Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sea- L. - Nagen, aber ist. auch unsere Politische Gleichbercichj! . tigmlg zwn Teile noch nicht realisiert, die volle y? Möglichkeit, unsere Traditionen Kn wahren und! zu jjjj' Pflegen, haben wir doch stets in Deutschland' be- If; sessen, und dieses Recht, für .uns als Juden gewiß | das größte und bedeutsamste, unter der Despotie Les Korsen wäre es uns gewiß genommen werden. Aber abgesehen von all dem, was uns die Be- I sreiungsMege als Juden Wertvolles gebracht Hab«, Min allein die Tatsache, ddß. sie die Grundlage N ' zum gewaltigen wirtschaftlichen Ausstieg Deutsch-;!l larü>s im 18. Jahrhurwert biü>en> ist für uns Grund sl genug, uns an ihrer Jahrhundertfeier aufrichtig y jund aus vollem Herren zu beteiligen. Denn an \\ diesem Ausstieg hat niemand solchen Anteil gehabt.; < als wir Juden. Der ungeahnte Triunchhzug der ß ., deutsl^ir Industrie und des deutschen HandÄls'Lnrch I die Well bedeut^ auch einen TrimnphzUg jüdischen Hcachelsgeistes und jüdischen Kapitals. E Sowohl gesehen vom inneren geistigen Stands A Punkt des Zduentums als auch voN dem wirtschast- | lichen Gesichtspunkt unseres sozialen Aufstieges A haben wir den Befreiungskriegen Großes zu vor- § danken, und es ist nicht nur eine Dokumentation | unseres Patriotismus, sondern entspringt einem y Wahren inneren Gefühle, wenn wir Juden die sl Jahrhundertfeier der Befreiungskriege, gleichfalls als Feiertag empfinden und begehen. f\ Zugleich aber mögen wir aus diesem Feiertag j auch eine Lehre ziehen, die uns Juden viel mehr y not tutals dem deutschen Volk. Denn die Lage, in der das deutsche Volk damals vor 100 Jahren;j; sich befand und aus. der es die Befreiungskriege, «Wsten, ist in vielem analog derjenigen, in dör;ij wir heute leben. Auch wir sind als Volk geknebelt und'unterjocht, aber auch bei uns regen sich schon p der nationale Gedanke und die nationale Freihüits- D liehe an allen Ecken und Enden, und das jüö. Voll rüstet sich jetzt dazu, wozu sich das deutsche vor! einem Jahrhundert mit solch bewundernswerter Be- > geisterung bereitet hat: seinen. Befreiungskampf zu l känchfen. Auch damals hat es die vielen gegebchr,! die an den Erfolg nicht glauben Wollten, die von! L «cklen energischen Schritten abrieten und warnt«, 1 auch damals gab es die Indifferenten und Trägen,! die abseits starchen, und auch damals ist die Rettung nur von dem kleinen Häuflein der Begeisterten, der gjIdealisten ausgegangen, die dann schließlich das Ij ganze Volk mit sich fortriffen. Bei uns ist' es'heute ganz genau so. Lernen wir darum, aus jenen welthistorischen Ereignissen Mut zu schöpfen für unseren Befreiungskampf, lernen wir erkennen, daß ein Volk die unerhörtesten Wunder zu vollbringen vermag, wenn es nur einig und begeistert ist, lern« wir gleich jenen großen Helden der Befreiungskriege alles einzusetzen und auszuopfern für unser unglückliches Voll, dann dürfen wir sicher sein, daß der Erfolg, der die Heldentaten jener bewundernswerten Helden der Befreiungskriege belohnt hat, auch unseren Müschen Befreiungskampf krönen wird. 2. Europa in Waffen. Es ist für die europäische Menschheit ganz gut, in ihrem stolzen Bewußtsein von der HerrülAeit ihrer Kultur ab und zu wieder einmal daran erinnert zu werden, wie tief sie noch in viel« Ding« in der Barbarei steckt, und wie sehr noch der Glanz der äußer« Zivilisation eine täuschend«! Hülle ist, die innere Unkultur und Roheit überdeckt. Gegenwärtig befindet sich Europa wieder .in eipem solchen Zustand der Selbstbesinnung, der Betroffenheit ob all des Elends und des Schmutzes, von dem man auf der Bahn einer jahrhundertelang« Kulturartwicklung sich noch nicht hat freiurachen können, der Beklemmung und Kleinmütigjdt über die Geringfügigkeit des bisher Erreichen, wenn Man es an dem Glanze des Erstrebt« mißt. Wir leb« wieder in einer Zeit fieberhafter Rüstungen in ganz Europa. Schon wähnten sich viele vor droh«den Krieg« .sicher, schon glaubte! man, den bald beginnenden Völkerfrühling ewig« Friedens selbst noch erleb« zu dürfen, da kam plötzlich die große Enttäuschung. Es genügte, daß der „König" Nikolaus von Montenegro der Türkei Jben Krieg erklärte, und seitdem kommt die M«schtzeit nicht aus dem Bangen und Zittern heraus, seichem glüht die Brandfackel, die ein« allgemeine» Weltkrieg entfachen würde, seitdem beginnen alle Staaten Mllionen auf Millionen für neue Rüstzingen auszugeben. Deutschland fordert eine Frarckfurter Israelitisches Familienblatt. ganze Milliarde, Frankreich eine halbe, Rußland verstärkt sein Heer, Oesterreich mobilisiert, wohin man blickt, überall hört man nur Waffen Kirren und Alarm blasen. Während ungezählte Arme vor Hunger umkommen, während Millionen Elende heute nicht wissen, wovon sie Morgen das Leb« fristen sollen, werden Millionen und Abermillionen auf Rüstungen und Heeresverstärkungen verwandt. Und all .dies im 20. Jahrhundert, nach all den gewaltigen Leistungen d« Wiss«schast« und her Technik, nach all dem Schaffen und Wirken so vieler Geistesheroen: immer wieder erk«nt man, daß der wahre Fortschritt, der nicht die äußere Oberfläche, sondern die innere Gesinnung d« Menschen betrifft, viel langsamer und schwieriger vor sich geht, als es berufsmäßige Dithyrambensänger und professionelle Optimisten immer hinstellen wollen. Wenn man als Jude an diese Tatsache herantrftt und solche Symptome innerer Unkultur wahrnimmt, wie es die gegenwärtigen Kriegsrüstung« sind, so kann man bei aller Trauer und Mißstimmung sich doch nicht eines gewissen Besriedigungsgefühles erwehren, eines Befriedigungsgeftihles, das aus dem Vergleiche unserer heutig« Kultur mit der altjüdischen der Thora und der Prophet« entsteht. Wie oft kann man nicht die Verachtung für das alte Judentum wahrnehmen, wie oft trifft man nicht da L«te, die glauben, von ihrem Heu-? tigen Standpunkt auf unsere altjüdische Kultur mit Verachtung herabblicken zu können, wie oft sieht man nicht auch Juden, für die es ganz selbstverständlich und ausgemacht ist, daß die Kultur der Thora und der Propheten für heute keine Berechtigung mehr besitzt. Unter dies« Umständen tut es zuweilen doch ganz wohl, wahlzunehmen, wie das, was heute das höchste Ideal und das heißeste Schn« aller wahrhaft edel und fortschrittlich Gesinnten unter der europäischen Menschheit ausmacht, bereits von unser« Propheten ersehnt und verkündet Word« ist. Wieder einmal bestätigt sich die tiefe Ueberzeugung, auf der uns« Glaube an die unvergängliche Macht und ewige Bedeutung' des Judentums beruht, daß nämlich wahre Kultur und wahres Menschenglück nur möglich sein werden, w«n der Geist, des jüdischen Prophetismus und'der jüd. Ethik die Welt durchdringen und regieren wird. So sind wir Juden berechtigt, in dem Seufzen der Völker .unter den ungeheuren. Kost« ihr« Rüstungen .einen erneuten Baveis für die Wahrheit unserer altjüdischen Ideale Kr erblicken, sind wir auch berechtigt, in jedem wahrhaften Fortschritt zur wahren Kultur .und Veredelung einen Sieg jüdischen Geistes zu sehen. Darum berührt es uns als Juden so besonders sympathisch, wenn wir jene von so aufrichtiger Menschenliebe getragene Rede les«, die d« n«e amerikanische Präsident Wilson bei seinem Amtsantritt gehallen hat. Die Rede ist ein historisches Dokument und verspricht, für Amerika der Beginn einer n«en Epoche zu werden. Währ«d Hier in der alten Kulturwelt Souveräne und Staatsleiter in ihren öffentlichen Kundgebungen fast stets nur von der Kriegsbereitschaft ihrer Länder red« und ihr« Untertanen nichts dringender ans .Herz zu legen wissen als die Pflicht, für neue Heetresrüstungen jederzeit zu neu« Opfern b«eit zu sein, richtet der Präsident der Vereinigt« Staat« im. Momente, da .er das Programm seiner Tätigkeit v«-? kündet, seinen Blick zuerst auf die Armen und UnglüMchen seines Landes und erblickt in der Besserung ihrer sozialen Lage seine vornehmste.Aufgabe. In uns«« Tagen krasser Machtpolitik und des rücksichtslosen Egoismus freut-es doppelt und dreifach, wiü>er einmal die Stimme eines wahren und aufrichtigen Demokrat« zu ve«ehmen. Hoffentlich bleibt der neue Präsident kein Predig« in der Wüste, sondern wird es ihm gelingen, seine Ideen tmd Absichten durchzusetzen.. Dies würde g«ade heute einen groß« Erfolg echter Kultur bedart«, ein« neuen Sieg des demokratisch« Geistes, des jüdischen Geistes. Aus aStev Well. Deutsches Reich. Berlin. Den Tabellen des Kaiser!. Statistischen Amtes entnehmen wir folgende statistische Zahlen: 1907 waren im Deutschen Reiche Juden unter den Aerzten Nr. 10 4719, Privatgelehrten und Schriftstellern 712, in den Berufsarten Musik und Theater 1904, unter den Richtern und Staatsanwälten 906, den Rechtsanwälten, Notaren, Patentanwälten 1877, den Staatsbeamten 244' und den Offizieren der Armee und Marine 16. Berlin. Im Abgeordnetenhause gab es beider Beratung über die Jahrhundertfeier folgenden interessanten Zwischenfall: Cassel: Meine Herren, Abg. Hoffman« hat sich veranlaßt gesehen, als ich vorhin die' Rednertribüne verließ, mir zuznrufen: »Ohne Napoleon säßen Sie noch heute im Ghetto." (Abg. Hoffman«: Sehr richtig!) Der Herr Abgeordnete hat dabei in der vornehmen Art, die ihn auszeichnet (Heiterkeit), in der tiefwitzigen Weise, die ihn charakterisiert, offenbar darauf anspielen wollen, daß ich jüdischer Religion bin. Nun, meine Herren, hier in dem Hause ist bekannt, daß ich nicht zu denen gehöre, die jemals ihre Religionverleugnen' (Bravo!)," sondern die sich stolz und freudig zu ihr bekennen. (Bravo! rechts.) Wer nebenbei bemerkt: im Jahre 1813 saßen die Juden in Berlin und in Preußen überhaupt nicht mehr im Ghetto. Das haben die Fürsten Preußens schon länger als ein Jahrhundert vorher zu verhindern verstanden. In vaterländischen Dingen kenne ich aber überhaupt keine Konfession und keine konfessionellen -Rücksichten (lebhafter Beifall), ebensowenig wie meine teuren Glaubensgenossen, die zu Hunderten im Jahre 1813 Leben und Blut fürs Vaterland und seine Befteiung zum Opfer gebracht haben, und deshalb rann ich auch auf solche Bemerkung«» mit gebührender Empfindung herabsehen. (Lebhafter Beifall.) H offmann: Abg. Cassel sollte in den 13 Jahren/ die wir zusammen im Rathause arbeiten, längst kennen gelernt haben, daß. ich der letzte bin, der ihm seiner reli- S"sen Abstammung wegen irgend etwas nachsagen will. > habe nur protestiert im Rathanse wie hier gegen die Art der Geschichtsfälschung und gegen die Art des patriotischen Ueberschwangs, die im Rathause Herrn Cassel das Relief gegeben hat, sich als der Patriot par oxeöUoaoe dem Volke zu zeigen. Mit Rücksicht darauf habe ich darauf hingewiesen, daß gerade die Juden es sind, die die Gleichstellung auch in unserm Vaterlande Napoleon zu.danken haben, und daß wir angesichts der Tatsachen, die uns nach 1813 durch Wortbruch gekommen sind, gar keine Ursache haben/ einen Hohenzollernschwnng mitznmachen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokaten. — Unruhe.) Cassel: Abg. Hoffman« hat mir tatsächlich zugerusen: ,Ohne Napoleon säßen die Juden noch im Ghetto." Meine Herren, was ich von Herrn Hofmann sonst denke aus den Jahren, die ich ihn kenne, das habe ich hier zu sagen gar keine Veranlassung. Daß aber diese Aeußerung die Mwehr verdiente, dafür berufe ich mich auf das Haus. Es ist die Manier des Mgeordneten Hoffmann, zu versuchen, durch solche Bemerkungen denjenigen lächerlich zu machen, der seine Worte einsteckt. Ich aber stecke nichts bei solchen Anspielungen ans meinen Glauben ein. (Zustimmung und Beifall.) Hofsin an«: Wenn Herr Cassel „nichts emsteckt", dann wird es äußerlich um so sichtbarer sein. Ich nehme keinen Anstand zu sagen, daß es mich allerdings zum Lachen reizt, wenn Angehörige des Tempels in eine protestantische Kirche wandern. (Große Unruhe.) Cassel: Meine Herren, ich werde, wenn ich lebe, am 10. März nicht zmn erstenmal in einer Kirche sein. Ich bin sehr häufig dagewesen, weil sich meine Auffassungen von Religion sehr unterscheiden von den Auffassungen des Abg. Hofftyann. . Mainz. Am 24. Februar hielt in der Ortsgruppe des Zentralverein s deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens Jnstizrat Dr. Aue rb ach-Frankfurt. a. M. eine Propaganda-Rede. In der Diskussion brachte ein Redner den Zionismus zur Sprache und äußerte, daß er dessen Verdienste, um die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins und die Begeisterung der Jugend anerkenne, daß er aber in demselben eine Gefahr für die Erringung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung erblicke. Diese Bemerkung aufgreifend, erklärte Dr. Dr. Auerbach in fanatischem Eifer, daß der Zionismus in jeder Beziehung verderbenbringend sei und schloß mit den Worten: s „Einst wird manpen Tag verfluchen, an dem der Zionismus geboren wurde." Diese Erklärungen des Dr. Auerbach haben die z i o n. Ortsgruppe Mainz veranlaßt, einen offenen Brief an ihn zu richten und denselben zugleich sämtlichen Mitgliedern der Mainzer Gemeinde zugkhen zu lassen. In diesem Briefe wird Dr. Auerbach gefragt, ob ihm unbekannt sei, was der Zionismus für die Inden des Ostens bedeutet, daß er aber auch den deutschen Juden das jüdische Selbstbewußtsein außerordentlich gestärkt hat. Er wird gefragt, ob er auch nicht die positiven Schöpfungen des Zionismus in Palästina kenne. Der Brief schließt: „Wer selbst wenn bas alles Ihnen unbekannt wäre, wie konnten Sie als ein Führer des Zentralvereins vergessen, das ihm und dem Zionismus gemeinsam ist die Sorge uni die Erhaltung und Förderund unseres geliebten Judentums? Gleich dem Zentralverein bekämpft auch der Zionismus den Antisemitismus mit mindestens der gleichen Schürfe, gleich ihm erstrebt er die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden. Gleich seinen Anhängern fühlen sich die Zionisten in genau derselben Weise als treue Bürger des deutschen Staates und messen sich mit ihnen in jeder patriotischen Tugend. Glauben Sie vielleicht, daß die Antisemiten des Zirkus Busch einen Unterschieb machen zwischen dem jüdischen Gemeinschaftssinn des Zentralvereins und dem jüdischen Volksbewnßtsein des Zionismus? ... - Wer so wenig die Entwicklung des Zionismus bisher unter Anfeindungen gelitten hat. sondern