Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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O. iv. Was wir in der letzten Abhandlung betreffs der Griechen erfahren haben, daß sie nämlich, nach dem Geständnis der größten Philhellenen dör Gegenwart, ihr ganzes Kultursystem den semitischen Babyloniern entlehnt haben, dasselbe gilt auch von allen Völkern des Altertums, soweit sie an ..der Zivilisation teilgenommen haben. Die ältesten Inschriften der arischen Völker in den medisch-persischen Ländern sind in semitischer Schrift und Sprache, die die semitischen Urbewohner Elams ihnen übermittelt haben, abgefaßt. Ebenso haben die! arischen und chamitischen Chittim, Mitanier, Lulubaer, Gutäer u. a. Re babylonische Schrift und Sprache angenommen. Je mehr man die Abhängigkeit der arischen und' chamitischen Kulturentwicklung von den alten Semiten erkennt, desto Mehr bedauert man es im Interesse der Zivilisation und des Fortschritts, daß die Völker des Altertums nicht noch in höherem Maße für die semitischen Einflüsse empfänglich waren. Wie viel hätte selbst Re älteste nichtsemitische Kulturnation, nämlich Re egyptische, von den Semiten lernen können! Die so .sehr schreiblustigen Egypter, welche jeden Felsblock und jede Wand.mit Hieroglyphen bedeckt hatten, bekunden trotz alledem in historischer Hinsicht eine solch' bedauernswerte Stumpfsinnigkeit, daß man bei ihnen erst seit der 18. Dynastie — wo der babylonische Einfluß so gewaltig wurde, daß man an den Pharaonenhösen in babylonischer Keilschrift und Sprache schrieb — einigermaßen von chronologischen Aufzeichnungen sprechen kann, während im semitischen Babylon schon in ällerfrühester Zeit eine planmäßige Niederschrift historischer Ereignisse zur Entwicklung kam. Ebenso wäre .es den beiden ältesten Vertreterinnen der mongolischen und -arischen Rassen, nämlich den Chinesen und Indern, die Re Elemente iderPMathematik Nnd Astronomie den Babyloniern schon sehr ftüh entlehnt haben, von Herzen zu gönnen, wenn sie jene Semiten auch auf religiösem Gebiete sich zu- Wegweisern gewählt hätten. Sie wären heute — da ihre Entwicklung nicht, wie Re Babylons, durch des Feindes Hand abgeschnitten wurde — auf dem Wege des Kulturfortschrittes nm Jahrtausende weiter. Denn, daß 8er moralische und sittliche Tiefftand Chinas und Indiens lediglich durch ihre kulturhassend'en und kulturscheuen Religionen verschuldet wurde, braucht hier nicht erst bewiesen zu werden. Dsr wahnbolle Ahnenkultus, der noch im Modernen Japan jede echte Zivilisation unmöglich macht, ist selbst bei den allerfrühesten Semiten nicht nachzuweisen. Der grobe AnthroMorphisnkus, der alle alten Völker dazu verleitet, ihre Abstammung auf die Götter zurückzuführen, der ferner die Augen Griechen — die später nach einem Pythagoras, Plato u. a. göttliche Deszendenz nachrühmten — zur DegraRerung jedes Nichtgriechen zuM Barbaren führte, und der gegenwärtig noch — durch die Lehre von der Herkunft des Mikado von der Sonnengöttin — Re Einführung jeder modernen Religionsanschauung in Japan hindert, war den Semiten selbst, in der Urzeit ganz fremd. Das Matriarchat, nämlich die Anerkennung des alleinigen Mutterrechtes in der Familie, hat mehr oder weniger deutliche Spuren bei den meisten Völkern des Altertums hinterlassen. Dagegen kommt selbst bei den ältesten semitischen Stämmen nur das Patriarchat zum Vorschein. Da nun das Matriarchat bekanntlich Re Polyandrie und die Promuscuität voraussetzt, so ist das Fehlen des Matriarchats bei den Ursemiten für ihre sittliche Anlage von außerordentlicher Bedeutung. Ist das Verhalten des Stärkern zum Schwächern der zuverläßlichste Maßstab für alle Zivilisation der Völker, so kann Re elende sklavische Stellung des griechischen Volkes gegenüber der in mancher Hinsicht heute noch unerreichten Selbständigkeit der Frauen iM alten Babylon nur dadurch verschuldet sein, daß .Re Griechen in der Behandlung der Frau Re Semiten nicht nachgeahmt haben. Tatsächlich lassen Re ältesten griechischen Kulturschichten — in Mykene wie in Tirgus und Kreta —, Re eben, me heute allgemein bekannt, semitischer Import waren, eine weit höhere Schätzung des Weibes erkennen, während gerade die klassische Periode des späteren selbständigen Griechentums jene erbärmliche DegraRerung des weiblichen Geschlechtes zeigt. Daher muß die rassenantisemitische Behauptung „von dem späteren semitischen Einfluß auf die Erniedrigung des griechischen Weihes" als eine dreiste wissenschaftliche Unwahrheit bezeichnet werden. Nach demselben Kulturinäßstabe vom Verhalten des Stärkeren zum Schwächeren, können auch Re erschreckende Gefühlsroheit und die unmenschliche Grausamkeit, die Re klassischen Völker des Altertums dem Sklaventum gegenüber an den Tag legten, lediglich durch den mangelhaften diesbezüglichen semitischen Einfluß erklärt werden. Denn die familiäre Behandlung der semitischen Sklaven aller Zeiten hat stets die Bewunderung aller Fachforscher erregt. Im Gegensatz zu dem knechtischen Sinn und der Selbsterniedrigung, die viele Völker Europas bis in unsere Tage dem Despotismus wie dem Feudalismus gegenüber zu erkennen geben, können Re Schätzung der Persönlichkeit bei allen semitischen Völkern sowie der Mangel des Unterschieds zwischen herrschenden und beherrschten 'Klassen nicht hoch genug angeschrieben werden. Man braucht hierzu nur Re Geschichte der arabischen Völker, Reser integrierenden Kernzweige des großen semitischen Stammes, zum Vergleich heranzuziehen. Unter allen fteien Männern herrschte hier stets Gleichheit, und .schon der Versuch, eine Klasse der anderen zu unterordnen, würde als die empörendste Grausamkeit verschrieen worden sein. Daß Re arabische Geschichte so sehr wenig Könige, und auch Rest durch konstitutionelle Verfassung und Aeltestenrat eingeschränkt, aufweist, ist hierfür bezeichnend'genug. Berücksichtigt man demgegenüber, daß die kulturell fortgeschrittene egyptische Nation in ihrer Gesamtheit nur eine große Sklavenhorde des Pharao und der Gaufürsten war und einen fteien Stand eigentlich gar nicht kannte, so muß man die persönliche Schätzung sowie den Widerwille n gegen jeden Despotismus als eine semitische Rasseneigentümlichkeit ansehen. Die Llpotheose, welche bei den chamitischen Pharaonen Egyptens bis in die späteste Zeit hinein überall zum Ausdruck kommt, läßt sich im Semitentum nur in der allerftühesten Zeit, in der ersten Hälfte des dritten vorchr. Jahrtausends, und zwar mir bei zwei semitischen Königen, Nachweisen. Während aber Rests gelegentliche göttliche Attribut im Semitischen nur ein bilRicher Ausdruck der gesetzgebenden Autorität des Königs der Könige und seines unumschränkten Herrschergebietes war, haben egyptische Pharaonen zu ihrer eigenen persönlichen Verehrung und Anbetung Tempel gebaut und sich selbst Opfer darbringen lassen. Wenn wir uns aber der Kultur unserer Neuzeit zUwenden, so finden wir, daß jene alten babylonischen Semiten auch den Kulturvölkern der Gegenwart die Richtschnur ihres ganzen Lebens bis zum heutigen Tag gegeben haben. Das Abrunden des Sonnenjahres zu 360 Tagen, der Ausgleich eines Sonnenlaufes mit zwölf Mondumkreisungen, Re Einteilung der Ekliptik in Teile ä 30 Grad, Re Zerlegung der Mondbahn in 27 Stationen, Re Einteilung der Stunde in 60 Minuten, bezwder Doppelstunde in 60 Doppelnrinuten, Re Teilung jedes Kreises in 360 Grad, das SexagesimalsysteM, welches bis ins verflossene Jahrhundert hinein allgemein herrschend war und auch heute noch weder vom Markthandel noch vom Ziffernblatt unserer Uhr gewichmr ist, das alles verdankt auch noch die gegenwärtige Kulturmenschheit den alten semitischenBabyloniern. Aus de« Ereignisse« des Tages. 1. zur Jahrhundertfeier der Befreiungskriege. In Restn Tagen stiert Deutschland ein großes historisches Fest: Re Jahrhundertfeier der Befreiungskriege. Es ist ein erhebendes Schauspiel, ein großes Volk Restn Tag seiner Befreiung mit Begeisterung und Liebe feiern zu sehen, denn in Restn Feiern kommen manche der edelsten Tugenden jedes Volkes zum Ausdruck: seine Anhänglichkeit an die historischen TraRtionen. seine Ehrfurcht vor seinen großen Männern, Re Liebe zu seiner Geschichte und Vergangenheit, und der große innere, die Zeiten überbrückende Zusammenhang aller Generationen des Volkes, jener Zusammenhang, der ihm -allein seine Eigenart und Größe verleiht, offenbart sich nirgendso sehr als in solchen nationalen Gedenktagen. Auch wir Juden haben Grund und Anlaß, diesen Tag festlich gu begehen. Denn an den Opfern, Re in jenen Tagen dargebracht wurden, an den Helden, die damals gefallen sind, haben wir ebensolchen Anteil wie an den Erfolgen und Errungenschaften der Befreiungskriege. Wir haben in jenen großen Tagen zum ersten Mal Gelegenheit gehabt, unsere Anhänglichkeit an unser Vaterland durch unser Blut zu dokumentieren. Und wir haben es heldenmütig getan, mit einer Aufopferung und Bo? geisterung, auf die wir stolz sein können. Es gibt viele amtliche Dokumente, Re von der Tapferkeit der jüdischen Soldaten in, den Befreiungskriegen, mit Bewunderung sprechen, und selbst Historiker wie Treitschke haben ihnen ihr Lob nicht vorenthalten können. Und was Re Befteiungskriege dem deutschen Volke gebracht haben, dessen dürfen auch wir Juden uns freuen: auch uns ist die Befreiung von der Napoleonischen Gewaltherrschaft zugute gekommen, denn was wir als Juden von einem Napoleon zu erwarten gehabt hätten, davon legen sein« Befehle an das Synhedrion in Paris mit der unbe- Rngten Forderung der Mischehe bereRes Zeugnis ab. Gewiß haben wir Grund, über manches in unserer Behandlung seitens der deMschen Staaten zu