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Neue jüdische Presse · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. ihnen zum Trotz, groß nndgrößer gewordsnist, und die edelsten Geister für sich entflammt ha t, so wenig wird auch dieser Bannfluch seine Entwicklung hemmen? - Nicht der Tag, nicht die Stunde hat den Zionismus geboren, sondern die unsägliche Jude n n o t. Schon jetzt hat er soviel Gutes geschaffen, daß ein- Fluch mit Entrüstung zurückzuweisen ist. Mancher zionsseindliche Agitator wird längst vergessen sein, wenn ein dankbares Judentum das Andenken eines Herzl, Nord au und anderer zionistischer Führer verehren und segnen wir d." vresla«. Die „Bresl. Ztg." bringt folgenden interessanten Fall: Eine Jüdin sollte auf Anordnung der Landesvers ick) e r u n g S a n st a l t in eine Lungenheilstätte gehen, weigerte sich aber, da sie nur rituell esse. Die Versicherungsanstalt entzog ihr die Invalidenrente. Auf Klage erkannte das Oberversicherungsamt den Grund der Jüdin an, ebenso das Reichsversicherungsamt. In der Urteilsbegründung des letzteren heißt es: .'. . daß bei der Prüfung der Frage, ob ein triftiger Grund zur Verlveigcrung eines Heilverfahrens vorliegt, auch Erwägungen seelischer und rein menschlicher Art Platz greifen können. Insbesondere ist ein solcher Grund unter-Umständen in der Gemütsverfassung des Versicherten erblickt worden. Von diesem Gesichtspunkt aus hat das Oberversicherungsamt mit Recht sür wesentlich erachtet, daß die Klägerin einer strenggläubigen Familie angehört, in der die Speisegestze aufs peinlichste beobachtet tverden, baß sie stets koscher gelebt und selbst während ihrer Krankheit niemals verbotene Speisen genossen hat. Da der Rabbiner einem Juden von der Beobachtung der Speisegesetze keine Befreiung gewähren kann und die religiösen Vorschriften nur im Falle einer unmittelbaren Lebensgefahr den Genuß nicht koscherer Speisen gestatten, so konnte das Schiedsgericht ohne Ueberschreitung seines Rechtes die Ueberzeugung, erlangen, ^daß die Klägerin durch eine ihr aüfgedrungene Abweichung von ihrer Lebensweise in eine schwere Gewissensnot gerate, wodurch ihr Zustand nicht nur nicht gebessert, sondern sogar hätte verschlimmert werden können." Diez a. Lahn. Im freundlichen Städtchen Diez a. d. Lahn, hoch am Berge und nahe zum Walde, luftig und gesund gelegen, erhebt sich das Haus des Deutsch-Israelitischen Kinderheims, begründet 1889 von edlen Wohltätern. Einige 40 Knaben im Alter von 6—15 Jahren beherbergt das Heim, die unter der bewährten Leitung der trefflichen Hauseltern K a d d e n sorgfältig erzogen und verpflegt werden. — Aus allen Gegenden Deutschlands konimen die Knaben. Nicht nur Verwaiste sind es, die Aufnahme finden; ein großer Teil der Kinder entstamnlt den unglücklichsten häuslichen Verhältnissen von Eltern, die aus Armut, Krankheit, geistigen oder sittlichen Mängeln nicht befähigt sind/- ihre Kinder zu erziehen. Solch' unglückliche Geschöpfe müßten untergehen oder in nichtjüdische Hände geraten, falls das Deutsch-Israelitische Kinderheim sich ihrer nicht annähme; denn die Pforten anderer Waisenhäuser sind solchen Kindern aus statutarischen Gründen fast immer verschlossen, und so füllt das Deutsch-Israelitische Kinderheim eine oft schmerzlich empfundene Lücke ans in der Reihe der humanitären Anstalten Deutschlands. Wer immer Gelegenheit hatte, das Kinderheim zu besichtigen — und allen Menschenfreunden sei der Besuch wärmstens empfohlen —, wird erfreut gewesen sein, die Knaben zu beobachten, wie sie spielen/ wie sie arbeiten, welch musterhafte Ordnung überall herrscht, und mit welcher Liebe und Sorgfalt und wohlwollender Strenge die Knaben zu tüchtigen Menschen und guten Juden herangebildet werden. Eine eigene Synagoge versammelt .die Knaben zweimal täglich zum Gebete und zum Mhalten der vielfachen Kaddisch- und Jahrzeitsstiftnngen. Ein großer, schöner Garten, der von den Knaben gerne gepflegt wird, ein Turn- und Spielplatz dienen der Unterhaltung und Körperpflege. Auch für die aus der Schule entlassenen Zöglinge sorgt der Verein, verschafft ihnen passende Lehrstellen bei Handwerkern oder in kaufmännischen Berufen — einzelne werden auch als Lehrer aüsgebilbet — üild unterstützt sie während ihrer Lehrzeit mit Kleider und Wäsche. Die mit jedem Jahre zahlreicher werdenden Anmeldungen beweisen den Menschonfreunden, welch' hohe soziale Aufgaben das Deutsch-Israelitische Kinderheim erfüllt. Leider muh die Verwaltung eine ganze Anzahl von Gesuchen aus finanziellen Gründen abweisen — in diesem Jahre 12 —, weil schon das Jahr 1912 mit einem größeren Fehlbetrag abschloß, der aus dem kleinen Vereins- Vermögen gedeckt werden mußte. Mit dem Herannahen des Purimfestes wendet sich das Kinderheim wieder an seine Freunde und Gönner und bittet sie, der opferfreudigen, glücklichen Jugend, die in diesen Tagen .für die armen Kinder des Diez er Kinderheims sammeln, reichliche Gaben zu spenden, damit recht viele Kinder der Segnung dieser schönen Anstalt teilhaftig werden können. Oesterreich-Ungar». Budapest. Dfe hiesige orthodoxe Gemeinde hat vor zwei Jahren mit einem Kostenaufwand von f200 000 Kronen die Errichtung je eines Synagogen-, Gemeinde- und Schulgebäudes in Angriff genommen. Gemeindehaus und Schulhaus wurden dieser Tage mit einem Festessen von 120 Gedecken im Prunksaale des neuen Gemeindehauses eingeweiht; die Einweihung der Synagoge wird erst in einigen Monaten erfolgen. . Frankfurter Israelitisches Fanrilrenblatt. Lemberg.- AuS den Verhandlungen des Landtags- Wählreformäusfchuß geht hervor, daß sich "Polen und Ruthenen wahrscheinlich doch einige» und die Inden die Zeche zahlen lassen werden. Für sechs Städte — Tarnow, Tarnopol, Stanislaus, Kolomea, Drohobycz und Przemysl — sind zwei Mandate vorgesehen. Hiergegen wandte sich der bekannte Assimilationsjude und Speichellecker der - Polen v. Löwenstein. Diese Doppelmandate wären die einzige Gewähr dafür, daß doch einige jüdisch denkende Juden in den Landtag einziehen, — und das könnte der so schwachen, lächerlichen Position v. Löwensteins sehr schaden. Großbritannien. London. Die Gebühren für die Naturalisation sind von 5 auf 3 Pfund herabgesetzt worden und zwar infolge .der Bemühungen einer politischen Sektion in Manchester. Es muß jedoch bemerkt werden, daß die ersten Bemühungen von der jüdischen Organisation „Board os Deputies" ausgingen. . London. Die großen jüdischen Organisationen — Jca, Hilfsverein der deutschen Juden, Oesterr. Alliance, Alliance Jsraelite Universelle usw. — sind im Begriff, sich zu einem ständigen jüdischen Komitee zusammenzuschließen. Das Büro dieses Komitees wird in Paris sein. Italic«. Mailand. Luzatti veröffentlicht im „Corriere" einen Aufruf an die Mächte, dafür zu sorgen, daß,die rumänischen Juden endlich ihre völligen Rechte erhalten und nicht zu dulden, daß die bulgarischen Juden beim Uebergang an Rumänien entrechtet werden. Schweiz. Baden. Im Lause der Sommermonate wird die mit einem Kostenaufwand von 100 000 Frcs. neuerbaute Synagoge eingeweiht werden. Das Gebäude befindet sich an der Parkstraße gegenüber dem Kurgarten, freistehend, in stiller lind freundlicher Lage. Es ist im maurischen Styl errichtet, mit einer Kuppel, auf der bereits ein Mögen Dovid angebracht ist. Es ist Raum für 120 Männerplätze und etwa 60 Fraucnplätze, im Parterre kann noch ein Schulzimmer geschaffen werden. DecvrsiiovLblumen [ Arrangements für Festlichkeiten geschmacfcvollst I nnd billigst. I Frankfurter Kunstblumenu. Kranziabrib I Wolschendorff «& Meissner I 38 TSngesgasse 38. I Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Julius Jacobh, der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde, feiert am 10. März seinen 89. Geburtstag. Hambnrg. Dr. Otto Eduard Cohen, Rat am Oberlandesgericht, ist zum Landgerichtsdirektor ernannt worden. Darmstadt. DaS hiesige Schwurgericht bat nunmehr den Fall Weiser verhandelt. Er betrifft den jüdischen Studenten Alfred Weiser aus Rußland, der von betrunkenen Studenten erstochen wurde. Das Schwurgericht verurteilte den sind. ing. Ewald Bahn, den 32 jährigen Haupthelden der Tragödie, zu 1 Jahr 3 Monate Gefängnis, den Studenten A l l st ä d t zu 3 Monaten tmd den Studenten Erich Bauer zu 3 Wochen Gefängnis. Biblis. Unsere Gemeinde hatte wieder einen Festtag Herr Herz Hochschild und Frau Lotte, geb. Hochschild. feierten das Fest der goldenen Hochzeit; es ist dies seit wenigen Wochen die zweite innerhalb der jüdischen Gemeinde. Am Freitag traf das Bild Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs, von dessen besten Wünschen begleitet, ein. Am Sabbat fand in der Synagoge ein Festgottesdienst statt. Lehrer Rohrheimer hielt die Festpred'igt, in der er, angelehnt an den Inhalt des Wo.chenabschnitts, das Haus der Familie des Jubelpaars mit dem Stiftszelt verglich. Am Samstag Abend bereiteten die Kaiserkapelle und die freiwillige Feuerwehr eine Ehrung durch Musikvorträge; der Feuerwehrkommandant, Jakob Nock, brachte das Hoch auf das Jubelpaar aus. Der Sohn, Max Hochschild aus Zürich, dankte allen herzlichst.. Lehrer Rohrheimer dankte ebenfalls der gesamten Ortsbevölkerung für die imposante Kundgebung und brachte zum Schluß 'ein dreifach donnerndes Hoch auf den Großherzog aus. Am Sonntag fand im Familienkreise eine große Festtafel statt.. Nach der Festtafel nahte noch der Gesangverein „Frohsinn", der einige Lieder sang. Präsident Schaber hielt eine schöne Ansprache. Theodor Schlesinger aus Frankfurt gab seiner Bewunderung über die Knnstleistungen des Vereins und über die Eintracht aller Konfessionen in schönen Worten beredten Ausdruck. Burgfinn lUnterfr). DaS Scheiden eines frommen Menschen macht stets Eindruck. Dieser ist um so fühlbarer, wenn in einer kleinen Gemeinde die Mitgliederzahl immer geringer wird. Eine brave, fromme. Frau ist aus unserer Mitte genommen worden, die Frau des Herrn Simon Hamburger. Viele Jahre war sie krank, doch mit großer. Geduld ertrug sie alle Leiden. Ihre Herzensgüte und ihre Menschenfreundlichkeit erwar- Seite 3 ben ihr allgemeine Wertschätzung. Diese Wertschätzung zeigte sich bei der Beerdigung. Die meisten Einwohner gaben der Dähingeschiedenen das letzte Geleite. Hauptlehrer S t r u p p ans Mittelsinn widmete ihr am Sterbehause einen ehrenden Nachruf. Wehen l. Taunus. Ern furchtbares Drama hat sich hier abgespielt: in plötzlicher geistiger Umnachtung erstach der 62jährige Metzger und Viehhändler Alexander Nassauer seine Tochter, verwundete schwer seine Frau und sein Dienstinädchen und tötete sich dann. Nassauer war ein angesehener Mann. Er gehörte der Gemeindevertretung an und war Vorsitzender der Lehrlingsprüfungskommission. Seine Beisetzung zeigte seine Beliebtheit, denn mehr als 1000 Menschen folgten seiner Bahre nnd der seiner Tochter. Hoffenheim bet veidelverg Hier verschied Nathan Heumauu, der älteste Veteran in Baden, im 94. Lebensjahre. Lautenlmrg jWestpr.). Welcher Achtung sich unsere Glaubensgenossen hier erfreuen, ist wohl am besten daraus zu entnehmen, daß im Stadtverordneten-Kollegium 8 unserer Glaubensgenossen sitzen: die Herrein Blnmenthal, C. Cohen, Jacobowitz, Jacobsohn, H. Krzesni, Ripinski, M. Salvmon I. und M. Salomon II. Herr Blnmenthal ist Stadtverordneten-Vorsteher. Hem: Lew in ist Mitglied des Magistrats und Herr Kurzinski Ehrenbürger der Stadt. Der jüdische Lehrer, Herr Trenmaun ist Schriftführer des Krcegervereins nnd hat schon sehe häufig au patriotischen Festen, auch jetzt wieder am Geburtstag unseres Kaisers, die Festrede halten und das Kaiserhoch ausoringen müssen. tll.1 Bnk. Die Mitglied,, zabl der hiesigen Ortsgruppe des Flottenvereins ist bedeutend zurückgegangen, da vor einiger Zeft alle jüdischen Mitglieder, die sich durch Empfehlung eines antisemitischen Buches im Bnndesorgan „Die Flotte" verletzt fühlten, ausgetreten sind. Ebenso hat Herr Spieltoch, Lehrer an der hiesigen jüdischen öffentlichen Volksschule, sein Amt als, Vorstandsmitglied niedergelegt. Basel. Dr. Bruno Bloch, bisher Privatdozent an der Universität, wurde vom Regierungsrat zum außerordentlichen Professor für Dermatologie nnd Vorsteher der dermatologischen Klinik ernannt. Der junge Gelehrte wurde in Endingen als Sohn des dortigen ausgezeichneter Arztes Dr. L. Bloch s. A. geboren. Ldian lSchles.I. Medizmalrat Dr/ Licbtw rtz. Bat« Justizrats Lichtwitz -Magdeburg und Schwiegervater Rabbiners Dr. Freudeuthal -Nürrrberg, ist anläßlich seines 70. Geburtstages von unserer Stadt zum Ehrenbürger ernannt worden. Budapest. In Rimaszombat verschied im 70. Lebensjahre der Großhändler und Stadtrepräsentant Ignaz Dickmann, ein Schwager des Landesverteidigungsministers Baron Samuel Hasay, -der freilich nicht mehr dem Judentum angehört. Budapest. Johann Czeinoch, der neue Fivcstprimas von Ungarn, empfing in seiner Residenz Gran eine Deputation der dortigen Jndengemeinde. Er sagte u. a., daß er in den Menschen hauptsächlich die Religiösität schätze nnd deshalb in seinem Kampfe gegen die Destruktion die Mithilfe all«, so auch der jüdischen Konfession, annehme. Lemberg. Die Israelit. Kultusgemeinde hat dem hebräischen Gymnasium in Jerusalem eine Snb vention von 1000 Kronen bewilligt. London. David Haimsohn, der größte Talmudlst Englands, ein Stiefbruder des Dajans Dr. Hyamson, ist im 70. Lebensjahre plötzlich verschieden. Er leitete seine Abkunft mütterlicherseits iion Maimonides ab. Warschau. Das jüdische Städtchen Umstnw ist zur Hälfte niedergebrannt. In Rowidwor verschied — 74 Jahre alt — Abraham Jungwitz, der sich durch seine Wohltätigkeit auszeichnete. BiaUftok «Rußland). Im 72. Lebensjabre verschied hier Frau Sarah Feige Newzowitfch, die unter den Pseudonymen „Nefesch" und „Schofon" schrieb. Sie war im Hebräischen nnd im Talmud sehr bewandert. Baean «Rumänien). Liberale Z ltung-n bringen einen Fall, der im allgemeinen großes Aufsehen und bei den rumänischen Inden noch dazu schmerzhafte Gefühle erregt. Ein jüdischer Soldat, der, infolge der unmenschlichen Malträtierungen, denen er ausgesetzt war, vor Monaten desertierte, stellte sich jetzt, da er von einer Mobilisierung des He«es und ev. Kriege vernahm, freiwillig wieder zur Garnison. IN Anerkennung dermaßen bekundeter patriotischer Gefühle wurde er zwar nicht arretiert, sondern als freier Soldat wieder eingereiht, ab« die diesmal auf das grausamste gesteigerten Quälereien seitens seiner Vorgesetzten brachten ihn zur Verzweiflung, — und « erhängte sich, „ohne" — wie er in einem Briefe an das Verbreiteste rumänische Blatt schreibt — „Hoffnung, daß andere eine Träne für ihn vergießen werden als Unbekannte, die durch seinen Brief in d« Zeitung zu Mitleid gestimmt werden könnten, da er alleinstehend im Leben war, das ihm wenige Freuden brachte und zuletzt noch so verbittert wurde." Rew-Aork. In Chicago verschied im 6i. Lebensjahre die Philanthropin Fräulein Rachel Jackson und inSeneca im 74. Lebensjahre Leopold Cohen, von 1880—84 Bürgermeister dieser Stadt, in d« seine Familie die einzige jüdische war. Während Cohens Beisetzung hatten alle Geschäfte der Stadt geschlossen. A«S der zionistischen Beweg»»-. Budapest. Davrd Wolfffohn. der frühere Präsident der zionistischen Organisation, «vird hi« anr 9. März, in einer zionistischen öffentlichen Versammlung sprechen.

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