tempels in Gefahr stand, vernichtet zu Wörden. Doch wurden diese Stimmen sehr rasch vergessen, und Positives ward nicht erreicht. Nun, da Ussischkin die Angelegenheit in die. Hand genommen hat, ist zju hoffen, daß eine wirkliche Besserung erzielt wird. Denn so, wie der Zustand Jerusalems jetzt ist, bedeutet er eine Schande für . unser Volk, das nicht einmal fähig ist, die glorreichste Stätte seiner Vergangenheit vor Verwahrlosung zu bewahren. Es ist — abgesehen von allen praktischen Vorteilen, die eine Modernisierung Jerusalems bringen wird — einfach ein dringendes Postulat vom Standpunkt der nationalen Ehre, der Hebung des Jerw salemer Stadtbildes in Zukunft mehr Sorge zuzuwenden. Hier mitzuhelfen wäre Aufgabe auch der auationalen westeuropäischen Judenheft, denn es ist eine Frage, die die Ehre ganz Israels berührt Die religiösen Erinnerungen, die sich an Jerusaftm