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Neue jüdische Presse · 1913-03-20 · Heft 12 (20.3.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 12 (20.3.1913)
Date
1913-03-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Die letzten Jahre haben, was das Nationalbewutztsein..der türkischen Juden betrifftnicht die -Erwartungen erfüllt, die man nach der.Konstitution gehegt hat. Daran war vor allem eins schuld: das Bestreben der Jungtürken, alle Nationalitäten der Türkcj zu einem einheitlichen ottomanischen Bolkskorper zu verschmelzen. Die Juden als tröuc Anhänger der Jungtürken glaubten gleichfalls, dieses Ziel verfolgen zu müssen und leisteten daher Ver- - zicht auf ihre Interessen als jüdische Nation. Das jungtürkische Ideal aber, das einsichtige Kenner der Türkei stets als eine gefährliche Utopie verworfen haben, hat ja nun im Balkanmeg völliges Fiasko erlitten. Und nachdem nun dieses Programm einmal zusammengcstürzt war, mußte natürlicherweise auch die nationale Idee innerhalb der ottomanischen Judenheit neu aufleben. Die Tatsachen bestätigen dies auch sehr deutlich. In Saloniki, dem Hauptsitze der jungtürkisch gesinnten Juden, macht der nationale Gedanke große Fortschritte, und jüdische Vereine und Zeitungen, die bisher den. Zionismus aufs heftigste bekämpft haben, treten ihm jetzt mit Sympathie und Interesse entgegen. Aber wichtiger in seinen Folgen und . symptomatischer in seinen Motiven ist der Schritt, den jetzt der Großrabbiner Haim Nahum im Interesse des nationalen Gedankens unternommen hat. In zwei Schreiben an die türkische Regierung fordert er die Abschaffung des roten Zettels für die jüdischen Einwanderer nach Palästina und die Aushebung des Verbotes des Landvcrikaufs an ausländische Juden in Pa-! lästina. Beide Dinge sind schon älteren Datums und haben die jüdische öffentliche Meinung schon wiederholt lebhaft beschäftigt. Die erste Frage, di« der roten Zettel, ist ja praktisch nicht von weittragen- - der Bedeutung, da trotz dieser Maßnahme doch jeder Einwanderer unbehelligt im Lande bleiben kann.jWohl aber ist dieAbschaffung des roten Zettels . ein dringendes Gebot unserer nationalen sEhre, denn er enthält, da er nur für Juden bestimmt ist, eine schwere Kränkung für uns. Hingegen ist die zweite Frage auch von eminent praktischer Bedeutung. Die großen Schwierigkeiten beim Bodenerwerb in Palästina bilden in der Tat ein Hindernis für die jüdische Kolonisation im Lande, und die Jca hat bekanntlich mit Rücksicht auf diese Schwierigkeiten sich vom Bodenkaus in Palästina zurückgezogen. Es gehört jedesmal, wenn der Nationalfonds oder eine andere zionistische Institution Boden in Palästina erwerben will, ein Aufwand von Erfindungsgabe und Geschick dazu, um einen Modus für eine Legalisierung des Kaufes ausfindig zu machen. Es ist darum ein sehr begrüßenswerter und folgenwichtiger Schritt, den Haim Nahum da unternommen hat. Es ist zwar nicht das erste Mal, daß er sich um die Aufhebung dieser Beschränkungen bemüht; aber noch niemals hat er'es mit dieser Energie getan als jetzt. Wer die zwei Schreiben liest, die er an das Ministerium gerichtet hat, . wird über den energischen Ton, in dem sie gehalten find, ebenso erfteut als überrascht sein. Niemals aber auch war die Aussicht so günstig, daß die Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden als gerade jetzt. Keine Nationalität der Türkei hat ihr in ihrer .schweren Krise solche Treu« bewahrt als die jüdische. Für diese Treue haben die Juden ein gutes Anrecht auf die Dankbarkeit der Regierung. Änd. in der Tat haben auch die leitenden Minister Haim Nahum zugcsichert, daß seinem Verlangen entsprochen werden wird. Die einzige Schwierigkeit, die im Wege steht, ist die Unzufriedenheit der Araber mit der Annullierung der Beschränkungen. Wer der Hinweis des Großrabbiners, daß doch niemand die Araber werde zwingen ' können, ihr Land am Juden zu verkaufen, wird wohl den Vernünftigen unter ihren Führern gö- ' zeigt haben, daß ihr Widerstand durchaus unberechtigt und unentschuldbar wäre. Sv ist denn begründete Hoffnung zu hegen, daß die beiden Verbote fallen werden. Zugleich aber zeigt das Ganze, daß Haim Nahum sich nunmehr energischer der nationalen Strömung anzuschließen gedenkt. Seine Aktion ist ein sehr bäieutsamcs Symptom für-eine beginnende Nationalisierung der ottomanischen Judenheit. Franksurter Israelitisches Familienblau. Hoffen wir, daß diesmal die Symptome nicht wiederum trügen und die Majorität der türkischen Juden endlich den Weg zum jüdischen Nationalbewußtsein konsequent und zielsicher gefunden hat. Es wäre das neben den vielen 'Nachteilen, die uns der Balkankrieg bringt und bringen wird, eine erfteuliche Folge, die seine Bedeutung für uns Juden günstiger gestalten wird, als sie es bis jetzt ist. 2. Eine Wanderfahrt nach Palästina. Wer die Entwickelung der nationalen Bewegung in den letzten Jahren verfolgt hat, wird wahrgenommen haben, daß der palästinensische Gedanke immer mehr und mehr in den. Vordergrund tritt. Als Theodor Herzl den Zionismus schuf, da war ihm Palästina gar nicht einmal eine conditio sine qua non; ihm erschien ein anderes Land als gleich geeignet zur Lösung _ der Judenfrage, und wenn er sich nachher für Palästina entschied, so geschah es zunächst aus rein praktischen und politischen Gründen. Wie wenig aber «r und mit ihm der westeuropäische Zionismus seelisch an Palästina hingen, dies zeigte dieNgandaaffärümit aller Deutlichkeit. Seit dieser Epoche jedoch beginnt auch im westeuropäischen Nationaljudentum sich langsam eine Wandlung zu vollziehen: man fängt an, die Bedeutung Palästinas für das seelische Leben des einzelnen Zionisten zu erkennen; die Einsicht verbreitet sich, daß eine volle Lösung dös jüdischen Jndividuafitätsproblems nur in Palästina möglich sei, und .kompetente Zionisten erheben das Postulat für jeden einzelnen, wenn' es ihm nicht möglich sei, nach Palästina überzusiedeln, so doch wenigstens innere Beziehungen zum Lande selbst zu gewinnen. Je mehr man in zionistischen Kreisen die tragisch« Erkenntnis gewinnt, wie schwer, ja wie uninöglich es ist, hier in der Diaspora als Volljuden zu leben und jich jüdische Lebensformen zu schaffen, umso mehr Raum und Bedeutung räumt man dem palästinensischen Gedanken ein. Die Resolution des letzten Posener Delegicrtentages der deutschen Zionisten, die von dem einzelnen forderte, praktische Lebensinteressen in Palästina zu erwerben, hat ja dieser Wandlung, die sich vollzogen hat, einen drastischen Ausdruck verliehen. Dieser sehr bedeutsame innere Umschwung in der Stellung des einzelnen Zionistün zu Palästina dokumentiert sich auch in den immer häufiger werdenden Palästina reisen, die in letzter Zeit unternommen werden. Es wird immer mehr zum inneren Bedürfnis, das Land, das unserem Volke die Befreiung aus tausendjährigem Martyrium bringen soll, persönlich kennen zu lernen und dön neuen Typus des Inden, der dort sich bildet, selbst mit Angen zu sehen. Diese Sehnsucht war es gewesen, der jetzt ein« Reihe nationaljüdischer Jugendorganisationen dazu geführt hat/ eine größere Wanderfahrt nach Palästina zu veranstalten. Ausgegangen ist die Idee von Dr. Theodor Zlocisti, und die Teilnehmer der Wanderfahrt setzen sich in erster Linie aus Mitgliedern des Bundes Jüdischer Korporationen zusammen, daneben aber auch aus K: Z. V.ern und einer Anzahl jüd. Turner. In einem vierwöchentlichen Aufenthalt soll das Land kreuz und quer durchstreift und so den Teilnehmer ein Bild des nöucn jüd. Lebens in Palästina gegeben werden. Die erste Reise ist als Versuch geplant; sollte er sich bewähren, so soll die Fahrt zu einer ständigen Einrichtung gemacht und jährlich unternommen werden. Es ist eine herrliche Idee, die in dieser Wanderfahrt ihre Realisation gefunden hat. Denn in der Tat: größere Gruppen bei jüd. Jugend nach Palästina entsenden, dks heißt ein neuös Element in die Methoden der jüdisch-nationalen Erziehungsarbeit hineintragen, ein Element, das gewiß sich als unendlich wirksam erweisen wird. Denn alle, die bisher in Palästina gewesen sind, Nässen nur von dem tiefen, begeisternden Eindruck zu erzählen, den das neue jüdische Leben dort auf sic gemacht hat. Mehr als alle bloße Theorie und ideelle Beeinflussung wird dieser konkrete Eindruck des neuen Palästina auf die empfänglichen Jugöndscclcn wirken können. Aber nicht nur fi'ir die Teilnehmer dieser Wanderfahrten selbst, auch für ihre Mitstreiter, diö hier zurückbleiben, wird diese Einrichtung von weittragender Bedeutung sein. Denn die Wanderer werden, von der Fahrt zurückgekehrt, selbst erzählen Ätr. 12 können von der Schönheit und inneren Freiheit des dortigen jüdischen Lebens. Sie Wörden für ihre Brüder die „Ole xegolim" sein, die Boten, .die ihnen Kunde bringen werden von ihrem Zion, von ihrem Lande. Und so hoffen wir denn, daß dieser erste Versuch vollauf gelingen wird. Den jugendlichen Wanderern geben wir unseren Gruß mit auf ihre herrliche Fahrt; niögen sie nur Gutes zu berichten wissen, wenn sie zurückgekehrt sind. Bon der „Agudas Jisroel". Die soeben erschienene Nummer des „Hadercch", des Organes der „Agudas Jisroel",. enthält an ihrer Spitze einen Nachruf auf den Heimgegangenen Vorsitzenden der Organisation, Kommerziönrat Louis Feist s. A. Nur durch das Zusammenwirken aller Einzelenergiön, die in der gesetzestreuen Judenheit wirksam sind, könne der unaussprechliche V e r l u st einigermaßen ausgeglichen'werden, der die Gesamtheit durch das Hinschciden des außergewöhnlichen Mannes getroffen hat. An leitender Stelle werden alsdann die demnächst zur Ausgabe gelangenden „Agudas Jisr o e l"-M a r k e n angekündigt. Abgesehen -von der finanziellen Stärkung aller Fonds der Organisation, die aus der umfassenden Verwendung der Marke erwachsen kann und von ihrer propagandistischen Wirkung, soll die Marke auch Minderbemittelten die Möglichkeit geben, selbst bei Zeichnung eines relativ größeren. Jahresbeitrages die Mitgliedschaft zu erwerben. Zu diesem Zwecke gelangen Karten mit 36 Feldern zur Ausgabe, die jedem zur Mitgliedschaft sich Anmeldenden, sobald er nur mindestens 20 Pfg. einklebt, ausgehändigt Wörden und die ihn in den Stand setzen, seinen Jahresbeitrag in verschiedenen kleinen Markenraten zu begleichen. Zur Ausgabe gelangen Marken zu 5, 10, 20, 50 Pfg. und Mk. 1, sowie die entsprechenden Werte in Kopeken, Hellern, Pencö, Cents und Centimes. ' Die Nummer enthält dann eine Kundgebung für die ,,Agudas Jisroel", die vom Marsch au er G e s a m t r a b b i n a t erlassen wurde und die sämtliche vierzehn Unterschriften der Warschauer Dajanim trägt. Von sonstigen Zustimmungsschreibe» hervorragender Männer ist ein in glühenden Worten gehaltener Aufruf des bökannten Leiters der Wolosiner Jeschiwah, Rabbiner Raphael Schapi r a, des Schwiegervaters des Briskör Raws, zu erwähnen, der es für absolute und heiligste Pflicht insbesondere der Rabbincn örklärt, der „Agudas Jisroel" werbend Mitglieder züzuführen. In ähnlichem Sinne. äußert sich der angesehene Chassidimrabbi Israel Dauw Bär Lerner in Schumsk, ein Nachkomme des bekannten Rabbi Pinchas Hurwitz (Hasloh). lieber die letzte Plenarversammlung des „provisorischen Komitees" und die große Landesversammlung der „Agudas Jisroel" in Rumänien, deren Protokolle der „Hadörech" im ausführlicheren Auszuge bringt, ist in diese»! Blatte bereits berichtet worden. Sehr interessant sind die Mitteilungen, die über den Stand der Propaganda in Rußland gemacht werden. Es ist der Aguda gelungen, in fast allen großen Zentren jüdischen Löbens sowohl innerhalb als außerhalb des Ansiedlungsrayons, außerdem aber in nahe an -hundert kleineren Plätzen Fuß zu fassen. Diese Tatsache gibt einen Begriff davon, welche unbegrenzten Entwicklungsmöglichkeiten die Aguda in RuUand erlangen würde, wenn eine Legalisation möglich wäre. Die Rubrik „Aus der Bewegung" enthält Einzelberichte aus Deutschland, Englaiid, Rumänien und Palästina. In dem „Sprcchsaal" der Nummer sind eine Reihe von wertvollen Anregungen für Hie Propaganda enthalten. Den Schluß der Nummer bilden S p e n d e n v e r z c i chnisse, solvie ein Aufruf, an den bevorstehend den Purimtagen der vier Fonds der Aguda — Propagandafonds, Jeßod Hämaala-Fonds für Thora und Erziehung, Palästinafonds und Wirtschaftsfonds — zu gedenken. Zum ersten Male ist für die deutsch sprechenden Länder im „Haderech" eine deutsche Beilage beigegeben, die den wichtigsten Inhalt der Nummer wiedergibt. An der Spitze dieser deutschen

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