Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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März 1913) Kr. 11 | Louis Feist. | Erschüttert steht Frankfurts Jüdcnheit, steht das gesamte traditionelle JlldentuM, steht Klall- Jsroel an der Bahre eines seiner edelsten Söhne: Louis Feist ist verschieden. Es ist unntöglich, in dieser Stiurde, da wir noch gebannt sind von der fitrchtbaren Kunde seines unerwarteten Todes, ein volles Bild seines Wirkens und Schaffens, seines an Arbeit und Mühe, an Ringelt und Kämpfen, an Siegen und Erfolgen so reichen Lebens zu entrollen. Noch stehen wir ihm Kn nahe. Noch fehlt uns die Distanz zu seinem Leben, die bei ihnt wie bei allen wahrhaft großen Persönlichkeiten die erst.ö Voraussetzung zum wahren Verständnis und' zur gerechten Beurteilung ihrer Gestalt bildet. Noch blutet das Herz zu sehr, als daß .unser Geist seinen Wert und seine Bedeutung klar und tief erfassen könnte. Stur an eitlem kann ntan schon jetzt, da noch die Betäubung in die uns der harte Schlag seines plötzlichen Hinscheidens versetzt hat, nicht gewichen ist, die Größe des Verlustes öinpfinden: an dem quälenden Gefühl der Leöre, das uns beherrscht. Es ist etwas wie ein Empfinden des Verwaistseins, das lins ganz erfüllt; wir fühlen uns unsicher und verlassen, wir wissen, daß wir einen Schützer, einen Sorger, eilten Führer verlöret! haben. . Ein Führer, ein Beschützer in Israel war Louis Feist gewesen. Er war es gewesen, tveil er alle Anrechte, es zü sein, besessen hatte. Ebenso groß an Geist wie tief an Gemüt, ebenso böwundernsdernswert im gedanklichen Erfassen wie unerreicht im praktischen Realisieren, war er zum Führerposten in Israel bestimmt. In diese Zeit des Abfalls und der Fahnenflucht ragte er hinein wie ein Fels aus der alten großen Zeit der jüdischem Geschichte, schien er ein Bote unserer ruhmreichen-Vergangenheit zu sein, gesandt, ein schwaches Geschlecht an seine Heldenväter zu gemahnen. Er war ein Führer. Zunächst ein Führer seiner Gemeinde. In diesem größten Denkmal, das sich Samson Raphael Hirsch errichtet hatte, bildete er die tragende Säule, das stärkste Fundament. Ein Führer aber auch weit über die Grenzön seiner Gemeinde hinaus. Der gesamten Orthodoxie war Louis Feist Führer und Vater, und in seinem hohen Amte als Präsident der Agudas Jisroel hat diese seine Stellung nur ihren äußeren Ausdruck gefunden. Er war ein großer Führer, weil er ein großer Jude war. Sein Wesen war vom echtesten, unverfälschten, besten jüdischen Stamme. Das innerste Wesen der jüdischen Lebensanschauung und der jüd. Ethik, das urjüdische Postulat, äußeren Glanz mit innerer Größe, materiellen Reichtum mit geistiger und sittlicher Stärke zu vereinen, schien in ihm personifiziert zu sein. Es ruht ein. großer, tiefer Sinn in dieser jüdischen Anschauung: Der Gedanke näinlich, daß nur der wahrhaft groß zu nennen ist, der trotz äußeren Glanzes und materiellen Reichtums sich die innere Reinheit und Lauterkeit bewahrt hat. Ethisches Leben ist stetiger Kampf, das Gute ist keine Tatsache, sondern Muß stets neu errungen werden, man ist nicht gut, sondern wird es: Nicht heilig sollt ihr sein, sondern heilig sollt ihr werden; in jedem Augenblicke eures Lebens euch neu überwinden, in jeglicher Minute den bösen Trieb neu besiegen, das ist jüd. Ethik> das ist ein wahrhaft ethisches Leben im Sinne des Judentums. Dies aber war das Leben von Louis Feist. Nicht in der unerschöpflichen Zahl seiner Wohltaten, nicht in der unendlichen Freigebigkeit seiner Natur ruht seine wahre Größe; darin vielmehr ist sie zill suchen, daß er, der stets auf den Höhen des Lebens wandelte, niemals der Versuchung auch nur fiir eine Weile erlegen ist. Er war mit den Gütern der -Erde reich gesegnet, hatte jederzeit die Möglichkeit, sich einetn Leben des persönlichen Genusses, der eigenen Lust zil ergeben. Und blieb doch zeitlebens der Mann mit der unergründlichen, selbstlosen Güte, mit der Seele, die so reich an Liebe war. Seine Seele glich einer jener wunderbar zarten Saiten, die sofort ins Schwingen kommen, wenn sich nur ein Lufthauch bewegt. Wo er nur einen Juden leiden sah, da litt - er mit,. und an dem tragischen Schicksal seines Volkes hat niemand mehr innerlich geblutet lvie Louis Feist. Er war in einer hohen sozialen und gesellschaftlicher Stellung, und stets war er in Gefahr, ein Opfer des Hochmuts und der Menschenverachtung zu werden. Nnd blieb doch immer' der bescheidene, anspruchslose Mensch, der Mann, dör eben jo wenig für sich verlangte, als er für andere gab, dessen vollstes Glück darin bestand, andere zu beglücken, der sich niemals eine Stunde« der Ruhe, der Erholung gönnen wollte, dem.das Leben den Inbegriff unausgesetzter.'Arbeit, rastloser Pflichterfüllung bedeutete. Selten hat ein Mensch die Summe der Zeit, die für sein Erdenleben ihm beschicken war, schöner ausgefüllt, voller ausgenutzt als Louis Feist, Er war ein Geschäftsmann, ein genialer Kaufmann, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus als solcher geschätzt und bewundert und stets in Versuchung, jenem Geiste des praktischen Rechnens, des egoistischen Bewertöns aller Dinge aus ihren Mutzen hin! zu erliegen, der das «kaufmännische Leben beherrscht. Und blieb doch sein.Leben lang der glühende Idealist, fähig und'bereit, fiir seine Ideale sein Höchstes aufzuopfern, dem all sein Tun und Leben nur Mittel war zur Realisierung seiner Ideale; blieb zeitlebens der große Schwärnrer, der allen Nöten der Zeit zum Trotz doch felsenfest an die Erlösung seines Volkes, an den Sieg der Thora, an den Glanz des Judentums glaubte. Ringsum war seine Lebensbahn von Versuchungen umringt; er aber schritt sicher und zielbewußt seines Weges, sich weder nach links noch nach rechts abwendend, mit jener stolzen Sicherheit und selbstbewußten Schrittfestigkeit, die! die geborene große Persönlichkeit erkennen läßt. Louis Feist war eine Persönlichkeit. Das vielgebrauchte, viel mißbrauchte Wort, bei ihm darf es ruhigen Gewissens angewandt werden. Wer das Glück gehabt hat, ihn persönlich zu kennen, wer die herrliche Ruhe seines Wesens, die Knappheit seiner Worte kannte, der enrpfand, daß er zN jener seltenen Kategorie von Menschen zählte, deren Schweigen nur das Zeichen ihrer inneren Klarheit ist, die so fest Und entschlossen, so zielsicher undwögeskundig sind, daß sie über ein Ding nur zwei Worte zu sagen brauchen, weil sie fähig sind, in diesen zwei Worten ihren Standpunkt niedörznlegen. Voll stolzen Selbstbe'.vußtseins und doch so bescheiden, voll rastloser Energie und doch seelengut, voll tiefer Lebenserfahrung und doch so idealistisch, voll genialem Geschäftssinn und doch so tief religiös, voll ernster Strenge und doch so tolerant, von bewllndernswerter Gründlichkeit und doch so genial großzügig, voll männlicher Reife und doch so jugendlich hofsuungsfroh, voll feinem Verständnis für die Meinungen anderer und doch so selbständig, voll äußerer Rühe und doch innerlich so reich, voll europäischer Bildung und doch so durchaus Jude, so steht Louis Feist da: eine Gestalt von unerschöpflichem Gehalte und herrlicher Hartnonie, eine ethische Adelsgestalt und eine ästhetische Prachtfigur, eine überragende Persönlichkeit. ein großer Jude. In dieser seiner Größe rtcht die Garantie seiner Unvergünglichkeit. Das Haupt einer so edlen Familie, der Vater solch würdiger Nachkonünen, der Repräsentant einer so großen Lebensanschauung, der Verkärperer solch hehrer ethischer Prinzipien, ist der Name Louis Feist für immer der Vernichtung entrissen: wer so wie er war, der bleibt , auch auf Erden unvergessen. In der Geschichte des jüdischen Volkes hat sich Lüuis Feist für ewig einen Ehrenplatz errungen. 8. H. G—n. Worte sind zu arm, als daß sie zu sagen vermöchten, was mich in diesem Augenblicke bewegt. In diesem Augenblicke, da sich ztmi Augen geschlossen haben, die auf unser so großes und. doch so verkanntes, von den anderen, aber auch von sich verkanntes jüdisches Volk mit solch' unendlicher Liebe, mit solch' unendlichem Stolze schauten. . . In diesem Augenblicke, da Louis Feist, den Man stets als einen der Besten, als einen Großen in Israel mit Ehrfurcht nennen wird, aus unserer Mftte geschieden ist. ... Was ich zu sagen vermag, — es ist ein Stammeln gegenüber dem, was mein Innerstes durchwühlt. ... * Lollis Feist war nicht nur der geniale Schöpfer und mit den Minuten geizende Leiter einer Weltfirma, sein Stolz war es vielmehr in erster Röche, für unser jüdisches Volk zu denken.