Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Einfarbig, braun, 3 nun stark, ä □ m 2.70 Mk. Spezial-Inlaid 2,4 mm stark, ä □ m 3.45 Mk, bei ganzen Bollen von ca. &0 Q m. €. Kiipsch, Altegasse 27—29 FMeton. Das „Scheker-Bilbul". Von C. Berg. (6. Fortsetzung). „Du wunderst Dich mit Recht," sagte der Amtsrichter, verlegen lächelnd, „es ist eine romantische Geschichte, ich müßte mich eigentlich schämen, sie Dir zu erzählen." Er stand auf und schloß vorsichtig die Tür fester, dann reichte er dem Referendar die Zigarren, brannte sich gleichfalls ein Kraut an und begann in gemütlichem Flüsterton zu erzählen: „Es sind .etwas über sieben Jahre, daß ich als Assessor nach Posen versetzt wurde, dort sah ich meine Frau auf der Straße. Tic schönen Mädchen von Posen sind Iveltberühnit, sie ioar die Schönste, Anmutigste und Heiterste von allen. Ich sah sie zuerst im Winter, als sie trotz ihres Sammetkleides und des kostbaren Scalskinjacketts einen kleinen Betteljungen, der auf dem schmutzig-schlüpfrigen Fahrdamm ausgeglitten tvar und sich den Fuß gebrochen hatte, aufhob und auf ihren Armen in einen Wagen trug. Ich folgte ihr nach dem Hospital, uni zu erfahren, wer diese entzückende Samariterin wäre. Am selben Abend begegnete ich ihr iit einer Gesellschaft bei unserem Präsidenten. Ihr Vater, ein polnischer Edelmann mit einem berühmten Namen, fuhr eine Stände später mit ihr nach Haus; die Mehrzahl der Eingeladenen hatte ihn auf meine tollen Huldigungen seiner Tochter aufmerksam gemacht. Am nächsten Morgen kaufte ich für die Hälfte meines Monatseinkommens ein Bukett, machte dem alten Herrn einen Besuch und brachte in wunderschön gewählten Worten — ich hatte mir das oratorische Meisterstück die ganze Nacht zusamniengesonney: der Refrain jedes Satzes lautete, daß ich ohne seine Tochter nicht mehr leben könne — meinen Antrag vor. Herr von P. hörte mich mit der größten Artigkeit an, und mit noch größerer Höflichkeit gab er mir einen Korb. Erstens tvar ich ein Protestant, zweitens ein Bürgerlicher, und drittens und letztens wollte er sich von seinem Stolz, seinen! einzigen Kinde, überhaupt nicht trennen. Er hatte Christine, >vie ich hinterher erfuhr, schon viel glänzenderen Belverbern abgeschlagen. So zog ich wieder, ab. Ich wundere mich noch heute, daß man mich in jener Zeit nicht in ein Irrenhaus sperrte; denn ich machte wirklich die verrücktesten Streiche. Wo sich Christine blicken ließ, stürzte ich an ihre Seite. Vielleicht hätte ich mich vernünftiger betragen, wenn ich nicht binnen kurzem gemerkt hätte: das herrliche Mädchen liebte mich iviedcr. Aber sie liebte auch ihren Vater und war eine gehorsame Tochter; überdies bekam der Alte Wind und versteckte sie in einem Kloster. Ein volles Jahr stellte ich die verzweifeltsten Nachforschungen nach ihr an — vergebens. Tann wurde ich in Zladno 'als Richter ansässig. Eines Tages hörte ich, wie Perez, der als Faktotum in allen Häusern ans- und eingiug, meinem Bedienten erzählte, er habe im Garten der Santa Agnes-Schwestern, der an den Park des Oberamtinann Riegner stößt, eine bildschöne. polnische Edeldäme gesehen. Die Beschreibung 'paßte vollständig auf mein entschwundenes Ideal. Perez ist ein kreuzdummer Kerl, aber eine geheime Botschaft versteht er auszurichtcn: noch vor Sonnenuntergang traf ich meine Schöne an verschwiegener Stelle im Park. Ich schwur, mich vor ihren Augen zu erschießen, wenn sie nicht mein Weib werden wolle; sie nahm meinen Ring und folgte mir, >vie sie ging und stand, als meine Braut nach der Stadt. Es sei meiner alten Freundin, der Frau Doktor Thorner, unvergessen, nüe bereittvillig sie der Freundin Gastrecht getvährte; aus ihrem Hause führte ich nach wenigen Wochen Christine heim. Wie meine Frau es zuwege gebracht, die Einwilligung ihres Vaters zu erzwingen, erfuhr ich nie; unserer Hochzeit wohnte Herr von P. nicht bei, er grollte mir nach Frankfurter Israelitisches Familjenblatt. wie vor. Ja, schlimmer noch, er rief die Hilfe eines ihm verwandte», am kaiserlichen Hofe einflußreichen polnischen Magnaten an, und seine Beschtverde, in Verbindung mit dein Skandal, den die absonderlichen Umstände meiner Heirat erregt hatten, kosteten mich beinahe mein Amt. Endlich lehrte die Zeit die Menschen sich mit uns abfinden; die Geburt unseres Kindes hat uns auch die Aussöhnung mit meinem Schwiegervater gebracht. Seitdem bin ich jede Stunde meines Lebens glücklich gewesen." Frau Christine war leise ins Zimmer hinter ihren Gatten geschlichen und legte blitzschnell ihre Hand auf seinen Mund: „Schweig, schweig! So etwas soll niemand laut auszusprechen wagen!" Von der Straße herauf schallte der langgezogene, dumpfklingende Ton eines Hornes; schwere Schritte dröhnten vorüber; da unten ging Julek, der Stadtwächter, und kündete die elfte Stunde. Philipp besann sich, daß er bei noch vorgerückterer Dunkelheit des Oktober-Abends in der wildfremden Stadt schwer sein Quartier finden Ivürde, und schickte sich an, zu gehen; der Herr Amtsrichter, der seinen Gast ungern schon entließ, bestand darauf, ihn zu begleiten, um ihm „Zladno bei Nacht" zu zeigen. Vor dem Haustore geivahrten die Herren einen Mann und ein großes Mädchen, die eifrig mit einander flüsterten. „Hallo, wer ist da?" fragte der Amtsrichter mit starker Stimme. 'Die Angerufenen fuhren, offenbar recht erschrocken, auseinander. Das Mädchen verschwand, als sänke es in den Erdboden, der Mann griff nach seiner Mütze und humpelte eilig davon. „Das tvar Perez," sagte der Amtsrichter, „ich möchte wissen, was der Schlingel hier noch mit meiner Köchin zu tuscheln hat." »Ist er .ihr Liebhaber?" fragte Philipp. Der Wasserträger, für welchen Frau Christine so viel Sympathien hatte, begann ihn zu interessieren. Der Amtsrichter lachte über seine Frage. „Wo denkst Du hin? Der arme, elende Mensch! Und das Mädchen ist eine Schönheit." „Du, Heinrich," sprach Frau Christine, da ihr Gatte nach einer halben Stunde zurückkehrte, „Du hast es berufen." „Was habe ich berufen?" „Unser Glück!" „Solch' eine Närrin!" „Doch, Mann. Ein Eckchen Hausfrieden bröckelt lvS: Pelagia hat mir vorhin den Dienst aufgesagt." „Was? Nun, da hört's auf!" rief der Amtrichter, unangenehm berührt. „Gekündigt? Dir? So plötzlich?" Er sah seine Frau mißtrauisch an, sie hielt seinen Bilck fest aus und antwortete fast traurig: „Ja, dies warum, — wüßte ich nur dies warum! Ich hätte das Mädchen niemals entlassen; solch eine brave, zuverlässige Person finden wir nie wieder. Ucberhaupt, hier in dieser Gegend, wo gute Dkenstleutc so rar sind. Sie sagte, sie wolle fort, sie müsse schon morgen ziehen." „Wie, morgen!?" rief der Hausherr erzürnt, „ist sie denn verrückt? Fällt mir gar nicht, ein, in solche Unordnung zu willigen! Sie bleibt ihre gesetzliche Frist, oder . . ." Frau Christine schüttelte den Kopf. „Nein Mann. Weder Strenge noch das Berufen auf das Herkömmliche richten hier ettvas aus. Das sonst so stille Mädchen benahm sich tvie eine Verzweifelte. Sie fiel mir zu Füßen und schluchzte dabei, daß die Heiligen im Paradiese hätten mitweinen mögen; es' war gar nicht herauszuholen, was ihr geschehen." „Hat sie sich vergangen?" fragte der Amtsrichter scharf. . Die junge Frau errötete. „Ich tverde sie doch nicht inqnirieren in solcher Not. Ich bilde mir ein, ihr Julek sei ihr untreu, oder er habe sie mißhandelt." „Vielleicht, auch beides zusammen," brummte der Amtsrichter. „Es könnte ihm übel bekommen, diesem Lüderjahn. Pelagia hat Rasse, im Punkte der Ehre versteht sie. keinen Spaß." „Natürlich," tvetterte der Anitsrichter, „das ist die Folge davon, wenn sich die Mädels in so dumme Liebeleien einlasscn!" „Wir haben allen Grund, uns über dergleichen recht aufznhalten!" Der Gatte schwieg und zog die schöne Frau an sein Herz. Im Nebenzimmer schlich Pelagia an das Bett des schlafenden Knaben, küßte ihn, schlug das Kreuz über seinem lächelnden Gesicht und verbarg ein winziges ‘ Stut 5 Büchlein in seinem Bett; hernach verließ sie, sich 'cheu umblickend, ob ihr keiner folge, wie eine Diebin' das. Haus, das sie nie wieder betreten sollte. Und während sich da oben, in dem hell erleuchteten, behaglich wohnlichen Gemache zwei glückliche Menschen fest umschlungen hielten, lag vor den Steinfließen ihres Hauses aus der Straße in Nacht und Kälte ein simges Weib, stöhnend, wie vom Krampf geschüttelt, vor Jammer und Scham und weinte. Vom Markt herüber kamen ein paar Stöße des Wächterhornes, grell und laut, da sprang Pelagia auf und folgte den Spuren des Klanges. In dunkler Nacht. „Perez, schläfst Du?" „Nein, Mutter, ich höre Dich schon lange stöhnen." Die alte Frau seufzte tief. „Ich verstöre Dir den Schlaf, aber ich habe große Schmerzen." „Ich komme, Mutter." Nach zwei Minuten trat Perez völlig angekleidet aus dem Verschlag, welcher seine Schlafkammer markierte, heraus an das Bett der Kranken, „Soll ich Dir Tee kochen?" „Nein,' keinen Tee, gebe mir von den Tropfen des Doktors, sie haben mir noch immer Schlaf gebracht." Mit Verdruß bemerkte Perez, daß die Medizinflasche sich leer erwies; auch sein lleiner Vorrat von Hausmitteln war aufgebraucht, und dumm genug, er hatte just rein gar nichts im Haus, der Kranken Erleichterung zu schaffe». Cr griff nach seiner Mütze: „Gedulde Dich, Muner, ich hole frische Tropfen!" Mühsam richtete sich die Alte aus. „Wie weit ist es in der Nacht?" „Der Julek tutet eben zwölf." „Ach, sollst Du in die kalte Nacht fortlaufen!" „Es ist gar nicht kalt," entgegnete Perez und verwahrte die Flasche nebst dem Rezept in seinem Rock. „Ach, bleibe lieber da! Der Älpotheker wird sich ärgern, tvenn Du ihn weckst." „Nun geh! Er tvird auch wieder einschlafen. Und bezahle ich ihn denn nicht?" Damit lief er stolz hinaus. Die Mutter hatte recht gehabt, es wehte bitter kalt, und .der Weg zur Apotheke war für Perez, der weit ab von der Stadt wohnte, auch nicht der nächste. Als sonderlich sicher und ungefährlich war die Landstraße längs des Judenfriedhofes bis Zladno durchaus nicht beleumundet; doch der Vollmond schien durch die dünn belaubten Pappeln und machte die Allee fast tageshell; auch , war der Wasserträger dank seiner Halbnarrheit ein viel beherzterer Mann, als man wohl von ihm glauben mochte. Bon der Stadt her tönte noch immer das Tuttut des Wachthornes. — Julek blies an allen vier Ecken des Ringes die Mitternachtsstunde' ab. Perez schritt scharf zu. Die Chaussee mündete, an einem Kreuzweg vorbeiflchrend, in einem Winkel, , stolz das „Zladnoer Tor" genannt; noch ein paar winzige Seitengäßchen, und der Markt mit der Apotheke war erreicht. (Fortsetzung folgt) AmBPfkaniscliB Flts-a PIiicbdbz »C Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. J W. Albert, Itk» Nene lainimtr. n. Weiafraaemtr 11. ttffenbaeher Druckluft - Anlage QKinbach a» M. Telefon 133. (Anschluss mit Frankfurt). 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Zn dieser Ausführung finden wir folgende bemerkenswerte Fußnote: „Die merkwürdige geistige Elastizität dieses Stammes zeigte sich hier wie in früheren Fällen. Ihre Verächtlichkeit hörte auf, sobald man aufhörte, sie verächtlich zu behandeln. Das Gesetz vom 9. Februar 1813 (G. S. 1813, S. 13) rief das gesamte Volk zu den Waffen und machte hinsichtlich der Juden keine Ausnahme. . . Tatsache ist cs, daß die Söhne der wohlhabendsten jüdischen Familien in den Hauptstädten mit dem Beispiele freiwilliger Ergreifung der Waffen vorangingen, und alle eben mit der Ausdauer, eben der Treue wie andere