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Neue jüdische Presse · 1913-03-14 · Heft 11 (14.3.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mage zu llr. 11 dies faftfefttrtec fjmetififfa lanntienßtatfes. LoulS Feist. Ein Fcstgottesdicnst sollte Montag früh in der Synagoge der Israelit. Religionsgesellschast stattfinden, und ein Trauergottesdienst ward es: die Gemeinde weinte, denn, wie ein Blitzstrahl aus heiterein Himmel traf sie die Nachricht, daß ihre Krone, Kommerzienrat Louis Feist, dahin sei. Wir würdigen den seltenen Mann an anderer Stelle. Hier seien nur der Lebenslauf und die letzte Ehrung festgehalten. Louis Feist wurde am 30. Juni 1857 zu Frankfurt a. M. als Sohn von Philipp Feist und Frau Elise geh. Epstein, beide einer Ältsrankfurter Familie airgehörend, geboren. Er besuchte die Israelit. Realschule und hätte gern studiert; aber sei» Vater starb, und so trat er lljährig in die eben gegründete Firma Beer, svndheimer u. Co. als Lehrling ein. Doch in ihnl hatten sich die Lehren Samson Raphael Hirschs und Direktors Dr. Mendel Hirsch zur glänzendsten Wirklichkeit entwickelt; als Jude und als Mensch arbeitete er ständig an sich weiter, und im Geschäft stieg er von Stufe zu -Stufe. In Selma Falck aus Lübeck, einer Enkelin Rabbi Rate Sondheimers und Urenkelin des berühmten Hanauer Rabbiners Rabbi Mansche Tuwia Sondhcimer, fand er eine ebenbürtige Gattin. Er hatte die früh Verwaiste im Hanse seines Chefs, ihres Onkels Moses Tobias Sondheimcr kennen gelernt und hat dann später an den Kindern dieses gleichfalls früh verstorbenen Mannes die Vaterstelle vertreten. Selma Feist verschied »ach Uijähriger Ehe. Louis Feist, der fast ein Dutzend Sprachen^ beherrschte und eine geniale Anfsassuugskrast neben jeder sonstigen großkaufmännischcn Begabtheit besaß, gestaltete bald das Haus Beer Sondheimcr n. Co. zu einer Weltsirina. — Nun ist Louis Feists Leben abgeschlossen. Doch die letzte Ehrung, die ihm' Tausende gasten, sie galt nicht dem Seniorchcf eines Welthaüses, nicht dem Kommerzienrat, sondern dem Menschen Louis Feist. Im Trauerhause würdigte Rabb. Dr. Breuer im Aufträge der Israelit. Religionsgesellschaft den Verstorbenen „Zidkas Haschem oso, nmifchpotow im jisroel", die Wohltaten Gottes hat er aeübt und seine Vorschriften mit Israel, — diesen Satz, den unsere Weisen auf den größten Mann in Israel, auf Moses, anwenden, ihn machte d'er Redner zur Grundlage seiner Worte. Es gelte, dem großen Verlust der jüdischen Gesamtheit laut und .öffentlich Wort zu verleihe». Die Wohltaten Gottes übend, gebe es manche, und Louis Feist sei ein Fürst der Wohltätigkeit gewesen, — doch der Glanzpunkt seines geweihten jüdischen Lebens habe in „Ilmischpotow im Jisroel" gelegen, daß er mit jeder Faser seiner Persönlichkeit Jude war. Redner zeichnete, was Louis Feist in 20jähriger Tätigkeit als' Parnes der israel. Religionsgesellschaft Einzigartiges geleistet hat lmd sicht in dem 'starken Schmerze einen Trost darin, daß seine Kinder ganz in seinem Geiste denken. Ans dem Friedhof sprach als erster Leo Wre schice r namens der Chefs der Firma seine Worte im Sinne „dieses Fürste» in Israel" in ein Gelöbnis des Friedens und der Zusammengehörigkeit nusklingen lassend, sodann Prokurist Jacob B e st h o f f, der unter den vielseitigen hervorragenden Eigenschaften des Verblichenen die väterlich: Fürsorge für den. Jüngsten und den Geringsten im Geschäste hcrvorhvb und mit den Worten schloß: „Er glänzt vor uns, wie ein Komet vcrschwindend, Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend." Jacob R o s e u h e i m sprach im Aufträge der Verwaltung. der Israelit. Religionsgesellschaft, der Freien Vereinigung für 'die Interessen des orthod. Judentums und der Agudas Jisroel. Er entwarf ein Bild dessen, was Louis Feist für die Religionsgesellschaft in all' ihren einzelnen Zweigen, aber ganz besonders in dein ihm ans Herz gewachsenen Schulwesen, war, was er ihr aber noch mehr war durch seine vorbildliche Persönlichkeit. Doch sein Blick habe sich nicht nur auf die lokalen Verhältnisse beschränkt, sein Blick schweifte in die Weite der jüdischen Gesamtheit, und nur wenige wissen, was er in der Agnda und für die Aguda war. Rabbiner Dr. Nobel weihte dem Entschlafenen Worte der Verehrung und ewigen Dankbarkeit namens des Lcmaan Zion, des Deutsch-Israelit. Waisenhauses und der Tachkemonischule, sein stark ausgeprägtes jüdisches Gesamtheitsbewußtsein und seine stete Sorge für die Erhellung der .geistig Blinden würdigend. Auch Rabb. Dr. Jakob H o r o v i tz, der namens der weiteren Fainilie, des Ettlingcr-Heims und des Vereins zur Beförderung der Handwerke ilnter den Israeliten sprach, stellte des Entschlafenen Sinn für den Klal Jisroel in den Vordergrund, dabei seine innige Freundschaft mit dem seligen Rabbiner Dr. Markus Horovitz, dem hervorragendsten Verfechter des Klal- Prinzips, erwähnend. „Einnnoh" in ihrer Bedeutung als „Glauben" und als „Treue" habe sich in dem Verklärten zur schönsten Harmonie i» ihrer größten Tiefe vcrivirklicht — und jemchr er wuchs, je reicher er wurde, desto mehr trat seine Bescheidenheit zum Vorschein, —. eine Erscheinung, die nur bei einer außergewöhnlich großen Entnnoh möglich ist, «» war denn Louis Feist einer der Größten in Israel. Dr. Felix Kaufmann rief für die Frankfurt-Loge dem Heimgegangenen Bruder mit den große» Führer- Eigenschaften und der weiten Toleranz gegen Andersdenkendc de» Scheidegruß nach. Prof. Dr. S u l z b a ch sprach für das Israelit- Kinderheim in Diez, dessen Mitbegründer der Entschlafene wie bei sämtlichen Wohlfahrtsgründungen in Frankfurt während der letzten 25 Jahre geivesen sei. Er meint, daß als Glied des Stammes Levi auch ihm die Aufgabe des Tragens der Bürde auf den Schultern als eine göttliche Aufgabe zufiel. Die Schlußworte sprach S. Schachno Witz für den Verein Nachlaß Zwi, den Mekor Chajim - Verein und den Verein ritueller Speisehäuser. Donnerstag früh hielt im Feist'schen Hause, anschließend an den Morgengottesdienst, Provinzialrabbiner Dr. C a h n - Fulda in ergreisenden Worten einen H e s p e d. Der für Donnerstag 'Abend festgesetzte Vortragsabend im Verein „Nachlaß Zwi" wurde als äußeres Zeichen der Trauer und der Teilnahme aufgehoben. Ausschuß der israel. Gemeinde. Vor Eröffnung der Sitzung gedachte der Vorsitzende. Leo I s aac, des soeben verschiedenen Kommerzienrats Louis Feist, der so unendlich viel für die Institutionen innerhalb der israelit. Gemeinde getan und als versöhnendes Element in ihr gewirkt habe. Sein Hinscheiden sei in einem 'Augenblick gekommen, da man ans ihn hinsichtlich dee Erledigung der Differenzen, die bezüglich der Richtlinien in der Gemeinde noch schweben, baute. Der Ausschuß ehrte Kommerzienrats Feist Andenken durch Erheben. Es wurde nun in die Tagesordnung eingetreten. Der Hanshaltungsplan des Gemeindehospitals und des Philanthropin wurde genehmigt. Bei dem Punkt „Religionsunterricht" entfachte Hugo Frankel eine Debatte, indem er eine Religionsu n terrichtskom Mission forderte. Grade in der gegenwärtigen Zeit, wo die religiösen Richtungen schärser geschieden sind, sei es inopportun, die Verantwortung über die Besetzung und die Verteilung des Religionsunterrichts auf die Schultern eines Mannes zu laden: freudig anerkannt müsse werden, daß dieser Mann, Direktor Dr. Adler, die schwierige Arbeit in selbstloser Weise tionorw causa leiste und stets korrekt verfahre. Es wurde einst i m in i g beschlossen, den Vorstand zu ersuchen, die Kommission, die bis 1808 bestand,, wieder erstehen zu lassen. Eine große Debatte brachte sodann der Punkt: Renovation und Ilmban der Hauptsynagoge. Statt 67 000 Jk Voranschlag haben nämlich die Kosten 122 -103 Jk betragen. Die Arbeit ist in künstlerisch und technisch glänzender Weise dnrchgefnhrt worden, und es war nur die kurze Frist von -l0 Tagen gegeben, aber auch der Ausschuß ist gleich dem Vorstand der Ansicht, daß dies nicht die kolossale Neberschreitung rechtfertigen kann. Der Ausschuß beschließt, bei dem Vorstand eine Nachprüfung der großen Differenzen aufweissndcn Rechnungen nachzusuchen und dem Architekten nnr ein Honorar von 1120 „jf. zu bewilligen. Verein „Tiseres Bachurim." Sonntag sprach Herr H. Kornis über die Jnynisrtion. In anschaulicher Weise entwickelte der Redner einen Ueberblick über die Leiden der Juden in Spanien. Er schilderte die Verdienste, die die Juden sich um dieses Land erworben und den Undank, den sie Grzäsllmlgkn. ans MiM und Talmud. Von M. Pulvermann. Daniel zertrümmert den Götzen Bel. Die heidnischen Babylonier verehrten den Götzen Bel als ihren höchsten Gott. Täglich brachten sie ihm zwölf Säcke feines Mehl, vierzig Schafe und sechs Fässer Wein als Opfer dar, damit er nicht zu hungern brauche. Täglich begab sich auch der König mit seinem ganzen Gefolge zu dem Götzen, um ihm Verehrung zu bezeugen und seine Hilfe anzuflehen. Daniel aber verspottete den Götzendienst und diente mit aufrichtiger Frömmigkeit dem Gotte feiner Väter. Lange ließ der König dieses geschehen, bis seine Ratgeber ihm die bittersten Vorwürfe machten, daß er einen solchen Ungläubigen in seiner Nähe dulde. Der König wurde zornig und rief Daniel zu: „Warum verehrst Du nicht den großen Bel, wie wir es tun?" Daniel antwortete mutig und unerschrocken: „Weil ein Gcbild aus Menschenhand mir keine Ehrfurcht einflößen kann. Ich diene nur dem ewig wahren Gott Israels, der Himmel und Erde geschasfen hat und der das Geschick aller.Erdenwesen leitet." „Aber wer sagt Dir denn, daß Bel nicht ebenfalls ein lebendiger Gott ist? Sichst Du denn nicht, wieviel er täglich essen und trinken kann?" Daniel konnte da ein leises Lächeln nicht unterdrücken. „O, König," sprach er, „ist es Deiner würdig, Dich selbst zu täuschen oder durch andere betrogen zu werden! Weißt Du es wirklich nicht, daß ein Götzenbild, das innen aus Lehm und außen aus Kupfer besteht, weder esst" "och trinken kann?" Der König wollte noch zorniger werden, aber er sah ans /Daniels Armen göttliche" Wahrheit leuchten. Da' richtete sich denn Pin Grimm gegen seine Priester; er ließ sie sofort zu sichrufen und sprach zu ihnen: „Wenn Ihr mir nicht gleich die volle Wahrheit sagt, wer sich mit den täglichen Spenden den Bauch füllt, dann bereitet Euch auf einen schmählichen Tod vor. Wenn Ihr mich aber überzeugen könnt, daß nur Bel und kein anderer die Gaben verzehrt, dann soll Daniel sterben, weil er unseren Gott gelästert hat." Daniel rief: „Weise hast Du gesprochen, o König; es geschehe, wie Du es befohlen!" Die Priester, siebzig an der Zahl, zitterten und bebten bei dem Anhören des königlichen Spruches und wollten sich eben dem Könige zu Füßen werfen, um ihm die volle Wahrheit einzugestehen und seine Nachsicht für ihre Weiber und Kinder zu erflehen, die mit ihnen gemeinsam im Götzentempel hausten. Da aber winkte ihnen ihr oberster Priester mit den Augen und suchte sie zu beschwichtigen, indem er ihnen einen schlauen Plan ins Ohr flüsterte. Sie ließen sich beruhigen und stimmten des Königs Rede bei. Der König begab sich nun mit Daniel nach dem Tempel, wo sie von den Priestern mit geheuchelter Freude empfangen wurden. Der oberste von ihnen sprach: „Erhabener Herrscher! Siehe, wir alle verlassen den Tempel vor Deinen Augen. Laß jetzt die täglichen Opfer herbringen, schließe dann die Pforten und versiegele alle Eingänge mit Deinem königlichen Siegel. Morgen früh komme dann wieder her, um Dich mit eigenen Augen zu überzeugen. Hat Bel nicht alle Gaben wie ^gewöhnlich verzehrt, dann loollen wir gern den Tod erleiden; hat er aber die Opfer wie bisher angenommen, dann muß Daniel als Gotteslästerer sterben." Der König war damit einverstanden, und die Priester lächelten verstohlen über die vermeintlich gelungene List. Denn gerade unter dem Tische, auf den man die Gabe» zu legen pflegte, hatten sie eine geheime Falltür angebracht, von der außer ihnen kein Mensch etwas wußte, und durch die sie ungestört aus- und eingehen konnten, um die für den Götzen bestimmten Speisen selbst zu verzehren. Als die Priester fort waren,, befahl der König, die üblichen Opfer herzuschaffen. Daniel aber ließ durch seinen Diener einige Körbe mit Holzasche herbringen, die er über den ganzen Fußboden des Tempels streute. Dann verschlossen und versiegelten sie sämtliche Eingänge und nahmen die Schlüssel mit sich. Die Priester aber lachten sich ins Fäustchen, und kaum waren die beiden fort, so sielen sic auch schon mit ihren Weibern und Kindern über die Speisen her und verzehrten alles, daß auch nicht ein Krümchen übrig blieb. Frühzeitig am nächsten Morgen begab sich der König mit Daniel nach dem Götzentempel. Der König sprach: „Sind die Siegel unverletzt?" „Sie sind unverletzt," erwiderte Daniel. „Sind die Schlösser unbeschädigt?" fragte der König weiter. „Sie sind unbeschädigt," erwiderte Daniel abermals. Sie öffneten die Türen und traten ein. Kaum aber hatte der König einen Mick auf den leeren Tisch geworfen, als er mich schon mit lauter Stimme rief: ,/O, Bel, Du bist wirklich ein großer Gott» der da lebt! 'Dir wollen wir auch weiter dienen, und keiner soll es mehr wagen. Deine Gottheit anzuzweifeln! Du aber, Daniel, hast unseren Gott gelästert und mußt sterben!" Daniel aber lächelte überlegen und sprach : „Weiser König, che Du weiter sprichst, bitte ich Dich, den Fußboden zu betrachten. Wessen Spuren mögen diese wohl sein?" Ter König betrachtete die Fußspuren von Männer-, Frauen- und Kindertritten, die in der Asche deutlich sichtbar waren. „Was soll dieses heißen?" fragte er beschämt. Daniel winkte ihm, zu schweigen und führte ihn durch die geheime Falltür nach einem unterirdischen geräumigen Saal, wo all die Priester mit ihren Angehörigen nach der gestrigen Schwelgerei im tiefsten Schlafe lagen. Beschämt über seine Torheit und zornig über den Betrug, den man ihm gespielt> ließ der König die spitzbübischen Priester hinrichten. Daniel aber erhielt die Erlaubnis, den Götzen noch an demselben Tage zu zertrümmern.

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