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Neue jüdische Presse · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9. haste Ausbeute des Falles Ernest. Parg. Ist feinen Ausführungen in der „Rußkija Wjedomosti" weist er nach, in welch tragischer Situation 'die Juden sich befänden: wie leicht könnte Böswilligkeit oder Leichtsinn das Ritualniordgerücht heraufbeschwören! Int genannten rumänischen Fall handelte es sich übrigens um eine reine Halluzination, da der angeblich ermordete Knabe gesund lebt. Ist welcher Gefahr habe aber der beschuldigte Jude FinkÄstein geschwebt, wenn man bedenke, daß über ihn ein Gericht im antisemitisch verseuchten.Rumänien zu urteilen hatte! Gleichwohl mußte der Gerichtshof einen Freispruch fällen. Ja, der Advokat, der für den Ritualmord plädiert hatte, und seine Helfershelfer haben sich als regelrechte Erpresser erwiesen, sodaß sie nachträglich selber ins Gefängnis haben wandern müssen. Alle diese Tatsachen Wörden von Korolenko durch offizielle Dokumente belegt. „Warum" — fragt er nun — „fahren die antisemitischen Blätter Rußlands fort, von der rumänischen Ritualmordaffäre. zu sprechen, obwohl sie doch längst Lügen gestraft worden sind?" Noch tobt in Warschau der Kampf, der an die letzten Dumawahlen sich angeschlossen hat, noch predigen dort die polnischen Hetzgei st er die Ausrottung der Juden, und schon ist eine neue Entfesselung aller Haßinstinkte in Sicht. Der Duma aus schuß, der u. a. über die Gültigkeit der Warschauer Wahlen entscheiden mußte, hat die Wahl des Sozialdemokraten I«-- gello für ungültig erklärt; denn die Instruktion der Regierung, laut welcher die Wohnungsmieter, die keine Steuern entrichten, sich selbst, behufs Eintragung in die Listen zu melden hätten, sei für Polen widergesetzlich gewesen; die Wählerlisten müßten demgemäß vervollständigt werden und dürsten ganz andere Resultate ergeben. Interessant ist es, daß ein solcher Beschluß vorläufig nur mit Bezug auf Warschau gefaßt worden ist, obwohl konsequenterweise alle Wahlen in der polnischen Provinzen für ungültig erklärt werden müßten. Jedenfalls ist in die jetzigen polnischen Kämpfe ein außerordentlicher Zündstoff hineingetragen worden. Zweifellos wird mit Rücksicht auf die neue Wahlkampagne die Boykottparole noch cistiger proklamiert werden. Die von Dmowski und Nowodworski einerseits, von Swentochowski und NjeMojewski andererseits aufgehetzten Polen werden die Gelegenheit wahrnehmen, um die jüdische Bevölkerung zu schikanieren und zu demütigen. Um so verdächtiger ist das Verhalten der Nationalisten und der Oktobristen, die just das Warschauer Mandat für ungültig erklärt haben, während sie sonst aus den widergesetzlichen Akten sowohl der Zentralregierung als der lokalen Behörden derartige Konsequenzen nicht zu ziehen vermögen. Mindestens ein Teil von ihnen scheint an der Aufstachelung der Polen und Juden gegeneinander einen Gefallen zu finden und darin eine besonders ttefe politische Weisheit zu erblicken. Brief aus Konstantinopel. — - Großrybbiner Haim Nah um Effendi hat diese Woche den Großvezier, den Minister des Jstnern und den Staatsrat-Präsidenten besucht und mit ihnen über verschiedene die Juden betreffenden Fragen Unterredungen gehabt. Ist erster Linie wurde die Lage der j e: m e n itischen Inden, die vom Jman Jalije viel auszüstehen haben und deshalb wünschen, nach Syrien und anderen Stätten in der Türkei auszuwandern, besprochen. Die Juden in Jemen sind bei allen Gerichtsstagen den Kadis untergeordnet, und da die Kadis, die wie alle dortigen Araber der seidiischen Sekte angehören, zst' fanatisch sind, werden die Juden mit vielen Ausnahmeverordnungen belastet. Die Regierung wird nun die Juden Jemens dehn Gerichte dex dortigen eingewanderton Muselmänner, die der mehr liberalen Sekte Schafadrije angehören, unterordnen und bestimmen, daß sie direkt vom Wali (Gouverneur) abhängig seien. . Der Kroßrabbiner hat auch die Lage der palästinensischen Juden — und besonders die Frage des roten Zettels — zstr Sprache gebracht. Wie es scheint, wird diese Frage im Staatsrate diskutiert und gelöst werden. , Ist diesen Unterredungen wuxde lang über die Juden Salonikis und ihre Zukunft gesprochen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. und die hohen Regierungsleiter benutzten die Gelegenheit, um ihre Bewunderung für die patriotische, energische und korrekte Aufführung der Saloniker Juden und ihres Großrabbiners auszudrücken. Dieses Lob ist berechtigt und auf die ganze Judenheit auszudehnen. Der Mut der jüdischen Soldaten, die Energie der Saloniker Jstden ustd die Arbeit aller ottomanischen Juden für das Halbmondsreich und die Flotte haben die Anerkennung und Bewunderung der ottomanischen Welt gewonnen. Gegenwärtig zeigen die Juden.Konstantinopels ihren besonderen Patriotismus, indem sie durch die Makkabi-OrganisatiVi eine lokale Wache (garde eivique) organisierten, die zur Unterstützung der Polizei über die Ordnung und Sicherheit der Stadt wacht. Die großen jüdischen Geschäftshäuser haben versprochen, ihren Beamten, die in die Wache eingestellt werden, regelmäßig ihr Gehalt zu bezahlen und sie nach dem Schluß des Krieges wieder aufzunehmen. Auch für die Unterbringung der Regiernngs-Schatzpapiere (boos de l'rssor) wird eine besondere jüdische Kommission gebildet. Ein jüdischer Bankier hat schon versprochen, für 1500 türkische Pstnd dieser neuen Reichspapiere abzunehmen. Die bedeutendsten türkischen Zeitungen „Tanin" und „Teswir Efkiar" widmen dieser patriotischen Tätigkeit der Juden und besonders des „Makkabi", der vor einem Jahre so viel als unpatriotisch verleumdet wurde, sehr große und begeisterte Artikel. Der gewesene Großvezier H a k k i Pascha hat vor seiner Abreise nach Europa den hiesigen Großrabbiner besucht. Kantorowitz. - Die Organisation -es Hilfswerks in -en BalkanlSn-er«. Bericht über die Zeit vonr 30. Januar bis 12. Februar. Zur Zeit der Anwesenheit der Delegierten in Kon - stantinopel befanden sich 3087 bedürftige jüdische Flüchtlinge dort. Die Zahl der Bedürftigen vermehrt sich täglich, da viele ihre letzten Sparpfennige im Laufe der Zeit aufzehren und infolgedessen hilfsbedürftig werden. Nach Wiederaufnahme der Feindseligkeiten dürften wohl auch neue Flüchtlinge aus Gallipoli, Rodosto und Umgegend cintreffen. In Anbetracht der' schweren Aufgabe, die die Versorgung dieser großen Zahl von Flüchtlingen bedeutet, mußte jede Tätigkeit für die Armen Konstantinopels selbst, die zum großen Teile auch bittere Not leiden, zurückgestellt werden. ” Es sind bisher -an Hi lfs gelber n in Koustantinopel etwa 120000 Fr. eingegangen, davon 100 000 . Fr. aus dem Auslande und 20 000 Fr. aus Konstantinopel und der Türkei. Die gesamte Summe ist auch bereits verausgabt worden. Trotzdem uns gesagt wurde, daß in den letzten Monaten in Konstantinopel erhebliche Sammlungen stattgefunden haben, so z. B. 18 000 Fr. für die durch Erdbeben Geschädigten, 16000 Fr. für den Roten Halbmond wtb 15 000 Fr. für die Opfer des Krieges, Pestanden wir doch daraus, daß in Konstantinopel selbst neue Sammlungen vorgenommen werden. Das ist auch geschehen. Nach eingehenden Beratungen wurde festgestellt, daß man für die Flüchtlinge wenigstens 40 Centimes pro Kopf täglich verwenden muffe, und diese Summe wurde einstweilen für 4 Wochen von der Delegation festgesetzt. Das ergibt rund 40 000 Fr. für den Monat. Die Lage der Flüchtlinge in Konstantinopel selbst ist natürlich eine recht traurige, aber es ist ein Trost, daß das Komitee in Konstantinopcl, um das traurige Los zu mildern und die Flüchtlinge menschenwürdig nnterzubriugen, sie in. ordentlicher Weise verpflegt und bekleidet. Infolge der ausgezeichneten Fürsorge sind die jüdischen Flüchtlinge auch erfreulicherweise von den schweren Epidemien verschont geblieben, die unter de» mohammedanischen Flüchtlingen so furchtbare Opfer gefordert haben. Es waren im ganzen unter 3087 Flüchtlingen 74 Kranke mit 11 Todesfällen. Davon wurden 36 Kranke im Spital Or-Hachajim behandelt, von denen 25 jetzt gesund sind, 1 gestorben ist und 10 noch weiter behandelt werden. Unter den 36 Spitalkranken befanden sich 13 Typhuskranke, 38 Kranke wurden in ihren Quartieren verpflegt, darunter gab es etwa 15 Cholera-Erkrankungen mit 5 Todesfällen. Leider verschlechterte sich der an und für sich nicht feste Gesundheitszustand des Herrn Dr. Nathan am Freitag so sehr, daß er nach Berlin zurückreisen mußte. Die Herren Adler und Dr. Kahn blieben dort, um noch die weiteren Details der Hilfstätigkeit in Konstantinopel zu regeln. Am Montag, 3. Febr., fand eine nochmalige Sitzung im Hause des Großrabbiners statt. Wir berieten in der Sitzung eingehend über das Schicksal Adrianopels und ventilierten alle Möglichkeiten, der eingeschlossenen jüdischen Bevölkerung in Adrianopel, die nach Slbzug der¬ Seite 3 jenigen Flüchtlinge, die Adrianopel verlassen haben und unter Hinzurechnung derjenige» Personen, die dorthin geflüchtet sind, etwa 19000 Seelen beträgt, Hilfe zu bringen. Es wurde ferner in der Sitzung beschlossen, schon . jetzt alles Nötige vorzubereiten, um sofort nach Friedensschluß die Flüchtlinge in Konstantinopel zu verteilen, damit alle unnötigen Berpslegungsausgaben vermieden werden und die Bevölkerung, die an und für sich durch die erzwuugeuc Untätigkeit Gefcchr läuft, demoralisiert zu werden, so schnell wie möglich wieder arbeits- und erwerbsfähig gemacht wird. Zu diesem Zwecke soll schon jetzt das Notwendigste geschehen, ein ganz detaillierter Plan ausgearbeitet werden,' der sofort ausgeführt werden kann, wenn die Möglichkeit einer Rückkehr gegeben ist. Wir benutzten die Zeit weiter, um mit den in KonstanUnopel anwesenden angesehenen Persönlichkeiten auS Adrianopel noch eingehend über die 'Art und Weise der Hilfe für Adriänopel uns zu beraten. Stile, die wir sprachen, ivaren darin einig, daß das, was wir bereits angeordnet haben, durchaus notwendig „nd zweckmäßig sei. Am Dienstag reiste Herr 'Adler, nachdem unsere Aufgaben vollendet waren, nach London zurück. Herr Dr. K a h n blieb noch einige Tage: um über die geschädigten thrazischen Gemeinden die nötigen Erhebungen anzustellen und weitere Einzelheiten mit de» Mitgliedern der Kommission für die Hilfeleistung in Konstantiuopel festzusetzen. Ani 8. Februar fuhr auch Herr Dr. Kahn von Konstantinopel ab. Da es sich herausgestellt hatte, daß es notwendig war, noch einmal mit den serbischen und bulgarischen Behörden in Verbindung zu treten, so fuhr Dr. Kahn über Konstanza, Bukarest, Belgrad zurück. Infolge Unterstützung der serbischen Behörden wird . es möglich sein, in kurzer Zeit die Flüchtlinge cucs Salo-, niki wieder nach ihrer Heimat zu bringen. Das Königsberger Königshoch. Das Präsidium des Bundes Jüdischer Corporationen ersucht uns in Angelegenheit des „Königsberger Kaiserhochs" um Aufnahme folgender Zeilen: „Nachdem bereits ein Teil der Tagespresse ohne unser Zutun über die Vorgänge beim Kaiserhoch in Königsberg berichtet hat, sehen wir uns zu folgender Sachdarstellung genöttgt, zumal das Universitätssekretariat dem „Berliner Tageblatt" eine in mehrfacher Beziehung unzutreffende „Richtigstellung" übersandt hat. Anläßlich der Anwesenheit des Kaisers zur Jahrhundertfeier in Königsberg wurde von der Studentenschaft ein Fackelzug veranstaltet. Es wurden nun 6 Vertreter der Studentenschaft bestimmt, von denen 5 vom Kaiser empfangen werden sollten, während der Sechste das Kaiserhoch auszubringen hatte. Das Kaiserhoch siel durch das Los dem Vereine Jüdischer Studenten zu. Als nach dem Einzuge des Fackelzuges in den Schloßhof und dem Absingen des Gaudeamus der Chargierte des Vereins Jüdischer Studenten vortreten wollte, das Kaiserhoch auszubringen, kam ihm der Vertreter des Vereins Deutscher Studenten hierin zuvor. Der Zufall fügie dann aber, daß das ursprünglich für das Kaiserhoch in Ansicht genommene Mitglied des B. I. St. dasselbe dennoch ausbrachte, und zwar in Gegenwart Seiner Majestät, denn bei der ersten 'Ovation war der Kaiser noch nicht am Fenster erschienen: als nun etwa 10 Minuten später der Kaiser ans Fenster trat, wurde nochmals das Gaudeamus gesungen, worauf der Bertteter des V. I. St. seinerseits das Kaiserhoch ausbrachte. Da der B. I. St. zunächst annahm, daß der Chargierte des V. D. St. eigenmächtig gehandelt habe, suchte er sich mit dem V. D. St. in studentischer Weise auseinanderzusetzen. Nunmehr stellte sich heraus, daß der Vertreter des V. D. L-t. auf eine Anweisung des Rektorats gehandelt hatte, und dieses berief sich wiederum auf eine Anordnung des Hofmarschallamts. Das Präsidium des Bundes Jüdischer Corporationen, dem der B. I. St. Königsberg angehört, wandte sich dieserhalb telegraphisch an das Oberhofmarschallamt und erhielt von. dem Oberhofmarschall Grafen Enlenbnrg telegraphisch den Bescheid, daß ihm von der ganzen Angelegenheit nichts bekannt sei. 'Aus eine erneute Vorstellung beim Rektorat gab dieses an: nicht das Oberhofmarschallamt, sondern der Hausmarsch all habe gewünscht, daß das Kaiserhoch von einem der fünf Karserdepntierten ansgebracht werde; durch ein Versehen des Sekretariats sei der B. I. St. von dieser Anordnung nichtbenachrichtigtworden. Da dem Präsidium des B. I. C. im Interesse der gesancten jüdischen Studentenschaft die Aufklärung dieser Angelegenheit unumgänglich schien, wandte es sich nunmehr an Se. Exzellenz den Herrn Hausmarschall, der übrigens Mitglied des Oberhofmärschallamts ist, und erhielt von ihm folgende Antwort: Oberhofmarschallamt Sr. Majestät Berlin, den 18. Febr. 1913. des Kaisers und Königs. Das Präsidium des Bundes Jüdischer Corporationen. benachrichtige ich auf die gefällige Zuschrift vom 18. ds. Mts. ergebend daß sich bei meiner Stnwesenhcit in Königsberg am 4. Februar ds. Js. abends 2 Herren einfanden, um über den Verlauf des Fackelzuges der Studenten nähere 'Anweisungen zu erbitteir. Hierbei ordnete ich an, daß nach dem vom 1. Chargierten ausgebrachten Hoch ans Se. Majestät den Kaiser, um den zweiten Empfang zu veruceiden, dieser erste Chargierte sich der Defnttation, die von 'Allerhöchstdcmselben in das Schloß hesohken war, anschlietzen könnte. Weder haben die oben erwähnten beideic Herrn inich davon unterrichtet, daß der Verein Jüdischer Studenten

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