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Neue jüdische Presse · 1913-03-20 · Heft 12 (20.3.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 12 (20.3.1913)
Date
1913-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein Menwranduni der Inden und seine Aufnahme. — Wie man die Vaterlandsliebe der Juden stärkt. — Der Jude vor Gericht vogelfrei. Die Lage in Rumänien ist infolge der politischen Ereignisse auf dem Balkan eine recht komplizierte, und es ist nur allzu leicht verständlich, daß wir Juden darunter am meisten zu leiden haben, sowohl in politischer als in wirtschaftlicher Hinsicht. Außer der noch nicht ganz geschwundenen Kriegsgefahr kourmt für uns noch ein Faktor in Betracht, nämlich das neue Ministerium mit seinem nicht sehr viel Gutes versprechenden Programm. Gegen Ende des verflossenen Jahres erfolgte ein teilweiser Ministerwechsel, wobei die Konservativen mit Ministerpräsident Majoresku an der Spitze ein Kompromis mit der in jüngster Zeit entstandenen politischen Partei der Konservativdenwkraten eingingen und einige von deren Führern in das Ministerkollegium aufnahmen, u. a. den als Judenfreund geltenden Ion esku. Dieser Herr aber zeigte sich auf der Höhe seiner Vorgänger und äußerte sich über die jüdische Frage wie jeder rumänische Minister oder Politiker, nämlich, daß er sie nicht berühren werde. Nichtsdestoweniger sandte der „Verband ansässiger Juden" ein Memorandum an König und Minister. Das Memorandum schließt mit der Bitte, „das Vaterland möge wenigstens. jetzt, wo 20,000 jüdische Soldaten bereit sind, denr Vaterland ihr Leben zN opfern, auf unsere gerechten Forderungen, die seit über 30 Jahren fruchtlos wiederholt werden, Rücksicht nehmen, dannt unsere Söhne das Bewußtsein haben, daß sie als Kinder des .Landes ihr Blut auf dem Schlachtfelds vergießen und nicht als „Fremde". Der König und die Minister nahmen das Memorandum, wie stets, freundlich entgegen, antworteten jedoch nicht. Hingegen wurde uns von einer anderen Seite geantwortet. Die „Viitorul" („die Zukunft") des bekannten Antisemiten Bratianu, Chef der liberalen Partei, fiel Aber die Juden in einer Reihe Artikel her und nannte sie untreue Söhne düs Vaterlandes, ja Verräter, die diese schwöre Stunde, wo das Land vom äußeren Feinde so bedrängt ist, passend finden, ihre Forderungen zjn verkünden. Aber etwas Ernsteres kommt hinzu. Als die .Antisemiten sahen, daß tvir nicht durch Schimpfworte zum Schweigen zu bringen sind, griffen sie zu einem neuen Mittel: man möge diö Juden vom Militärdienst ausschließen, damit sie sich nicht beklagen köirnen, daß sie Bürgerpflichten erfüllen, ohne Bürgerrechte zu genießen. So spricht das politische Rumänien am Vorabende eines eventuellen Krieges! Auf diese Weise will man unsere Vaterlandsliebe verstärken, uns zu Opfern anregen! — Zn gleicher Zeit kam ein Gesetz vom neuen Kriegsminister, das eine neue Einschränkung und Erniedrigung für uns enthält. Es heißt darin, daß die ausstudierten Aerzte, die nicht Bürgerrechte besitzen, die sogen. „Fremden", von nun an nicht mehr in der sanitären Abteilung als Assistenten, wie dies bisher der Fall war, sondern einfach in den Reihen der gewöhnlichen Soldaten, den Dienst leisten werden. Somit kommen die jüdischen Doktorender M edizin — denn die sind eben die „Fremden" — unter das Kommando von Korporalen zu stehen. . Der ,/Verband ansässiger Juden" wendete sich gleich nach Erlaß ^dieses Gesetzes an den Kriegsminister und erklärte ihm, daß es nicht nur das Gerechtigkeitsgefühl, sondern'auch das Interesse des Landes verlangt, daß dieser Unterschied zwischen rumänischen und jüdischen Achten nicht gemacht werde, umsomehr, als ja jetzt vielleicht eine größere Unzahl militärischer Aerzte vonnöten. sein werde. Der Minister hat auf diesen Schrill noch nicht geantwortet, und es ist nicht sehr wahrscheinscheinlich, daß wir eine befriedigende Entscheidung zu erwarten haben. Unlängst ereignete sich ein Prozeß, der uns wieder einmal zeigt, wie der Judenhaß jegliches Gerechtigkeitsgefühl zu verdrängen imstande ist. Eine Bande rumänischer .Räuber, die während eines ganzen Sommers die Jndönheit der nördlichen Moldau terrorisiert und geplündert hat, wurde gegen Ende des vorigen Jahres in Botoschani, einer überans antisemitischen Stadt, gerichtet. Der Anführer der Bande verteidigte sich dadurch vor den Geschworenen, daß er nur Juden überfallen habe. Der Gerichtspräsident, ohne ein Wort der Verwunderung über diese Art Verteidigung zu äußern, wendete ein, daß die Banditen auch Christen und sogar Pfarrer geplündert haben. Aber sämtliche Verteidiger der Räuber blieben auf dem Standpunkt, daß diese gute, nationale Rumänen seien, indenr sie ausschließlich Juden beraubt Haben, — und die Geschworenen sprachen die Banditen — sfr ei. Der Juden Sicherheit, Hab und Gut sind jedermann zugänglich. . . J. , Brief aus Rußland. Die Schädigung der russischen Volkswirtschaft durch die Judenverfolgungen. — Interview mit Minister Maklakow. Die rigorosen Judenverfolgungen der letzten Zeit greifen immer tiefer in das wirtschaflliche Leben des gesamten Reiches ein, sodaß die Vertreter zahlreicher nichtjüdischer Korporationen über die Schädigung ihrer wirtschaftlichen Interessen diö schwersten Klagen erheben. Die ProteWundgebungen solcher Art mehren sich zusehends, ohne daß sie vorläufig bemerkenswerte Resultate erzielen. Was jedoch im gegebenen Moment erfolglos bleibt, kann in späterer Zeit von maßgebender Bedeutung werden. Denn schließlich ist. die Logik der allgemeinen materiellen Interessen auf die D^uer nicht von der Hand.zu weisen. Als pie massenhaften Ausweisungen von Juden aus den Dörfern im Süden Rußlands begannen, da jauchzten über diese „Befteiung" die sogenannten Patrioten in ihren Organen. Die „Moskauer Gesellschaft der Fabrik- und Werkbe-, sitzer" aber erhob einen Klageruf über Millionenverluste, die ihr durch die unerwarteten Vertreibungen zugefügt worden seien. Ebenso getroffen fühlte sich die Vertretung der allrussischen Kaufmannschaft durch die Maßnahmen des Gouverneurs Chwostow gegen die jüdischen Teilnehmer der Nischni-Nowgoroder Messe, und abermals kamen seitens der berufenen Führer der russischen Handelswelt Proteste gegen die willkürliche Entrechtung der jüdischen Kaufleute. In seiner Verlegenheit verwies damals der Ministerpräsident " die Beschwerdeführer an den Minister des Innern, der nur die Achseln zuckte und ihnen weiter Lu schreien riet. Geradliniger verfuhr der Handelsminister, der die ruinierten Industriellen damit vertröstete, daß ja im Laufe der Zeit an Stelle der verjagten Jüden eine Klasse rein russischer Händler kommen würde. Ganz im Sinne dieser Erklärung erfolgte in jüngster Zeit dann eine weitere einschneidende Beschränkung: die Einführung von Registrierungsbüchlein für Tausende von jüdischen Kaufleuten und Reisenden, wodurch die Tätigkeit letzterer fast, völlig lahmgelegt ward. Als die Lage immer kritischer wurde, begannen zahlreiche Börsenkomitees gegen die unerhörten Verfolgungen und Schikanierungen zu protestieren. Selbst in der Residenz von Markow und Purischkewitsch, in Kursk, schloß sich das Börsenkomitee den allgenieinen Protesten an. Hier gab es allerdings eine regelrechte Katastrophen etwa 800 jüdische Familien, die seit Jahrzehnten im Gouv. Kursk wohnten, verfielen der Ausweisung. Damit aber begnügte sich der Gouverneur Muratow nicht. Er ergriff erbarmungslose Maßnahmen, die das Betreten seines Territoriums durch Juden verhindern sollten. So befinden sich auf allen Bahnhöfen des Gouv. Knrsk Straschniks, die über jeden Ankömmling mit jüdischer Physiognomie herfallen nnd ihn, oft meilenweit, nach einer Polizeiwache schleppen, um sein Wohnrecht festzustellön. Kein Wunder, daß auch die Privilegierten das heilig« Gouvernement meiden, um nur nicht durch solche Prozeduren gequält zu werden. Im Endresultat aller Maßnahmen Muratvws sind, wie es im Memorandum des Börsenkomitees heißt, etwa 90 Prozent der lokalen jüdischen Bevölkerung der Ausweisung geweiht. Vergebens rufen wiederum die russischen Handels- und Gewerbetreibenden des Gouvernements, daß ihre Provinz dadurch ruiniert werde. Und wie in Kursk, so klagen auch in Wladiwostok die russischen Kaufleute über die dortigen Judenverfolgungen, da auch dort eine Krisis drohe. Es ist fast unverständlich, daß die Regierung vor allen diesen Beschwürden ihr Ohr verschließt. Ist es twch kein Zweifel, daß die wirtschaftlichen Folgen der antisemitischen Regierungspolitik bald auf Schritt und Tritt sich zeigen müssen! — Ein Mitarbeiter des Pariser „Matin" hatte ein Interview mit Maklakow, dem Minister des Innern. Hierbei äußerte sich Maklakow über die Judenftage wie folgt: .„Ich bin der Meinung, daß jetzt bezüglich der Juden keinerlei Aendernngen in der Gesetzgebung vorgenommen werden können. Was das Wohnrecht ausländischer Juden in Rußland betrifft, wird die Regierung eine Einmischung des Auslandes in Rußlands innere Angelegenheiten nicht zulassen. Die russische Regierung kann eine Begrenzung nicht abschaffen, deren Einführung sie für nötig befunden hat." Mallakows Aeußerungen haben übrigens in politischen Kreisen einen ungünstigen Eindruck gemacht. Man rechnet bereits damit, daß Kokowtzew mit ihm nicht wird Weiterarbeiten können. Aus de» Ereignisse» des Tages. Eine bedeutsame AM»» Halm RahurnS. Welche Folgen der Balkankrieg auch für uns Juden im allgemeinen, für die zionistischen Bestrebungen insbesondere haben mag, ein Gutes scheint er zu bewirken und znm Teil bereits bewirkt zu haben: die Erweckung und Stärkung des nationalen Bewußtseins innerhalb der ottomanischen Jndenheit.

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