Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienbtatt. durch die Studentenschaft zur Ausbringung des Hochs auf Seine Majestät ausgelost worden war, noch ist mir sonst über diesen Vorgang etwas bekannt gewesen. Freiherr von L y n ck c r. An das Präsidium des Bundes Jüdischer Corporationen z. Händen des Herrn Dr. Erich Rosenkranz Hier. Aus d dieser Antwort ergibt sich, daß die dem B. T. eingesandte Darstellung der Universitätsbehörde nicht den Tatsachen entspricht. Wie wir von vornherein vermuteten, hat der Herr Hausmarschall keineswegs angeordnet daß das Kaiserhoch von einem der nrsprü»glich zur Deputation gehörigen Studenten ausgebracht werde, vielmehr lediglich bestimmt, daß derjenige Student, der das Kaiserhoch anszubringen habe, ebenfalls vom Kaiser empfangen werden >oll und anheimgegeben, diesen, um einen doppelten Empfang zu vermeiden, zusammen mit den Kaiserdeputiertcn dem Kaiser vorzustellen. Es kann daher wohl kaum aufrecht erhalten werden — was das Sekretariat dem B. T. mitgeteilt hat — daß „unter diesen Umständen das vom Verein Jüdischer Studenten erlöste Ehrenamt hinfällig" wurde. Vielmehr scheint festzustehen, daß ohne jede sachliche Berechtigung die Auskunft des H ausmarsch alls benutzt wurde, um das Kaiscrhoch dem zuerst dazu ausgelosten Vertreter zu nehmen. Der Zufall, daß dies der Vertreter einer jüdischen Corporation war, war somit wohl nicht ohne Einfluß auf die Erledigung der Angelegenheit. Sonst hätte cs wohl nach dem Bescheide des Hausmarschalls 'näher gelegen, den Vertreter des .B I. St. mit den fünf Kaiserdeputierten Seiner Majestät dem Kaiser vorzustellen. Die Oeffenllichkeit kennt jetzt das gesamte tatsächliche Material und wird unsere Annahme teilen, daß bei der Ausschaltung des B. I. St. Königsberg antisemitische Motive maßgebend waren. Als die Vertretung eines großen Teils der jüdischen Studentenschaft war der Bund jüdischer Corporationen es sich schuldig, sich nicht mit den unbefriedigenden Aenßerungen der Königsberger Universität zu begnügen, sondern diese Angelegenheit — die übrigens ohne sein Zutun in die Oeffentlichkeit gelangt ist — mit Energie weiter zu verfolgen." Normal Scbool Bovano WesBrstr. 7. Ljll'SMlI-UMMlMW. Tel. 12428. PrivatZirkeland KJassennntwricht. Besondere Zirkel für Damen besserer Kreise. OeffentL Probestnnden Mittwochs um 11,5,7 u. 9 Uhr. «Mrs aller goeu. Deutsches Reich. Berlin. Der Kongreß für Frauenstimmrecht München Oktober 1812 hatte eine Resolution gegen das Schächten gefaßt. Der Vorstand des Jüdischen Frauenbund es trat sofort mit den an der Spitze des Kongresses stehenden Damen Dr. Anita Augspurg und Ltzda Gustav« Hermann in Verbindung und verlangte Schritte gegen diese dem Gesamtleben der Juden gegenüber gefaßte einschneidende Stellungnahme, zumal sie gegen den Paragraphen der Statuten des Frauenstimnrrechtvereins verstößt, der Heranziehung religiöser Fragen ausschließt. Erst am 4. Dez. erhielt der Jüd. Frauenbund eine Antwort der Ortsgruppe München des Bayrischen Vereins für Frauenstimmrecht, in der das Recht Vorbehalten wird, sich mit jeder Frage des öffentlichen Lckbens und der Gesetzgebung zu befassen und in der das Schächten als verwerflich und gesetzwidrig bezeichnet wird. Das Exscheinen einer hieraus bezüglichen Sonderbroschüre wirb angckündigt. Der Vorstand des Jüd. Frauenbundes hat sich daraufhin beschwerdeführend au die oberste Instanz der Frauenstimmrechtsbewegung, den Vorstand des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht, gewendet, und andere Organisationen haben sich z. T. mit des Jüd. Frauenbundes Beihilfe dieser Angelegenheit angenommen. Nachstehend aus der Erwiderung, die der Jüd. Frauenbund an die Ortsgruppe München des Bahr. Vereins für Frauenstimmrecht und an den Vorstand des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht gerichtet hat: „ . . .Wosindim jüdischen Ge me in sch afts- und Familienleben die Zeichen von Roheit und Grausamkeit, die angeblich aus der tierquälerischen Methode des Schachtens „für die Umgebung" hervorgehen sollen? Das Echot: Du sollst nicht töten, ist bei keinem Volke wie bei dem jüdischen zum lebendig moralischen Imperativ geworden. Jeden feinfühligen Menschen drückt der Gchanke, daß ein lebendes Wesen für seinen unmittelbaren Genuß verbluten soll. Dieser Gchanke würde jedoch sich auch auf jche andere Tötungsalt erstrecken, und die Wissenschaft hat gelehrt, daß in der Tat die Schächtmethode nicht im geringsten eine Tierquälerei darstellt. : Die oben erwähnten Vorschriften, die hier nur ii» Atlszuge gebracht werden, dienen in erster Linie geradezu dem weitgehendsten Tierschutz, denn der rasch init haarscharfem Messer geführte Schnitt ist in hohen: Maße geeignet, bei den: Schlachttiere sofort Bewußtlosigkeit ein treten zu lassen. Schon der geringste Druckuntwschich in den: Blutgefäßsystem des Gehirns ruft Bewußtlosigkeit hervor, um wie viel mehr das Durchschneiden der Halsschlagader, aus der das Blut des Gehirns in großem und breitem Strahl hervorschießt. Es ist. wissenschaftlich einwandfrei festgestellt, daß die unmittelbar nach dem Schächten etwa auftretenden Bewegungen des Tieres auf Reflexwirkungen beruhen, bei denen Bewußtsein oder Empfindung völlig ausgeschlossen ist. Tiere und Pflanzen dienen den: Menschen zur Nahrung. In gewissem Sinne stellt jede Tötungsart eine Tierquälerei dar und bedingt einen Schmerz. Wo erheben sich, von diesem Gesichtspunkt betrachtet, Stimmen gegen Jagd und Sport? Man spricht vom „edlen Waidwerk" und knallt tausende von Tieren erbarmungslos nieder. Man hetzt edle Rosse auf die Rennbahn, um der menschlichen Schaulust willen. - Wir bestreiten dem Verein für Frauenstinnnrecht energisch die Kompetenz, tvenn er erklärt, diese Fragen berührten nicht die religiösen Ucberzengungen der Juden, sic bildeten nicht einen Teil des Religionsgesctzes, sondern nur eine äußerliche Förmlichkeit. Diese Erklärung beweist eine äußerst bedauerliche Unkenntnis der Dinge. Das Studium eines diese Materie behandelnden Werkes würde aufklärend wirken. Es ist nicht Rechtens eines Vereins für Frauenstimmrecht, darüber .zu entscheiden, was den Inhalt des jüdischen Religionsgesetzes bildet und 'was nicht. Die Definition gibt das Religionsgesetz selber. Es ist .ein Eingriff ii: die Denk- ::nd Gewissenssrciheit der Jude», wenn der Vorstand eines Frauenstimnwcchts-Vereins zu entscheide» wagt, ob dieses aus uralter Zeit stammende Religionsgesetz trotz geschichtlicher Entwickelung die Kraft der Verbindlichkeit für den einzelnen Juden besitzt ober nicht. Wir erheben daher eindringlichen Protest gegen die Abkehr von den Grundsätzen der Wahrung persönlicher Freiheit in: Denken' und Glauben, von den Grundsätzen, auf denen diC Organisation der Vereine für Fraue::sti:::mrecht aufgebaut ist. Wir erwarten von der Einsicht der Leitung, daß sie ihre Achtung bekundet vor altgeheiligten Ueberlieferungen der jüdischen Religion, der Mutter der Religionen aller Kulturvölker, vor der Solidarität der Stannnesgenossen, vor der freien Sclbstbestin:mu::g eines jeden denkende» Menschen." Ueber die gesamte Angelegenheit hat der Vorstand des Jüd. Frauenbundes an seine Vereine in einem Flugblatt eingehenden Bericht erstattet. Berlin. Dem soeben erschienenen XI. Rechenschaftsbericht der „Ind ische n Arb ei tcr ko lo nie" in Weißensee entnehmen wir, daß die Leitung des Vereins in die Hände des Herrn Louis Kreslawski, Ausschußnntglied des D.-J. G.-B., übergegangen ist. Oskar u. Betty Tietz begründeten aus Anlaß ihrer silbernen Hochzeit eine Stiftung :nit 500 JL Frau Amalie Apt verm Rosenstiel hat bei Gelegenheit ihres 70. Geburtstages den von ihr begründeten Fonds auf 6000 JL abgerundet. Trotz dieser und einiger anderer Zuwendungen an Geld und Naturalien hat die Anstalt im letzten Jahre mit einem Defizit von 7680 JL gearbeitet. Dies erklärt sich ans den gesteigerten Lcbensnnttclpreisen und aus der in: letzten Jahre erfolgten Ausnahme verhältnismäßig zahlreicher Kolonisten mit geminderter Arbeitskraft. Dementsprechend war auch der Gesundheitszustand der Kolonisten kein so glänzender wie in früheren Jahren, wenn auch noch im ganzen zufriedenstellend. Auf 25 368 Verpflegungstage kommen 269 Krankentage. Die Arbeitslöhne betrugen 24501.44, davon wurde den Kolonisten ein Akkordguthaben von 8452.18 JL gutgeschrieben. Erwünscht wäre die Zwvendung gebrauchter Kleidungsstücke, die, soweit Berlin in Betracht kommt, auf eine an Inspektor Behrendt, Weißensee, Wörthstraße 20, zu richtende Postkarte abgeholt werden. Stuttgart. Die Israel. Oberkirchenbehörde hat folgende Verfügung erlassen: 1. Die Mitwirkung bei einer Feuerbestattung (auch im Krematorium) sowie bei der Beisetzung von Aschenreste:: auf einem israelitischen Friedhof, wo ein solcher vorhanden ist, wird in das Ermessen des einzelnen Rabbiners oder Vorsängers gestellt. 2. Versagt der zuständige Rabbiner oder Vorsänger aus religiösen Bedenken seine Mitwirkung, so hat er einen: hierzu bereiten wnrttembergischen Kollegen die Erlaubnis gebührenfrei zu erteilen. 3. Die Beisetzung der Aschenreste auf einen: israelitischen Friedhof ist unbedingt zulässig. Sie hat in einen: rituellen Sarg und in einem besonderen Grabe zu erfolgen. Betreffs der Sprache bei allen Lcichenfeierlichkciten (nicht nur bei Feuerbestattungen) bleibt dem Rabbiner und Vorsänger überlassen, die Trauergebete teilweise in deutscher Sprache vorzutragen, wobei er den Wunsch der Hinterbliebenen möglichst berücksichtigen wird; jedenfalls aber darf das Kaddischgebct nur in der Ursprache gesprochen werden. Man kann diese Versügung nur aufs lebhafteste bedauern, denn der jüdischen Religion entspricht nur das Erbbegräbnis. Recht eigentümlich ist überhaupt diese Verfügung einer Behörde, die säst ausschließlich aus Laien besteht, denen jegliche Kenntnis des ganzen Fragenkomplexes innerhalb des Judentums vollständig abgeht. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Die dieswöchige Nummer der „M i ttcilungen" aus dem Verein zur Abtvchr des A n t i s e m i t i s n: u s enthält in: Rahmen einer nach Abschluß der Artikelserie als Broschüre erscheinenden Abhandlung über „Deutschtun: und Judentum" einen Beitrag zu den: Kapitel von der „Berjndung der Prejse", der zeigt, was cs :nit diesen: antisemitischen. Schlagwort in Wirklichkeit für eine Bewandtnis hat. Berlin. Hans von Bleichröder, Seniorchef des Bankhauses S. Bleichröder, stiftete anläßlich seines 60. Geburtstages 500000 JL den: PensionSfoiws seines Nr. 9. Hauses und 1 Million Mark für ein interkonfessionelles Erholungsheim.! „Interkonfessionelles Erholungsheim" heißt Ausschluß aller Juden, die die jüdischen Speisegesetze beobachten. Wir erwarten von der vornehmen Gesinnung des Stifters, daß er Vorsorge trifft, diese Einschränkung zunichte zu machen. Berlin. Dr. phil. I. Münzer, früher Redakteur in Wolffs Telegrdphischen: Biiro, verschied in: 70. Lebensjahre. Grotz-Strehlitz (Schlesien!. Dr. meb. H ei n r i ch Wachsner, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, verschied im 56. Lebensjahre. Königsberg i. Pr. Max Arendt, Vorsitzender des Repräsentantenkollegiuins der jüd. Gcineinde, Vorsteher verschiedener jüdischer Vereine und Stadtverordneter, feierte seinen 70. Geburtstag. Hannover. Bankier Siegmund C Meyer wurde zum Kommerzienrat ernannt. vuvaveft. Der vo ige Woche verstorbene Baron Alexander Hatvany-Deuts'ch, hat sich besonders mit die Zuckerindustrie Ungarns große Verdienste erworben. Jude war er nur nominell; selbst der Jomkippur existierte nicht mehr für ihn. Deutschs hinterlassenes Vermögen wird auf 60 Millionen Kronen geschätzt. Budapest. Der Kader hat den zum Obe, bürge'meiste: erwählten Abg. Dr. H e l t a y zun: M a g n a t e n h a:: s - Mitglied ernannt. Budapest. In Sürvür verschied 102 Jahre alt Abraham B n ch f ii h r e r. Noch kurz vor seinen: Tode spaltete er Holz. Er starb, seine geliebte Pfeife in: Mund. In K a s ch a u lebt von ihm noch ein Bruder, der 106 Jahre alt ist. — In P r e ß b u r g verschied Sign::: :: d 5k o h n, Grvßkausmann, Stadtrcpräsentant und Vorsteher der israelit. Konrgcßgcmeinde und in Ujpcst der hochgeachtete Israel Hoffman», Vater.Obcrrabbiners Jakob Hofsinam: in Radautz. Püpü (Ungarn). Im Unterstützungsverein der jüd. Gewerbetreibenden wurde der 76jährige Jakob A l t st ä d - ter zum Ehrenmitglied gewählt. Altstädtcr erhob sich zu einer Dankrcde, in der er erwähnte, daß von den 12 Gründern in: Jahre 1866 er der letzte Ueberlebende sei — und stürzte dann tot zur Erde. Warschau. Hler vkrstarb NN Hospital die Schauspieleiin Fanny Wadi Epstein. Die Laufbahn dieser Frau war außergewöhnlich. In Warschau geboren, reiste sic als junges Mädchen nach London, wo sie durch ihre Schönheit einen heische:: Maharadscha derart bezauberte, daß er sie zu semer Frau machte. Nach kurzen: Zusammenlebe:: verließ er die junge Frau und sicherte ihr eine lebenslängliche Jahresrente von 5000 .Rbl. Diese Rente verkaufte die E. einen: Abenteurer für 16 000 Rbl. Den Betrag verjubelte sie in kurzer Zeit und beschloß hierauf, ihren Lebensunterhalt auf der Bühe als Schauspielerin zu suchen. Am Theater machte sie sich sofort als hervorragende Künstlerin einen Namen, jedoch führte ihre stürmische Lebensweise eine 'Lungenkrankheit herbei, die mit der Zeit in Schwindsucht überging. Mler Mittel bar, war sie gezwungen, im Hospital ihre Zuflucht zu suchen. Dort verblich der ehemalige Stern in Not. Paris. Mw Rücksicht auf die schwierige ökonomische Lage in Jerusalem hat die Alliance den Betrag von 10000 Fr. dorthin geschickt, die zur Zahlung der Miete für die arme Bevölkerung verwendet werden sollen. Hausbesitzern U; gewähre auf Tapeten v. 12 4 bis 200 4 25 > Rabatt Echte Lincrosta v. 50^ ab 25°/o Rabatt ... Verlangen Sie Muster! — : G. Kupsch, Frankfurt a. M. Bingfreie Tapeten-Industrie. Altegasse 27/29. Jkiffßton. Das „Scheker-Bilbul". Bon C. Berg. (4. Fortsetzung). Unser Freund war ein kleiner Prahlhans; wie alle beschränkten Menschen hatte er eine sehr hohe Meinung von seinem Geist, und wenn eine freundliche Seele geduldig gering war, ihn in seinem harmlosen Geplauder nicht zu unterbrechen, dann bildete er sich ein, de» gutmütigen Zuhörer ausgezeichnet unterhalten zu haben. „Gehst Du an die Arbeit?" fragte die Mutter. „Man muß doch! Ich will nur die Goleskleidcr wieder antun." Er eilte in die Küche und kam nach irenigen Minuten umgekleidet in seinen: buntscheckigen Trödelanzug zurück, eine Kappe auf dem Kopf, ein eisenbeschlagenes Tragholz um die Schultern, an dc:n er ztvei hohe Blecheirner befestigte. „Und' irach Deiner Arbeit," forschte die alte Frau, „kommst Du dann nach Haus?" Perez ivurde ein wenig verlegen. „Ich ivollte einmal zu Amtsrichters hinauf," stotterte er.