Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Be fYie 2. Ein gewaltiges Ziel schwebte ihm vor: er nwllte die zerstückelte thoratreu« Judenheit zu einem einheitlichen Ganzen schweißen, da ihm, dem Fürsten des Scholaum, bewußt war, daß die Einheit die erste Voraussetzung für Israels Zukunft ist. Ein starkes Judentum, das Zeugnis ablegt von die Größe der Thora, wollte er schaffen. Und nun hat ihn Gott in der Vollkraft seiner Jahre, am Beginn seines großen Werkes, jäh abberufen. Wie einst unserem Lehrer Moses ist! ihm geschehen. Hellen, ungetrübten Auges sah Moses, unser Lehrer, das Land seines Höffens und durste es nicht betreten. Auch er führte das Volk hellen Auges bis zu dem Land seiner Träume, dem großen Agäms Zisroel-Werk, schaute es und — verschied. Doch auch ohne dieses Werk hätte er sich im jüdischen Volk verewigt. Denn er war ein Jdüaljude, verwirklichte in sich die Erhabenheit jüdischer Welt- und Lebensanschauung undstand so, er, der hervorragte unter Zehntausenden der Judenheit an Begabung und an Gut, als ein Leuchtturm des Thorawortes da. Ein Jude in jeder Faser seiner Persönlichkeit. Für sich anspruchslos, gegen sich streng, — für andere aber stets bereit, zu erfreuen, stets bereit, zu verzeihen, stets bereit, seine Güte zu betätigen. Wie er gab, und wieviel er gab; — es sind nur wenige auf der Sonnenhöhe irdischer Güter darin seines Gleichen; das jüdische HerK, in ihm war es Wahrheit. Und als Jdealjude war ihm alles nur Mittel zum Zweck, Mittel zum höheren Zweck! 'So auch, wenn er gewissenhaft bestrebt war, jedes Gebot des Thorajudentums treu zu beobachten, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seüle und mit ganzem Vermögen. Eine Helligung Gottes war sein Leben. Möge! Gottes Gnade unserem Volke Fortsetzer seines Wirkens, Vollender seiner Werks geben! In diesem Augenblicke tiefften Schmerzes ist uns bereits der Trost, daß Gott uns diese Menschen in -all' denen, die sein jüdisches Wirken verstanden haben und ihn deshalb liebten, geben wird. So ist deinn Louis Feist dem jüdischen Volke nicht nur ein Denkstein in der Vergangenheit, er lebt in ihm auch in Zukunft segenspendend fort. S. G. Jur Tal irren wir armen, zerklüfteten Menschen. Wir tasten nach Licht und finden es nicht, wir ringen nach Kraft und erreichen sie nicht, wir streben nach Würde und können sie uns nicht aneignen. Auf Bergen ruhen einige! wenige Auserwählte. Wir wandern — sie ruhen, wir kämpfen — sie haben gesiegt. Zu diesen wenigen Auserwählten, die die reinste Menschlichkeit in der höchsten Form «ntwickeü hatten, zu diesen Siegern zählte der soeben in noch jungen Jahren Heimgegangene Louis Feistst A. Was andere iwch unstät und wild umtreibt: Begehrlichkeit, Habgier, Neid, Eigensucht — er hatte das alles abgestreift, hatte das alles mit der Kraft eines eisernen Willens zum Schweigen gebracht. Und hatte sich mit der Kraft dieses eisernen Willens, Dank der Kraft dieses ehernen Willens emporgeläutert zum wahren Edelmenschentum. Nicht daß er kalt und teilnahmslos irdischen Irrungen und Wirrungen, irdischen Leiden und Gebresten gegenüber gewesen wäre! Keiner wußte üefer zu erfassen, keiner horzvoller und großzügiger zu bewältigen, was bei anderen Menschennot und Armenleid war. Aber was er dazu tat, ging alles mtt der abgeklärten Ruhe eines Weltweisen vor sich, der das Geschehen des Daseins versteht und sich in dieses Geschehen mit dem Besten seiner Kraft eingereiht hatte. Die Ruhe des Weltweisen — das war die eine Signatur seines Wesens. Kaum ein Wissen der Welt gab's, in das er nicht eindrang, das er nicht beherrschte und intuitiv selbständig gestaltete, kein Bücherwissen und kein praktisches Wissen. Und die Ruhe des frommen Juden — Las war die andere, die noch höhere Signatur seines Wesens. „Führe Dich vor Mir und werde vollendet!" Das Gotteswort an Abraham war sein Motto. Ihm, dem einen Herrscher eines alle Zonen umspannenden Handelshauses, ihm, dem feinnervi- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. gen, fürstlich eleganten Weltmann, war es Bodürfnis, Freude, Genugtuung und köstliche Labung, sich zu versenken in die Goldbergwerkei des Talnmd, sich zu durchsättigen mit den ewigen Wahrheiten und unverbrüchlichen Normen des göttlichen Gesetzes und sein Leben, sein ganzes reiches, großes Leben, nach ihnen vorbildlich auszugestalten. Und so ward er vollendet, vollendet im schönsten und weitesten Sinne. Nirgends ein« Fuge, nirgends Nietung oder Lötwerk. Und die ganze Mischung aus reinstem Edelmetall, schlackenlos, fehlürftei und ganz getriebenes Gold. Den Armen ein Befreier, den Reichen ein Anspornür. Nur Großem zugewandt, aber auch den menschlich Großen gegenüber seine Würde wahrend. Strengster Rechtlichkeit hold und damit als Jude voranleuchtend. Ein ganzer Jude und ein ganzer Mann, an dem ein Geschlecht sich aufranken kann. Ein seelisches Vermächtnis von unendlicher Hoheit-hat er seinen Nachkommen hinterlassen. Mit fteudiger -Bereitwilligkeit wollen sie es antreten und verwalten. Gebe ihnen Gott die Kraft dazü. Ick. 8p. A«S de« Ereignissen des Tages. 3um 300 jührigen Jubüüum der Romanows. Das offizielle Rußland feiert gegenwärtig unter großem.Ponrpe und äußerem Aufwand ein lautes Fest: das 300jährige Jubiläum des Hauses Romanow. Wir modernen Menschen, Kinder einür demokratischen Zeit, haben ja für solche Feste nichf mehr jenes Verständnis, das ihnen früher in der Epoche braver Untertanendevotion entgegengebracht würde. Wir sind in unseren! Urteile über die Herrscher häufig ungerecht. Wir Pflegen die Vorzüge und Tugenden, die gerade die Herrscherstellung bei fürWchen Geschlechtern entstehen und ausbildcn läßt, meist zu übersehen, pflegen aber auch ihre Verdienste und Bedeutung in der Geschichte leicht zu unterschätzen. Man vergesse doch nicht, daß die Beteiligung des ganzen Volkes am politischen öffentlichen Leben in dem Maße, wie sie heute besteht, erst seit relativ kurzer Zeit datiert, daß früher die Geschichte schließlich. doch nur das Werk einzelner war, innerhalb deren die Fürsten an hervorragender Stelle standen. Und- Europa kennt Fürstengeschlechter, deren Bedeutung für ihr Volk so groß ist, daß ihre Jubiläen sehr wohl den Rang nattonaler Feste beanspruchen dürfen. Wirst man einen Blick auf die historische Vergangenheit der Romanows, um zu Prüfen,. ob sie ein Anrecht haben, ihr Jubiläum als nationalen Festtag des russischen Volkes anzusehen, so wird man wohl kaum Momente darin finden, die ein solches Recht begründen könnten. Es ist kein Erhebendes Drama, das der Entwicklungsgang der Romanows uns vorführt, es steckt nur sehr wenig von Heldentum und Pathos darin, von hohem Streben und großem Erreichen, von kühnen Tat«n und stolzen Siegen. Es sind auch keine Heldengestalten, die darin agieren; sieht Man vom urwüchsigen Barbaren Peter und vielleicht noch von der moralisch wohl korumpierten, aber geistig recht bedeutsamen Katharina — die zudem nicht dem Romanowgeschlechte entstammt — ab, so sucht Man vergebens nach den stolzen Persönlichkeiten, die man bei anderen Fürstengeschlechtern so häufig findet. Es fehlt diesen Romanows das Element, ohne das eine fürstliche Familie aller inneren Größe entbehren muß: die große Tradition, die glorreiche Ueberlieferung. Daher .fehlt ihnen jeder ausgesprochene Charakter, jegliche spezifische Eigenart. Denn die eigentümliche Tradition des Geschlechtes allein ist es, das ihm seinen Stenchel, seine individuelle Note verleiht. Greift aus den großen Fürstengeschlechtern Europas irgendwelche! heraus, seien es die Valois, die Stuarts, die Hohönzollern, die Habsburger, und ihr Name ruft in euch eine gewisse, mehr oder minder präzis Umrissen« Vorstellung hervor: vor eurem Auge entsteht ein bestimmtes Bild, ihr habt den Eindruck einer bestimmten Physiognomie. Nichts von alledem bei Äen Romanows. Es gibt keine Eigenschaft, die sie alle gemeinsam hätten; zu Nein, als daß man sie ein Heldengeschlecht neunen könnte, sind sie auch zu rückgratlos, zu schwächlich, um eine Tyrannenfannlie gescholten zu werden. Es fehlt ihnen eben jeglicher.Zug der Größe, mag er selbst ins Bös« - , y _Nr. 11 verlaufen. Nichts an ihnen gebietet den: historischen Betrachter Ehrfurcht, nichts wahrhaft Fürstliches offenbaren sie. Das große Wort der „Noblesse oblige", das allein dem Fürstentum seinen inneren Adel zu verleihen verinag,. die Romanows scheinen es nie gekannt zu haben. Mehr als bei jedem anderen Herrschergeschlecht entrüstet man sich bei ihnen darüber, daß eine solche Familie an der Spitz« eines Riesenvolkes steht. Und die Entrüstung wird umso tiefer, je mehr man bedenkt, daß niemand mehr Gelegenheit gehabt hat, für ihr Volk Großes zu leistem, als sie;, sie, die sie bis zum heutigen Tag« es verstanden haben, bic ganze Regierungsgewalt des Landes in ihrer Person zu vereinigen und.die noch absolute Despoten waren, als in Westeuropa das Königtum bereits seiner Macht durch die Volks-Parlamente beraubt war. Das Kriterium für die Beurteilung eines Hürrschers sind einzig und allein die Resultate, die er für sein Volk erreicht hat. Ohne die Gcschichtö der Romanows näher zu kennen, genügt. es, einen Blick auf das heutige Rußland zu werfen, um den Stab zu brechen über dieses Geschlecht, das, ohne alle Fähigkeit für den großen Posten, auf den es gestellt war, eine der vornehmsten Stützen der Unkultur und Reaktion in Europa stets war und noch heute ist. f Wir als Juden können dieses Urteil der .Geschichte nur bestätigen, nein, noch verschärfen. Die Reihe der Leiden und Verfolgungen, die wir den Romanows zu verdanken haben, bildet eines der furchtbarsten und größten Kapitel in der Geschichte unseres tausendjährigen Martyriums. Denn bei aller Unbegabtheit und Unfähigkeit, selbst die Geschicke ihres Landes zu .leiten, wo es sich um die Unterdrückung der russischen Juden gehandelt hat, da wußten sie aktiv zu sein. So klein sie in allem übrigen waren, so groß waren sie im Judenhaß; und so unbedeutend sie in jeglicher wahret! Regierungskunst gewesen sind, so verschlage»: und tüchtig waren sie in der Erfindung von Schikanen gegen die Juden. Wenn rpher Antisemitismus ein Verdienst wäre, dann müßten die Romanows an die Spitze aller europäischen Fürstengeschlechter gestellt werden; ein historisches Weltgericht müßte sie wegen Vergewaltigung und Mordversuch an einen: ganzen Volke schuldig sprechen. Und sie feiern ihr Jubiläum! Mit ebenso großen: äußeren: Pomp als innerer Grundlosigkeit; durch lauten Aufwand und leeren Glanz glauben sie das vernichtende Urteil, das ihnen die Geschichte spricht, verdecken zu können. Aber es hilft nichts. Die innere Teilnahmslosigkeit der großen Massen des russischen Volkes an ihrem Jubiläum beweist, daß man durch alles Jubiläumsschießen und'Hurraschreien hindurch die dröhnende Stimme der Geschichte vernimmt; in den Augen des fortschrittlichen Europa sind die Romanows für immer gerichtet. Brief aus -er Türkei. An den Großrabbiner der Türkei gelangte «in Brief aus der jüdischen Gemeinde der nahen Stadt Tsch eschme, in dem man sich über das feindliche Verhalten der dortigen griechischen Bevölkerung den Juden gegenüber bellagt. Ein kleines christliches Mädchen verschwand und wurde nach zehn Tagen tot aus einen: Brunnen gezogen. Die Griechen beschuldigten nun die Juden des Ritualmordes; sie hätten gchn die russischen Hooligans nachgeahmt, aber zu ihrem großen Glücke ist die Stadt Tscheschme weder in Makedonien noch in Rußland, sondern in der Türkei, und.so mußten sie sich damit begnügen, die dortigen Juden zu boykottieren. In einer döin Briefe folgenden Depesche! ersuchen die Juden von Tscheschme den Großrabbiner, daß er beim griechischen Patriarch die nötigen Schritte unternehme, damit man die Priester auffordert, daß sie die griechischen Einwohner beruhigen und die Dummheit ihrer Beschuldigung beweisen. D«r Großrabbiner hat darauf alles Nötige getan, und der Patriarch ließ in dem gewünschten Sinne an die Priester von Tscheschme energische Befehle abgehen. Das jüdische Armenheim in Smyr- :: a, wo Hunderte von armen. jüdischen Familien Zuflucht finden, ist dank den Bemühungen des